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Abend-Ausgabe

Wiesbadener Tagblatt.

40. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgabe«. — Bezugs-PreiS: Zn Wiesbaden und den Landorte« nut Zweig- Exveditionen 1 Mk. 50 Pfg., durch die Post 1 Mk. 60 Pfg. für das Vierteljahr.

Verlag: Langgasse 27.

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Ko. 291.

Freitag, den 24. Juni

1892.

Neue Nomaue.

Auch für das kommende Vierteljahr haben wir, außer den zahlreichen, mit einer Nummer abschließenden Erzählungen, Skizzen und Aussätzen belehrenden und unterhaltenden Inhalts wieder mehrere hervorragende Romane erworben, von denen täglich zwei in Fortsetzungen erscheinen. Wir nennen von diesen Er­zählungen nur:

Unter Halbmond und Kren;

von

Christian Aeukardt, eine Erzählung, die theils in einer nordischen Hafenstadt, theils im Orient spielt und den Consulmord in Salonichi zum Mittelpunkt der Handlung hat. Benkardt, durch seine farbenreichen Schilde­rungen aus dem Seemannsleben vortheilhaft bekannt, hat auch hier wieder eine spannende Fabel mit einer malerischen und interessanten, landschaftlichen Sceneric verwebt. Weiter wird erscheinen:

Ferida.

Ein Roman aus Ostafrika von

Q. Mer.

welcher die romantischen Erlebnisse eines deutschen Beamten in unseren Colonien in glühenden Farben schildert und ein lebendiges Bild der eigenartigen Verhältnisse dort giebt. Nicht minder fesselnd ist der Roman:

Aus höheren Reglsneu

von

Adolf Streckfutz,

der die Entlarvung eines spiritistischen Schwindels behandelt und alle Vorzüge des berühmten Autors aufs neue in das hellste Licht setzt.

Die Redaetion ist wiederum bemüht gewesen, sich nicht nur spannende, sondern auch literarisch werchvolle Arbeiten für ihre Leser zu sichern. Ferner wurde auch für das kommende Vierteljahr eine größere Reihe von Aussätzen über die Grtsgr schichte Nassaus e.'worb n.

Die Airswanderitng der Juden aus Rußland.

Ein Ereigniß von großer Tragweite ist der jetzt zum Abschluß gediehene Vertrag der russischen Regierung mit der jüdischen Colonisationscommission, die, wie eine amtliche Kundgebung des St. Petersburger Regierungsanzeigers dar­legt, die Verpflichtung übernommen hat, im Verlauf von 25 Jahren, von 1892 ab gerechnet — also bis 1917 — 3,250,000 Juden aus Rußland nach Amerika überzuführen. Die Association, an deren Spitze der bekannte Baron Hirsch steht, verfügt über ein Kapital von 50 Mill. Frcs.; sie hat große Liegenschaften in Argentinien erworben und beab­sichtigt, weiteren Boden zur Colonisation in Brasilien, Mexico und Canada zu kaufen, während gleichzeitig die

Vereinigten Staaten die Verpflichtung eingegangcn sind, eine gewisse Anzahl russischer Juden in ihrem Territorium auf­zunehmen. Schon in diesem Jahr wird mit der Uebersiede- lung von 25,000 Inden nach Argentinien begonnen.

Die russische Negierung hat sich, nachdem ihr die nöthigen finanziellen Garantien geboten waren, bereit gefunden, jene Auswanderungsbewegung nach Möglichkeit zu fördern. Die Auswanderer erhallen unentgeltlich Pässe, und die Regierung erläßt ihnen die militärischen Dienstpflichten. Wer durch Vermittelung der Association answandcrt, gilt als für ewige Zeiten aus dem russischen Unterthanenverbande geschieden. Die Regierung übernimmt die Aufsicht über alle diejenigen, welche die Auswanderungscrlanbniß erhalten haben, und sorgt dafür, daß sie auch wirklich das Reich verlassen. Am 8.—20. Mai hat diese Vereinbarung durch das Minister- comitö ihre offizielle Bestätigung erhalten.

Damit ist, so schreibt die M. „Allgcm. Zeitung" eine Auswanderuugsbcwegung hcrvorgerufen, wie sie nur in den orientalischen Staaten des Alterthums eine Parallele findet. Ein ganzes Volk wird versetzt, Polen und Südrußland von Elementen befreit, die nnzweifelhaft dazu bcigetragen haben, diesen Gebieten ihren besondcrcn Charactcr und Land und Leuten einen Typus zu geben, wie ihn eine betriebsame, zugleich geknechtete und doch wirthschaftlich ausbeutende jüdische Bevölkerung den Staaten des Halborients aufzu- prägen pflegt. Schätzt man die Gcsammtzahl der russischen Juden auf 4 Millionen, eine Zahl, die übrigens keineswegs feststeht, so blieben etwa dreiviertel Millionen, und zwar zweifellos die kräftigsten und religiös freiesten Ele­mente zurück, wohl diejenigen, welche entschlossen sind, die von Rußland verlangte religiöse und nationale Assimilinrng über sich ergehen zu lassen — eine Wandlung, die sich bereits zu vollziehen begonnen hat urrd meist den Heißspornen des Panslavismns neue Kräfte zuführt. Im Großen und Ganzen aber wird man annehmen dürfen, daß Rußland seine Inden damit abschüttelt, und es fragt sich, welches die wirthschaftlichen und politischen Fragen des Ereignisses sein werden.

Wir schicken voraus, daß wir an eine Scßhaftmachung jener polnisch-kleinrussischen Juden in den amerikanischen Ackerbaucolonien nicht glauben. Eine Nation, die, soweit die historische Erinnerung zurückreicht, den Ackerbau gescheut hat, kann nicht plötzlich in denselben hineingeworfen werden, es sei denn durch Zwang. Da aber schwerlich möglich sein dürfte, jene Auswanderer schollenpflichtig zu uiachcn, werden sie aller Wahrscheinlichkeit nach sich über Süd- und Mittcl- amerika und von dort aus über Nordamerika als Handels­leute ausbrciten, vielleicht auch über Jahr und Tag den Weg nach Europa zurücksindeu, obgleich das Letztere weniger Wahrscheinlichkeit hat.

Für Deutschland ist es, so meint das citirte Blatt, zweifellos von Wichtigkeit, daß der bodE) nur schwer zu be­hindernde Zuzug von polnischen Juden anfhört. Gerade die von dort her uns znströineudcu Elemente, die in Druck und Armuth verkümmerlen, haben sich als bedenklich erwiesen

und nicht wenig dazu beigetragen, die bösartigen Formen des Antisemitismus bei uns aufkommen zu lassen. Auch ist ja bekannt, daß man von Seiten unserer deutschen Juden stets bemüht war, den Zufluß nach Deutschland zu behindern, dessen Bevölkerung ohnehin stetig wächst. Wir haben also allen Grund, mit den sich vorbereitenden Dingen zufrieden zu sein.

Anders liegt aber die Frage für Rußland. Jene Aus­wanderer geben einen Boden frei, den Rußland jetzt national zu assimiliren bemüht ist: Polen und die ehemals polnischen Provinzen Wolhynien, Podolicn, Kleinrußland. Dieser Be­völkerung wird damit eine im Augenblick steis bequeme wirtschaftliche Krücke genommen, welche die Ausbildung der eigenen wirthschaftlichen Tüchtigkeit behinderte. Die Lücke durch großrussische Einwanderer zu ersetzen, wird sich als unmöglich erweisen, einmal wegen der Abneigung, die un- verlilgbar im Großrussenthum gegen das polnische und klein- russische Element lebt, dann aber wegen der geringeren Tüchtigkeit des großrussischen Bauern, der die Concurrenz mit seinen nächsten Blutsgenosscn im Westen und Süden nicht zu bestehen vermag. Das ist von jeher so gewesen und noch jüngst erhärtet worden durch die von der Regierung gemachten Versuche, großrussische Bauern im Königreich Polen anzusicdeln oder russische Majorate auf diesem Boden zu begründen. Beide sind heute spurlos verschwunden, sie haben dem „unsympathischen" Lande den Rücken gekehrt. Der Großrusse gedeiht hier nur als Beamter oder Priester oder Soldat, kurz in einer Stellung, die ihm die Herrenroll« einer unterjochten Bevölkerung gegenüber zumeist: productive Arbeit, welcher Art immer es sei, hat er hier nie übernom­men und zu leisten vermocht.

So bleibt nur das Andere, daß Polen und Kleinrussen selbst den freigewordenen Platz einnehmen und sich auszu­dehnen und zu kräftigen beginnen. Wohin diese Entwicke- Inng führen wird, ist schwer Vorauszusagen: unserer Meinung nach zu einer Schwächung der Stellung, die das herrschende Großrussenthum zur Zeit entnimmt, wie denn überhaupt Rußlaud es versteht, die verhängnißvollen Knoten einer Zu­kunft zu schürzen, die, wenn nicht alle Zeichen trügen, eine große Katastrophe in sich schließt.

Korales.

Wiesbaden, 24. Juni.

— LehrersteUe. Die Lebrerstelle zu Watzelhain, im Unter« tannuSkreise mit einem dekretlichen Gehalte von 900 Mk. soll bis zmn 1. August l. I. anderweitig besetzt werden. Anmeldungen für dieselbe sind bis zum 16. Juli l. Js. durch die Herren Kreis-Schul- iuspektoren bei Königlicher Regierung, Abtheilmig für Kirchen- und Schulsachen hier zu machen.

— FörstrrstrUen. Die Gemeindeförsterstellen Ho sh ei m und Schupbach gelangen zum 1. Getötet 1892 zur Neubesetzung. Mit der Stelle Hosheim ist eine Gesarumtbesoldung von jährlich 1023 M., mit der Stelle Schupbach ein Anfangsgehalt von jährlich 1182 M. verbunden. Bewerbungen sind bis zu in 20. August d. I. an den König!. Forstmeister Herrn K eh rein in Hojheim, bezw. an den König!. Forstmeister Herrn v. Seelstrang in Runkel zu richten.

(2. Fortsetzung.)

Versöhnt.

Novelle von ßrnst Richard Wnkkow.

Ich bestieg den Berg und wandte meinen Blick, einer Knabengewohnheit getreu, nicht zuerst nach der offenen See, sondern auf die lieblichen Abhänge des waldigen Berges, die sich in prachtvoll geschwungenen Linien dahin ziehen. Sorgsame Hände haben dort ein Plätzchen auserkoren und mit Ruheplätzen versehen, von dem aus man sich so recht in das liebliche Idyll vertiefen kann. Dorthin trieb es mich; ich trat auf den durch Bäume fast verdeckten Platz hin und erblickte die Gräfin und Frau Werner. Meine Schritte waren bereits gehört worben; wiewohl ich also in den Verdacht der Zudringlichkeit kommen konnte — einen Rückweg gab es für mich nicht mehr; ich mußte die Initiative ergreifen, wie schwer sie auch unter solchen Um­ständen war.

„Wenn ich Ihre Einsamkeit gestört haben sollte, mein gnädiges Fräulein, so mag mich der Umstand entschuldigen, daß ich bei jedem Besuche dieses herrlichen Ortes immer zuerst dieses mein Lieblingsplätzchen aufzusuchen pflege, liebe Jugenderinnerungen knüpfen sich für mich an dasselbe und gerade von hier aus genieße ich das liebliche Landschafts­bild am reinsten."

Nicht ohne Befangenheit sprach ich diese Worte und er­wartete eine Entgegnung. Frau Werner verneigte sich schweigend und sah ‘ dann mit einem forschenden Blicke die Gräfin an. Diese wandte sich nach einer kleinen Pause zu mir und indem sie mit freundlicher Handbewegung mich zum Niedersetzeu aufforderte, sprach sie mit wunderbar voll und tief klingender Stimme: „Sie stören uns .nicht, Herr Doctor: ich glaube, daß Sie die Natur wirklich lieben.

Damit pflegt sich meistens ein edler Sinn für ihre Schön­heiten zu paaren."

„Mir ersetzt sie Vieles, was das Leben mir versagte", entgegnete ich, „neben der freudigen Ausübung meines Be­rufes sind ihre Gaben diejenigen, deren mein Herz am meisten bedarf, um das Leben erträglich zu finden.

„Sind Sie wohl recht glücklich dabei?" fragte sie mit einem unbeschreiblich wehmüthigen Blicke.

„Ich bin glücklich und vermisse, nichts mehr. Meine ganze Erziehung hat mich vor den süßen Schmerzen idealer Weltanschauungen bewahrt und die Vorsehung hat mir keine schweren Schicksale zu tragen gegeben. Meine Eltern starben in hohem Alter, ich verschmerzte den Verlust leicht; ein kleiner Kreis von Freunden ersetzt mir die eigene Familie, die ich nicht besitze."

„So liebten Sie nie?" fragte sie weiter mit einem Blicke, vor dem schwer Stand zu halten war.

Ich mußte unwillkürlich lächeln. „Flüchtige Jugend­bekanntschaften haben keine dauernde Erinnerung bei mir zurückgelasscir; ich könnte sagen, daß ich nie geliebt hätte, wenn eine trübe Erfahrung mir nicht noch bisweilen vor die Seele träte, die mich hart darauf hinwics, daß es noch immer bevorzugte Stände in der Welt giebt. Doch — cs wäre vielleicht nnaugemesseu, weiter hiervon zu sprechen."

Die Gräfin war bei meinen Worten sehr aufmerksam geworden, sie faßte sich indes sogleich wieder und sagte ruhig: „Liebe hat Schmerz, oft viel Schmerz. — Liebe Tante, wir überlassen dem Herrn jetzt wohl allein diesen Platz, wir waren schon lauge hier. Adieu!" Die ersten Worte sprach sie langsam wie in trübe Erinnerungen ver­senkt, dann stand sie mit einer aufwallenden Hast auf, 'gab der Frau Werner einen Wink und ging rasch mit ihr den Laubgang hinunter. — Das kurze Gespräch hatte meiner Stimmung keine erfreuliche Richtung gegeben; nachdem ich

eilte kurze Zeit ohne Genuß in die heiteren Thäler zu meinen Füßen, dazwischen auch bisweilen den Gang hinunter- geblickt hatte, wo die Gräfin verschwunden war, ging ich raschen Schrittes in den Ort zurück, forderte meinen Wagen und befand mich bald in Zovpot auf meinem bescheidenen Zimmer, mich mit der Hoffnung tröstend, daß die heitere Gesellschaft, mit der ich gemeinschaftlich den Ausflug nach Oliva initeruomuten hatte, mich nicht vermissen würde. — Ich pflege auf meinen kleinen Erholungsreisen nie viel Lcctüre mitznnehmen; die Erfahrung lehrt, daß man ihrer nicht bedarf, wenn man Ohr und Auge hat für die netten Erscheinungen, die uns entgegentreten. Zwei Bücher jedoch dürfen mich nie verlassen, es sind; Hamlet und Faust. Mit wahrer Sehnsucht griff ich nach dem philosophischen Dänen- prinzen, streckte mich behaglich auf das Sopha und begann meiner Stimmung durch Recuatiou der unsterblichen Mono­loge Ausdruck zu geben. „Wie ekel, schal und flach ist diese Welt," so tönte es in meinem durch indiscrete Wände höchst unsicheren Zimmcrchcn, als unter mir im Kursaale eine freundliche Polka und das obligatorische Stampfen tanzlustiger Beine meine Stimmung versöhnlicher machten und meinen Dätteuprinzen zum Schweigen brachten. Mit dem plötzlich gefaßten Vorsatze, dem lieben Orte noch einen Tag zu widmen und mich dann wieder kopfüber in meinen Beruf zu stürze», um in ihm die schwarzen Augen meiner Fee zu vergessen, suchte ich mein Bett auf. Die gedämpften Töne von Geige und Flöte wiegten mich bald in süßen Schlaf. —

Die Natur schien mir keinen freundlichen Abschiedstag beschcert zu haben. Trübe Wolken hingen am Morgen, so weit das Auge reichte, über Nicer und Land, und ein feiner durchdringender Regen machte zu meinem großen Bedauern Spaziergänge unmöglich. Ich beschränkte mich daher nach genommenem Bade auf wenige nothwendige Abschiedsbesuche