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AbendAusgabe.

40. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgabe». BezugS-PreiS: Zn Wiesbaden und den Landorten nut Zwcig- Exveditionen 1 Mk. 50 Pfg., durch die Psst 1 Mk. 60 Pfg. für das Vierteljahr.

Verlag: Langgasse 27,

13,000 AKormenLerr.

A«zeige ».Preis r

Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. Reclameu die Pctitzcile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.

U-» 297.

Dienstag, den 28. Ium

1892.

Uenr Romane.

Auch für das kommende Vierteljahr haben wir, außer den zahlreichen, mit einer Nunimer abschließenden Erzählungen, Skizzen :«nb Aufsätzen belehrenden und unterhaltenden Inhalts wieder mehrere hervorragende Romane erworben, von denen täglich zwei in Fortsetzungen erscheinen. Wir nennen von diesen Er- fzählungen nur:

Unter Halbmond und Kren;

von

Christian Wenkardt,

eine Erzählung, die theils in einer nordischen Hafenstadt, theils int Orient spielt und den Consulmord in Salonichi zum Mittelpunkt der Handlung hat. Benkardt, durch seine farbenreichen Schilde­rungen aus dem Seemannsleben Vortheilhaft bekauitt, hat auch hier wieder eine spannende Fabel mit einer malerischen und interessanten, landschaftlichen Scenerie verwebt. Weiter wird erscheinen:

Ferida.

Ein Roman aus Ostasrika von

H. Elster.

welcher die romantischen Erlebnisse eines deutschen Beamten in unseren Colonien in glühenden Farben schildert und ein lebendiges Bild der eigenartigen Verhältnisse dort giebt. Nicht minder fesselnd ist der Roman:

Aus höheren Regionen

von

Adolf Streckfuß,

der die Entlarvung eines spiritistischen Schwindels behandelt und alle Vorzüge des berühmten Autors aufs neue in das hellste Licht setzt.

Die Redaetion ist wiederum bemüht gewesen, sich nicht nur spannende, sondern auch Mrarisch wcrthvolle Arbeiten für ihre Leser zu sichern. Ferner wurde auch für das kommende Vierteljahr eine größere Reihe von Aufsätzen über die Grtogeschichte Nassau» erworben.

Die Politik und die Jugend.

Soll die Jugend an dem politischen Parteitreiben theil- nehmen?Politik verdirbt den Charakter", sagen die Einen. Die Anderen wiederum weisen mit Recht auf die Pflicht, schon in dev Jugend den Keim zu legen, welchem der Patrio­tismus entblüht. Aber oft wird gerade der reiferen Jugend durch das allzu lebhafte Interesse für Politik die Zeit ge­raubt, sich für andere wichtige Dinge zn intereffiren, vor Ment an der Ausbildung für ihren Beruf fortzuarbeiten.

Eduard von Hartmann klagt darüber und sagt:

Die reifen Männer können und dürfen sich nur aus­nahmsweise ihren politischen Pflichten entziehen, aber diese Pflicht sollte doch nur für die reifen Männer gelten. Hand­arbeiter mögen für relativ reif gelten, wenn sie in das I

Alter der Wahlberechtigung eingetreten sind; denn geistig reifer als sie bann sind, werden sie doch nur in Ausnahme­fällen noch werden. Die gebildeten Stände dagegen brauchen gerade die Zeit vom Abgang aus der Schule bis zur Ver- heirathung (also etwa vom 18. bis zum 30. Jahre), um sich geistig zu entwickeln und ihre Mannesreife zu gewinnen; wenn sie diese Zeit, wo der Geist bereits das volle Ver- ständniß besitzt, ohne doch schon in festen Ansichten ver­knöchert zu fein, für ihre humanistische Ausbildung unge­nutzt verstreichen lassen und statt dessen sich auf Politik werfen, so versäumen sie meist etwas Unwiederbringliches. Soll die Physiognomie unserer höheren Gesellschaft vor einer vorzeitigen facies hippocratica bewahrt bleiben, so müssen Studenten und angehende Praktiker die Politik wie die Pest scheuen und die Erfiillung ihrer politischen Staatsbürger­pflichten auf ein Alter verschieben, wo sie durch vielseitige humanistische Bildung in ihrem Geiste einen Grund gelegt haben, auf dem eine selbstständige, von Parteischlagworteu unabhängige politische Urtheilsbildung erst möglich wird.

Aber der Philosoph des Unbewußten giebt auch zugleich zu, daß mau sich heutzutage nur schwer dem politischen Parteitreiben entziehen kann.

Ein Hauptunglück nach der 48er Zeit in Deutschland ist das Zusammentreffen gesteigerter Berufsansprüche mit dem Ueberwuchern politischer Interessen über die künstlerischen, wissenschaftlichen, gemüthlich-geselligen und religiös-sittlichen. Die in jeder Bernfsthätigkeit gegen früher erheblich ge­steigerten Ansprüche an bereit Träger verringern nicht nur die Muße, sondern lasse-n auch den einzelnen nach genauer Tagesarbeit erschöpfter und erholungsbedürftiger in die Mußezeit eintreten, so daß er nicht nur weniger Zeit, sondern auch weniger Lust und Kraft verfügbar behält, um sich In­teressen^ die seinem Berufe fern liegen, mit Ernst und Samm­lung zuzuwendeu. Was aber noch übrig bleibt, davon nimmt die Politik den.Löwemmtheil für sich in Anspruch, welche sowohl dB politische Tagespresse,. wie. als politisches Bereinsweseit an die SammlungSfähigkeit des Aufnehmenden nicht allzu hohe Ansprüche stellt. Die Interessen an sozialethischen und religiösen Fragen gelangen fast nur noch insoweit zu ihrem Recht, als sie sich mit der Politik berühren, in den Streit der politischen Parteien Eingang gefunden haben und durch die Brille des Politikers angesehen werden können. Das politische Parteitreiben aber macht das Gros der Menschen roh und gewöhnt sie au das Austheilen und Ertragen von Beleidigungen und Beschimpfungen, ähnlich wie in der Reformationszeit der confessionelle Hader.

Kocoles.

Wiesbaden, 28. 3mit.

= An» der Gesellschaft. Am Samstag Nachmittag stattete die Großherzogin von Luxemburg in einem Viergespann (Schitumel) der Kaiserin Friedrich in Homburg einen Besuch ab.

Pcrsonal-Nachrichfcrr. Herr Rescrendar Dr. Gehrke ist zum Gerichtsasseffor ernannt worden. Herr Stationsvorsteher Dantm von Limburg ist nach Ems und der Stationsvorsteher von Diez, Herr Kretzer, nach Limburg versetzt worden.--Lei der

am Freitag und Samstag hier stattgehabten Lokomotivführer Prüfung hat u. A. das Wimen mit der besten Note bestander Andreas Holl mann aus Limburg. HerrOberstenercontrolleu, Wittich in Limburg ist nach Altona versetzt; an feine Stelle tritt Herr Obersteuercontrolleur Bruns aus Kirberg. Der Stener- ausseher bei dem König!. Steneramt in Biebrich, Herr Schneider, tritt mit dem 1. Juli in den wohlverdienten Ruhestand. An seine Stelle ist Herr Steueraufseher Priebe in Hattersheim nach Biebrich versetzt. Bei der in Usingen am König!. Lchrerseminar abge- haltencn zweiten Lehrerprüfung wurde drei der Examinanden als Auszeichnung für in allen Theilen gute Leistungen die Berechtigung zum Unterricht an Unterklassen von Mittelschulen und höheren Töchterschulen verliehen und zwar den Herren Buhlmann- Breckenhcim, Jordan-Usingen und Vollmer-Sindlingen. In den nächsten Tagen tritt Herr Bürgermeister Heß einen längeren Urlaub an und geht nach Norderney. Im August wird Herr Oberbürgermeister Dr. von Jbell eine Baderehe machen und nach dessen Rückkehr wird Herr Beigeordneter Körner einen Ausflug in die Schimiz unternehmen.

Ktirhan». Morgen Mittwoch wird Nachmittags die Capelle des Regiments von Gersdorff und Abends diejenige des Musik- Vereins concertireu. Während des Abend-Concc'rtes wird die Conccrtsänger-Gescllschast Ringler und Hoff aus dem Pusterthale int Musiktempel.durch Gesangs-Vorträge erfreuen. Dieselbe hat vor einiger Zeit mit großem Erfolge in Dresden concertirt. Die Leistungeil der Gesellschaft kennzeichnet toobl maßgebend folgendes Zeugniß, welches ihr unterm 28. März d. I. Herr Professor Eugen Krantz, der Dircctor des Königl. Conscivatonums für Musik in Dresden ausstcllte:Die Gesellschaft Ringler und Hoff, Tyroler Sänger und Zitherspieler, legte heute Proben ihres Könnens vor mir ab und wird ihr hiermit bescheinigt, daß sie durch die Trefflich­keit und Klangschöuheit ihrer Ausführungen ernsteres künstlerisches Interesse für das besondere Genre, welches dieselbe vertritt, zu er­regen geeignet ist." Auch zn dieser Veranstaltung wird ein be­sonderes Entree nicht erhoben, doch sind alle Kurhauskarten vorzu­zeigen. Des Ferneren finden an besonderen Veranstaltungeu im Kurhause statt: Donnerstag bekanntlich großes Gartenfest, Samstag Heunion dansante, Sonntag eine Soiräe des trefflichen Humo­risten O. Lamborg, Montag Amerikanisches National-Fcst-Concert mit bengalischer Beleuchtung rc.

Dao deutsche Turnfest, beziv. dessen llebernahme durch die Wiesbadener Turuerschaft im Jahre 1894, wird auf der Tages- ordnung einer morgen Nachmittag stattfindenden Veo sammlung der Stadtverordneten steheu. Wie wir hören, ist die mit Vorprüfung dieser Angelegenheit betraute Commission zu einem wesentlich günstigeren Resultate als früher gelangt, sodaß die Hoffnung besteht, das großartige Unternehmen unserer Turner werde schließlich doch noch seiner Verwirklichung entgegengeführt werden, vorausgesetzt, daß der deuffche Turnausschuß eine» gleich entgegenkommenden Standpunkt einnimmt.

= Die Dorbesprechung der Herren Stadtverordneten zu der morgen Mittwoch, den 29. Juni, stattfindenden außerordentlichen Stadtverordncten-Sitzungfindet heute Dienstag Abend 8 Uhr imRounenhos" (Damcnsaal) statt.

-o- Dao Königs schießen desBürgerschützen-Corps" wurde gestern Vormittag wieder auste.iominen und so eifrig fortgesetzt, daß es gestern Abend kurz nach 6 Uhr mit dem Königsschusse sein Ende erreichte. Unter starker Concurrenz gelang es Herrn Dresch- maschiuenbesitzer Georg Spieß, einem der ältesten Mitglieder des Corps, die Königstrophäe, den Rumpf des Vogels, zu erringen und sich damit dieKönigswürde" für das nächste Jahr zn sichern. Auf diesen entscheidenden Moment wurden die Festbesucher durch Böllerschüsse und den Jubel der Schntzenbrüder, mit dem dieselben ihren neuenKönig" vor die Schießhalle trugen, aufmerksam ge­macht. Um 7*/i Uhr erfolgte durch den Chef des Corps, Herrn Schreinermeister Jacob Hecker, die feierliche Proclamation des

(5. Fortsetzung.)

Versöhnt,

Novelle von Ernst Richard Wulkow.

Meine liebe Mutter starb, als ich ein siebenjähriges Rinb war, und wenn mir auch bie milden Züge ihres blassen Antlitzes nur in dämmernden Linien vorschweben, so höre ich doch noch oft ihre sanfte, liebe Stimme, mit der sie zu tni sprach von lieben und guten Menschen. Sie starb, als mein jüngerer Bruder geboren wurde. Auf ihren letzten, beftimmt ausgesprochenen Wunsch kam Frau Werner, eine Milchschwester meiner Mutter, als meine Pflegerin und Er­zieherin in unser Hans. Witiwe eines Geistlichen, ansge- ftattet mit vielseitigen Kenntnissen und von seltener Treue und Innigkeit des Gefühls, wurde sie mir eine liebe, zweite Mutter, der ich meine ganze Erziehung verdanke. Ich habe mir chrcn Unterricht genossen; mein Vater wollte mich keinem Pensionat anvertrauen und auch meine Wünsche sprachen nur für das Verbleiben bei der Tante Werner, die mich liebte und hegte, wie es nur eine Mutter kann. Mein Vater liebte mich nicht; ich hatte das als Kind nicht gewußt, je älter ich aber wurde und je mehr mir durch treue Er­ziehung Herz und Auge geöffnet wurden, je mehr erkannte ich, daß mein Vater so ganz anders war, als meine Mutter flnb bie Tante Werner. Er war rauh unb kurz gegen mich, Hub wenn ich an seinen Geburtstagen kinbliche Berschen mit ängstlichem Munde als Glückwunsch sprach, da hörte er mich kaum zu Ende, winkte mir mit der Hand und entließ mich mit einem liebeleeren:Gut, gut!" Uni meine eigent­liche Bildung kümmerte er sich wenig, nur einer Seite der­selben hat er stets eine gewisse Sorgfalt gewidmet: ich ver­danke ihm den Sinn für Musik, für jene himmelentsprossene Trösterin, die mich in späteren Tagen so oft erhoben hat, do ich des Trostes bedurfte. Tante Werner war wenig

ntusikalisch und deshalb übernahm es wohl mein Vater, der an mir Talent für Musik wahrnahm, die Methode des musi­kalischen Unterrichts zu ordnen, ja mir selbst wöchentlich eine Stunde zu geben. In diesen Stunden war er milder und freundlicher, als sonst jemals, und eine wirkliche Freude leuch­tete aus seinen sonst so strengen Angen, wenn ich ihm mein musikalisches Pensum fehlerfrei vortragen und gar bie Be­merkungen wicberholen konnte, bie er beim Unterricht einzn- ftreuen pflegte. Er selbst saß oft bis in die späte Nacht vor seiner Stubenorgel und spielte wundersame, ernste Melodieen, die mich tief ergriffen, wenn ich lauschend an seiner Thür stand, oder bie Erlaubniß erhielt, zuhören zu dürfen. Künstler von Ruf sahen wir in unserem Hause unb währenb mein Vater mit der Nachbarschaft nur einen kühlen Formen­verkehr unterhielt und für einen stolzen, abstoßenden Mann galt, machte es ihm offenbar Freude, mit jenen Künstlern in einen herzlichen ungezwungenen Verkehr zu treten unb sie gläuzeub zu bewirthen. In den Gesprächen, die fast ausschließlich musikalischen Inhaltes waren, zeigte sich mein Vater als Kenner unb geistreicher Beurtheiler, Denn seine Anschauungen würben von jenen Künstlern hoch geschätzt, und wenn er so schön unb warm vom Altmeister Bach, vom großen Beethoven, vom herrlichen Biozart redete, wenn er ihre größten Meisterwerke oft in schlagender Kürze charac- terifirte, bann hörten sie ihm in ehrerbietigem Staunen zu unb ich empfand in meinem kindlichen Herzen einen gewal­tigen Stolz vor jenem Manne. Dann that es mir so recht weh, daß er mich nicht liebte, daß ich ihm nicht näher stand, daß er mich so obenhin behandelte, und eine immer wachsende Bitterkeit vergiftete mein unbefangenes Gefühl und stieß mich ab von Dem, der mir auf der Welt am nächsten stehen sollte. Mein Brüderchen Franz, äußerlich ganz das Eben­bild meiner Mutter, wie Tante Werner nicht genug ver­sichern konnte, wuchs zu einem lieblichen, munteren Knaben

heran und brachte durch sein frisches, oft keckes Treiben eine erwünschte Fröhlichkeit in unser Stillleben. War es doch in dem weiten, alten Schlosse so dumpf und unheim­lich unb brachte boch selbst ber Sommer uns nur wenig Freuden. Das über hundert Jahre alte Gebäude mit seinen thurmhohen, grämlichen Zimmern, mit seiner geschmacklosen Einrichtung und seinen verschnörkelten Zierrathen wollte mir niemals gefallen; ber einzige Raum, den ich liebte, war das Musikzimmer meines Vaters und den durfte ich nur so selten besuchen. Hier war es traut und wohnlich. Die alten, steifbeinigen Möbel, bie an Unbequemlichkeit Unglaub­liches leisteten, waren hier einer einfachen, aber äußerst zweckmäßigen Einrichtung gewichen, hier standen in zierlichen Spinden die Geistesschätze unserer Nation, hier schauten die broncenen Büsten der großen Pleister der Tonkunst auf ein heiteres Gemach, das in seiner gesummten Ausstattung und mit seiner Ausschau auf die blauen Glatzer Berge zur hei­teren Ruhe und zur friedlichen Geistesarbeit auffordert. Wie heiß ersehnte ich mir einen ähnlichen Aufenthalt, in wie ge­drückter Stimmung kehrte ich aus jenem heitern Raum zurück in meine dunkeln Gemächer mit ihren unmöglichen Sesseln und Schränken, ihrem schnörkelhaften Schnitzwerke und ihrer erdrückenden Malerei. Indessen hütete ich mich wohl, meinen Wunsch dem Vater zu verrathen; mein sogenanntes Gartenzimmer, dem das Licht durch zwei mächtige Buchen­riesen zum Theil entzogen wurde, galt einmal für das beste rm Hause unb ich mußte es glauben. Auch bie Umgebungen unseres Schlaffes befriedigten nicht meine Sinne, bie nach heiteren Bildern schmachteten. Wenn ich dem Gehege ber Wirthschaftsgebäude unb Scheune» entronnen war, so empfing mich überall wohkenltivirter Acker, ber unter bes Vaters Aufsicht von einem tüchtigen Verwalter bewirthschafter wurde, und an der Grenze unserer Feldmark bildete ein weiter Kiefernwald, mit spärlichen Birken verziert, die unteren