Abend-Ausgabe.
MeMeiier BanHatt
40. Jahrgang.
El scheint in zwei Ausgaben. — Bczugs-Prciö: Zn Wiesbaden und den Laudorte» nut Zweig- Exveditionen 1 Mk. 50 Psg., durch die Post 1 Mk. 60 Psg. für das Vierteljahr.
Verlag: Langgasse 27.
Alronnenten.
Anzcigen-Preis r
Die einspaltige Petitzeile für locale Auzeigeu 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Rcclamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.
Uo. 274.
Dienstag, den 14. Inn!
1892.
Die Fcanenalrtheilung de! der Weltausstellung itt Chicago 1893.
Die für das nächste Jahr bevorstehende Cvlnmbische Weltausstellung in Chicago soll zum ersten Male den Gedanken verwirklichen, in dem großen Gcsammtbilde menschlicher Thätigkeit auf allen Gebieten des Gewerbfleißes, der Industrie, der Kunst und Wissenschaft eine gesammte Darstellung alles dessen zn bieten, was bisher von Frauen gedacht, erfunden und geschaffen worden ist, ganz besonders auch von der Wirksamkeit der Frauen auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit, der Erziehung, der sittlichen und sozialen Probleme. Auf diese Weise soll sich die Bethätigung der Frauen an der gesammten menschlichen Cnltur zu einem einzigen großen Bilde vereinigen.
Der Gedanke ist ein kühner und großartiger, und soll die Verwirklichung desselben in würdigen Formen gelingen, woran übrigens nach dem bisher Erreichten nicht zn zweifeln ist, so wird die hingehende Mitwirkung der Frauen aller Culturländer, denen die in greifbarer Form hingestellte Bethätigung ihrer Kräfte am Herzen liegt, eine dringend noth- wendige sein. Die Ausführung des großen Gedankens ist der ansschließlicheit nnd selbständigen Leitung einesFranen- comitss, dem Board of Lady Managers übertragen, nachdem der Congreß in Chicago ausdrücklich hierzu seine Zu- stimnlung gegeben hat. Diesem Comits gehören Damen als Delegirte aus jedem der nordamerikanischen Staaten und Territorien an, während die geschäftliche Leitung in Chicago. selbst ihren Sitz hat und die Mitglieder des Comitös sich von Zeit zu Zeit zm Besprechung in der Stadt der künftigen Weltausstellung zusammenfinden. Die. Präsidentin des Board of Lady Managers ist Mrs. Potter-Palmer, welcher die Leitung der Exekutive obliegt und welche vom ersten Augenblick 8s jetzt eine stannens- werthe Thätigkeit für das große Werk entfaltet, dem sie sich gewidmet hat.
Der Monumentalbau, welcher ausschließlich der Ausstellung von Werken und Schöpfungen der Frauen dienen soll und für welchen eine Summe von 800,000 Mark bewilligt wurde, ist in seinem Bau bereits nahezu vollendet, und man ist jetzt mit seiner inneren Ausschmückung und Einrichtung beschäftigt. Der Entwurf des Baues rührt, wie überhaupt die Pläne zur ganzen inneren Einrichtung desselben, von Frauenhänden her, die zn Concurrcnz- bewerbungcn aufgefordert wurden. So ist der Bauplan z. B. ein Werk der Miß Naydin aus Boston, welche unter dreizehn Bewerberinnen den Preis erhielt, aber auch die Entwürfe zur ganzen decorativen Ausstattung, der Stucca- tur, Plastik, Malerei, sowie die Ausführung derselben wird nur Frauenhänden anvertraut.
Das Frauencomitö hegt den Wunsch, daß die Frauen aller Culturvölker sich an dem Werke betheiligen, um die Ausstellung im besten Sinne des Wortes zu einer allgemeinen und internationalen zu machen, und zu diesem
Zwecke hat sich die Präsidentin Potter-Palmer nach Äkropa begeben, um an den entscheidenden Stellen Interesse und werkthätige Beihilfe zu dem Unternehmen zu erbitten. Das ist der Dame auch in hervorragender Weise in der deutschen Rcichshauptstadt gelungen, wo sich bereits ein großes Comitö hochgestellter und einflußreicher Persönlichkeiten gebildet hat, das mit dem amerikanischen Comitö gemeinschaftlich arbeiten will, um mit ihm zu einer wür- digen Darstellung der gesammten Frauenwirksamkeit zu gelangen.
Die Ziele, welche die Franenleitnng hierbei in's Auge gefaßt hat, sind eingehend in einer besonderen Denkschrift niedergelegt.
Nachdem I. K. H. -die Frau Prinzessin Friedrich Karl von Preußen die Gnade gehabt hat, das Protectorat über die Betheilignng Deutschlands an der Frauenabtheilung bei der Chicagoer Weltausstellung zu übernehmen, sind bereits bedeutende einleitende und vorbereitende Schritte geschehen, um die Antheilnahme der vorzugsweise in Betracht kommenden Vereine und Personen zu gewinnen und für ganz Deutschland die Bildung eines großen Comitös herbeizuführen, welches alle weiteren Schritte zur Verwirklichung einer allgemeineren deutschen Vethciliguug an der Aufgabe, die man sich in Chicago gestellt hat, zu thun haben würde. Es sind von feiten des Neichscommissars, Geh. Regierungsrath Wermuth, Anfragen an eine Anzahl namhafter Vereine nnd bekannter Persöulichkeiten gerichtet worden, „von denen es feslsteht, daß sie der Franen- wirksamkeit thätiges Interesse entgegeubringen." Von einer bedeutenden Zahl solcher Vereine und Personen ist die Angelegenheit mit lebhaftem Interesse und mit dem Ausdruck voller Bereitwilligkeit zur Mitwirkung begrüßt worden. Dabei ist es selbstverständlich, daß diese Bereitwilligkeit auf gütige Unterstützung der Negierungen und Behörden erst ihre eigentliche Verwirklichung finden kann, da der Einzelne unmöglich die verschiedenen Gesichtspunkte und Ziele, die in's Auge gefaßt sind, beherrschen und bearbeiten kann. Besonders wird diese Unterstützung bei den ununtgänglich nölhigen statistischen Angaben unentbehrlich sein.
Angesichts der mannigfaltigen Ziele, welche von der Frauenabtheilung für die Weltausstellung in Chicago in's Auge gefaßt sind, hat man cs für zweckiuäßig erachtet, für die verschiedenen Ztveige der Aufgaben Sondercomitö's zn bilden, die ihre Thätigkeit nach bestimmten Prinzipien abgrenzen sollen. Zunächst sind .vier solcher Spezialcomites gebildet worden und zwar soll das erste für alles sorgen, was auf die wirkliche Ausstellung in dem Frauenpalast Bezug hat, also industrielle Thätigkeit, Knnstgewerbe, Kunstfertigkeit, Handarbeit, Bildhauerei, Malerei, Zeichnen, Modellieren, Schriftstellerei rc. Ohne Zweifel wird gerade dieser Theil der Frauenabtheilung den Hauptauzichnngspunkt bilden, da er in seinem Musikpavillon, in seiner Bibliothek, in seiner Bilder- und Skulpturenhalle, in seinen verschiedenen Räumen für industrielle, gewerbliche, technische, kunstgewerbliche Erzeugnisse die gesammte Thätigkeit der Frauen auf dem Ge
biete der Kunst, des Kunstgewerbes und der gesammten Technik zu Anschauung bringen soll. Wir wissen bisher so wenig von dem, was Frauen auf diesen Gebieten geschaffen haben, daß eine solche Darstellung ihres wirklichen Könnens von Eindruck sein wird auch auf diejenigen, welche die Frauen stets auf Hans und Familie verweisen, ihnen höchstens die Lehrcrinuenlaufbahn einräumen und von einer weiteren Nutzbarmachung einer Fülle geistiger und technischer Kraft nichts Rechtes wissen wollen.
Das zweite Sonderkomitö hat sich mit dem Vereinswesen und den Anstalten für Erweiterung und Hebung des Unterrichts für das weibliche Geschlecht, mit der wissenschaftlichen und kaufmännischen höheren Ausbildung, der künstlerischen Unterweisung in Musik, Malerei, Modelliren zu beschäftigen. Auch fällt diesem Theile zn, was sich auf die wirthschaft- liche Ausbildung und Thätigkeit, auf Volksküchen und Dienstboten-Anstalten bezieht.
Das dritte Sonderkomitö umfaßt die Vereinsthätigkeit zur Linderung der Noth und zur Hebung der Sittlichkeit, Krankenpflege, Asyle rc., dem vierten endlich ist das ganze große Gebiet der Kinderpflege nnb Erziehung mit allen darauf bezüglichen Einrichtungen (Kindergärten, Warteschulen, Ferienkolonien rc.) unterstellt. Diese letzte Abtheilung wird am allermcifteu der thätigen Mitwirkung Deutschlands bedürfen, denn eS handelt sich hier darum, ein klares Gesammt- bild alles dessen zu geben, was für die Erziehung und den Unterricht unserer Biädchen aller Schulkategorien bisher geschehen ist; es handelt sich darum, der Welt zu zeigen, daß das deutsche Mädchenschulwesen ohne jeden Zweifel an der Spitze aller Kulturvölker steht, daß deutsche Frauenbildung trotz aller Nörgeleien und Anfeindungen ein Hauptkultur- faktor des deutschen Volkes geworden ist.
Eine sehr große Zahl von gemeinnützigen Einrichtungen, Stiftungen und Veranstaltungen jeder Art, die der Erziehung und dem Unterricht, sowie der Besserung des Looses unserer unbemittelten Jugend in ausgedehntester Weise dienen, sind durch Ptivatwohlthätigkeit und durch die humane Fürsorge städtischer und staatlicher Behörden gerade in Deutschland zu hoher Blüthe gelaugt, und es kann nur im deutschen Interesse liegen, wenn allen den Tausenden, welche die Ausstellung in Chicago besuchen werden, ein recht klares Bild der deutschen Arbeit auf diesem höchsten nnd edelsten Gebiete aller Humauitätsbestrebungen geboten wird.
Es ist ganz unleugbar, daß die für die Weltausstellung in Chicago geplante Idee, die wir hier kurz entwickelt haben, eilte sehr bedeutende und geniale ist; gelingt ihre Verwirklichung in dem gehofften Sinne, so ist sicher, daß sie der sogenannten Frauenbewegung, das heißt nichts anderes als dem berechtigten Streben nach der weiteren Nutzbarmachnng der Frauenkräfte, einen bedeutenden Vorschub leisten wird. Schon jetzt muß jeder Vorurtheilslose zugeben, daß diese Bewegung nicht etwa auf persönlicher Willkür und Eitelkeit beruht, sondern nur als eine streng logische Konsequenz der völlig verhinderten modernen Kulturverhültnisse anzusehen ist, daß sie zahlreiche arbeitsfreudige Hände in Be
(12. Fortsetzung.!
Künde Aede»
Novelle von Konrad Ielmann.
„Ich konnte bei alledem nicht mehr darauf rechnen, einen sicheren Schuß zu thun. Ueberdies war es so dunkel, daß ich fürchten mußte, den Grünrock zu übersehen, wenn er unten vorbeikam. Da — während ich gerade Anstalt mache, fluchend meinen Posten zu verlassen und die günstige Gelegenheit verloren zu geben, hör' ich unten einen Schritt im Gestein. Da schießt mir alles Blut in's Gehirn und das Herz schlügt mir wie ein Schmiedehammer gegen die Brust. Ich reiße die Büchse an meine Backe und spähe hinunter. Da seh ich's ganz deutlich bei einem kurzen, grellgelben Aufzucken im Gewölkschwarz: es ist ein Mann und neben ihm schmiegt sich noch ein kleineres Etwas ihm dicht an's Knie und hält Schritt mit ihm. Alles trifft zn. Denn Antonio Marini, müssen sie wissen, Herr, hielt sich eine große Spürdogge, ohne die er niemals auf die Suche und den Fang ausging und die immer dicht neben ihm hertrottete, als wär's ein Stück von ihm selber. Das gewaltige Thier war uns Allen schon lange ein besonderer Dorn im Auge, denn wir empfanden's als eine unerhörte Schmach und niedrige Gemeinheit, daß er mit einem Hunde zur Jagd auf uns gusging, wie auf Thiere. Keine Sekunde also zweifelte ich, daß ich den Grüurock vor mir hatte, zumal es genau um )« Stunde war, wo er hatte kommen sollen. Und Allxs das ging überhaupt in einer einzigen Sekunde vor sich, Herr, wo feine Rede davon war, daß ich hätte zur Besm- myig kommen können. Den Mann da unten gewahr werden, auf ihn anlegen, kurz zielen und losdrücken — das war Alles eins. Der Schuß krachte. Ich glaube, ich habe diesen Inall noch immer in den Ohren, Herr, und ich habe seither
keine Büchse mehr abschießcn können. So schauerlich rollte der Knall an den Bergwänden entlang, als wär' eine ganze Salve abgefeuert worden. Und dann von drunten her ein Schrei — ein Schrei, Herr, der mir das Blut in meinen Adern zu Eis gerinnen ließ — der Schrei eines Kindes. — Was war das? Die Haare sträubten sich mit förmlich empor, als ich diesen Schrei vernahm. Mir war's, als packte mich ein Schwindel und ich sollte nur gleich da zu Boden stürzen und den Abhang hinunterkollern und mir drunten das Gehirn an einer Felskante anfschlagen, und dann wär's aus und vorbei — Alles, Alles. Und gewiß wär's auch so am besten gewesen, Herr, am allerbesten — heute weiß ich's. Damals aberdacht' ich's noch nicht. Gar nichts dacht' ich, beim Alles in mir wirbelte dnrcheinanber, unb ich hätte keinen klaren Gedanken fassen können. Ich stürzte den Abhang hinunter, ich weiß nicht, wie es gekommen ist, daß ich lebend unten anlangte, mir nicht Hals und Beine brach bei dem jähen Lauf. Und dann stand ich an bet Unglücksstätte unb beugte mich übet den erschossenen Mann, bet ba leblos, blutenb, bewegungslos auf dem Gestein hingestreckt lag und neben dem ein junges Mädchen, ein halbes Kind, jammernd und weinend am Boden kniete. Und während ich dies Bild des Entsetzens mit erschrockenen, versteinerten Augen betrachtete — nein, überflog, denn auch das ging Alles ja nur in der Dauer einer Sekunde vor sich, brach plötzlich ein Feuersttahl vom Himmel auf uns herab, daß es aussah, als klaffte das ganze Firmament auseinander und eine Flammengatbe schösse zu uns daraus nieder; das war kein Blitz, Herr, es waren 20, 30, 40 Blitze zu gleichet Zeit, — so wenigstens ist mits erschienen. Und bann folgte unmittelbar banach ein Knall, als berste bie Erde unter uns und schlänge die Gebirge und das Meer und Alles, Alles mit sich herab in die Tiefe. Ein Rollen, ein Donner, ein Krachen wars, das keine Worte
beschreiben können, betäubend, lähmend, zermalmend. Der ganze Himmel schien sich niebctznsenken und der Boden sich anfznthuu. Alles zu gleicher Zeit. Ich hatte das Gefühl, als wäre nun Alles zu Ende und der Untergang der Welt da. Ich war in meine Knie gesunken, völlig wie von Sinnen, hatte die Augen geschlossen, vermochte kein Glied zu rühren. Da riß mich ein abermaliger Schrei des Kindes neben mir empor, — der gleiche Schrei, wie der, den sie vorher ausgestoßen, nut noch furchtbarer, noch entsctzeus- vollet. „Heiliget Gott im Himmel!" schrie sie, „ich sehe nichts mehr, — ich bin blind! Vater, Vater, wo bist Du?" — Wie mit die Worte ins Hetz schnitten, Herr, mit keinem Worte könnt' ich's Ihnen klar machen. So ein Grausen vor mir selber und vor dem, was geschehen war, packte mich, daß ich meinte, ich müßte vor mir selber davon laufen, so weit meine Füße mich nur trügen — in die Wildniß, ins Elend, in die Einsamkeit. Solch' einen Ekel halt' ich vor mir. Aber mir selber das Leben zu nehmen, dazu wat ich zu feig, zu erbärmlich, ich zitterte ja am ganzen Leibe, daß mir die Zahne nur so aufeinander schlugen. Ich konnte mich auch gar nicht regen, gar nichts thun, neu zu untersuchen, ob noch Hilfe möglich, ob der Manu da vor mir, den ich gar nicht kannte unb dessen Mörder ich geworden war, wirklich tobt sei, — ich war wie an allen Gliedern gefesselt. Und währenddem zischten die Blitze um uns her und der Donner rollte und grollte unb ein gewaltiger Regenschauer prasselte auf uns herab; ba hör' ich plötzlich einen Ruf, bet burch all' beit tobenden Aufruhr der Natur gellt und das Wimmern und Weinen des Kindes neben mir überhallt: „Wer ist da? Antwort oder ich schieße !" Die Stimme, die diesen Ruf ausstößt, kenn' ich. Es ist Antonio Marini. Da schlägt auch schon sein Hund an, der Menschen gewittert hat. Jetzt also kommt er, wo es zu spät ist, viel zu spät. Denn das Unglück ist geschehen und
