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Sonntag. 20. Dezember 1914. WtOYgCtt■ FlllSgübt«
Drganistertes ZtaatZgefühl.
Von Dr. Hrmz Potthoff (Düsseldorf).
Wenn wir uns recht zum Bewußtsein bringen °uen, was wir im Deutschen Reiche gewonnen und haben, so müssen wir die Gegenwart verwichen mit jener Zeit -der Erhebung aus tiefstem Zonalen Falle, deren hundertjährige Erinnerung N jüngst lärmend gefeiert haben. Das Jahr 1813 in uns als eine unerhörte Tat, als eine unver- Mchliche Kraftanstrengung, eine beispiellose Opfer- .fAdigteit um der Frechelt und staatlichen Selbständig- Otzäes Vaterlandes willen. Und sicher: jener Geist der ^heitskriege ist bewunderungswürdig wie feine Er- SR Aber die Leistungen an sich brauchen uns gar M zu inrponieren. Denn was damals der staunen- N Mitwelt als fast unbegreiflich erschien, >das ist uns ^ etwas Selbstverständliches, u Preußen, das gewiß an der Spitze der Opfernden das verkleinerte Preußen, stellte mit Landwehr Lreiwilligen 270 000 Mann ins Feld. Das war a? 5 Millionen Einwohnern 1 Krieger auf 16. M ist das heute? auf unsere Reichsbevölkerung von M 70 Millionen umgerechnet, ergibt das noch nicht ^ Millionen Soldaten; die standen am ersten Mobil- ^chungstage bereit, ohne einen einzigen Freimilligen, Schoch als Ergebnis der allgenreinen Wehrpflicht. Die N,^villigen, die ungerufen kamen, mußten größten- 5® zurückgestellt werden; der Landsturnr wurde und «j'ch im halben Reiche nicht aufgeboten oder doch nicht {^Seftellt, weil man die Millionen gar nicht verwenden Nn, die sich Mr Fahne brängen. Wenn bas Schicket sich gegen uns wendete, wenn das Vaterland den Edfersinn" rufen müßte, wir hätten sofort 7 Millionen Leidiger und mehr, das ist 1 Krieger auf 10 h Jtoo^net. Unb wäre jemand, dem eine solche, S}» weit übertreffende Leistung nicht als natürlich, ^ — selbstverständlich erschiene?! z, Dor hundert Jahren brachten die Freiwilligen ihre O^rüstung mit; und bie baheim blieben, opferten, M sie an Gekdeswerten besaßen, brachten Silberzeug, Awnck unb Trauringe. Und trotzdem rückte die Lander teilweise in recht unvollkommener, biirftiger Aus- Awng ins Feld. Heute brauchte aus privaten Mit- w. ?ein Pfennig zu komnien; unb unser Millionen- war bekleidet und gerüstet in einer Vollständiges Und — Schönheit, von der Blücher sich nichts jAmen ließ. Das ist das einfache Ergebnis davon, D wir in 40 Friedensjahren weit über 60 Milliarden aufgewendet haben, um eine volle, tadellose Aus- ^u.ng jederzeit bereit zu legen und immer wieder ^Neuern.
^ Was heute von Privaten gespendet wird, das geht deiner Summe gewiß über den Betrag der Opfer ij? *813 hinaus; aber es ist nur „Liebesgabe", um \r Kämpfern den Dank der anderen abzustatten, um T-asein zu erleichtern, zu verschönen; uni für die Mundeten und Hinterbliebenen zu sorgen; um Ar- . ,in & Notleidende über Wasser, d. b. unsere ^ ^Wirtschaft im Gang zu halten. Alles Dinge, an Wan 1813 kaum denken durste. Für die eigent
lichen Kriegsbödürfnisse ist vorgesorgt; aus den ersten Ruf stellen die Bürger der Verwaltung 5 Milliarden zur Verfügung und werden auch 10 Milliarden zeichnen, wenn eine längere Kriegs.dau.er es erfordert. Wenn das Reich solche Riesensummen zu mäßigen Bedingungen leihen kann, so ist das auch eine Folge der systematischen Ordnung, die seinen Kredit so gefestigt hat. Und wenn wir solche Summen nicht nur freudig geben, sondern auch ohne Schwierigkeit geben können, so ist auch unser Reichtum wesentlich mit eine Folge unseres wachsenden S taat s g esüh ls, das uns ermöglichte, einen so fest gefügten Staat zu schaffen und mit ihm eine friedlich, mächtige Entwicklung zu sichern.
Das gilt nicht nur für die Männer, sondern auch für die Frauen. Auch hier, ist der Gvundton eine ruhige (Älbstverständlichkeit, mst der jede den Gatten oder Sohn dem Tode entgegenzichen läßt, sich in den Dienst der Liebestätigkeit stellt, Einschränkungen aus sich nimmt, Verluste tapfer erträgt, die zu anderen Zeiten aus dem GleichgÄvichte brächten. Auch an unserer Frauenwelt ist die Erziehung zu Staatsgefühl und Organisation nicht vorübergegangen.
Was folgt aus solcher Betrachtung? — Zweierlei: Einerseits wie tief die Überzeugung von dem Werte des Staates, das Gefühl von der Notwendigkeit der Volksgemeinschaft in allen Deutschen wurzelt, Wir sind viel „sozialer", als wir es im Frieden, gewußt haben! Andererseits, wo die Wurzeln für die Kraft unseres Volkes liegen: in der planmäßig organisierten Pflichterfüllung. Im Sturme von 1818 siegte das Unerhörte, im Weltenbranide von 1914 wird das Selbstverständliche siegen. Meder geht wie damals ein Aufflammen durch das deutsche Volk, aber sein Leuchten ist anderer Art. Wieder fließen die Gaben, drängen die Tausende zur Hilfeleistung; wieder berichten die Zeitungen von großen Spenden der Reichen und von rührenden Spenden, die noch viel größer sind. Wir wollen uns ihrer freuen, wollen sie vermehren, sie recht gut verwenden. Aber darüber nicht vergessen, daß die Vorbedin- g u n g e n gelegt sind von hundert Millionen Deutschen, deren keiner rühmende Erwähnung gedenken kann:
Das sind die Millionen, .di.e ein Leben lang e h r- 1 1 cf) ihr Einkommen b ek annt und pünktlich ihre Steuer entrichtet haben; die Millionen, die in Erfüllung der allgemeinen Wehrpflicht sich zur Verteidigung des Vaterlandes bereitet haben. Das sind alle die Männer, die unsere Gesetze gemacht, die seit hundert Jahren den Geist gepflegt haben, aus dem solche Gesetze wachsen konn- ten; die unter dem Schutze deutscher Macht deutsche Wirtschaft und deutschen Reichtum gefördert Iwben. Das sind vor allem die Mütter, die uns zu einem Siebzig-Millionen-Volke gemacht haben. Wie tief und lebhaft unser Staatsgefühl ist, das haben „viele wohl mit Überraschung gesehen. Es ist, so vollständig und sorgsam organisiert, daß die einfache Pflichterfüllung jedes einzelnen genügt, um höchste Leistung zu sickern.
So groß das Maß, der vaterländischen Pflicht fern mag: es gibt wohl niemand, dem nicht die allgemeine Pflichterfüllung eine Selbstverständlichkeit
Nr° 593. * 62. Jahrgang.
wäre. Diese unvergleichliche, hochgespannte Organisierung zusammen mit dem Geists von 1813 verbürgt heute den Sieg Deutschlands gegen eine Welt von Feinden. Aber nach ehrenvollem Frieden wollen wir die Grundlagen unseres, Erfolges nicht vergessen. Sozialen Kämpfen, wie sie die jüngste Vergangenheit gesehen, inöge künftig die Erkenntnis Vorbeugen, daß Gemeinschaftsgefühl und Organisation die Zauberworte sind, mit denen das deutsche Volk ungcheure Kraft entfesselt. Auch dann soll das „Soziale" das Selbstverständliche bleiben.
Der Nrieg.
Oie Jokgen des Sieges von Limanowo.
W. T.-B. Wien, 19. Dez. (Nichtamtlich.) Nach Berichte» der Kriegsberichterstatter der Blatter, die das Schlachtfeld von Limanowo besichtigten, haben die Kämpfe zur vollen Zurückwerfung des Feindes ans Westgalizien geführt. Die österreichisch-ungarische Armee machte 26 000 Gefangene und erbeutete eine große Menge Kriegsmaterial. Die B e r l n st c der Russen waren r, n g e h e n e r. Bek Limanowo wurden 1200 Gefangene gezählt. Die V e r s o l - g u n g ist überall nachdrücklich im Gange. Die Bevölkerung kehrt in das von den Russen geräumte Gebiet zurück.
Gin Bericht aus dem österreichischen Preffegnartier.
Di-, Berlin, 19. Dez. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Der Berichterstatter der „B. Z." im österreichischen, Presse- guartier telegraphiert unter dem 18. Dezember: Die österreichisch-russischen Kämpfe der letzten Wochen werden charakterisiert durch ein zahnradförmiges In einandergreifen von Flankierungsoperaüonen, .wobei beide Armeen das graphische Bild einer Treppe bieten. In der zweiten Nobemberhälfte wurde nach Rückzug v. Hinden- burgs und Dankls aus der Gegend von Warschau unb Jvangorod eine starke Front in dem Raume Krakau, schlesische Grenze—Warthe gebildet, während Hindenburgs Armee nach Norden rückte, um links der Weichsel dcrc Russen in die Flanke zu fallen. Die Operation hatte den Erfolg, daß die Russen ihre Absicht, starke Kräfte gegen di«: Warthestellung zu stoßen, nicht durchführten. Auch der bei Krakau gesammelte rechte. Flügel der Verbündeten stieß vor, um die Russen von Süden her zu packen. Um dieser Offensive zu begegnen, versammelten die Russen Truppen aus Mittelgalizien und schickten sie gegen Krakau längs der Bachniastraße vor, um ihrerseits eine Flankenbedrohung durchzuführen. Heftige Kämpfe um die Höhe von Lima- n o w a begannen am 9. Dezember. Am gleichen Tage streßen Abteilungen der polnischen Legion vom, rechten Flügel der Limanowagruppe ans gegen Zalesi bei Limanown vor, und warfen mit großen Elan die ihr enigegentrctenden Kosakensotnien. Den Höhepunkt der Schlacht bildete der 11. Dezember. Vergeblich versuchten die Russen bei Niepolnomice an die Bochniastraße durchzubrechen. Sie gerieten in einem furchtbaren Ringen nördlich Raybrot in Nachteil. Ferner gelang es dem Führer der Limanowagruppe, Feldmarschall-Leutnant Artz, die Höhe östlich Zalesi zu besehen und seine Kräfte vorzntreiben. Unterdessen vereinigten sich die Dunasehgruppe und die bei Zalesi siegreiche Legion nach einem neuerlichen Sieg bei Lackoin, der Gegend von Neusand ec, das die gleichzeitig vom Popradtal kommende österreichische Kavallerie bedrohte. Unter diesem Druck, der von nun überall auftauchenden Karpathengruppen noch
Sieg *)
Lang hieltest deiner Wage gleiche Schalen Du wimpernlos in der gerechten Hand.
Wir hatten dich auf „Sieg und Tod!» gerufen, prüftest du uns, ob wir hielten stand.
Ob sich bei uns ein letzter Opferwille Angesicht dir wahrlich offenbart.
Drum hast du uns der ärgsten Schlachtenhölle verhundertfachte Wochen nicht erspart.
Und unbeweglich hieltest du die Wage.
™> dein Entscheiden bohrt sich unser Blick.
«ebcmnt, hinein getaucht in stählern Schweigen, Empfing die derstsche Art ihr Weltgeschick.
Dein wurde alles. Als wir nichts verhielten llnd losgenommen waren aller Zeit, biisiam gesammelt auf ein Meereseiland . . .,
Da neigte Sieg uns zu die Ewigkeit.
'Fritz Philippi.
Timm Ohlsens Weihnachten.
^iire Kriegserzählung von Anna Gade (Bardowiek).
^. Prasselnd peitschte ein rauher Nordostwind feinkörnige ^.^schauer gegen die Fenster des Eilzuges, der schnaubend k ^Itenb durch das trübe Grau des kurzen Dezembertages sein ausgestoßener heißer Dampsatem wie eine Pelzboa den HalS der Lokomotive umflatitste. Ö hlsen starrte durch die beschlagene Fensterscheibe
® u§ dem soeben erschienenen Lyrikbanv „Die heinrliche twn Fritz Philippi.
in das weiße Geflimmer hinaus und zog dann wieder die Uhr, wie er es bereits ein halbes Dutzend Mal getmr, fast ohne .es zu wissen. Noch eine knappe hcilbe Stunde, dann war er endlich da!
Vor Tagesgrauen schon hatte ihn der alte Christoph an die Station der Kleinbahn gefahren, denn Timm Ohlsens Hof lag hoch oben in Schleswig-Holstein nahe der Küste,, wo man den salzigen Hauch der Nordsee auf den Lippen spürte. Da war es bis Hamburg doch eine ziemliche Strecke.
Wenn Gesche, seine Frau, das geahnt! Die fas; derweil in Rendsburg, wo eine verheiratete Tochter von ihnen wohnte, deren Mann seit Monaten mit im Felde stand, und half wchl um diese Stunden ungeduldigen Großkindern das Warten auf den Weihnachtsmann ertragen. Ja, wenn Gesche, die a:rch erst gestern morgen fortgefahren war, das geahnt, daß er nicht als gewissenhafter Haushüter einsam im nebelumsponnenen Westerfederkoog saß , sondern wie ein moderner Reisender am heiligen Abend im Schnellzug in die Ferne fuhr!
Sie hatte ihn vor ihrer Abreise noch so fürsorglich mit allem bedacht, damit er ihr hausfrauliches Walten nicht zu sehr entbehren sollte. Denn sie mußte doch nun mal fort! ES wurde da in Rendsburg noch ein Kleines erwartet. Freilich erst zu Anfang des neuen Jahres, aber es war aus alle Fälle besser, sie fuhr zu rechter Zeit und war dann auch gleich zum Feste da. Bis MiÄc oder Ende Januar blieb Gesche w>ohl vormrssichtlich fort.
Timm Ohlsen grübelte vor sich hin, mit einem eigenen Lächeln auf dem werterharten Bauerngesicht. Ein Glück, daß das alle? sich so gefügt hatte! Denn wenn nun Gesche daheim geblieben und er heute nicht durch das trübe Grau des Christtages hätte fahren können, heimlich, wie einer, der verbotene Wege geht? Was dann? . , .
Umständlich zog er eine Zeitung aus der Tasche und suchte darin nach einer Notiz, die er schon wer weiß wie oft gelesen. Es war die Nummer eines Hamburger Blattes, daS er seit Beginn des Krieges neben dem „Kretsblatt" hielt, die Nummer, die vorgestern „ausgeblieben war" ... So was konnte ja Vorkommen. Gesche hatte sich auch nicht weiter darum aufgeregt. Groß war ja ihr Jntevesse auch nie für Zeitungslesen gewesen. Wo sollte sie auch die Zeit hernehmen, unermüdlich fleißig, wie sie von morgens bis abends war. Die Bibel und allenfalls der Hanskalender, mehr brauchte sie nicht.
Nur in den letzten Monaten hatte sie die Zeitungen allmorgendlich gründlicher durchstudiert. Der Krieg, der große, allgewaltige,' machte wohl auch Leute zu Lesern, die sonst sich kaum Zeit dazu genommen hatten, und denen die Welt da draußen und Adenschen, die man nicht kannte, kaum etwas bedeuteten.
Nun hatte Timm Ohksen sich endlich mit vieler Mühe hindurchgefragt durch das ihn verwirrende und ungewohnte Weihnachtsgetriebe der mächtigen Hafenstadt bis hinaus zu dem großen Schulgebäude in einem der ruhigsren Vororte.
Lange stand er vor deni dunklen Eisen gibt er, das den geräumigen stillen Hof begrenzte, und sah zu den hohen Spitzbogenfenstern hinüber. Der Wind pfiff schneidend um die Straßenecken und preßte ihm die Tränen in die Augen. Und schwer und dumpf schlug ihm das Herz. Fremde Menschen gingen aus und ein und achrlos an ihm vo^übar. Aus einem Auto sprang ein Stabsarzt und ging kn schnellen Schritten über den Hof.
Durch diese breite Gitterpforte war also auch der gegangen, den er suchte? . . . Oder hatte man ihn huremge- tragen? . . ,
A.
