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le geehrten Leser u. Leserinnen werden fre.indlicl.st gebeten, bei allen Anfragen u. Bestellungen, welche sie 1 anf Grund von Anzeigen im „Wiesbadener Tagblatt“ machen, sich stets auf dasselbe beziehen zu wollen.
(86. Fortsetzung.)
Unter Halbmond nnd Krenz.
Roman aur unseren Tagen von Christian Aenkard.
(Nachdruck verboten.)
Und unten int crystalleucn, glitzernden Raume beginnt es zu leben. Auf dem weißen Grunde erscheinen Gestalten, aufschauend zum Himmel und dem einsamen Manne, der im schwankenden Boote über sie weggleitet. Von Nymphen getragen schwebt eine Muschel heran, in welcher die Göttin der Schönheit ruht. Aus dm wallenden Locken nickt ein glühender Fuchsienzweig und um den reizenden Mund spielt ein bestrickendes Lächeln, welchem kein Sterblicher widersteht. Drei Männer gehen trotzig ihr zur Seite, der Eine schön wie Apollo und weise wie Pallas, der Zweite mit dem Schwert um die Hüfte wie der männermordende Schlachtengott und der Dritte mächtig von Wuchs und einäugig wie Polhphem. Sie heben abwehrend die Arme gegen den tollkühnen Jüngling, der — ein anderer Paris — das Weib zu entführen strebt; sie drängen ihn ab von der Bahn in das dunkle Chaos hinaus und ruhelos irrt er umher den verlorenen Stern seines Lebens suchend. —
Doch wohin er auch blickt, nur Wolken und Wogen; angstvoll starrt er nach der Stelle, wo das wunderbare Weib verschwand, er kämpft und strebt ihr nach; aber vergebens wie Sisyphus den Marmor zu Berg wälzte, wirft er sich der Brandung entgegen. Da erscheint ihm noch einmal ihr Bild, doch es war nicht mehr )asselbe. Das edle Ebenmaß der Glieder strotzt von Ueppigkeit, im Auge lauert ein D ämon, der sein Opfer sucht. Ein Wüstling streckt mit gierigem Blick die welke Hand nach ihr aus und sie sinkt ihm mit höhnischem Lächeln an die ehrlose Brust.
Dann wird es abermals Nacht. Doch sie ist friedlich und mild und im Westen steigt der Abendstern auf. Er schwebt hoch über den Fluren der Heimath, auf denen eine einsame Matrone wandelt. Ihr Haar ist gebleicht von der Fülle der Jahre, ihr Auge ist umflort und sehnsüchtig sieht sie gen Osten, der Heimkehr des Sohnes harrend. Und hinter ihr steht ein blasses Mädchen, ein Thränenschleier verhüllt ihre fetten» vollen Augen, sie hofft und seufzt: „Harre aus!"
Reinwald fuhr auf und blickte erstaunt umher.
„Es war ein Traum", sagte er, „und Träume sind Schäume. Alles verschwunden, nur der Stern nicht im Westen; dort strahlt er und winkt mir. Ich grüße Dich, glänzender Planet! doch' folgen kann ich Dir nicht".
XXXI.
Noch zu Anfang dieses Jahrhunderts war Syra klein uni; unbedeutend. Um das Kloster auf der Bergspitze lagen ärmlich« Häuser gruppirt und selten besuchte ein Fahrzeug die schützende- Bucht. Als in den zwanziger Jahren der Heldengeist der Hellenen! nach langem Schlafe erwachte und das kleine Griechenland derk, verzweifelten Kampf um's Leben mit dem türkischen Koloß be^ gann, ward das Eiland der Zufluchtsort mancher sich vor deu^ Schwerte der Türken flüchtenden Aufständischen. Reichthum nutz Gewinn lag diesen näher, als der Kampf für's Vaterland; fia wußten in dem Befreiungskriege ihre Neutralität zu wahren und fesselten den gänzlich darniederliegenden Handel der Levante ast ihre Insel. Und was sie erstrebten, ist ihnen in vollem Maß« geglückt.
Malerisch erhebt sich das heutige HcrmupoliS vom Strand« zu der Höhe der Insel, überragt von griechischen, römischen und protestantischen Kirchen; in der Stadt selbst wirkt rastlos ein lhätigcs Handelsvölkchen, das in Unternehmungsgeist und Intelligenz selbst die Abendländer überflügelt. Materiell gesinnt wie es ist, kennt es nicht mehr die hohen Ideale seiner Urväter, weder Sag, noch Geschichte des ruhmreichen Hellas ist ihm geläufig; es dien! nur Merkur, dem Gotte der Kaufleute und — der Diebe.
Die letzte Thatsache erprobt ein Jeder, der sich der Jnses nähert. Schreiende Bootfühier umdrängen das ankommende Schiff, um sich den Fremden zum Ausschiffen und als Führer durch di« Stadt zu empfehlen. Ein Jeder preist sein Boot als das besitz an und vergißt dabei nicht, sich als den Ehrlichsten unter bet Sonne auszuspielen, um dann den Neuling, der sich ihm arglos anvertraut, zu übervortheilen, wo es sich irgendwie thun läßt. Jv
