Abend-Ausgabe.
40. Jahrgang.
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U-. 283.
Dienstag, den 21. Imn
1892.
S Die Hofthrateefrage im Landtag.
Den wesentlichen Verlauf der gestrigen LaudtagZver- handluug über die für unsere Stadt so wichtige Interpellation wegen des Hostheaters brachten wir bereits durch Telegramme. Nachstehend einen ausführlichen Bericht über diese Angelegenheit die das politische Interesse in der letzten Zeit so stark beschäftigte:
Am Ministertische des Abgeordueteichaiises befanden sich die Herren Graf zu Eulenburg, v. Boetticher, Miquel, Herrfurth, Bosse, v. Heyden.
Die Jntcipcllation der Abgeordneten Sattler, Wallbrccht und Enncccerus lautet: An die Königliche Staatsrcgicriing wird die Anfrage gerichtet: 1) Ist die Königliche Staatsregiernng von dein Plane unterrichtet, den bisher von dem Kronfideikominipfonds für die Theater in Hannover, Kassel und Wiesbaden gezahlten Zuschuß einznzichen. 2) Jin Falle der Bejahung, was beabsichtigt sie zu thun, um die dadurch hervorgcrnfcne Gefährdung der berühmten und mit der Geschichte der betreffenden Städte und Landektheile eng verbundenen Kunst-Institute zu verhüten?
Ministerpräsident Graf zu Eulenburg: Ich bin bereit, die Interpellation sogleich zu bcnnttvorten.
Zur Begründung der Interpellation bemerkt Abgeordneter L-attler (nat.-lib.): Wir haben die uns geschäftSordnungsmäßig zur Verfügung stehende Form der Interpellation gewählt, obwohl unsere Absicht damit nicht gedeckt wird. Wir haben diese Forni mir gewählt, weil wir in keiner anderen Weise unsere Absicht zu irreichen wußten. Es würde wenig unserer Absicht entsprechen, ®enn tvir auf die erste Frage die Antwort erhielten, die Mitglieder >cr Regierung haben zwar durch die Presse davon Kenntniß cr- -alteu, daß der Minister des königlichen Hauses gegenüber der Stadtvcrtretung von Wiesbaden Absichten geäußert hat, welche anzudeutcn scheinen, daß beabsichtigt sei, die Zuschüsse aus dem Kroufideikommißfonds zwar zunächst noch fortzuzahlen, daß man aber entschlossen sei, die Verwaltung der Theater der Stadt zu uberlasien und nach einiger Zeit die Zuschüsse eiuzuzieheu. Amtlich hat die königliche Regierung keine Kcnnlmß davon erhalten. Mit unserer Interpellation wollen wir Klarheit in die Sachlage bringen, zunächst über die Absichten des kal. Hausministers und dann über die Rechtslage der Theater. Die Frage ist auigcrollt worden durch die Verhandlungen des königl. Haiirmmisters mit der Stadtverwaltung in Wiesbaden, und mau muß daraus schließen, daß der Herr Hausminister entschlossen ist, die bisherige Verwaltung der königlichen Theater in den drei Städten nicht bcizubehalten, daß er zwar für ein Ncbergangsstadium noch geneigt ist, die bisherigen, allmählich abnehmenden Zuschüsse zur Verwaltung dieser Theater zu bewilligen, aber über kurz oder lang dieser Zuschüsse sich ganz zu entschlagen gedenkt. Die Absicht hat in den betreffenden Städten eine so hochgradige Beunruhigung, ja ich kann geradezu sagen, Bestürzung hervorgerufen, daß die Vertreter der betreffenden Städte sich gezwungen sahen, die Angelegenheit hier öffentlich zur Sprache zu bringen. Wir können uns über den Sturm der Beunruhigung nicht wundern, wenn wir uns vergegenwärtigen, welche Bedeutung die Theater für diese Städte und ihre llnigebung halun. Gegenüber all den Nachthcilen, die die traurige Zersplitterung unseres deutschen Vaterlandes zur Folge hat, ist es ein Vorthcil, daß dadurch eine übermäßige Centralisation von Kunst und Wissenschaft verhindert ist. Die kleineren Höfe Deutschlands haben es für ihre Pflicht gehalten, das Mäceuatenthum für Kunst und Wissenschift zu pflegen, und sie haben diese Pflicht erfüllt. Sic haben damit auch den Städten, in denen die Institute von Kunst und Wissenschaft geschaffen wurden, außerordentliche wirthschastliche Vortheile gewahrt, und jene Kunstinstitute sind auch iuuerlich mit den Städten verwachsen. Diese Kunstinstitute sind der Stolz der Bevölkerung In richtiger Erkcnntniß der Wichtigkeit dieser Institute für die drei Orte hat es der König von Preußen bei der Annexion der betreffenden Landesthcilc für geboten erachtet, die Befürchtung zu zcr-
streueii, als würde durch Vereinigung der Gebiete auch eine Ccn- tralisatiou in Kunst und Wissenschaft herbeigcführt werden. Der König hat seine Absicht dahin ausgesprochen, daß darin nichts geändert werden soll, daß die für Bildung und Gesittung so wichtigen Institute bestehen bleiben und von der Krone Preußens übernommen werden sollen.. Dieses Versprechen ist gehalten worden und mit Dankbarkeit wird die getreue Erfüllung anerkannt. Durch diese Aussühnmgcn aber waren die Bewohner zu der Meinung gckommcu, daß das Verhältnis; ein dauerndes sein würde, und die Nachricht, daß der Hausminister eine Aendcrung nach dieser Richtung beabsichtige, hat sie getroffen wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Deshalb sind wir verpflichtet, dafür zu sorgen, daß Klarheit zunächst darüber geschaffen wird, was der Hausministcr will. Mau könnte sagen, daff die Interpellation nicht an die königliche Staatsregiernng hätte gerichtet werden dürfen, da der Hausminister nicht Mitglied derselben ist; die Sache hat aber auch eine politische Bedeutung, und daher ist die Adresse gerechtfertigt. Schon der Nichthannoverauer, Herr v. Wildenbruch, hat in beherzigenswerthcn Worten diese Bemerkung gemacht. Wir haben in Hannover Elemente, die der Zugehörigkeit zu Prenßeu widerstreben und die gern jede Gelegenheit benutzen, um in entgcgengesetzterRnhtung zuagitircn. Der Hausminister hätte gar keinen günstigeren Augenblick wählen können, als den jetzigen, um die preußeuseindlichen Bestrebungen in Hannover zu unterstützen. Es wird behauptet, daß dieAuSgabeu für dieTheater gleichfalls ans den Mitteln des Welfeufouds bestritten worden seien. (Bewegung.) Ich persönlich bin nicht der Ansicht; aber ein Vorwand zu dieser Behauptung ist gegeben, und es liegt im Interesse der Staatsregiernng, wenn in die ganze Angelegenheit Klarheit kommt. Ich glaube aber, die Negierung ist auch deshalb die richtige Adresse, an die wir uns mit unserer Anfrage wenden, lvcil sie selbst schon früher anerkannt hat, daß das Fortbestehen dieser Institute für Kunst und Wissenschaft ein Bcdürfuiß des prcußiicheu Staates ist. Ich berufe mich auf die Denkschrift über den Kasseler Haussidei- kommißfouds, die im Jahre 1875 zur Begründung eines Nachtrags- Etats dem Hause vorgclegt wurde, welcher Fonds nach seiner Aufhebung an den Staat überging. In dieser Denkschrift wird gesagt, es vc> stände sich von selbst, daß die von diesem Hausfideirommiß- fouds früher erhaltenen Institute, wie Theater, Museum u. s. w. nicht verschwinden können, sondern in ihrer jetzigen Gestalt erhalten werden milssen. Damit erkannte die Negierung an, daß. wir mit Recht unsere Anfrage au die Staatsregierilug richteten. Außerdem sind die Theatergebände in Hannover und Kassel Staatseigenthum. Ich füge -die Bemerkung hinzu-, daß, cs der Staatsrcgiem-im als der Aufsichtsbehörde der Städte nicht gleichgültig sein kami, daß den- sclbcn aus dcr"Ilufhebuiig der Subvention aus dem Kronsidci- kommißfonds eine solche Last erwächst, nm auch hierdurch denNach- weis zu führcu, daß an die Staatsregiernng unsere Ausrage sich zu richten habe. So fein es mir und meinen Freunden sonst liegt, uns in Angelegenheiten des Kroufideikommißfonds zu mischen, fo sind wir doch ans allen den dargclegtcn Gründen in diesem Falle dazu berechtigt. Ich glaube ferner, die Regierung wird nidjt abgeneigt sein, uns Mittheilung zu machen über die rechtlichen Ansprüche, die die Hofthcater an den Kronfideikommißfonds stellen können. Sollte die Regierung aber auch diese Frage vcriieinen, so wird sie sich doch sagen müssen, daß nebcu allen rechtlichen auch moralische Verpflichtungen vorliegen dürsten. Ich weise auf die bei der Annexion gegebenen Versprechungen hin, außerdem kommen noch die bei Gelegenheit der Erhöhung des Zuschusses zur Rente des Kronsidcikommißsonds gepflogenen Verhandlungen in Betracht. Solche Erhöhungen fanden 1867 und 1889 statt, beide Male spielte die llnterhaltuug der Hofthcater eine bedeutende Rolle. In der Budgetkommiffiou wicS der Berichte!statter auf die durch die Annexionen gesteigerten Leistungen des Kronsideikommißsouds für Theater und ähnliche Institute hin, und 1889 regte Adg. Virchow an, statt der vorgeschlageneu Erhöhung der Reute'die Unterhaltung der Hofthcater auf die Staatskasse zu übernehmen. Also ist es, glaube ich, nicht zu viel bcbanptet, wenn ich sage, daß die Regierung wird erwägen müssen, cb nicht moralische Verpflichtungen zur weiteren Subveiitioniruiig der Hoftheater durch den Krousideikommiß-
fonds vorliegen. Der zweite Theil unserer Anfrage, welche Schritte die RegMftig zu thun gedenke, hat zunächst eine genaue Prüfung der Rechtslage im Auge und die Prüfung darüber, ob hier nicht auch moralische Verpflichtungen in Betracht kommen und zielt ferner darauf ab, daß die Staatsregierung versuchen soll, diese Rücksichten dem Haiisminister gegenüber zn vertheidigen. Das sind die Gründe, welche uns veranlassen, die Interpellation zu stellen.
Ministerpräsident Graf zu ©Ulenburg: Meine Herren, ich konnte niich darauf beschräiiken, die erste der in der Interpellation gestellten Fragen einfach mit „nein" zu beantworten; woraus sich die Erledigung des zweiten Thcilcs der Interpellation von selbst ergeben würde. Ich theile indessen den Wunsch, welchen der Herr Vorredner bei der Bcgrüiidmig der Interpellation ausgesprocheit hat, daß die Sachlage klar gestellt werde, und füge infolge dessen Folgendes hinzu: Die Theater iiiHauuover, Cassel und Wiesbaden stehen unter königlicher Verwaltung und die Kosten dieser Verwaltung werden, soweit die eigenen Einnahmen der Theater nicht zurcichen, und abgesehen von gewissen aus Staatsmitteln gewährten Zuschiissen, lediglich aus der Krondotatiou bestritten. Diese Kosten haben in stets steigendem Maße zugeuommeii und übersteigen gegenwärtig weitaus das, was in früherer Zeit für die Theater geleistet wurde. Es kommt dazu, daß die Schwierigkeiten sich mehren, welche daraus hervorgehen, daß die obere Verwaltung dieser Kunstinstitute sich nicht an deren Sitz befindet. Unter diesen Umständen ist seitens des köuiglicheii Haukmiuisteriuins in Aussicht genommen worden, mit den genannten Städten in Verhandlungen einzutreten in der Richtung, daß die Vertvaltuug der Theater von ben Städten übernommen und Ziischiisse dazu gewährt werden, welche mit den Mitteln der Krondotation im Verhültiiiß stehen nnd den dauernden Fortbestand dieser Theater zu sichern geeignet sind. Daß diese Vcr- haiidlungen in demselben wohlwollenden Sinne werden geführt werden, welcher bisher ohne rechtliche Verbindlichkeit in liberalster Weise bethäligt worden ist, dazu bedarf es nicht erst der Hülfe der königlichen Staatsregierung. Ihre Mitwirkung wird einzutreteu haben, soweit cs sich um das Eigcnthum an den Thcatergebänden in Hannover und in Cassel und um die bisher gewährten staatlichen Zuschüsse handelt. Die königliche Staatsregierung Ivird aber auch die weiteren Interessen, welche bei dieser Angelegenheit in Frage kommen, nicht aus den Augen verlieren.
Auf Antrag des Abg. Sattler beschließt das Haus, in die Besprechung der Interpellation einzutreten.
Abg. Enueeeeriis (natl.) glaubt den Worten des Ministerpräsidenten entnehmen zn können, daß wenigstens die schlimmste Gefahr der schließlichen Einziehung der Subvention beseitigt sei und legte bann die verhängnißvolle Wirkung einer solchen Maßregel auf da? Kasseler Theater näher dar. — Aba. Wallbrecht (natl.) bemerkte, daß die Bedeiitnug des haunovcr'schen Theaters schon dadurch ancrkannt sei, daß der Kronfideikoinmißsouds seit 25 Jahren den Zuschuß geleistet habe und gab dem zuversichtlichen Wunsche Ausdruck, daß die angebahnten Verhandlungen zu einem ersprießlichen Resultate führcu wurden. — Abg. Dr. Lieber (Ctr.) folgert ans der Antwort des Ministerpräsidenten, daß die Zuschüsse weiter dauernd gezahlt werden sollen, und zwar in der Weise, daß auch die Stanlsregicrung diese Verpflichtung anerkenne. Sei das richtig, so hätten die Interpellanten den Hauptzweck, den sic verfolgten, erreicht. Von der Annahme, daß die Erhöhung der Civilliste äuch die Fortzahlung der Zuschüsse bedeute, sei mau ohne Zweifel ausgegangen, als die Erhöhung beschlossen wurde. Einen klagbaren Anspruch au den Krousibeikommißsouds könne er freilich nicht anerkennen, wohl aber eine moralische Verpflichtung. Einen ganz besonderen Anspruch auf Wohlwollen habe die Stadt Wiesbaden, dii jetzt schon große fiuaiiziclle Opfer bringe und auch den Umbau ihres Theaters beabsichtige. Er bitte die Staatsregiernng um eine Eiklärung dahin, daß sie auch in absehbarer Zeit feine Aeudernug beabsichtige. Damit würden alle Befürchtungen in den betreffenden Städten schwinden.
Die Abgg. B r a n d e n b u r g (Ctr.) und später Graf L im b u r g - Stiru m (cons.) erklären sich durch die Beantwortung der Interpellation befriedigt.
(Schluß.)
Dlinde Lirlre.
Novelle von .Äoitritb skckmann.
Sie, lächelte unsäglich traurig. „Ich konnte darunter nicht weinen," sagte sie, „nnd ich muß nun doch weinen. Tag und Nacht, bis an mein Lebensende. Was hält' ich weiter noch auf Erden zu thun? Als ich die Binden abriß, war's ein ganz kurzer, stechender Schmerz, gerade als wenn der Blitz noch einmal würde neben mir einschlagen, wie damals. Vielleicht war's aber nur das jäh ein- driugende, Helle Tageslicht, das ich noch nicht ertragen konnte. Ich weiß nicht, es ist ja nun Alles auch gleich. Ich möchte gar nicht mehr sehen können. Verzeihen Sie mir, Herr! Sie haben viel Mühe und Sorge für mich Zehabt und ich lohn's Ihnen schlecht. Aber der Himmel hat es so gewollt. Und das viele Weinen und der viele herzensgram jetzt hätten mich ja doch wieder blind gemacht."
Ich hatte Augiolinas Augen untersucht, während sie das mit rührendem Ausdruck in ihren verhärmten Zügen vorbrachte, und fand, daß sie Recht hatte. Diese Augen waren nunmehr für immer verloren; die heftige Gemüthserschüt- ternng, die Thräncn, das unvermittelte plötzliche Eindrängen der Tageshelle hatten den begonnenen Heilungsprozeß rasch wieder zerstört und die erwachende Sehkraft endgiltig gelähmt. Tief erschüttert betrachtete ich das vereitelte Werk meiner Kunst, auf das ich stolz gewesen war. Selten im Leben hatte ich solch' einen Seelenschmerz empfunden, wie jetzt beim Anblick dieses armseligen, bedauernswerthen Geschöpfes.
„Sie wissen ja noch gar nicht, ob Tobia wirklich verunglückt ist", sagte ich, um nur etwas zu sagen. Denn ich selbst glaubte so fest daran, wie sie auch, nur daß ich zu
Allem auch noch anuehmen mußte, daß er absichtlich verunglückt war, zumal mich Augiolinas Worte unschwer davon überzeugten, er habe ihr nichts von jenen furchtbaren Bekenntnissen gcoffenbart, die er mir gemacht, nnd sie sei völlig ahnungslos geblieben. Er hatte mich also wirklich belogen, und ich mußte mich blind schelten, daß ich ihm geglaubt, nicht aus all' seinem Wesen und Thun geargwöhnt hatte, wie er mich irreführte und daß er sich allezeit mit dem Gedanken an einen freiwilligen Tod getragen hatte, der allein ihm als die Lösung ans diesen Jrrsalen erscheinen mußte und der schreckcnsvollenE^tunde der Entdeckung vorbeugte. Dicht vor ihr hatte er feinem Leben ein Ende gemacht, seine Schuld gebüßt. Ich hätte wissen sollen, daß er nicht anders konnte, daß eine Sieilianerin dem Mörder ihres Vaters nie verzeihen kann, auch bann nicht, wenn sie ihn seit zehn Jahren geliebt hat in heißer, blinder Liebe —
„Er ist verunglückt", sagte Angiolina, mit starrem Ausdruck vor sich hinbrütend, ich weiß es. Ich träumte heute Nacht schon so furchtbar. Denken Sie sich Herr, ich träumte, Tobia hätte die furchtbaren, glänzenden, braunen Augen, die der hatte, der meinen Vater erschoß. Mit einem Schrei bin ich aufgewacht, lind dann konnte ich nicht wieder einschlasen. Das war die Unglücksahnung. Und auf dem Wege nach Vela — auf dem Wege nach Vela —"
Sie murmelte die letzten Worte mit einem geistesabwesenden Lallen vor sich hin. Wie sie so zusammengcsunken dasaß, die blinden Augen ins Leere hinausgerichtet, ganz gedrückt von der Schwere eines grausamen, sie im Moment der erwarteten höchsten, vollkommensten Erdenglückseligkeit niederschmetternden Geschickes, gewährte sie einen herzzerscbnei- dcnden Anblick. Ich ertrug ihn nicht lange mehr. Helfen konnte ich ihr auch nicht; Menschen konnten hier überhaupt nicht helfen. Und so schlich ich mich bald hinaus und ließ nur die alte Lueia bei ihr.
Ich begegnete draußen einem Trupp von Leuten, die ins Gebirge hinaufzogen, um nach Tobia zu suchen. Ein Anderer war schon voraus, erzählten sie mir, ein dritter werde bald folgen. Das Gerücht von Tobias Verschwinden, seinem wahrscheinlichen Verunglücken hatte sich wie ein Lauffeuer überall verbreitet, es herrschte ungeheuere Aufregung. Ich schloß mich ihnen an, im Falle man Tobia nur als Verwundeten anffinden sollte und ärztliche Hilfe noch möglich und nothwendig war; ich hätte ohnedies nicht anderswo jetzt Ruhe gehabt.
Unterwegs hörte ich, selber stumm, auf das, was die Leute sich unter einander zuraunten. Sie glaubten Alle an Tobias Tod. Die allgemeine Meinung ging aber dahin, daß er nach seiner Gewohnheit der letzten Zeit zu viel getrunken gehabt habe und deshalb auf dem gefahrvollen Wege, der völlige Sicherheit und Schwindelfreiheit erforderte, verunglückt fei. Sie wußten auch schon, wo das vermuthlich geschehen fein wurde.
Und sie täuschten sich nicht. Als wir zu jener Stelle kamen, hatten einige uns borangeeilte Männer des ersten Trupps Tobia bereits gefunden. Er lag in einer grauenvollen Tiefe, in die er von dem schmalen, schwindelerregenden Felssteig, der an ihr entlang führte, hinabgeglitten — hinabgesprungen sein mußte. Sein Leichnam war völlig zerschmettert und bot, als ihn die beherztesten unter den Männern nach stundenlangem Mühen und mit Gefahr ihres eigenen Lebens an ihren Seilen herauf schafft en, einen furchtbaren Anblick. Tobia hatte dafür gesorgt, daß Angiolina, auch wenn sie sehend geworden wäre, den Mörder ihres Vaters in ihm nicht hätte wiedererkennen können. Er hatte sich nicht weil von der Stelle, wo damals sein unglückseliger Schuß gefallen war, selbst für die Blutthat gestraft, die auf ihm ruhte, und er halte den Ort gut gewählt. Das Alles
