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Wiesbadener Tagblatt

Kalte 88

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den Wandelgängen und Erfrischungsräumen bildeten sich dichte, eifrig miteinander flüsternde Gruppen, und die Vertreter derjenigen großen Blätter, welche als zuverlässig in Bezug auf ihre Nachrichten gelten, waren fortwährend umdrängt und nach Neuigkeiten befragt. Denn die Wetter­wolke, die bleischwer den politischen Himmel verfinsterte, kam vom Reichs- kanzler-PalaiS her; es war die Kanzlerkrise, deren endgiltige Lösung als luftreinigender Blitzstrahl mit athemloser Spannung erwartet wurde. Von allen Seiten schwirrten die Gerüchte durcheinander; bald hieß es:Er hat abgedankt", baldHeute Vormittag findet noch eine Unterredung mit dem Kaiser statt" und dann wieder:Der Kaiser hat schon unterzeichnet". Auf der Tribüne des Herrenhauses sah man den früheren Minister v. Puttkamer lange Zeit mit Herrn v. Rauchhaupt sich angelegentlich be­sprechen ; zweimal erklärte im Laufe der Berathungen Herr Windthorst, er behalte sich angesichts der unbestimmten politischen Lage eingehende Er­örterungen für später vor; dann wieder hieß es, auch das ganze preußische Staatsministerium sei um seine Entlassung cingekommen. Zunächst wußte noch Niemand etwas Bestimmtes. Von sonst gut unterrichteter Seite wurde behäuptet, daß die Entscheidung erst im Laufe des Dienstags in einer neuen Unterredung des Kaisers mit dem Kanzler fallen soll, und hiermit stimmte das Verhalten der Telegraphenbehörden überein. Denn nur diejenigen Depeschen wurden befördert, welche die Abdankung des Fürsten Bismarck als Gerücht meldeten, während die anderen, welche von einer vollzogenen Thatsache sprachen, mit dem Bemerken zurückgehalten wurden, es sei noch nichts entschieden. Immer mehr stieg die Spannung, immer fieberhafter ward die Erregung, Telegraph und Telephon blieben in unausgesetzter Thättgkeit: da ließ man einige Stunden später alle Depeschen befördern, und:Die Entlassung des Kanzlers ist genehmigt", so hieß es. Sehr lebhaft wurde natürlich sofort, wie man sich denken kann, die Frage nach einem Nachfolger erörtert; als solchen nannte man in erster Reihe Herrn v. Caprivi, in zweiter Herrn v. Boetticher. Selbst­verständlich waren das Alles eben nur Gerüchte, wie sie bei solchen Ge­legenheiten zu Dutzenden in der Luft umherschwirrcn. Eine positive Be­stätigung der Nachricht über die Abdankung des Kanzlers blieb gleichfalls bis zum Schlüsse der Sitzung, der man nur mit sehr gethcilter Aufmerk­samkeit folgte, aus, und halb widerwillig verließen schließlich die Abge­ordneten das Haus, in welchem für gewöhnlich politische Neuigkeiten am schnellsten bekannt werden.

* Die Anmeldungen ?u der Kriegskunst-Ausstellung, welche bekanntlich in diesem Frühjahr zu Köln stattfindet, erfolgten, wie man uns von dort schreibt, seither in so großer Anzahl, daß bereits an 400 Aussteller vorhanden und die Gruppen Armeebcdarf aller Art, Rothes Kreuz, Feldbahnen, Bekleidung und Ausrüstung von Mann und Pferd reichlich versehen find. Aus den Anmeldungen zu den Gruppen Be­waffnung heben wir besonders hervor eine Sammlung, welche die Ent­wickelung der blanken Waffen und der Schußwaffen vom Alterthum bis in die Neuzeit in der Bewaffnung der jedesmal die Periode beherrschen­den Culturvölker zur Darstellung bringt. Ferner hat Herr Geh. Com­missionsrath v. Dreyse dem Vorstande eine Zusammenstellung einzelner Modelle, Waffentheile und Waffen für die Ausstellung zur Verfügung gestellt, welche die ganze Entwickelung des Zündnadelgewehres von seinen ersten Anfängen bis jetzt vorführt. In der Marine ist n. A. eine Reihe von großen Bildern angemeldet und angenommen, darstellend die fort­schreitende Entwickelung der Gestalt, Größe und Bewaffnung der Kriegs­schiffe vom Alterthum bis auf unsere Zeit. Die deutsche Metallpatronen- Fabrik Karlsruhe stellt Metallpatroncn, namentlich solche für Geschütze aus. Dem neueren Nachrichten- und Transportwesen ist seitens des Vor­standes die größte Aufmerksamkeit zugewendet worden. Dieselbe hat auch ein großes Entgegenkommen bei den Ausstellern gefunden. Es fehlt des­halb nicht an Anmeldungen von Velocipeden aller Art, Feldbahnen zur Verbindung von Belagcrungsbatterien untereinander, Drahtseilbahnen zum Ueberschreiten von Schluchten und Thälern, Brieftauben u. s. w. Auch das Fach der Ballonfahrten ist gut vertreten und sind bereits eine ganze Anzahl von Fahrten im freien Ballon für die Dauer der Ausstellung festgesetzt. Von Interesse dürfte auch sein, daß eine complete Feldpost, wie sic in unsere Armee jetzt cingeführt ist. zur Ausstellung gelangt. Seiten« der Stadt Köln find Medaillen und Geldpreise für die Aus­stellung bewilligt, auch wurde der freie Rücktransport aller Ausstellungs- Gegenstände auf den Staats- und Privatbahnen genehmigt. Der Schluß­termin für Anmeldung ist endgiltig auf den 1. April festgesetzt.

* Rundschau im Reich». Auf eine Eingabe des altkatholischen Ausschusses in München an den Cultnsminister um provisorische Geneh­migung der Religions-Ucbungen während der Osterzeit ist eine Entscheidung noch nicht eiugetroffen. Der Cultusminister ist gar nicht zustäiidig, sondern die königliche Genehmigung zur Bildung einer Prtvat-Gestllsckaft nach vorheriger Statuten-Vorlegung beim Minister des Innern ist erforderlich. Nach den Münch. Neuesten Nachr." wolle ein Theil der Altkatholiken zur anglikanischen Kirche übertreten.

Ausland.

* Grsterrelch-Uttgarn. DieNeue Freie Presse" sagt, es sei schwer, sich vorzustellen, daß Bismarck, der ganz Europa mit seinem politischen Athcm erfüllt, der vor den Augen der Völker als Verkörperung der deutschen Macht erscheint, dessen Polin,che Anschauungen die Nationen in Gährung versetzen, der als Hüter des europäischen Fncdens den Waffen Ruhe gebietet und durch den Reiz seiner Individualität selbst die Gegner anzieht, nicht mehr Deutschlands Geschicke lenken wird aus der Hohe ferner durch Älter ungebrochenen Geisteskraft die Bürde des Amtes nicderlegt und in das stille Leben des Privatmanns sich zuruckzieht. Das Schick,al ist nicht verschwenderisch mit seinen Gaben und es ist eine seltene Fuguug,

daß es aus dem Schooß einer Nation einen Mann erstehen läßt, welcher das Wahl seines Vaterlandes begründet, dem ganzen Leben einen neuen Inhalt giebt, die Ideale der Macht und Einheit, welche im Volksgeist« schlummern, verwirklicht; Bismarck läßt das Reich groß und mächtig zurück, gerüstet gegen alle Feinde behütet von Freunden. Möge nie der Moment kommen, wo das sehnende Auge der Nation stch auf das einsame Schloß Friedrichsruh richtet, worin Bismarck sein ruhmvolles Leben beschließt. Die Demission des Fürsten Bismarck wird tn ganz Europa die größte Aufregung Hervorrufen, denn wo gäbe es ein Volk, welches an diesen Wechsel nicht Hoffnungen und Befürchtungen knüpfen würde.

* Frankreich. Die Betrachtungen der französischen Presse über den bevorstehenden Rücktritt des Fürsten Bismarck bewegen sich bisher in achtungsvollen Formen. Die bezügliche Meldung ist in Paris erst spät bekannt geworden, well die deutsche Telegrapheubehörde in Berlin di« Uebermirtelung an das Ausland bis zur amtlichen Bestätigung verweigerte. Allgemein wird die große Bedeutung des Ereignisses anerkannt, da» den Anbruch einer neuen Zeit für Dcutichland bedeute. Vielfach werden Be­fürchtungen laut, daß oie deutsche Politik in Zukunft eine geringere Bürg­schaft für die Aufrechterhaltung des Friedens bieten werde, doch stimmen die Blätter in der Erklärung überein, daß ein derartiges Ereigniß nur nach Kenntniß aller Einzelheiten und reiflicher Erwägung beurthcitt werden könne. Die aus Berlin eingehenden Nachrichten sind bisher sehr mager, der Zeitilngsverkauf auf den Straßen ist sehr rege aber nicht lärmend.

* Belgien. Bei der vorige Woche stattgefnndcnen Prämien-Vcr- loosnng zur Antwerpener Anleihe fiel der Hauptgewinn von 150,000 Fr. einem m der Diepstraat wohnenden socialistifchen Wirth Namens Jean Arcay zu. Der Gewinner gab am Tage nach der Ziehung seinen Genossen eine Zeche, bei welcher der ganze Keller bis auf den letzten Tropfen geleert wurde. Außerdem hat Arcay der Association ouvriöre sofort 20,000 Fr. zu socialistifchen Zwecken geschenkt.

* Niederlande. Die Nachricht, daß im Zustande des Königs wieder eine Verschlimmerung eiugetreten und daß Professer Higuet aus Lüttich nach Schloß Loo berufen worden sei, wird vomAmsterdamer Handels­blatt" in Abrede gestellt. Das genannte Blatt theilt als Beweis des Gegentheils mit, daß in den Gemächern des Königs eine Kunstbeschauung stattsindeii werde.

* Großbritannien. Viele Zechen-Besitzer in Lancashire und Nottingham gewähren eine Lohnerhöhung. Die Grubenarbeiter sind nicht geneigt, an der am Donnerstag ftattfinbenben Conferenz der Zechen- Besitzer Theil zu nehmen. Die in Liverpool ftrifenben Dock- Arbeiter unterliegen, denn es sind genügend fremde Arbeiter cinge­führt worden. Der Ausstand ist kaum drei Tage alt und schon allenthalben hat man den Vorgeschmack der kommenden Leiden. Städte und Dörfer bet Kohlenbezirke schwärmen von stellenlosen Bergmanns- Familien; die Kohlciipreise sind sogar in London um 2 Schilling gestiegen, Kohlen überhaupt schwer zu erhalten; Schuttlager, die früher unverkäuflich waren, gehen jetzt zu 1020 Schilling die Tonne ab. Die Desorganisation ist so groß, daß selbst, wenn am Donnerstag ein Ausgleich zu Stande kommt, die regelmäßige Arbeit vor Aprll unmöglich ist. Unter den Baum- woll- und Efienarbeitern in Manchester und Sheffield herrscht großer Un­wille gegen die Kohlcnarbciter, da zahlreiche Spliinereien und Eisenwerke schon stillstchcil müssen. Die Nachricht von dem nahen Rücktritt Bismarck's erregt allgemeines Aufsehen.Standard" sagt:Bismarck kann einen Nachfolger haben, aber nicht ersetzt werden, der Nachfolger mag das Amt erben, aber nicht das Ansehen, nur Bismarck kann Bimarck's Pläne ausführen. Die Erhaltung des Friedens wird schwerer sein, wenn des Meisters leitende Hand verschwunden ist." DiePall Mall Gazette" schreibt:Bismarck's Fall wird in ganz Europa widerhallen, seine Stellung war einzig in Europa."St. James Gazette":Bismarck's Verschwinden ist das bedeutendste Ereigniß seit dem Fall des zweiten Kaiserreichs." Star":Man kann sich kaum vorstellcn, was Deutschland ohne Bismarck sein wird."

* Rußland. Wie fit Petersburg verlautet, find die Behörden gegen­über der arretirten Marie Zebrikowa, der Verfasserin des von uns mitgctheilten offenen Briefes an den Zaren, in arge Verlegenheit geratbeu. Sic erkannten schließlich als besten Ausweg, sie auf ihre Zu­rechnungsfähigkeit ärztlich beobachten zu lassen. Es heißt nun, die Aerzt« erklärten die Zebrikowa fürgeistig gestört", jedoch mit dem Hinzitfügcn, ihrLeiden" äußere sich in einer für ihre Mitmenschen ungefährlichen Weise. Demgemäß dürfte die Zebrikowa für ihre Broschüre ganz straflos ausgehen, auch nicht in'sJrrcuhatts gesteckt werden, doch glaubt man, die Behörden würden ihr einen bestimmten Aufenthaltsort außerhalb der Residenz anweiscn.

* Montenegro. Eine Zuschrift desStandard" aus Wien bespricht den auch von nnS gemeldeten Tod der Prinzessin Zorka von Mon- teuegro, der Gemahlin des Prinzen Peter Karagcorgewitsch. Letzterer galt als Kronprätendent in Serbien bis zur Zarcnrcde, die den Fürsten von Montenegro als des Zaren einzigen Freund bezeichnete und die Heirath in die russische Kaisersamilie jenen in den Hintergrund drängte. Seitdem wurde Prinz Peter in Cetinjc so schlecht behandelt, daß er mit der Familie nach Cattaro zog. DerMagdcb. Ztg." zufolge war die 25 Jahre alte Prinzessin Zorka am Sonntag vor 8 Tagen von einem Sohne, dem dritten, entbunden worden und am Donnerstag erkrankte sie an Bauchfellentzündung, welcher sie schnell erlegen ist.

* Ast»»». In Afghanistan soll sich eine Bewegung borberciteu; an der afghanisch-bokhanschcn Grenze sammeln sich gegen 3000 Anhänger Jsak Khau's zum Einbruch in Afghanistan.