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Mo. 275.

Sonntag» den 23. November

1890.

A» die

vcrrhrliche« Einwohner unserer Stadt.

Herr Pfarrer Biekel hat in einem Aufrufe an die Protestanten Wiesbadens sich in einer Weise über einen in der katholischen Kirche hochverehrten Orden ausgelassen, daß wir als Vertreter der hiesigen katholischen Gemeinde zu folgender Erklärung uns verpflichtet erachten.

1. Es ist eine Unwahrheit, daß der Jesuitenorden „ausdrücklich gestiftet wurde zur Bekämpfung der evangelischen Lehre". Thatsache ist, daß er gestiftet wurde zur Verbreitung des Christenthums unter den Heiden. Wenn aber einzelne Jesuiten, um die katholische Lehre zu vertheidigen, die evangelische als irrig nachzuweisen suchen, so machen sie nur von einem selbstverständlichen Rechte Gebrauch, und sie thun dies in so sachlicher Weise, daß wir uns nur freuen könnten, wenn man es auf der anderen Seite (z. B. int Evangelischen Gemeindeblatt) stets ähnlich hielte.

2. Es ist eine Unwahrheit, daß der Jesuitenorden unter Papst Clemens XIV. dem kirchlichen Frieden zum Opfer gefallen ist. Thatsache ist, daß die Aufhebung des Ordens ein bedauerliches Zugestänvnis an die gewaltthätige uud kirchenfeindliche Politik der entchristlichten bourbonischen Höfe war, eine Politik, die auch Herr Pfarrer Bickel schwerlich wird vertheidigen wollen.

3. Es ist eine Unwahrheit empörendster Art, daß die Jesuiten „berufsmäßige Verschwörer seien gegen alles, was deutsch, was protestantisch, was gewissenhaft und geistesfrei ist". Wir können Herrn Pfarrer Bickel den Vorwurf einer unwahren, furchtbar schweren Verunglimpfung ehrenwerther Männer nicht ersparen, wenn er nicht den Beweis für jene ungeheuerliche Beschuldigung erbringt, die man nicht einmal gegen den verworfensten Menschen ungestraft wagen dürfte.

4. Es ist eine Unwahrheit, daß die Jesuiten den konfessionellen Frieden stören. Mehr als zwanzig Jahre haben'sie unter uns gewirkt, bis der Kulturkampf sie aus ihren friedlichen Heimstätten vertrieb. Wir erwarten den Beweis, wo sie in diesen Jahren den konfessionellen Frieden gestört haben. Hier in unserer Stadt haben sie zweimal Mission gehalten. Freund und Feind hat ihnen das Zeugniß nicht versagen können, daß sie nie ein verletzendes Wort sich zu Schulden kommen ließen.

5. Dagegen ist es Wahrheit und zwar eine 'traurige Wahrheit, daß Herr Pfarrer Bickel durch seinen Aufruf mit den unwahren Ausfällen sich schwer am konfessionellen Frieden versündigt hat. Es muß ein rechtlich denkendes Herz empören, wenn der Erste protestantische Pfarrer unserer konfessionell gemischten Stadt in solch unerhörter Weise eine Gesellschaft angreift, die von allen Päpsten, Clemens XIV. nicht ausgenommen, mit den höchsten Lobsprüchen ausgezeichnet wurde, eine Gesellschaft, die von allen Bischöfen des Erdkreises als eine Zierde der Kirche erklärt wird, eine Gesellschaft, der von allen treuen Kindern der Kirche das höchste Vertrauen entgegen gebracht wird, eine Gesellschaft, die auch von Andersgläubigen geachtet ist, wenn dieselben sie nur in ihrer wirklichen Thätigkeit beobachten und nicht aus erdichteten Berichten ein erfundenes Schauerbild entnehmen.

Wir müßten für den konfessionellen Frieden in unserer Stadt sehr fürchten, wenn wir nicht überzeugt wären, daß auch unsere ruhig denkenden protestantischen Mitbürger die Ausfälle des Herrn Pfarrer Bickel entschieden vernrtheilen. Wir können es nur bedauern, wenn die Brandfackel in den konfessionellen Frieden geschleudert wird in einer Zeit, wo es dringend geboten ist, daß alle christlich gesinnten Elemente auf beiden Seiten sich die Hand reichen zum gemeinsamen Kampfe gegen die Elemente, welche die Fundamente des Christenthums zu untergraben trachten

Wiesbaden, den 22. November 1890.

Der katholische Kirchenvorstand:

Dr. Keller, Stadtpsarrer. Altmann, Schlossermeister. Cli. Dormann, Maurermeister.

Effelberger, Lehrer.

Schipper, Ingenieur.

Schlaadt, Gymnasiallehrer.

von Schütz zu Holzhausen, Amtsgerichts-Rath.

Streitberg, Amtsgerichts-Rath.

von Winckler, Steuer-Rath.

J. B. Willms, Rentner. 222