Einzelbild herunterladen
 

Seite 2. 16. Juni 1892.

Wiesbadener Tagblatt (Abend-Ausgabe). Verlag: Langgaffe 27.

40. Jahrgang. Ro. 278.

That ihre Glaubensgenossen für die Guftav-Adolf-Sache zu ge­winnen wußten. Schuldirektor Weid ert-Wiesbaden daukte im Namen bee Hauptvorstandes. Herr Bürgermeister Vogt heißt auch Namens der Stadt Biebrich-Mosbach die erschienenen Gaste will- kominen. Herr Pfarrer Dietz-St. Goarshausen, ein Sohn des verstorbenen Herrn Kirchenrath Dietz, sprach Nameus der Festgäste den Dank aus. Sein Hoch galt der Stadt Biebrich-Mosbach. Herr Pfarrer M o nrean-Erbenheim dankte Allen, welche zur Ver- gerrlidjung des Festes in so ausgiebiger Weise geholfen haben. Herr Gymnasiallehrer Dr. Fritze- Wiesbaden erinnerte an den 100jährigen Geburtstag Herzog Wilhelms von Naflau und feierte in ihm den Mann, der für die evangelische Sache in Nassau Großes geleistet habe. Herr Religionslehrer Dr. Spieß-Wiesbaden ent­rollte ein Bild, wie gerade dieser edle Fürst so kraftvoll für das Zustandekommen der Union eingetreten sei. Redner betonte dann weiter, daß der Gustav-Adolf-Verein nicht blos eine religiöse, son­dern auch eine nationale Sache verfolge. Stets müßten die Selbst- interessen des Einzelnen den Gefammtinteresfen des Ganzen unter­geordnet werden und wir Nassauer hätten das stets zu würdigen gelvnßt. Die Grenzen, die uns noch vor Jahrzehnten in unserem Baterlcinde trennten, sind überschritten, ein geeintes Vaterland ist erstanden und mit Freuden begrüßen wir es, daß auch unser ehe­maliger Landesfürst, Herzog Adolf von Nassau, in freundschaftlichem Verkehr mit unferm preußischen Herrscherhanse steht und durch die nächste Verwandtschaft mit ihm verbunden ist. lind wenn gerade in unfern Tagen das Gerücht austaucht, daß der Mann im Sachsen­walde, der Schöpfer unseres deutschen Reiche«, Aussöhnungsversuche mit fernem Herrscher an bahne, so erfüllt uns das nicht mit geringerer Freude. Ob diese Versuche gelingen oder nicht, wird die Zeit kehren, aber so viel steht fest, tm Herzen aller Deutichen lebt dieser Mann als der Gründer unserer deutschen Einigkeit fort. Nicht- tudenwollende Bravorufe erschallten, als der Redner geendet hatte und stürmisch wurde das LiedDeutschland, Deutschland über alles" verlangt, welches dann unter Begleitung der Musikkapelle gesungen wurde. Den gesanglichen Tl;eil für die Unterhaltung hallen der Evangel. Kirchengesäugvercin und der Verein Eintracht übernommen. Beide Vereine gaben ihr Bestes und ernteten reichen wohlverdienten Beifall. Der heutige Hauptfesttag begann mit Glockengeläute und Choralblasen von der Plattform des evang. Pfarrhauses. An dem stattlichen Festzug bethefligten fich mehrere hiesige Vereine mit ihren Fahnen, zwei Mufikcorps, sowie zahlreiche Bewohner unserer Stadt, so daß derselbe einen recht guten Eindruck machte. Die Festrede in der Kirche hielt Herr Dr. Wurster aus Heilbronn über Eph. 4, Vers 14 und 15. Heute erstattete in btt öffentlichen Verhandlung Herr Dekan Wilhelmi-Braubach den Rechenschaftsbericht. In begeisterter Weise berichtete er über das Hauptvereinsfest der deutschen Guftav-Adols-Stiftuug im vorigen Jahre in Görlitz, bei der er als Abgeordneter anwesend war. Nach dem Rechenschaftsberichte hat sich die Zahl der Zweigvereine, wie der Frauenvereine und damit die Einnahme erheblich vermehrt. Auch eine reiche Anzahl von Legaten ist zu verzeichnen. Das Vcr- mögeil des Hauptvereins beträgt 2,648,903 Mark. Nach diesen Mit- theilungen erstattete Herr Dekan Wilhelmi Bericht über die geschäft­liche Lage der Zwcigvereine des Nassauischen Hauptvereins imb über die gegenwärtige Lage des religiösen und seelsorgerischen Sebens in den nassauischen Diasporagemeinden Samberg, Niederseltcrs, Flörs­heim (Herr Kommerzienrath Dycker hoff hat dieser Gemeinde 1000 Mark gespendet), Griesheim, Schwanheim, Höchst, Hosheim, Königstein, Montabaur, Niederwalluf, Oberlahustciu, Oestrich, RüdeSheim, Geisenheim, Schlangenbad, Niedcrnhauseii und Sossen­heim. Herr Aonsistorialrath Herdt-Nordcnstadt brachte im Auftrage des Köu. Konsistoriums der Versammlung die Glückwnusche beffelben und versicherte, daß dasselbe den regsten Aiilheil an den Arbeiten des Gustav-Adolf-Verciiis nimmt. Herr Dekan Müller begrüßte den Verein im Namen der Beziikssynode. Jin Auftrage des Hauptvereins von Kurhessen brachte Herr Pfarrer Gutjahr herzlichen Gruß und eine Einladung zur hessische» Hauptvereins- Bersammlnng in Schlüchtern: er empfahl recht dürftige Diaspora- gemeinden, besonders in der Rhön, unserem Vereine. Aus der Provinz Posen berichtete als Vertreter Herr Konsistorialrath Bahlen über die dortigen traurigen Verhältnisse der Diaspora- gemeinden. Auch die Vereine zu Frauksurt a. M., Stuttgart und Darmstadt haben ihre Vertreter zu unserem Hauptseste gesandt. Um 2Vs Uhr fand ziemlich gut besuchtes Mittagessen in derBellevue"

statt, Abends sollen gesellige Unterhaltungen in den Gartenivirth- schaften am Rheine abgehalten werden.

Locales.

W '.esbad en, 16. Juni.

* Kurhaus. Wir machen darauf aufmerfiam, daß das schwebische Damen-Quintett auch noch in dem morgigen Abend-Concertt im Kurgarten auftreten wird.

-o- Die Frohnleichnams-Prozefsto« der katholischen Ge­meinde bewegte sich heute Vorinittag, vom Wetter sehr begünstigt, unter lebhaftester Betheiligung von Erwachsenen und Kindern, welch' letztere vielfach Fähnchen und Blumen trugen, in gewohnter Weise von der Pfarrkirche aus durch die Lonisenstraße, Kirchgasse, Friedrich-, Wilhesm-, Rheinfttaße und Louffenplatz zur Pfarrkirche zurück. Ju der Prozession befanden sich vier Mufikcorps, welche die Gesänge begleiteten.

-o- Herr Oberbürgermeister Dr. »an Ibell geht in diesen Tagen auf einige Zeit nach Berlin, um als Repräsentant der Stadt au den Verhandlungen des preußischen Herrenhauses Theil zu nehmen.

-o- Die Keivegung der KevLlsterung unserer Stadl gestaltete sich in der Woche vom 29. Mai bis 4. Juni wie folgt: lebend geboren wurden 37 Kinder und zwar 19 Knaben und 18 Mädchen. Gestorben sind 40 Personen, 20 männlichen und 20 weiblichen Geschlechts. Von denselben standen im Alter von unter 1 Jahr: 4 m. 0 w., 1 bis 10 Jahren: 3 m. 8 w., 20 bis 30 Jahren: 0 m. 1 w., 30 bis 40 Jahren: 4 m. 2 w., 40 bis 50 Jahren: 4 m. 0 w., 50 bis 60 Jahren: 1 in. 2 w., 60 bis 70 Jahren: 1 m. 5 w., 70 bis 80 Jahren: 3 männl. 2 weibl. Ge­schlechts.

= Die Daranzen-Fiste für Militär-Anwärter Mo. 24 ist in unserer Expedition unentgeltlich einzusehen.

Für Steuerzahler. Freitag, den 17. Juni, haben nach dem Hebeplan für die Staatssteuer (Kassenlocal: Friedrichstraße 25) zu zahlen die Steuerpstichtigm der Straßen mit den Anfangsbuch­staben J und K.

p. Industrie-Lehret imie» werden eben wieder in dem dazu eingerichtete» Kursus an der Bleichstraß-Schule für ihren Beruf vorbereitet. Der Kursus dauert sechs Wochen. Es wird in allen Zweigen der Nadelarbeit unterwiesen und außerdem werden die Theiliiehmerinnen mit den Grmidfragen der Erziehnngs- und Unter» richtskunst nach Möglichkeit bekannt gemacht. Den elfteren Unter­richt ertheilt die Handarbeitslehrerin Fräulein Müsset und den Letzteren Herr Hauptlehrer Wickel. Dazu ist den Kursistinuen reichlich Gelegenheit gegeben, den Betrieb eines muftergiltigen Hand­arbeits-Unterrichts von der Unterstufe dis zur ersten Klasse herauf kennen zu lernen. Nach beendigtem Kursns übernehmen dann die so vorbereiteten Lehrerinnen das Unterrichtsfach in der Schule ihres Hcimathsortes irm das Gelernte in die Praxis zu übersetzen. Dies­mal nehmen elf Damen ans den verschiedensten Orten unseres Regierungsbezirks an dem Kursus Theil und zwar: Fräulein Karoline Zammert von Driedorf, Frau Lehrer Witzel von Hohenstein, Fran Lehrer Wirth von Ufingen, Fran Dein et, Wittwe, von St. Goarshausen, Frau Lehrer Rühl, Wittwe, von Oberstedten,, Fräulein Elise Lotz von Ginnheim, Frau Lehrer Schmidt von Ruppertshain, Fran Katharine Kirchhoff Wittwe von Limburg, Fräulein Marie Weimer von Oellingen, Fräulein Helene Keßler von Mittelhoseii und Frau Benz von Ufingen.

VroviirzieNrs.

* Art» der Umgegend. Rentner Friedrich Schön ans Worms wurde von der Strafkammer in Mainz wegen seines Duells mit Lieutenant Ziemsen z» 3 Monaten Festungshaft verurtheilt.

Der Domschatz iu Mainz wurde durch eine größere Kreuz­partikel, welche Maria Stuart bei ihrem Todesgange zum Schaff ote am 18. Februar 1587 bei sich getragen haben soll, bereichert. Diese Krcuzpartikel war zuletzt im Besitze des jüngst verftorbenen Domkapitulars Thoms, welcher dieselbe s. Z. von der Gräfin Hcihu- Hahu mit der Bestimmuug erhielt, ihn später dem Domschatze ein- znverleiben.

In der Sitzutm des Schwurgerichts in Mainz, am gestrigen Tage, wurde der Weinhändler Martin Lorch aus Mainz von der Anklage des Meineides freigesprochen.

In Kreuznach fand man Mittwoch Nachmittag in einem Privatbadehotel den zur Stur dort weilenden Referendar Schwinu aus Zweibrücken, zuletzt in Wiesbaden, tobt in seinem Zimmer vor. Ein Schlaganfall hatte dem Leben des jungen Mannes ein Ende gemacht.

Ein 17-jähriger Schristgießer in Frankfurt a. M., der seiger Tante 27,000 Mark gestohlen hatte, wurde verhaftet. Das Geld ist wicver bis aus etwa 700 Mark, die er verjubelt hat, zur Stelle geschafft Worben.

In Frankfurt a. M. sind bie beiden 16jährigen Schlingel, ein Schlosser- und ein Töpferlehrling, welche vor Monaten den Leliten Schwefelsäure auf die Kleiber spritzten, zu 2 und 4 Monaten Gesängniß verurtheilt worden.

Zum Fall Jäger meldet ein Frankfurter Blatt, Jäger sei überführt worden, doppelte Kassenbücher geführt zu haben: ein osficielles mit gefälschten Angaben und eines insgeheim mit Auf­zeichnungen der Defraudation. Er habe in bie Sache verwickelte Geschäftsfreunde in Berlin, London, Paris und Wien gehabt. Es lägen ihm nicht weniger als dreiundachtzig Bücher- und Urkunden­fälschungen zur Last. Seiiie Ueberweisung vor das Schwurgericht stehe daher außer Zweifel.

Preußischer Kaitdlag.

hd. Berlin, 15. Juni. Abgeorduetenhau s.

Die zweite Lesung des Kleinbahngesetzes wird fortgesetzt. § 37 mit dem Antrag Tiedemann: die, den Provinzial- und Communal- verbänden auf Grund des Gesetzes vorn 8. Juli 1875 überwiesenen Dotattonen für den Ban von Kleinbahiien verwenden zu dürfen, wird angenommen, ebenso der Rest des Gesetzes. Die Commission beantragt folgende Resolution: Das Haus spricht die Erwartung ans, daß der Staat fich an den Kleinbahnen mit Geldmitteln be- theiligen werde, wenn es fich um Aufschließung wirthschaftlich schwächerer Gegenden handelt. Die Minister v. Thielen und Miquel fpredjen gegen die Resolution, weil die Forderung gu weit gehe. Miquel theilt in der Debatte mit, daß die Rechnung der Elsenbahnen, die bereits nahezu übersehbar sei, mit etwa 58 Millionen unter dem Etat abschließen werde. Die Resolution wird abgelehnt. Der Antrag Kelch auf Errichtung eines Amtsgerichts^ Helgoland wird nach längerer Debatte zurückgezogen. Frestag: Dritte Lesung des Tertiärbahn-GesetzeS.

Herrenhaus.

Der Antrag des Justizniiiiisters um Ermächtigung zur Ver­folgung desVorwärts" wegen Beleidigung des Herrenhauses wird an bie Geschäftsordnungs-Commission verwiesen. Sodann werden mehrere Aenderungen der Geschäftsordnung beschlossen. Die Vor­lage, bett. Ablösung der an bie Provinz Sachsen zu zahlenden Rente tvird in der Schlußberathung angenommen. Es folgt bie Berathnng des Militäranwärter-GefetzeS. § 2 wird in der Com- mifsionssassuilg (Herabsetzung der Einwohnerzahl der von der Ver- pfliclstung ausgenommenen Gemeinden von 3000 auf 2000) ange­nommen. Ebenso der Rest des Gesetzes. Die Landgenreinde-Orb- nung für Schleswig-Holstein wird in wiederholter Schlußberathung angenommen. Freitag: Gehaltsverhältnisse der Lehrer an den höheren Schulen.

Denisches Keich.

* Hof- imd Persorrirl-Nachrlchten. Nach dem Derl. Börs.-C." wird das italienische Königspaar Montag Abend in Berlin eintreffen. General GrafSchlieffenist nach derM. A. Ztg." zum Generaladjutanten des Kaisers ernannt worden.

* Körsr »»- Kandels-Ur-actenr. DieKreuz-Ztg."schreibt unter Bezugnahme auf ihren von uns wiedergegebenen Anklageartikel: Mehrere Zeitungen verlangen, daß wir die Namen derjenigen HandelS-Redactenre neunen sollen, die sich um Gratifikationen bei bet Disconto-Gesellschaft beworben haben. Wir weisen diese f u,

Nachdruck verboten.

Pariser Krief.

(Gigener Aufsatz für basWiesbadener Tag blatt.") Paris, 13. Juni.

Paris kannte in diesen Tagen nur ein Gesprächsthema, welches alle Kreise gleichmäßig intereffirte, vom lnxusverwöhnteii Fürsten an bis zum letzten Stiefelputzer herab: Der Wettbewerb um den Großen Preis" auf dem Reiinfelde zu Longchamps. Keine Bevölkerung einer anderen Weltstadt widmet sich auch nur mit einer annähernden Leidenschaftlichkeit dem Rennsport, wie die Pariser; Tag für Tag die strengsten Winterwochen um Weih­nachten allein ausgenommen, finden in Longchamps, in Anteuil- oder Lincennes-Reunen statt, und Tag für Tag kann mau während der Abendstunden in den vornehmsten wie in den ärmsten Quartieren der Seinestadt diese Theilnahme verfolgen, benn die Ausrufer der täglich um jene Stunde erscheinenden vier oder fünf Sportzeittmgeu mit den Resultaten der Rennen jenes Tages werden ihre brnck- fcnchtcn Blätter im Umsehen los, unb Seltner, Kutscher, Friseure, Diener, Ellenritter, ExicierS, Dieustmänner stecken, zitternd vor Auf- «gnug, ihre Köpfe über den Zahlentabellen zusammen unb berechnen in sichtlicher Aufregung, ob sie aus ihren Einsatz hin etwas getvonncn oder diesen verloren haben, denn jeder von ihnen ist mit einet Seinen Wette an dem sportlichen TageSereigniß beteiligt. Welch' einen Umfang dieses Interesse allmählig angenommen hat, drückt am deutlichsten eine Ziffer aus, die Ziffer nämlich von elf Millionen Francs, bie im letzten Jahre allein an Entrees 2t. für die Pariser Flach- und Hindemiß-Reiinen eingenommen wurden! Diese Ziffer aber würde sich vervierfachen, wenn man die Wetten der großen unb kleinen Sportleute dazu rechnete, die Einsätze bei den Totali­satoren unb den Buchmachern, die Betheiligungcn an den Bestechungen der Jockeys und bie inbirccten Ausgaben bei den Besuchen der Rennplätze mit ihren Verlockungen aller Art!

Nach dieser kleinen Vorbemerkung kann man fich einen unge­fähren Begriff davon machen, welche Bedeutung im Leben des Parisers und der Pariserin, denn diese ist nicht minder sportluftig, stets der Tag des .Großen Preises" hat, der immer, wie auch dies­mal, auf einen Sonntag gelegt wird und bet gestern noch eine be- fonbere Zugkraft ausübte, indem er zum ersten Male verdoppelt ward: 200,000 Francs winkten dem glücklichen Sieger! Zweimal- hunderttailsenb Francs aber weit höher war bie Zahl Der­jenigen, welche dein Ringen um biefen Preis beiwohnen wollten, unb schon von frühester Morgenstunde an begann die Auswanderung der Kinder des Seiue-Babels gen Longchamps, und zu Fuß, zu Wagen, zu Dampfern, zu Pferd, zu Velociped ergoß sich die Völker- tvandernng hin zum Boulogner Hölzchen, um dort der Stunde des Kampfes zu harren. Der Franzose, besonders der Pariser, kann Von uns um zweierlei betreibet werden: um feine gute Erziehung in allen Sachen öffentlicher Lustbarkeiten, und um die Kunst, fich sein Leben so angenehm wie möglich zu machen. Bon diesen beiden Lichtseiten des Pariser Characters lieferte der gestrige Taa wieder

den besten Beweis. Taufetrde und Abertausende warteten während der Vormittagsstunden an den Omnibus-, den Pferdebahn- und Dampfer-Haltestellen auf bie Beförderung nach Longchamps, kein Polizist regelte den Andrang, keine AbsperrnugSmaßregeln ivaten getroffen, und trotzdem ging Alles in höchster Ruhe und Behaglich­keit vor fich. Niemand queffchte sich in die von selbst gefügten langen Menscheurciheu hinein. Niemanddrängelte" sich vor unbschuppste" seine Nachbarn bei Seite, Jeder schloß sich hinten an, denn Jeder wußte, daß er endlich doch zum Ziele gelanget und ihm ein eiliges Vorhasten nur zum Schaden gereichen wurde. Und ebenso er­freuend waren die sich überall im Bois und längs der Seine bar» bietenden Scenen einer helleren Lebensfreudigkeit; in kleinen Gruppen hatten sich auf dem Rasenteppich unter schattigen Bäumen und Sträuchern die einzelnen Familien unb Bekannten ge­lagert, Servietten ober als solche dienende Zeitungsblätter waren ausgebreitet und die Schätze der Küche und des Weinkellers auf ihnen ansgepackt, denen tapfer zugesprochen wurde, bis es Zeit war, zum Renne» aitfztibrechen, nach dessen Beendigung die alten ober auch neue Lagerplätze wieder ausgesucht wurden, denn dieser Tag wird bis zu seinem letzten Rest nn Freien zugebracht.

Ans dem Rennplätze selbst bie gleiche Behaglichkeit, das gleiche sichtliche Bestreben, sich unb anderen das Dasein möglichst angenehm zu utachen, ober es wenigstens nicht mit Absicht zu verärgern. Zwei Stunden find noch bis zum Nennen hin, aber auf dem ungeheueren sonnenüberfluteten Feste stehen schon längs der Rennbahn Hunderte von Wagen, deren Insassen entweder im Inner» ihres Geführtes' oder im Schatten desselben auf der Erde resp. unter mitgebrachten riesige» japanischen Sonnenschirmen und schnell aufgespannten Zelt­dächern ihr Dejeuner luftig und guter Dinge verzehre», wobei für alle Erfordernisse der Reichhaltigkeit desselben gesorgt ist, nicht zu­letzt für die Eiskübel der Sectflaschen, deren schäumender Inhalt als kühlendes Mittel gegen die Glitt der Sonnenstrahlen liebevolle Anwendung findet. Denn die Sonne meint cB gut, sehr gut, unb bei dem lawinenartigen Anwachsen der Menschenmassen wird die Hitze alsbald unerträglich, sodaß man in immer kürzeren Abständen seine Zuflucht zu den elegante» Restaurants nehmen muß, »ui bereit Buffets fich die Sportsfreuude aller Stäube brängen. Welch' ein Hin und Her hier von Vermuthunge» unb Hoffnungen, Befürch­tungen unb Prophezeiungen für das vierte undgroße" Rennen, welch' eüi Einsetzen von hohen und Wetten von niedrigen Beträgen, weich' ein Drängen um die nahen kleinen BurcauS der offiziellen Buchmacher, die mit ihren über zweihnndertfünfzig schilderhaus-ar­tigen Holzhäuschen und ihren taufend Angestellten eine kleine Stadt für fich bilden, in der ein bienenartiges Leben und Weben herrscht, durchhallt von dem Klang des Goldes, denn von den fünfzig, dem großen Preise eingeräumten Buchmacher-Ständen sind allein ein und eine halbe Million Francs eingezahlt worden, während sich bie officielle Gesammteinnahme des gestrigen TagcS auf über drei unb eine drittel Million Francs beziffert! ,

Gleich zwei Uhr, sofort wird bie Glocke für das erste Rennen erschallen, und noch immer rollen in vier-, fünffachen Gliedern Hunderte

von wappengeschmückten Equipagen, von Droschken, Landauern, MailcoachS heran, ihre Insassen vor den Eingängen zu den Tri­bünen absetzeud hier ist das vornehme und das leichtsinnige Paris gleich zahlreich vertreten, und wie bei allen derartigen Pariser Gelegenheiten stteitet bie ganze Welt mit der halben um die Palme im Glänzen der Brillanten und m der Wahl der Toiletten. Himmel, welche Erscheinungen und welche Gewandungen, welch' ein Coquet- tiren unb Mucisiren, wie leuchten bie Augen, wie bewegen sich bie Köpfchen lachend, plaudernd, grüßend hierhin unb dorthin, wie rauschen die Schleppen über die Kieswege unb Rasenflächen, über welch' Farbenmeer von Costümen glitzern die Sonnenstrahlen! Viel Weiß in denselben, viele weiße, spitzenübersäete Kleider, viele weiße Untergeioäuber unb weiße spitzenumsäumte Schirme und natürlich nur weiße Handschuhe, selbst bei der Mehrzahl bet Herren. Dann »eben dem Weiß viel Hellgelb imb Hellblau in Seide, in schimmern­dem russischen Velour, in Moiisseline, überall aber Spitzen iu ver­schwenderischer Fülle angebracht, überall um die weißen Hälse Perlen- CollierS, überall ein Mustern und Vergleichen, ein Sritifiren und Jronisiren o, wen» diese schönen Augen tobten könnten . . . .! Einzelne Dame» der Coulissquwelt unb jenes Bereiches, in bem mar sich nicht langweilt, fallen besonders auf: dort eine schlanke Blondine in Lichtrosa, darüber Valencienner Spitzen, seitlich des hochaufge­nommenen, mit bemalten Blnmenranken umsäumten Rockes der kleine Fuß hervorsehend, unter dem zierlichen Schuh hohe, rothe Absätze & la Ludwig XV., hier eine zierliche Brünette vom Renais­sance-Theater, vom Rücken über bie weißseidene Corsage hernieder- flatternd, zwei auf der Erde nachschleppende breite weiße Atlas- bänber, auf ben Schultern Stickereien von echten Perlen, bort jene hochgewachseue Liebesgöttin in cremfar&enet chinesischer Seide, bie gepufften Aetmel der Taille aber lichtblau, ebenso wie bie von einer BriUantbroche zusammengehaltene Schärpe hellblau, ist der Griff des Weißen Spitzeusonuenschirms auslaufenb in einem filber- zisekitttu, edelsteingeschmückten Degenknauf im Styl des ersten Kaiserreichs. Genug, genug, man würde lein Ende finden, und die Aufmerksamkeit Wirb durch andere Dinge ab- gelentt, denn man hört das Ansprengen der republi­kanischen Garden, die heilte ihre Gala-Uniform angelegt haben, und tiernhmnt dumpfe Trommelwirbel unb, gleich darauf tritt Präsident Carnot mit seiner Gemahlin in die Loge seines be­sonderen Pavillons, herzlich die dort schon anwesenden Minister und Gesandten, unter diesen auch Graf Münster mit feiner Tochter, begrüßend und in nichts äußerlich feine Verstimmung »erratbenb, denn von einigen mißgünstigen Krakchlern der fogenanuten besseren Stände war er soeben mit den Zurusen:Es lebe Ravachol!" - Nicht ben Hut ab vor diesem Mann mit dem Holzkopf!" und ähn­lichen schmeichelhaften Bezeichnungen begrüßt worden..

Soll ich bas Rennen selbst schildern? Man kennt ja ben Ver­lauf eines solchen hinglänglich genug, unb das äußere Bild des­selben ist ja stets das gleiche. Das Rennen uck dengroßen Preis" entbehrte insofern eines wichtigeren Jntereffes, als aus­ländische Pferde nicht mitliefen unb der Sieg daher einem fran-