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indem die Natur im dichterischen Leben des Volkes als mitfühlend gedacht wird. Wir können hier selbstverständlich aus den ebenso belehrenden, wie geistvollen Erörterungen des Redners nur das Hauptsächlichste anführen; so gedachte derselbe der Rolle, welche die Linde, der eigentlich deutsche Baum im Volksliede spielt, ebenso der Blumen und der Vögel. Weiter erwähnte er die Schwimmersage, welche ebenso, wie die Sage vom „Tell" aus Indien stamme. Von der ersteren zeugten viele Lieder, in denen das tiefeWasser ein Hindernitz für die Liebenden bildet, so z. B. in dem Liede „Die Königskinder". Der Redner verbreitete sich dann über die TrennungS-, Schmerzens-, Wiegen-, Kriegsund Trinklieder; kurz, er wies nach, daß die Seele des deutschen Volkes sich nach jeder Richtung in seinen Liedern abspiegele. Nicht immer sei der Inhalt des Volksliedes ganz so ernst zu nehmen, wie er sich scheinbar so beispielsweise in den Trinkliedern darstelle, das Volkslied sei entschieden mehr objectiv als subjectiv aufzufassen, auch unterliege dasselbe unter den Händen des Volkes großen Veränderungen. Unsere größten Dichter und Componisten hätten das Volkslied geliebt und hochgeschätzt, Niemand könne sich seinem Zauber entziehen. Zum Schluffe seines Vortrages gedachte Herr Prediger Albrecht noch des deutschen Männergesangs und seiner Entwickelung. Dem, wie schon früher bemerkt wurde, sehr reichhaltigen und interessanten Vortrage, welchem das Publikum mit gespannter Aufmerksamkeit folgte, wurde reicher Beifall zu Thcil. — Die den Vortrag illustrirenden und an der richtigen Stelle unterbrechenden Chöre wurden fehr hübsch gesungen; es waren durchgängig frische, wohlklingende Stimmen, aus welchen der Chor zusammengestellt war, namentlich angenehm überraschte die reine Intonation, welche sich in den zum Theile gar nicht leichten Gesängen geltend machte. Was den Vortrag betrifft, so gefielen uns die mehr polyphon gehaltenen Lieder im Ganzen noch besser, als die homophonen; besonders hervorheben wollen wir hierbei die ganz vorzügliche, ebenso geschickte, wie stilvolle Bearbeitung der meisten zum Vortrage gelangten Lieder durch Bernhard Scholz. Von älteren Meistern waren, was den Satz betrifft, Joh. Eccard, Mich. Prätorius und Leo Haßler vertreten. Auch diese Chorvorträge wurden mit wohlverdientem Beifalle bedacht. — Jedenfalls hat die Thätigkeit des Vereins für diese Saison mit dieser Veranstaltung einen ebenso anregenden, wie würdigen Abschluß gefunden.
= I« der Gemälde-Auktion der Mrrkel'fchrn Kunst- AnsftrUnng wurden am Mittwoch u. a. folgende Preise erzielt; Prof. Andreas Achenbach, „Auf bewegter See", 1150 Mk.; A. C. Bawo- rowski, „JmBoudoir, 360Mk.; G. Barison (Venedig), „Italienisches Mädchen", 155 Mk^. Prof. E. v. Bl aas, „Weiblicher Kopf", 380 Mk.; K. Döry, „Die Weinprobe", 1300 Mk. Für v. Defregger „Maler auf Reisen" wurden bis 2450 Mk. geboten, doch wurde das Bild nicht zuaeschlagen. Prof. Ed. Grützner, „Der letzte Schmuck", 1600 Mk.; Albert Rieger, „Wildbach bei Gewitterstimmung", 140 Mk.; „Mühle in Ober-Oesterreich", 350 Mk.; „Mühle im Chamounixthale", 550 Mk.; M. Stifter, „Das erste Billet-doux", 410 Mk.; Aug. Siegen, „Jppmarschen", 340 Mk.; W. Thiele, „Thicrstück" (Hirsch), 510 2Jlt.
* Gedenktag. Dreißig Jahre werden heute, am zweiten Mai dieses Jahres, vergangen sein seit dem Tage, an welchem der junge Ludwig Barnay, der jetzige berühmte Schauspieler und Eigenthllmer des Berliner Theaters, unter dem Namen Lacroix zum ersten Male die Bretter betrat, welche die Welt bedeuten. In dem böhmischen Städtchen Trautenau, von dessen Vorhandensein man „draußen im Reich" erst sechs Jahre später durch die Nachrichten vom preußisch-österreichischen Kriegsschauplätze erfahren sollte, empfing der jugendliche Debütant als Baron von Heeren in Töpfer's „Zurücksetzung" seine Feuertaufe. Es war ein keineswegs glänzender Anfang, aber für den begeisterten Jünger Thaliens bedeutete er doch einen ersten, entscheidenden Erfolg. Denn wie so viele seiner Kunstgenossen hatte auch er harte Kämpfe und allerlei kleine Abenteuer bestehen müssen, ehe das geheimnißvolle^ mächtig lockende Reich der Bühne ihm seine Pforten erschloß. Kaum fünfzehnjährig, war er schon im Jahre 1857 dem elterlichen Hause in Budapest entflohen, um dem ehrgeizigen Drange seines feurigen jungen Herzens zu folgen. Aber er war damals nur bis nach Wien gekommen, wo ihn ein väterliches Machtwort bald genug zur Heimkehr zwang. Jetzt aber, nach drei weiteren Jahren verschwiegenen Sehnens und Hoffens, ließ sich sein stürmisches Verlangen nach Freihest nicht länger eindämmen und uiederzwingen. Im offenen Ungehorsam gegen den Willen des Vaters, aber voll felsenfesten Vertrauens auf ein Gelingen des kühnen Wagnisses, wurde der entscheidende Schritt gethan, und wie wenig auch die künstlerischen Ehren und der klingende Lohn, welche dem Novizen in Mährisch - Weißkirchen, Ostrau, Teschen und anderen Ortschaften von gleicher Wichtigkeit zu Thcil wurden, seinen phantastischen Träumen und Jllufionen entsprechen mochten, auch an ihm bewährte sich doch das alte Bühnenwort, daß, wer einmal ein Paar Schuhe auf den Brettern zerrissen, dem Theaterteufel rettungslos mit Leib und Seele verfallen ist.
* Personalien, lieber das Befinden des Dichters Richard Voß berichtet seine Gattin in einem aus dem Sanatorium Mariagrün an einen Berliner Schriftsteller gerichteten Privatbriefe: „Haben Sie aufrichtigen Dank für Ihre theilnehmende Anfrage bezüglich des Zustandes meines Mannes. Seine Besserung schreitet leider nur fast unmerklich vorwärts und es wird noch jahrelange Geduld und Entsagung nöthia sein, bevor er Die ihm von Krafft - Ebing aufs Bestimmteste zugesicherte Gesundheit, das heißt die Möglichkeit, wieder arbeiten zu können, erlangen wird. Jetzt führt
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er ein trauriges Leben absolutester Unthättgkeit und Sie werden verstehen in welchem Maße ihn das bedrückt, sein Gemüth verdüstert."
* Schauspiel. Aus Tula wird dem „Petersburger Herold" geschrieben: Am 15. April (alten Stils, also am 27. d. R.) wird im großen Adelssaale ein neues Stück von Graf Leo Tolstoi aufgeführt. An der Aufführung, die unter persönlicher Leitung des Dichters vorbereitet wird, bctheiligt sich die bessere Gesellschaft der Stadt. Die Proben werden streng geheim gehalten, man weiß nur, daß sehr viele Personen auftreten und daß der Graf dieses neueste Kind seiner Muse „Culturfrüchtc" benannt hat. Selbst die mitwirkcnden Liebhaber werden zu den Probe» nur nach Vorweisung ihrer Karten ziigelassen. Trotz der sehr hoch angesetzten Preise waren sämmtliche Plätze vergriffen, ehe noch das große Publikum durch die Affichen von der Aufführung erfuhr.
* Theater - Direktor und Publikum. In den Prager Blättern veröffentlicht Angelo Neumann Namens der Direction des Deutschen Landestheaters eine geharnischte Erklärung, in der e8 heißt: „In der letzten Zeit macht sich in auffälliger Weise ein Uebelstand bemerkbar, der einerseits die„ einfachsten Gebote des Anstands und der Achtung durchbricht, anderseits für die Künstler niederschlagend und beleidigend wirkt, wie dies insbesondere in den letzten Vorstellungen zu Tage trat Es erhebt sich nämlich jedesmal gegen den Versuch eines anhaltenden Beifalls eine Opposition, welche mit lautem Zischen jeden Beifall bekämpft. Das Publikum des deutschen Theaters ist an und für sich zur wärmeren BeifaÜSäußerung schwer zu bewegen, so daß die darstellenden Künstler, »welche mit der Gegenwart geizen müssen«, auch das leiseste Zeichen des Beifalls dankbar annchmcn, die Kränkung aber durch eine derartige Opposition doppelt schwer empfinden. Dies wollen auch Diejenigen bedenken, die ihr Zischen gegen eine etwaige vermeintliche (tlaque richten. Man gebe es endlich auf, jeden einigermaßen lebhafteren Beifall für den Künstler der Claque zuzuschreiben; schließlich wird dadurch nur erreicht, daß auch der unbefangene Theil des Publikums mit der inneren stillen, d. h. lautlosen Anerkennung für das Gebotene sich begnügen und unser aus dem Opfersinn der Deutschen entstandenes, auch von allen Fremden bewundertes schönes Theater einem Trauersaal gleichen wird, aus welchem jeder Frohsinn und jede Freudigkeit verbannt wäre." Schließlich wendet sich Herr Neumann gegen eine engherzige, kaum wohlwollend zu nennende Kritik, die jedes anerkennende Wort so leise als möglich, den Tadel jedoch nicht laut und voll genug Herausheben kann, — Die Prager Blätter dürften die Antwort auf diesen Ausfall nicht schuldig bleiben.
* Verschiedene MMHeilnngen. Aus Münster wird gemeldet: Eine junge Schauspielerin, die im verflossenen Winter am hiesigen Stadttheater kleine Rollen spielte, stürzte sich in selbstmörderischer Absicht in den hoch mit Wasser gefüllten sogenannten Kanonengraben aus Nahrungssorgen. Die Unglückliche war ohne Stellung, ohne Geld, ohne Brod. Sie wurde gerettet.
* Drr ©rt der Hermannschlacht. Im „Verein für Geschichte und Alterthumskunde" m Frankfurt a. M. hielt Herr Prof. Dr. A. Riese einen mit allgemeinem Beifall aufgenommenen Vortrag: „Die Schlacht im Teutoburger Walde", lediglich, wie er von vornherein betonte, zur Orien- tirung über die Versuche, die dunkeln Punkte in dieser Frage nach Möglichkeit aufzuhellen. Diese dunklen Punkte beziehen sich weniger auf den Verlauf der Schlacht als vor Allem ,auf den Ort derselben. Bekanntlich hat sich allmählich eine ganze Literatur um diese strittige Frage gewoben. Der Redner hob es als eine charakteristische Eigenschaft der römischen Geschichtsschreiber hervor, daß sie mit Ausnahme Cäsars sich auf topographische Details nicht einlassen und, wo es geschieht, die Phantasie ihre Rolle spielt. SÄ sind auch die Schildernngeii des Terrains der Schlacht vom Jahre 9 n. Chr. bei Vcllejus, Cassius Dio, Florus, Tacitus äußerst dürftig, und eine völlige Aufklärung über die Oertlichkeit der Schlacht ist heute, trotz der zahlreichen Hypothefeii, worin der Localpatriotismus von Forschern und Dilettanten sich nicht in letzter Reihe versucht hat, noch nicht gegeben. Der Vortragende, der durch ein Gesammtbild dieser Forschungen die Hörer fesselte, bekannte sich am Schluffe zu der von Mommsen auf- gestellten Ansicht, daß der Saltus Teutoburgensis wenn auch nicht mit Sicherheit, so doch mit Wahrscheinlichkeit in der Gegend von Barenau zu suchen fei. Die Untersuchung Momnisens, der sich namentlich gegen die Escamotoge des Localpatriotismus wehrt, welcher tovographische Details in die Quellen einzuschmuggelu sucht, bezeichnet Prof. R. als einen Wendepunkt auf dem Gebiete biefer Forschungen. Es sei zweifellos, daß Varus, der nicht im Lager, sondern auf dem Rückzug nach feinem Lager auf dein coupitten Terrain zwischen Bergen, Wäldern und Sümpfen angegriffen ward, nicht über Detmold, sondern nach Norden, in das obere Hunte- Thal bei Vanne gezogen ist, was mit den Nachrichten bei Dio harmonirt.
Deutsches Reich.
* Hof- u»d Personal-Nachrichtrit. Der Kaiser hat bestimmt, daß Bet seinem Besuche von Galerien, Museen, Ausstellungen und dergleichen diejenigen Herren vom Civil, die zum Empfang befohlen sind, tm Ueberrock zu erscheinen haben. Die Behörden, die es angeht, sind hiernach mit Nachricht versehen worden. — Wie aus dem Ostseebad Saßnitz a. Rügen geschrieben wird, sind dort soeben drei Villen für die Kaiserin und die kaiserlichen Prinzen, sowie für das Gefolge gemiethet worden. Die Kaiserin gedenkt in Saßnitz für die Zeit vom 15. Juni bis zum 1. August Aufenthalt zu nehmen. — Der Kaiser und der Großherzog von Sachsen trafen Donnerstag Morgen in Weimar ein. Der Kaiser wollte die Frau Großherzogin besuchen und bei dem Erb- grofen Görtz frühstücken. Der Kaiser kehrte Abends nach Berlin zurück.
Mrsdadenee Tagblatt.
