«o. 339. 49. Jahrgang.
Wiesbadener Tagblatt (Abend-Ansgabe). Verlag: Langgasse 77.
22. Juli 1892. Seite 3.
* Fürst Kismarck hat dem Vorsitzenden des Leipziger Ortsausschusses des natiooaüibcralen Vereins für das Königreich Sachsen, Herrn Rechtsanwatt Dr. Liebe, auf sein an den Forsten Bismark gesendete» Einladungsschreiben die Antwort zugehen laffm, daß er ans der Reise nach Varzin Leipzig diesmal nicht berühren könne. Die Hindernisse, welche im Fahrplan der Eisenbahnen liegen, würden verstärkt durch die Besorgniß, die körperlichen Kräfte möchten den Anstrengungen so oft erneuter Ovationen nicht gewachsen sein. — Am 31. Juli wird von Metz aus ein Sonderzug zur Begrüßung des Fürsten Bismarck nach Kifstngen abgehen. — An der Fahrt nach Kiffingen am nächsten Sour tag betheiligen stch etwa 3000 Personen; aus Baden und Hessen gehen fünf Sonderzüge ab, aus Karlsruhe, Pforzheim, Mannheim, Heidelberg und Darmstadt. — In Jena werden im großen Stile die Vorbereiwingen für den Empfang Bismarck'r getroffen. Aufzuge, Feuerwerk auf den Bergen des Saallhalcs, ein Commers werden geplant.
* Urin? Neufl, so hieß es in verschiedenen Wiener und süddeutschen Blättern, beabsichtige seinen Rücktritt. Die „Köln. Ztg." bezeichnet, ans bester Quelle schöpfend, diese Nachricht als völlig aus der Luft gegriffen.
* Ueber dir Kngr drr Zerglrnkrbringt die „Bergarbeiter- Zeitung" in Bochum eine längere Darlegung. Das Blatt fordert die Bergleute auf, in ihren Versammlungen dem Verbände beizu- trcten. Die Regierung wird aufgefordert, sich der Bergleute gegen bas Capital anzunehmcn, um der Versklavung und Verarmung vorzubcugen. Der Stand der Dinge sei wieder, >oie vor dem Ausstand im Jahre 1889. Ein Ausstand sei aber heute nicht durchzu- führcu, weil die Aufforderung dazu bestraft werde.
* Rundschau im Beichr. Die Manöverflotte ist von Wilhelmshaven zur Begrüßung des Kaisers nach Norwegen abgedampft. — Aus sanitären Gründen hat, wie aus Thorn gemeldet wird, der Minister des Innern die Aufnahme aus Rußland austvrinderndcr Juden unsersagt. — Im Bochumer Stern pel- fälschunasprozeß findet heute Nachmittag eine Besichtigung des Bochumer Vereins durch den Essener Gerichtshof statt, wozu auch die Gutachter geladen worden sind. — Wie die Mainzer Nachrichten mittheilcn, ist gegen mehrere Subalternbeamtc in Darmstadt, die sich in der anti-femitischen Agitation hrrvorgethan haben, vou Seiten der Regierung Disciplmar-Uiiterfuchnng eiuge- leitct worden.
um im Thalboden bei 10 pCt. Gefälle sich fort zu bewegen, und konsistent genug, um auf ihrem Wege Alles vor sich her wegzufege». Forel nimmt an, daß binnen einer halben Stund« diese Masse ihren ganzen Weg — 13 Kiliomcter — aus einer Höhe von über 3000 Meter im Gebirge bis in's Thal der Arve zurückgelegt habe. Er bezeichnet diese Katastrophe als den großartigsten ihm bekannten Fall von Gletscherlawineu, dem am nächsten kommen diejenigen von St. Baithelömy an der Dent-du-Midi (1560, 1635, 1636, 1835 1887) mit 2200 Meter Fallhöhe auf sieben Kilometer Horizontal- lüngr ihrer Bahn. Eine neue Katastrophe sei solange nicht zn befürchten, bis der nun abgestürzte hängende Gletscher sich wieder gebildet habe; eine Gefahr aber für die Hochalpcuthäler im Ganzen entstehe durch das jetzige allgemeine Anwachsen der Gletscher. Pro- feffor Forel hat bereits im Frühling dieses Wahres durch einen Bericht an den StaatSrath von Wallis hierauf hingewiesen und die Nothwendiakeit forgsältigee Beobachtung dieser Gletscherverhältniffe hcrvorgehooen. Der Staatsrath von Wallis hat denn auch einen solchen Beobachtungsdienst angcordnet.
Kleine Chronik.
Eine traurige Verhandlung spielte sich gestern vordem Landgericht ab. Der Hauptlehrer einer Volksschule in Hamburg, Wolters, 63 Jahre alt, stand unter der Anklage, ca. 200,000 Mk. vou kleinen Leuten, Wittwen und früheren Schmern zusannnengeliehen und an der Börse durch Speculationen verloren zu haben. Einen widerlichen Eindruck machte cs, daß der meist ehrenhafte und beliebte Lehrer den Unzurechnungsfähigen zu spielen suchte Der Angeklagte gestand meist feine betrügerischen Manöver zuletzt ein und wurde zu 7 Jahren Gcfängniß verurtheilt.
Auf dem Gute Komierowo in Westpreußen wurde em Arbeiter durch den Vogt mit Peitschenhieben zur Arbeit auge- triebcu. Darüber gerieth der Maun in solche Wuth, daß er mit einem Stemmeisen dem Vogt Gesicht und Brust ganz zerfleischte. Der Verletzte erlag seinen Wunden nach zwei Tagen. Der Arbeiter wurde verhaftet.
In Wandsbeck erschoß beim Einschießen der neuen 9 Millimeter Pistole ein Hufareuoffizier den hinter einer Umzäunung spielenden 10-jährigen Knaben Kreger. Das Kind war sofort tobt, der Offizier erstattete selbst die Anzeige.
Am 22. Juli 1877 gab die Benutzung der Waschküche, dieser Ursache so vieler Hausstreitigkeiten, wieder die Veranlassung zu einer heftigen Scene, welche dre Unterlage der heutigen Anklage bildet. Frau K. soll bei dieser Gelegenheit den Pächter und dcffen Ehefrau mit dem Verbrechen de« TodtschlagS bedroht, di« letztere auch dlirch Schläge mit einem zum Schießen untauglichen Revolver körperlich verletzt haben. Diese Beschuldigungen wurden vor dem Schöffengericht vou zwei im Dienste der Angeklagten stehenden Frauen ebenso hartnäckig bestritten, als von dem Pachter und dcffcu Frau, sowie zwei anderen Zeugen behauptet. Das Gericht mußte bei dieser Wachlage auf Freisprechung erkennen, stand aber vor der traurigen Annahme, daß die ersteuzwci oder die letzten vier Zeugen einen wissentlichen Meineid geleistet hätten. Die Staatsanwaltschaft griff diffes frcisprcchende Urtheil mit derBerufuug an. Die darauf anberaumte Verhandlung vor der Strafkammer im November v. I. wurde vertagt, well gegen die der Angeklagten K. günstigen Zeugen eine Untersuchung wegen fahrlässigen Meineids schwebte, die auch inzwischen zu einer rechtskräftigen Verurtheilung der beiden Zeuginnen geführt hat. Auf eine nochmalige Vernehmung derselben wurde heute allseits verzichtet. Der Staatsauwalt beantragte heute gegen die Angeklagte eine Geldstrafe vou 150 Mk. Der Anwalt des als Nebenklägers aufgetretenen Pächters betont, daß dieser im Interesse seiner Kinder <9 vorgczogeu Hube, den Hof zu verlassen, nachdem er daselbst einen Schaden von 30,000 Mk. erlitten habe. Der Bertheidiger der Angeklagten beantragt deren Freisprechung. Der Gerichtshof hob das fchöffcuaerichtliche Urthcil auf und vrrurtheilte die Angeklagte wegen Bedrohung und gefährlicher Körperverletzung zr: 200 Mk. Geldstrafe, zur Zahlung einer Buße an die Verletzten von 13 Mk. (Auslagen für ärztlich« Behandlung) uird in sämintliche Kosten.
Geldmarkt.
-m- Cours bericht der Frankfurter Korse vom 22. Juli. Nachmittags 12'/- Uhr. — Eredit-Actien 265V«, DiSconto-Com- inandit - Äntheile 189.80, Staatsbahn - Actien 255V-, Galizier 182'/,, Lombarden 86°/,, Egypter98, Portugieser 22.70, Italiener 90-"/«, Ungarn 94, Gottharddahn-Actien 141.70, Nordost 108, Union 67.60, Dresdener Bank 145, Laurahütte - Actien 110.90, Gelsenkirchener Bergwerks-Actieu 136V-, Harpener 139.70, Bochumer 128.70. Tendenz schwach.
Das U«sl«ck va« St. Gervais.
Der Schweizer Professor F. Forel hat «inen Ausflug nach St. Gervais gemacht und erörtert nach seiner Rückkehr m der -Galette de Lausanne" die Ursachen der Katastrophe. Er Nreibt dieselbe einer Gletscherlawiue zu, welche von den Totes Rousfes aus einer Höhe von 3150 Meter in einer Neigung von 70 pEt. bis zum Bionasset Gletscher hinabgestürzt ist. Die Ge- vNASPartie, von wo aus die Gletscherlawiue medergmg, ist eine der st«lsten in der gewaltigen Moutblauegruppe. Die Maffe des ab- Sestnrzte« Effes schätzt Forel nach den Angaben des mit den Local- veihäkttriffeu. genau vertrauten Gemsjägers Prrroud von Bionasset, w dessen Begleitung er jene GebirgSpartie beging, auf ein bis Spei Millionen Kubikmeter. Daß sich im Innern des Gletschers bedeutende Wasseransammlungen gebildet und diese die Catastroph« verursacht hätten, stellt Forel in Abrede. Hierfür sei der Gletscher (mit blvS 40 Hektaren Oberfläche) zu Lein, und alle Erscheinungen bei dem verheerenden Vorgang beweise,, daß dieser durch die rapide Bewegung nicht einer flüssigen, sondern einer halbfesteu, lava-artigen Mass« verursacht wurde. Man find« noch Reste der abgestürzteu Mass«: Eis mit Erde gemischt. EineWasser- wasse hätte sich an der steilsten Stelle hinuntergestürzt und wäre sucht über die vordereMoräne gegangen. DieMassewar fluffig genug.
Ausland.
* Franst »eich. Der durch seinen Weltausstelluugs-Aiitrag in letzter Zeit besonders häufig genannte Deputirte Deloncle bringt in her Kammer den Antrag em, jedes Bicyle mit einer Steuer von 10 Francs zu belegen.
* Serbien. König Milan verbot seinem Sohn, die Exkönigin Natalie, seine Mutter, zu besuchen.
* Großbritannien. Ein Gewährsmann der „Vossischen Zeitung" hat bei Gladstone brieflich angefragt, welche Haltung seine bevorstehende Regierung in der auswärtigen Politik einnehmcu Verde. Gladstone's brieflich« Antwort lautet: „Weither Herr! Ich hatte die Ehre, Ihren Brief zu erhalten. Vorläufig können wir nur anuehmen, daß die Regierung die Wahlen nicht als grundlegend für einen schnellen Wechsel anerkennt, und es wäre dal,er voreilig, die Politik einer Regienmg, welche noch nicht besteht, oder von Personen zu erörtern, welche nicht mit amtlicher Keuntniß aus- geftattet find. Ihr Diener Gladstone."
Arrmischtes.
* Zum Fall Kusch hoff sagt der „Reichsbote" am Ende einer längeren Artikel-Serie u. A.: Man staunt nur, daß di« Justiz die Tragweite des Falles nicht besser übersehen und besser für seine unverzügliche Klärung gesorgt hat. Dies legt doch di« Forderung nahe, gerade für solche geheininißvolle Verbrechen eine besonders befähigte Organisation zn schaffen, die den Lvkalbchördeu fördernd zu Seite geht. Früher war das vielleicht schwer, heute würde eine Sonderkonimission erprobter kriminalisfischcr Beamten und Richter fast überall nach spätestens vierundzwanzig Stunden zur Untersuchung au Ort und Stelle Eintreffen können. Gottes Auge aber, das die grausige That sah, helfe vor Allem die irdische Gerechtigkeit erleuchten. Es wäre ebenso traurig, wenn ein unschuldiger Jude verurtheilt, wie wenn ein schuldiger freigelassen, wenn ein unschuldiger Christ büßen und ein schuldiger straflos ausgehen würde, oder wenn das Verbrechen ganz ungesühnt bliebe. — Auch in Mainz ist zur Unterstützung Buschhosfs und feiner Familie ein (Somit« zu- samineugetreten. Die Personen, welche die Sache in die Hand genommen haben, gehören größtenthcils den christlichen Cousesfionen an. Ein mit irdischen Gütern reich gesegneter strenggläubiger Israelit hat seinen Beitritt zu dem Comitö mit der Motivirnng abgelchnt, daß neben dem Staate die Glaubensgen offen Buschhoffs in erster Linie zn deffen ausreichender Unterstützung verpflichtet Jekn. — Dem Berliner Comitö sür die Sammlungen zu Gunsten Muschhaffs find ferner beigetreten der Präsident der Akademie der Aünste, Professor Carl Becker, der Präsident der Aeltesten der Kaufmmlnschaft, Geheimer Kommerzienrath Ad. Frentzel, der Prediger Lic. Hoßbach.
Gerichlssaal.
-o- Wiesbaden, 22. Juli. (Strafkammer.) Vorfitzeuder: Herr Laudaerichtsdirector Gra u. Vertreter der König!. Staats- auwalffchast: Herr Gerichtsaffeffor Keck. Die zunächst zur Verhandlung stehende Anklage gegen die Ehefrau St., die Besitzerin des „Liudenthaler Hofs", hat den Gerichtshof schon mehrfach beschäftigt. Gelegentlich früherer Verhandlungen hat das „Wiesbadener Tagblatt" bereits mitgetheilt, daß die Angeklagte ihren Hof xnt einen inaktiven Offizier verpachtete, sich selbst aber eine Wohnung Vorbehalt. Das Pachtverhältniß hat zu vielfachen Streitigkeiten geführt, die theils in Civilprozesfin, thcils in Beleidigungsklagen endeten, die dazu führten, daß die heutige Angeklagte K. wegen Beleidigung des Pächters nnd deffen Dienstpersonal mehrsach bestraft wurde. •
Zetzte Drahtuachrichteu.
(C online utal-Telegraphen-Comp.)
Kerli», 22. Juli. Aus Posen meldet die „Voss. Ztg.", daß hier nwrgen ein« Sanitätscommission zusammentreten werde zur Berathung vou Maßregeln gegen die Einschleppung der Cholera. — Dem „Berl. Tagcbl." wird aus Cottbus berichtet, der Kassierer der Ortskrankenkasse, Schentke, sei wegen Unregelmäßigkeiten verhaftet worden. — Die „Kreuzztg." erfährt aus St. Petersburg, eine kaufmännische Abordnung aus Baku hätte den Finanzminister nm Bewilligung eines Moratoriums ersucht, da eine totale Stockung der 'Geschäfte eingetreten fei. — Das „Kl. Journ." hört, di« Leitung des D o m b a n s sei dem Ministerial- Bauinspektor Kleinau übertragen worden.
(Depeschcn-Bureau Herold.)
Berlin, 22. Juli. Liebknecht wehrte in der gestrigen Nummer des Leipziger „Wähler" und in der heutigen Nummer des „Vorwärts" die persönlichen Angriffe Vollmars scharf ab. Weiteres erfolge nach den Ferien, die er sich nicht verderben lassen wolle. Der Parteivorstand wäre durchaus gegen Vollmars Regie- rungSfozialismuS gewesen, einem Mitgliede des Vorstands sei sogar die erste Abwehr im „Vorwärts" nicht scharf genug gewesen. — Die verflossene Reichstags - Session ließ mehrere große Bundesraths-Vorlage» zurück, ohne daß eine erste Beraihung flatt- gcfmtdeu hatte, tvas ein seltenes Ereigniß in der Gcsäfichte des Parlaments ist, darunter befinde» sich die Gesetzentwürfe, über den Verrath vou Militärgeheimnisfeu, über den Checkverkehr, der Entwurf über die Bekämpfung der Trunksucht und der Entwurf wegen Maßregeln gegen die Uufittlichkeit, welche dem Reichstag in der nächsten Session >neu zugehcn. Ein Gesetzentwurf über die Einführung einer einheitlichen Zeit ist sicher zu erwarten, da der gegenwärtige Zustand besonders in Süddentschlaud unhaltbar ist.
Vari», 22. Juli. Die Cholera nogtrai ist in Gentilly ausgetreten, in Saint-Denis find zwei plötzliche Todesfälle vor- gekommcu.
Homestead, 22. Juli. DerGouverueuruntersagle alle öffentlichen Umzüge und Manifestationen angesichts der zunehmenden Eährung unter den Aufständigen.
* Schiffs-Nachrichten. (Nach der „Franks. Ztg.") Ange- kommen in New-Dork D. „Noordland" der Red Star Line von Antwerpen; passirte Lizard der Hamburger D. „Normannia" von New-Aork.
Wie schon in alten Zeiten die englischen Damen ein reges Fntereffe nahmen an den politischen Parteikämpfen und ifieseS auch äußerlich dadurch kund thaten, daß die Damen der Weraleu Partei ihre Schönpflästerchen auf der «inen nnd die der konservativen die ihrigen auf der anderen Wange trugen, so find sie auch in dem gegenwärtigen Wahlseldzuge wieder außerordentlich chätig, und es fihli ihnen auch nicht an äußeren Abzeichen. Die Liberalen trugen hier mehrfach blau« Schleifen, die Conservativm brmmrothe, die Parteifarben des Distrikts. Dazu hatten sich einige ter letzteren aber noch das kleine blecherne badge der Primroseliga «pigesteckt, jenes modernen Ritterorden? nach mittelalterlichem Vorbild, mit seinen Großmeistern, Rittern und Knappen — männlichen 6itb weiblichen, sonderlich aber weiblichen — der, nach ihrer Partei- bluine benannt, den konservativen Parteiinteressen gewidmet ist. Sie beleuchteten denn auch Alles gar primrosig und redeten, was Lob, wäre er liberal gewesen, wohl al» der Substanz ihres Ordens- Sichens angemeffeu, einfach bezeichnet hätte al« — Blech.
Ich eilte bald wieder weiter. Wenige Schritte nur und ich fatib vor dem Hydepark, hier mußte ich Ruhe finden. Richtig, hier tvac das Aussehen unverändert. Langsam schlenderte ich unter den schattigen Bäumen dahin, über die grüne» Auen, auf denen — vtstten im Herzen von London — ganze Heerde» von Schafen toeiben. Hier kam ich an einen vereinzelt stehenden Baum. Ich kchte mich unter demselben nieder und lauschte dem fernen Geröll der "««ndlichen Wagenketten und sonstigen Aeußerungen des in der Ferne rings um mich pulsireuden Lebens der Weltstadt. Bald war ich so in Träumen versunken, daß ich erst gar nicht wahrnahm, te* sich meine Umgebung mit Menschen füllte. Plötzlich trat ein Schutzmann an mich heran. „Hier möchten die Rednerinnen sich toi Men", sagte et, mit einem bedeutungsvollen Lächeln auf einen buchenden Zug von Menschen weisend, unter denen das weibliche Geschlecht besonder» zahlreich vertreten war. Ich hatte gerade unter tem als Reformer’» Tree bekannten alten Baume im Hydepark j i" Raben gehofft, unter dem so häufig politische Vcrsamm- tengen im Freie» a^ehatten werden! Und diejenigen, die dort «vn nahten, waren die Zugehörigen der Dienstbotenliga, die, wie 'ne beim Skrlaffeu eines Platzes, von der Herrschaft einen »character« fiö) aussteven lasten, auch ihrerseits zu ihrem Schutz eine Art ^ettschastsbuch" eingeführt Wiste» möchten und andere derartige , Umwälzungen oristreben. Sollte ich bleiben und den Rde- •ttinnen zuhören? Ach, die hohe Politik gehört ja nicht in meinen
Bereich! So mußte ich mich denn auch vou dem „Refonuerbaumc" abwenden und der blühenden Gruppe,»die sich nun darunter anf- pflauzie.
Ich trete in meinen Club du! Aber was geht denn heute hier vor! In dichtem Knäuel stehen Dutzende von Mitgliedern in der Vorhalle vor dem Telegraphen-Apparate, der uu» die neueste» Nachrichten direct in den Club hiueintelegraphirt. Ungeduldig zerren zwei Herren an dem schmalen Papierstreif, tvie wenn die Nachricht sich so schneller auf demselben abdruckte. Handelt es sich doch um das Resultat eines bedeutenden Wahlkreises. North Lambeth entziffert der eine, noch ehe der Name auf dem Papierstreif unter der Glaskuppel sich hervorgeschobeu hat. „Stanley" tönt es allgemein in höchster Spannung, und im nächsten Augenblick schallt es stüruiisch: „durchge—". Nci», ich darf mich doch nicht unterfange», hier politische Neuigkeiten nüüheilen zu wollen, wenn sie vielleicht auch schon ein wenig abgestanden sind. Das „was erschallte" mag hier nicht hergehören, aber das „wie es erschallte" an dieser sonst so ruhig gehaltenen Stätte — vermag ich auch nicht genauer zu beschreiben. Denn ich war längst wieder draußen, aber selbst auf der Straße vernahm ich noch ein Lärmen. Nein, kein Wort mehr davon! Man könnte einen schlechten Begriff bekommen von dem in meinem Club herrschenden Ton.
Ich gehe ins Theater! Aber, wo es nur irgend angeht, ja, wo er eigentlich durchaus nicht statchaft sein sollte, werden in manche» Theatern mehr oder weniger versteckte Anspielungen auf den gegenwärtigen Zustand der Politik gemodjt, auf den Grand Old Man Madstone, den Grand Young Man Balfour, auf Stanley und feine — gar verschiedentlich beleuchteten — Thaten in Afrika, auf Nooroji, den Eingeborenen Indien» und ersten dmikelfarbeucn Abgeordneten, der je für das britische Parlament gewählt worden, und auf Alles, was bei den Wahle» vorgeht. Das ganze Haus spielt mit. Es klatscht und zischt und lärmt, nicht über das Stück, nicht über die Darstellung, nein, über die politischen Seiten hiebe, die hier ausgetheilt und hin und wieder auch von rinzesiren Stimmen ans dem Publikum nrit einer Schlagfertigkeit erwidert werden, daß man glauben könnte, dieselben wären bereits auf der Probe zugegen gewesen. Trifft aber ein mit besonderem Geschick geführter Hieb die eigene Partei, da zischt man wohl pflichtschuldigst, lacht aber wahrscheinlich innerlich. Denn wie eifrige Parteigänger die Engländer auch fein mögen, wie groß die Enttäuschung und der Aerger auf der einen wie auf der anderen Seite zu Zeiten mich sein
muß, welch' ungesck)minkte Terbheite« die Parteiführer in ihren öffentliche» Versammlunge» einander auch an de» Kopf werfen, es herrscht trotzdem unb alledem eine größere Duldsamkeit in England, als in den meiften anderen Ländern. Man werfe mir nicht ein, daß die Hoch-Tories von den fortgeschritteuftcn der Radikalen sich nicht in derselben Weise unterschieden, wie die äußerste Rechte von der äußersten Linken in Deutschland. Allein wie veil fehlt die Bestrebungen der einen Partei die andere auch bedünken mögen, mau wirft sich nicht so leicht einander Unredlichkeit der Beweggründe vor. Man kämpft in der Oeffentlichkeit mit den schärfsten Waffen, aber mau versagt im täglichen Leben seinem Gegner nicht so leicht die persönliche Achtung, nur weil er politisch anders denkt. Freilich giebt es auch hier Ausnahmen — gar wesentliche Aus- uahmeil!
Doch dort stehen di« Thürcn der Gotteshauses offen, und die Glocken ertönen so eiuladeud und friedlich. Werden wir hier nicht eine Schutzstätte gegen die Wogen der Parteipolstik finden? Ach, englische Kauzelrcdner halten sich zu allen Zeiten als Hirten der Gemeinde für berufen, nicht nur das Wort Gottes auszulegen, sondern an bet Hand desselben auch das prakfisch« Lebe», soziale Zustande und Ereignisse in viel eingehenderer Weise zu beleuchten, als etwa diePrediger Deutschlands. Da darf man sich denn auch nicht wuilder» wenn wenigstens einige von ihnen auch bei den Wahlen als Kanzel-Politiker auftreten. Bon einem liberalen Geistliche» wird berichtet, er predige — wenn auch nicht gerade in der Kirche — „der Liberalismus fei das Echo aus dem Herzen Christ»", und em konservativer Pastor ersuchte, als es behaut wurde, ein Weib habe dem greisen Führer der liberalen Partei ein Stückchen harten Pfefferkuchen in's Auge geworfen, seine Gemeinde von der Kanzel herab durch Erk)«ben von den Sitzen ihrem Abschen gegen solche Kamp fismittel Ausdruck zu geben. Hinterdrein aber stellte sich nun auch noch heraus, die mit Pfefferkuchen um sich werfende Frau war gar nicht conscrvativ, sondern hatte — vermuthlich nach einem der Wahlzeit angemeffenen Genuß von Whiskey — durch das Kuchen- toerfeu ihrer Freude darüber Ausdruck geben wollen, daß sie einmal dem Grand Old Man vou Angesicht zu Angesicht gegenüberstaud. Derselbe Prediger that bei einer anderen Gelegenheit den tröstenden Ausspruch, ein Mensch könne, wenn es auch hart an die Grenzen der Unmöglichkeit streife, ein Politiker und doch zugleich ei» Gentleman fein! Warm» denn diese Sucht, ein Polttiker zu werden!
Malden ar Lindner.
