Einzelbild herunterladen
 

dem 1. Mai und der zu diesem Datum gehörigenPraterfahrt" an. Ganz Wien fuhr oder ritt oder ging nach dem Prater. Der ganze Hof machte die alte Sitte mit, man sah an diesem Tage die reichste Fülle prächtiger Gespanne, schöner Frauen und ftischer, lenzduftiger Toiletten. Als eine aus dem alten Wien überkommene Erinnerung bewegte sich in dem Wagen-Ocean die sechsspännige Hof­equipage des Erzherzogs Franz Karl, Vaters unseres regierenden Kaisers. Vorreiter in Jockeykleidung und mit gepuderten Perrücken lenkten die Pferde und aus der riesigen Kalesche grüßte der freundliche, alte Herr unermüdlich heraus. Man konnte sich eine Praterfahrt ohne Franz Karl ebensowenig vorstellen wie einen 1. Mai ohne Praterfahrt. Aber nichts in der Welt dauert ewig! Der patriarchalisch-liebenswürdige Greis, der sich und die Wiener nicht um die Promenade im Sechsspänner bringen wollte, ist 1878 gestorben, die Praterfahrt vom 1. Mai nahm von Jahr zu Jahr an Glanz ab namentlich weil aus politischen Gründen ein Theil des Hofadels sich in die Kronländer zurückzog und endlich sollte sie durch denBlumencorso", eine neuzeitlich künstlerische Variation, ersetzt werden. DerBlumencorso" entfiel im Vorjahre wegen des schrecklichen Todes unseres Kronprinzen, und vorderhand ist er nicht reactivirt worden. Voraussichtlich wäre an diesem 1. Mai die alte, gute Praterfahrt wieder in ihre Rechte eingesetzt worden, wenn sich nicht an diesen Tag die Erwartung des iuternationalen Arbeiterfeiertages knüpfte. Seit Menschengedenken hat der 1. Mai in Wien große Bedeutung gehabt; aber mit solcher Spannung wie diesmal, wurde er noch nie erwartet. Was er bringen wird? Ob er friedlich verlaufen wird, oder ob er Schrecken in seinem Schooße birgt? Ob die Arbeiter ruhig in Massen auf­ziehen werden, um ihre numerische Stärke eindringlich zu betonen, oder ob es den wilden Elementen gelingen wird, den Damm der Ordnung und Gesittung zu durchbrechen? Wer darauf Antwort zu geben wüßte, der könnte sich den tiefgefühlten Dank zahlloser Mitmenschen erwerben. Viele unserer Damen plagt die sociale Frage nur in der Form, daß sie nicht wissen, ob sie in den Prater fahren sollen oder nicht mit welcher bejahenden oder verneinenden Entscheidung wichtige Bekleidungsmaßregeln untrennbar verquickt sind. Ja, es gießt Entschlüsse, die in den nächsten Stunden zu Stande kommen müssen darunter derjenige des Jockey-Clubs, ob er das für den 1. Mai angesetzte Wettrennen abhalten wird. Alles, was da gewöhnt ist, beimTotalisatenr" zu spielen, harrt in fieberhafter Spannung der Verkündigung des Jockey-Clubs man sieht, wie weitverzweigt sich die Nachwirkungen der gewaltigen Zeitbewegung äußern! Entsagungsfähige Gemüther sind schon darauf gefaßt, daß der Jockey-Club strikt. Warum sollte gerade er die Mode des Strikens nicht mitmachen! Es läßt sich kaum mehr aufzählen, wer Alles bei uns dieser Mode huldigt, sogar die Jünger und Jüngerinnen der Damenmoden, die Beneidens- werthen, denen es gegönnt ist, unsere holden Frauen mit der ihnen passenden und ihrer würdigen Hülle zu versehen. Es ist noch ein wahres Glück, daß die Feuilletonisten nicht ebenfalls striken, denn sonst wäre ich nicht in der Lage, Ihnen ein Wort über die Wiener Strikestimmung zu berichten. Da wir vorderhand die Arbeit nicht eingestellt haben und dies wohl erst im Falle eines universellen Weltstrikes thun werden, hoffe ich, Ihnen im Sommer 1890, der sich recht lebhaft gestalten wird, von angenehmen und lustigen Stunden erzählen zu können.

Nicht in Men selbst, aber in dem berühmten Alpenort Ischl, wo es in jedem Sommer von Wienern wimmelt, wird eine Ceremonie sich vollziehen, die, trotz der räumlichen Entfernung, zu dem Stoff­gebiete der Chronik von Wien gehört: die Vermählung der Erz­herzogin Marie Valerie, jüngsten Tochter des Kaisers, mit ihrem Vetter, Erzherzog Franz Salvator, einem Prinzen von der toskanischen Linie. Es ist zu Tradition geworden, daß die Heirathen des Kaiserhauses in Ischl geschlossen werden, gerade so, wie man es gerne sieht, wenn Prinzen oder Prinzessinnen in dem nächst Wien gelegenen Lustschlosse Laxenburg zur Welt kommen. In Ischl vermählte sich Franz Josef vor sechsunddreißig Jahren mit der holdseligen Elisabeth von Bayern, derRose von Possen­hofen". Eine ganze Legende hat sich an die Jschler Werbung unseres Kaisers geknüpft. Prinzessin Helene von Bayern, die ältere Tochter des Herzogs Maxilian, war ihm zugedacht, er aber entschied sich für die jüngere, die mit dort anwesend war in der Bevölkerung ahnte man nichts davon, bis am Sonntag, beim

Besuche der Jschler Kirche, Erzherzogin Sophie, des Kaisers Mutter, der siebzehnjährigen Elisabeth, als der zukünftigen Kaiserin den Vortritt ließ. '

Wenden wir uns von Denjenigen ab, welche auf der Mensch­heit Höhen wandeln, so begegnen wir auch in schlichteren Kreisen einer Menge Ereignisse, die erwähnt sein möchten: jüngstvergangene gegenwärtige und bevorstehende. Zwei Jubiläen nach einander wurden in diesen Tagen begangen. Alfred Grünfeld, der gefeierte österreichische Kammer- und preußische Hofpianist, erinnerte sich und uns daran, daß er vor fünfundzwanzig Jahren als zwölf­jähriges Wunderkind in Prag zum ersten Male öffentlich spielte. Franz von Suppo, der Vater der österreichischen Operette, der Compomst vonFatinitza",Boccaccio" u. s. w., vollendete sein siebzigstes Lebensjahr. In beiden Fällen bewährten die Wiener ihr oft bekundetes Talent, Jubiläen wirksam in Seene zu sitzen. Am 30. April folgt wir sind eben unerschöpflich! eine dritte Jubelfeier: der Heldenliebhaber des Burgtheaters, Friedrich Krastell, von Herkunft ein Mannheimer, hat ein Vierteljahrhundert seiner Wiener Wirksamkeit hinter sich. Das- wird ein Festtag, namentlich für die weiblichen Kunstent­husiasten werden, denn Krastel, der schöne feurige Romeo der, trotz seiner vierundfünfzig Jahre, heute noch schwärmt und glüht' wie ehedem in den Tagen der wallenden Locken, hat im Rathe der Frauen bestoch'ne Richterinnen sitzen. Er mag sich auf einen Platzregen von Lorbeerkränzen gefaßt machen! Um so enthu­siastischer werden bei dieser Gelegenheit die Damen sich Betätigen, als Krastel an seinem Ehrenabende eine Rolle spielen wird, welche voll schmeichelhaften Inhaltes ist für Alles, was da Weib heißt: den Jngomar in Halm'sSohn der Wildniß", den urwüchsigen, halbwilden Natursohn, der von Frauengrazie gebändigt, gezähmt/ erzogen wird. Vielleicht sitzt Krastel in den Herzen seiner zahl­losen Verehrerinnen auch deshalb so fest, weil er ein Dichter ist, und zwar nicht ein Dilettant, sondern ein vollgiltiger, ausgereifter Dichter. Ein Sänger also und ein Held dazu!

Solche Jubelfeste verleihen dem theatralischen Treiben einer Stadt für einige Zeit erhöhten Aufschwung. Natürlich bilden die festlichen Gelegenheiten keinen Maßstab zur Beurtheiluug der Werkeltage und ihres Inhaltes. Von dem letzteren spricht eine kürzlich erschienene Broschüre:Das Wiener Theaterleben" von Adam Müller-Guttenbrunn. Obwohl die hiesigen Zeitungen das Büchlein bisher todtschweigen, sind doch schon 3 Auflagen davon erschienen. Müller-Guttenbrunn hat jene von Storm gepriesene goldene Rücksichtslosigkeit", welche heutzutage inmitten von Kame- raderia und Clique immer seltener wird; er sagt das, was er für die Wahrheit hält, ohne sich ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Er ist einer der gesündesten Elemente in der Wiener Presse, in der vielleicht etwas zu viel Wohlwollen gegen die Bühne und ihre Angehörigen geübt wird. Schon einmal im November 1884 machte er Aufsehen mit der Flugschrift:Wien war eine Theaterstadt", und jetzt reißt er wieder mit schonungsloser Hand die deckende Hülle von den Blößen unseres Bühnendaseins. \ Er eröffnet so manchen lehrreichen Ausblick in den Zusammenhang des Theaters mit Cultur und Politik, wenn er z. B. sagt:Die Verluste, die wir in den letzten zwanzig Jahren an diesem über- ! kommenen Besitzstand auf dem Gebiete des Theaters erlitten, und die uns noch bedrohen, sind unabsehbar. Wir haben Agram an die Kroaten, Ofen, Kaschau, Raab und Arad ganz, Temesvar und Preßburg zur Hälfte an die Magyaren verloren, Lemberg ent­rissen die Polen uns, Pilsen bedrohen die Tschechen, Laibach die Slowenen., In Neusatz und Semlin haben uns die Serben fast ganz verdrängt und in Oedenburg und Essegg führen magyarische Minderheiten einen erbitterten Kampf gegen die deutschen Theater, i Nur wandernde kleine Gesellschaften fristen ihr kümmerliches Dasein im Banat noch in Lugos, Orawitza und Lippa, ebenso in Semlin unö Vukovar, und die einzige deutsche Bühne, die wir in den letzten Jahrzehnten zu gründen die Kraft hatten, ist das kleine Garnisonstheater in Sarajevo in Neuösterreich." Wer sich für das Wiener Theater interessirt, lese Müller-Guttenbrunu's (übrigens auch von uns schon angezogen, D. R.) neue Schrift. Hält er sich daber vor Augen, daß Müller, hingerissen durch sein streit­bares Temperament, manchmal über die Schnur haut, so wird et aus der fesselnden Broschüre viel Interessantes über Wiener Zustande erfahren. F. Groß.