Verlag Langgasse 21
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Donnerstag, 24. Dezember 1914.
ftur die Aufnahme von Anzeigen an vorgeschriebeneu Tagen und Blätzen wird sei"" ,
Morgen- Kusgabe.
Nr. 399. 62. Jahrgang.
j in 1''^- Paris, 23. Dez. (Nichtamtlich) Die Regie- welche B i v i a n i in der Kammer verlas, ^>uen kurzen Bericht gaben wir schon in der gestrigen Abendausgabe. Schrift!.) lautet:
^ In der jetzigen Stunde ist nur eine Politik möglich: y-jj Pf ohne Gnade bis zur endgültigen, durch einen ist > stegreichen Frieden gesicherten Befreiung Europas. Dies ■i ® er einmütige Schrei des Parlaments, des Landes und der
ttnec. Angesichts dieses unerwarteten Erscheinens dieses ^twncrlen Empfindens ist Deutschland aus dem Taumel ^ Siegesrausches aufgescheucht. In den ersten Tagen “ Konfliktes verleugnete es das Recht und rief die Gewalt
feh s.® 3 derachtete die Geschichte und schützte als einziges Ge- oth fcj einer Interessen vor, um Belgien zu verletzen und in
-----«ere,«) einzufallen. Seither sah die deutsche Regierung . daß man mit der Meinung der Welt rechnen mutz und . suchte, die Verantwortung des Krieges auf die Verbünde- i n f 3u wälzen. Jedoch vergeblich. Alle von den beteiligten wtionen veröffentlichten Dokumente, auch die in Rom auf- Nenerregende Rede eines bedeutenden Vertreters der Edlen fti- Q <L en§ Zeugen den seit langem feststehenden Willen unse- ^ Feinde, einen Gewaltstreich zu versuchen.
' . -^ie Erklärung bringt weiter in Erinnerung, datz Frank- und Russland am 31. Juli dem englischen Vorschlag üei- ln S nten ' bie militärischen Vorbereitungen einzustellen und n Verhandlungen in London einzutreten. Hätte Deutschland Mesnmmt, so hätte der Friede noch in dieser letzten Stunde styalien werden können, indem aber Deuttzchland die Lage ^Nlskierte, machte es den Krieg unvermeidlich. Wenn cs so in "wwmatrscher Hinsicht den Frieden im Keime erstickte, so ge- Ichah os, weil es seit 40 Jahren unablässig das Ziel -verfolgt, Frankreich zu erdrücken, um zur Knechtung der Welt zu ge- r^gen. Alle Aufklärungen sind vor jenes Tribunal der Gerichte gebracht worden, wo für Bestechlichkeit kein Platz ist. ? a Frankreich und seine Verbündeten trotz ihrer Anhänglichkeit ' • ~ •
, - an den Frieden den Krieg auf sich nehmen muhten. wer- . " sie ihn bis zu Ende durchführNi.
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^_„__ Getreu der Unterschrift
Vertrag vom 4. September, wo es seine Ehre und somit sein Leben einsetzte, wird
Frankreich die Waffen erst wieder niederlegen, wenn es das ^anzösischc Recht gerächt und die geraubten Provinzen für
. immer an das französische Vaterland geschmiedet hat, s<lä heldenmütige Belgien in der Gesamtheit seines ^astriellen Lebens und seiner politischen Unabhängigkeit ^wderhergestellt und den preußischen Militarismus zcr-
, uiu 1 ueii 4.*tcußiju^cu mimuuomu»
^chen haben wird, um auf der Grundlage der Gerechtigkeit :?dIjch e \ n neugeborenes Europa aufbauen zu
^Nnen. Wenn wir diese Gewrtzheit des Erfolgs haben, so erdanken wir dieses unserer Armee und
--^unren wir dieses unserer Armee uno Marine, welch» gemeinsam mit der englischen Marine die «eeherrschaft W. unseren Truppen, weiche in Marokko die Angriffe abge- Magen, die sich nicht wiederholten, und unseren Kolonial- wldaten, welche sich vom ersten Tage an in zärtlicher Auf» Wallung beim Mutterlande meldeten. Wir verdanken sie Unserer Armee, deren Heldentum von unvergleichlichen Führern zum Siege an der Marne, zum Siege in Flandern Hnd vielen Kämpfen geführt wurden. Wir verdanken sie der ?ation, welche diesen Heroismus, Einheit, Schweigen und ^iterkcit in kritischen Stunden zuzugesellen wußte. So
tu rniiiujeu
,°nnten wir der Welt zeigen, datz die republikanische Demo» n-atie durch tatkräftiges Handeln mit dem Ideal von Frei- ^ ! > 1,11 — 1
Für die Gefallenen.
Sonett von Herbert Eulenberg.
Nun ruhet aus von Märschen und von Schlachten!
. girrst flog vor Euch der Fahne bunter Flügel,
Hetzt weht der Schmerz um Eure fernen Hügel,
^ wir als höchste Heiligtümer achten.
Nun ruhet aus! Ihr habt genug gestritten, s^tzt Eure Brüder Eure Waffen fassen lls>d unfern Feind um Euch nun doppelt Haffen,
^ie Ihr siir Deutschland stolz den Tod gelitten.
Und wenn die Welt, die uns bedroht, bezwungen. Und Volk nach Volk erst in den Staub gerungen, i-ei Euer Ruhm gesagt, geseufzt, gesungen!
Tenn sie mit Hatz und Neid uns nicht mehr kränken, s^ann wollen wir voll Dank der Toten denken Und Euren Geist in unsere Kinder senken.
b» dieses bisher unveröffentlichte Gedicht Herbert Eulen- b *8® erscheint demnächst in der Zeitschrift „Die Ernte", ^^n weitere Mitarbeiter Männer wie Altenberg, Fulda, Jfoermann, Thoma u. a. sind. Der Ertrag des Blattes wird ^«Untlick, dem Roten Kreilä und den Fürsoraeaktionen für
Ntlich dem Roten Kreuz und den Fürsorgeaktionen für en und Waisen in Deutschland und Österreich-Ungarn ührt. Man meldet den Bezug bei der Administration »Ernte", Wien U/3, an.
heit und Gleichheit dienen kann, das ihre Grütze bildet. Wir . wollen der Welt zeigen, wie der Generalissimus sagt, der gleichzeitig ein großer Soldat und ein edler Bürger ist, datz die Republik auf die Armee stolz sein kann, welche sie ausvil- dete. So sind in diesem unheiligen Kriege alle Tugen« den unserer Rasse, welche man uns zuerkennt, Jni-' tiative, Schwung, Kühnheit und Waghalsigkeit in die Erscher- nung getreten, aber auch die, welche man uns abstritt: Ausdauer, Geduld, Stoizismus. Wir wollen alle diese Heroen grützen.
Eine Nation, welche solche Begeisterung zeigen kann, ist unvergänglich. Im Schutze dieses Heldentums lebt und arbeitet die Nation.
Die Erklärung führt weiter aus, datz die lliegierung, bevor sie Paris auf ausdrücklichen Wunsch der Militärbehörde verließ, in Ausübung der ihr vom Parlament übcrtragenen Rcchte begann, alle für den Bestand der Nation notwendigen Maßnahmen zu treffen. Sie erörtert ferner im Anschluß an die Erklärung Ribots die Finanzlage, die Lebensfähigkeit Frankreichs, die Sicherheit deS Kredits, welcher das Vertrauen beweise, das jedermann, trotz des welterschütternden, armmachenden .Krieges einflöße. Die Finanzlage ermögliche den Krieg bis zu dem Tage sortzusetzen, an dem die notwendige Vergeltung erlangt fei.
Die Erklärung gedenkt der unschuldigen Kriegsopfer, die bisher von den Kriegsgesehen geschützt waren/ die der Feind gefangen nahm und niedermetzelte, um zu versuchen, die Nation, die unerschütterlich blieb, in Schrecken zu versetzen. Gegenüber den Familien dieser Opfer habe die Regierung ihre Pflicht getan, aber die Schuld des Landes sei noch nicht gelöscht. Die Regierung schlägt zunächst die Eröffn,nig eines Kredits von 3 Milliarden vor.
Die Negierung verpflichtet sich feierlich, die zahllosen Ruinen in den besetzten Departements wieder aufzubauen.
Die Erklärung fährt fort: Indem wir mit dem Ergebnis
der Entschädigung, die wir verlangen werden., rechnen und die Hilfe und Mitwirkung des- Landes erwarten, wird die ganze Nation mit Stolz auf das Elend eines Teiles ihrer Kinder die Pflicht der Einmüttgkeit zu erfüllen wiffen. Der Staat verkündigt das Recht auf Entschädigung für die Opfer der Kriegsereignifse und wird diese Pflicht in großem Matze erfüllen. Der Tag des endgültigen Sieges ist noch Nicht gekommen. Bis dahin wird unsere Auf- gäbe hart sein und sie kann langwierig sein. Bereiten wir unseren Willen und Mut oarauf vor, um die gewaltigste Ruhmcslast, die rin Volk tragen kann, zu erben.
Frankreich erklärt sich im voraus zu allen Opfer,i bereit. Unsere Verbündeten wiffen dies und die neutralen Nationen wissen es auch. Durch den maßlosen Feldzug falscher Nachrichten versuchte man vergeblich die Sympathien zu gewinnen, die uns jedoch erhalten blieben. Wenn Deutschland anfangs zu zweifeln vorgab, zweifelt e»> jetzt nicht mehr Es stehl fest, datz das ftanzösische Parla- ment nach einem vier Monate langen Krieg vor der Welt das Schauspiel erneuert, das es am Tage bot, an dem es im Namen der Nation den Fehdehandschuh aufgriff.
Das Parlament besitzt alle Autorität, um dieses Werk zu erfüllen. Es ist seit 44 Jahren zugleich der Ausdruck der Garantie 'unserer Freiheiten- Es weiß, datz sich die Regierung willig seiner nötigen Kontrolle unterzieht, daß sein
Vertrauen hier unbedingt nötig ist, datz morgen wie gestern seiner Souveränität gehorcht wird. Eben diese Souveränität ist -es, welche die Macht der Kundgebung erhöht, von welcher cs bereits ein Beispiel gab.
Um zu siege», genügt das Heldentum an den Grenzen nicht, es bedarf der Einheit im Innern.
Wir müssen fortfahren, uns vor jedem Eingriff in diese heilige Einheit zu schützen. Heute wie gestern und morgen inüssen wir den Siegesschrei der Mission des Vaterlandes und das Ideal des Rechtes in uns tragen. Dafür kämpfen wir, dafür kämpft auch Belgien, das für dieses Ideal alles Blut seiner Adern hrngab, England, Rußland ur,d das furchtlose Serbien und die kühne japanische Marine. Wenn dieser Krieg der gigantischste der Geschichte ist, so ist er cs nicht, weil die Völker aufeinander prallen, um Territorien, Absatz, gebiete Vergrößerung des materiellen Lebens-, politische oder wirtschaftliche Vorteile zu erwerben, sondern weil sie aufeinander prallen, um das Schicksal der Welt zu regeln. Deshalb wollen wir auch morgen von dem Geiste beseelt sein. Im Frieden und im Siege werden wir mit Stolz der tragischen Tage gedenken, denn sie werden uns gemach, haben. __________
Der Krieg.
Oie Lage im westen.
Oie Rümpfe bei Nieuport flauen ab.
III. Mailand, 23. Dez (Ktr. Mm) Die „Limes" met- den aus Westflandern: Die Kämpfe bei Nieuport find abgeflaut. Die Belgier beabsichtigen in den letzten Tagen nichts weiter, als die Gegenangriffe der Deutschen abzu- wehren. Das Gerücht, die Verbündeten hätten sich Ostende genähert, ist unbegründet. Der Zweck des Bordrrngeus nach Nieuport und Dixmuiden war nur. Ein gang sp unkte für spätere Angriffe zu gewinnen, denn sonst ist überall Wasser und über die Straßen nach Ramscapellc. Pereise ui,d Dixmuiden ist ein Vorgehen großer Truppe»- körper ausgeschlossen.
Die Beschießung von Krmentieres.
Br. Mailand, 23. Dez. (Eig. Drahtbericht. Kdr. Bln.) Dem „Corriere della Sera" wird ans Paris gemeldet: In Armentieres hat es seit einigen Tagen kein Granatfeuer gegeben und die Bevölkerung, die geflüchtet war, begann zu- rückzukehren. Der Schaden, den deutsche Geschosse verursacht batten, wurde ausgebessert. Am 14. Dezember, nachts, begann plötzlich eine heftige Beschießung. Die Einwohner flüchteten wieder in die Keller. Mehr als 1200 Geschosse fielen in die Stadt; eine Person wurde getütet, vier verwundet. Der Materialschaden ist sehr bedeutend. Von den 30 000 Einwohnern der Stadt sind nur noch 6000 zurückgeblieben.
Über den Zestungsstrieg in Nordfrankreich.
Englische Schilderungen.
T1J. London, 23. Dez. (Ktr. Bim) Der Bericht deS Augenzeugen, der im englischen Hauptquartier heute (2!. Dezember) in den englischen Zeituiigen veröffentlicht wird, kann nur von kleinen Angriffen und Gegenangriffen an der Äser sprechen und wendet sich dann kleinen Epffoden
Der Weihnachtsbaum im Walde.
Erinnerungen aus ostpreußischen Wintertagen.
Von Kurt Bauer.
Neulich erhielt ich einen Brief vor, meinem Jugend- fteunde aus G., einem kleinen ostpreutzischen Dorfe nahe der russischen Grenze, wo wir zusammen die Kinderjahre verlebt haben. Seine Besitzung war von den Russen nahezu zerstört worden. Rach langem Herumkampieren in der Nachbarschaft bewohnt er jetzt einen von seinem Anwesen allein übrig gebliebenen Pferdestall, dessen Gespanne ebenfalls von den Russen entführt wurden. Und es ist in der Tat die größte Sorge vieler ostpreutzischer Landwirte: woher die Pferde nehmen, um die zerstörten Felder von neuem zu bearbeiten! Zum Schlutz wünschte er mir ein ftohes Weihnachtsfest. Er selbst wolle auf den Weihnackitsbaum verzichten. Der Stall sei zu feuergefährlich. Bei schönem Wetter würde er es mit seinen Kindern im nahen Wäldchen feiern, wie es die Soldaten draußen machen; in jenem von den Russen verschonten Wäldchen, wo wir einmal als Kinder zusammen Weihnachten hielten, ob ich mich wohl noch daran erinnere? , O, pur zu deutlich erinnere ich mich daran. Ich würde sogar noch den Baum wiedererkennen!
Tröstender noch als anderswo in Deutschland wirft das Weihnachtsfest seinen Hellen und kurzen Schein über die meist längst unter tiefem Schnee und Eis liegenden weiten Ebenen und riesigen Wälder Ostpreußens. Wochenlang vorher schon wölbte sich ein dunkelgrauer Himmel über weißer
Erde. Immer von neuem fielen große Flocken herab, und beängstigend kurz wurde das Tageslicht. Spärlicher finden sich Dörfer und Gehöfte verstreut, je weiter man sich der russischen Grenze nähert, und die Glocken der über verschneite Wege gleitenden Schlitten ertönen weithin in der Einsamkeit. Nichts als weite Schneefelder, an: Horizonte von schwarzen Wäldern begrenzt. Die starre Einöde Rußlands wirst dort bereits ihre Schatten ins deutsche Land. Ich erinnere mich, daß wir als Kinder gegen den Winter stets eine gewisse- Russenfurcht empfanden, obwohl die Russen damals für friedliche Nachbarn galten. Als sie vor nahezu hundert Jahren zum letztenmal nach Ostpreußen kamen, waren sic unsere Verbündeten gegen Napoleon. Sei cs jedoch, datz ihre rohen Horden selbst als Verbündete einen üblen Eindruck bei' unseren Vorfahren hinterlassen hatten, oder datz die geheimnisvolle Weisheit der kindlichen Phantasie die Schrecken vor- ausahnte, die sich hier jetzt abspielen sollten: jedenfalls witterten wir Kinder überall die Russengefahr. Sprachen unsere Väter vom Krieg, so belebten sich vor unseren Auge»; die Landstraßen mit Russen, deren graue Uniformen uns nachdenklich und furchtsam stimmten, während die roten Hosen der Franzosen, von denen wir erzählen hörten, uns nur belustigten. Auch die Ungeheuer in Grotzmutters Märchen nahmen stets die Gestalt von großen, feisten Russen mit breiten bärtigen Mäulern, verschlagenen Augen und bis zur Erde reichenden Röcken an. Und wenn die litauischen Mädchen unsere Ausgelassenheit herabdämpfen wollten, so sagten sie des Abends: „Jungens, die Russen /kommen Euch hoteur - Und kein Laut verriet mehr unsere Anwesenheit.
