Äbend-Äusgalbe
WitSMeM TsglilÄ
40. Jahrgang.
Verlag: Laiiggasse 27.
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Erscheint in zwei Ausgabe«. — Bezugs-Preis: In Wiesbaden und den Landorten mit Zweig- Expeditionen 1 Mk. 50 Psg., durch die Post 1 Mk. 60 Pfg. für das Vierteljahr.
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Uo. 234.
Mittwoch, den 1. Ium
1892.
Anfiedlungen in Südmest-Afrika.
Wiesbaden, 1. Juni.
- Zu unserem vorgestrigen, aus Berlin datirten Leitarlikel wird uns heute eine entgegengesetzte Meinungsäußerung übersandt und wir geben ihr gerne Raum, da wir natürlich keinerlei Interessen daran haben, eine nur einseitige Schilderung der Verhältnisse zn bieten. Die Zuschrift kantet:
Gestatten Sie mir, Ihnen unter Bezug auf Ihren Leitartikel in der vorgestrigen Abend-Ausgabe betreffs Ansiedlungen in Südwest-Afrika einige Punkte vor Augen zu führen, die auf genauer Kenntniß von Land und Leuten beruhen und die zeigen sollen, daß eine Ansiedelung deutscher Familien in den Schutzgebieten Südwest- Afrika's nicht gerade eine glücklich gewählte Idee ist.
In erster Linie eignet sich Damaraland weder für den Ackerbau noch für den Viehzüchter, in zweiter Linie sind die Sicherheitsverhältuisse momentan noch durchaus nicht dazu angethan, Familien, also auch Frauen und Kinder, dahin zu senden.
Das Land mit seinem breiten sandigen Küstengürtel (die Durchquerung desselben von Walfischbay, dem einzigen Landungsplatz, aus nimmt per Ochsenwagen 14 Stunden in Anspruch) weist viel zu wenig Regen und Feuchtigkeit auf, um jeden Kenner nicht sofort abzuschrecken, Geld und Arbeitskraft einem Boden anzuvertrauen, der durch seine trostlose Dürre von vornherein kaum eine Hoffnung anfkommen läßt. Nur das meist trocken liegende Bett des Schwakopp- „Flusses" macht eine Ausnahme und dieser schmale Streifen dürfte kaum genügen, eine ganze Anzahl Familien zu ernähren, geschweige denn genug Getreide zu produzireu, um einigen Nutzen aus dem Export zu ziehen. Aber selbst angenommen, daß ein sehr günstiges Fallen genügender Negenmasse die Bilche des Landwirthes belohnen sollte, wohin soll er sich wenden, Absatzgebiete zn findend Der Transport nach der Küste durch den sandigen Gürtel ist gleichbedeutend mit der Arbeitsunfähigkeit der zu einem Wagen gehörigen 16 Ochsen auf die Dauer von 3—4 Monaten. Die Thiere haben lange Zeit ohne Wasser und Futter zn bleiben intb müssen den schweren Wagen durch den hohen Sand ziehen, der an vielen Stellen bis an die Achsen reicht.
Im Innern selbst ist der Bedarf an Getreide nicht groß genug, nm den Handel darin nutzbringend gestalten zn können. Außer von den Leuten der Schntztruppe wird kanm Mehl consumirl, da die paar Händler den Verbrauch von Bisqnits vorziehen und die Missionsanstalten ihren eigenen Bedarf produzireu.
Der Viehzüchter — es kann sich nur um Züchtung von Hornvieh handeln, da Versuche mit Wollschaafeu der vielen im Lande vorkommendcn Dornbüsche halber ungünstig ausgefallen sind — der Viehzüchter also hat auch im deutschen Schutzgebiet viel weniger Aussichten zu sicherem Fortkommen, wie dies in vielen Ländern z. B. Amerika's der Fall sein würde. Die Thiere sind fast jährlich Epidemien wie Lungen
seuche unterworfen, die die Heerden bedeutend reduziren, außerdem aber ist der Bedarf an Ochsen ein viel zu kleiner und die Preise zu gedrückte (ca. sS 2—2V- für einen drei- bis fünfjährigen Ochsen), nm die Produktion lohnend zu gestalten. Nur Händler kaufen hin und wieder Ochsen auf — aber meistens gegen Tausch von Gewehren und Patronen — um sie zum Verkauf nach Transvaal zu treiben. Diese Reisen von 4—6 Monaten Dauer haben sich aber auch seit den letzten Jahren als schadenbringend erwiesen.
Der Viehzüchter hat außerdem in Betracht zu ziehen, daß er oft gezwungen ist, Weide für sein Vieh zu suchen und daß er dasselbe oft Tagereisen weit von einem Platz zum andern treiben muß. Wer sorgt dann für die Sicherheit seiner Person und seines Eigenthums? Das kleine Häufchen der Schntztruppe sicher nicht, denn diese paar Leute können nicht überall sein. Wie naturgemäß wenig Macht die 20 oder 30Mann der Schntztruppe über die Stämmeder Damara'S und Hottcntolen haben, geht am besten hervor, wenn man die stetig fortdauernden Fehden dieser beiden Eingcborenenstämme verfolgt. Was kann Hauptmann Francois anders thun als begütigend alle Zwistigkeiten zu schlichten suchen, energisch aber eingreifeu, wie er nur zu gern möchte, verbietet ihm die Klugheit von selbst. Es ist noch gar nicht so lange her, daß ein Kaufmann von Walfischbay unweit Klein Windhoecks von Damaras auf das Wagenrad gebunden und gepeitscht wurde. Und warum? Weil er keinen Branntwein zum Verkauf mitgebracht hatte! Wo bleibt da der Schutz? Und der Vertreter einer Compagnie mußte sich in seinem eigenen Haus in Otjimbinque Abends im Dunkeln mit seinen Freunden unterhalten, nur um zu vermeiden, daß junge Damaraburschen ihn zu Hause glaubten. Es ist ihre Gewohnheit, gegen den Willen des Hausbesitzers einzudringen und sich ungenirt als Herrn zn geriren!
Zum Schluß möchte ich Ihre angeführte Statistik widerlegen, daß in Deutsch-Süd-Westafrika 622 Weiße leben. Diese Zahl dürfte sich höchstens auf den vierten Theil reduziren, denn als dort „lebende", in einem Lande, wie das Besprochene, kann man nur Personen zählen, welche ihren wirklichen Wohnsitz daselbst haben. Drei Viertel dieser 622 recrutiren sich aber wohl aus Händlern, die vorübergehend im Lande sind und aus Goldsuchern — die aber inzwischen längst wieder unverrichteter Sache abgezogen sind.
Unter den wenigen Artikeln, welche die „Haupteinfuhr" in's Land ansmachen, zählen Sie Gewehre und Munition auf. Beide Artikel sind nur unter Bewältigung großer Schwierigkeiten seitens der Regierung einführbar und deren Verkauf quasi verboten!
Als Ausfuhrartikel führen Sie Straußfedern, Gummiarabikum, Häute und Elfenbein an. Ich möchte bezweifeln, daß letztes Jahr mehr als für 300^ Sterling Straußfedern und Elfenbein zusammen exportirt wurde. Gummiarabikum war letztes Jahr in England billiger als in Südwestaftika! Der ganze Export dieses ganzen Landes rednzirt sich also
auf Häute und Hörner! Und für unsere deutschen Gerbereien sind die Häute von Damaraochsen ihrer schlechten Beschaffenheit halber kaum zu gebrauchen!
Allen diesen großen Schattenseiten gegenüber kann Damaraland nur einen einzigen Bortheil in die Wagschaale werfen: das durchaus gesunde Klima. Veritas.
Locales.
Wiesbaden, 1. Juni.
* Irrr Er inner Nttg. Dieses Jahr, in welchem das Andenken an Christoph Columbus allseitig gefeiert wird, bringt überhaupt wieder die Zeit jener zahlreichen Entdeckungsreisen in Erinnerung, von denen das Ende des 15. und das 16. Jahrhundert erfüllt sind. Unter den vielen wunderbaren Begebenheiten jener Zeit ist eine der wundersamsten und staunenecregendsten die der Eroberung von Mexiko durch Ferdinand Cortez mit kaum 1006 Spaniern. Mit dieser Handvoll Leute gelang die Unterwerfung eines großen Reiches, einer volkreichen Nation, der weder Kriegsmuth, noch Vaterlandsliebe abging, die auf einer hohen Culturstufe stand, in großen Städten wohnte und Künste und Gewerbe trieb. Namentlich die Azteken waren cs, die besondere Beachtung verdienten, aber auch sie mußten sich nach verzweifelten Kämpfen den Spaniern unterwerfen. Ein tragisches Schicksal ereilte den ehemals so mächtigen König der Azteken Montezuma. Derselbe halte sich mit den Spaniern auf freundlichen Fuß gestellt und wagte es gelegentlich eines Aufstandes des Volkes gegen die Fremden für diese das Wort zu nehmen. Da traf ihn aus des Volkes Mitte ein Steinwurf, an deut er am 1. Juni 1520 starb. Damit war die Herrschaft der Spanier erst recht befestigt.
— Kurhaus. Die Concertfänger - Gesellschaft Hinter w al du er wird in dem morgigen Abend-Concertc im Knrgarten zehn Nummern — Chorgefänge mit Jodler, Soli, Quartette, Duette 2C. — zum Vortrage bringen. Ein besonderes Eintrittsgeld wird, itrie wir schon mittheilten', nicht erhoben doch sind alle Karlen vorMcigeii. — Um auch den zahlreichen Psingst- Besnchern unserer Stadt Gelegenheit zu geben, einem großen Gartenfeste beiwohnen zu können, ist ein solches für Pfingst- Dicnstag von der Kurdirectioii in Aussicht geuornincii.
— Nrrsonal-Uachrichtrn. Der Herr Minister der geistlichen 2C. Angelegenheiten hat genehmigt, daß Herr Regiernngs- Affcsfor Dr. Schmids von der coinmissarischen Verwaltung einer weltliche» Natsstelle im Nebenamte bei den: hiesigen König!. Consi- storium entbunden und diese Stelle dem Herrn Rcg.-Assessor Niemeyer hier Übertragen werde. — An der Präparanden-Anstalt zu Herborn ist der Lehrer Großmann ans Hcrmannstcin als Zweiter Lehrer angestellt worden. — Die Amtsgerichtssecretäre Herren Reichhardt und Schierjott haben aus Gesundheitsrücksichten längeren Urlaub erhalten und werden während desselben in ihren Amtsgeschäfteu von den Herren Actnarcn Schwärzet und Böhl- ma»n von hier vertrete».
— Handelsregister. Im Genossenschafts-Register wurde bei „Freisinniger Verlag" hier eingetragen, daß der Rcdacteur Andreas Joseph Weber von hier freiwillig ans deni Vorstand aiisgeschieden ist und an seine Stelle der Anssichtsrath den Kaufmann Richard Adolph Meyer von hier zum Vorstandsmitglied gewählt hat.
(2. Fortsetzung.)
Wnde Lieke.
Novelle von Konrad Uelmann.
Ich selber verfolgte ganz unentwegt indessen meine Ziele und ließ mich's nicht weiter ansechten, daß man mein Bischen ärztliche Kunst, das mir nur immer allzu eng begrcngt erschien, für eitel Teufelswerk erkärte; denn das Bewußtsein, Gutes zu thun, hob mich über das lähmende Gefühl meines Ueberflüssigwerdens glücklich hinaus, welches uns rhatkräftige und arbeitsgcwohntc Männer meist überfällt, wenn uns Krankheit an der Ausübung unseres Berufes hindert. Daß ich mir selber übrigens nicht besser helfen konnte, erschien den Castiglionern noch ganz besonders als ein untrüglicher Beweis dafür, daß der höllische Feind mir zwar Macht über Andere verliehe, mich selber jedoch elend verderben lasse, was sich in ähnlichen Fällen angeblich immer so ereignete.
Von meinem Wunsche getrieben, endlich einmal zu einer großen Augenoperation schreiten zu dürfen, um wirklich einem völlig erblindeten Menschenkind das Licht des Tages wiederzuschenken, was mir immer als das Herrlichste erschienen ist, was Menscheukunst nur überhaupt zu Wege zu bringen vermag, wanderte ich fleißig in den Gassen umher und spähte nach Blinden ans, bei denen ich mein Heil hätte versuchen können und die sich aus freien Stücken nicht an mich wendeten, weil sie mir solche Kräfte beim doch nicht zutrauen mochten, auch gänzlich geschwundenes Augenlicht durch einen bloßen Messerschmitt wieder zn erwecken. Leider fand ich trotz vielen Suchens lange Zeit hindurch keinen Fall, dessen erfolgreiche Behandlung ich mir hätte zumuthen wollen, denn aufs Unbestimmte wagte ich nicht zu operiren und da Hoffnungen zu erregen, wo ich meiner Sache nicht sicher war, — soweit Menschen etwas sicher berechnen können,
— ist mir immer als eine Grausamkeit erschienen, zu der ich mich nicht entschließen konnte. Ohne solche feste tröstliche Zukunftsaussicht aber wollte sich Kemer meinem Operationsmesser überliefern. Die egyptische Augenkrankheit, die wegen des grellen, heißen, auf den nackten Felswänden widerstrahlenden Sonnenlichts hier mancherlei Erblindungen herbeigeführt hatte, welche bei rechtzeitiger zweckmäßiger Behandlung und unter günstigeren äußeren Verhältnissen, besonders bei größerer Reinlichkeit hätte verhindert werden können, bot mir ebenso wenig Chancen für ein glückliches operatives Einschreiten, wie die angeborene Blindheit, die ich in ziemlich zahlreichen Fällen außerdem vorfand. Auf mein Befragen, ob unter der Bevölkerung nicht Fälle von plötzlicher Erblindung durch Naturereignisse oder als Folgen andersartiger Krankheiten vorgekommen seien, erfuhr ich endlich durch eine zutrauliche Alte, Sora Ersilia, die, glaube ich, als halbe Hexe, wofür siegalt, mich mit einer Art von colle- gialischer Zusammengehörigkeit betrachtete, da draußen in ihrer Vigne lebe eine junge Frau, die als Kind durch einen Blitzschlag um ihr Augenlicht gekommen sei. Uebrigens sei sie aber glücklich verheirathet und lebe so zufrieden mit ihrem Manne, daß man kaum glauben könne, sie wünsche sich einen noch schöneren und glückseligeren Zustand in der Welt, denn die Beiden würden von aller Welt um ihr Zusammenleben beneidet und eine musterhaftere Ehe könne es nicht geben, als die ihre. Ich möge jedoch selber gehen und schauen, mich aber wohl in Acht nehmen, denn Don Tobia, der junge Ehemann, wache eifersüchtig über sein schönes Weib und sei ein heißblütiger Mensch, dem man gern ein paar Schritte vom Leibe bleibe.
Dieser Bericht verlockte mich schon um des rein menschlichen Interesses halber, das er in mir erweckte, die Blinde aufzusuchen. Ich machte mich noch in der nämlichen Stunde zu ihr auf den Weg, nachdem ich mir von Sora Ersilia
den Weg zu der Vigne des seltsamen jungen Paares hatte weisen lassen.
Sie wohnten ziemlich weit draußen. Man mußte die steile Hauptgasse des Ortes verfolgen, bis man oberhalb der höchstgelegencn Häuser desselben in die mühsam durch kunstvollen Terrassenbau angelegten Weingärten und Citronen- plantagen gelangte, zwischen deren Ummauerung, die von Epheu umsponnen und von Brombeergestrüpp berankt war, ein schmaler Felsweg in südlicher Richtung auf das kleine, einsaine Hans zuführte, das mitten unter Reben und kürbis-. umkletterten Feigenbäumen traulich und idyllisch dalag, wie das Versteck zweier glücklicher, liebender Menschenkinder. Und das sollten die Beiden ja auch sein, zu denen ich auf der Wanderung war.
Der Tag war sonnenhell, klarsrisch, die Luft und die Berge leuchteten in bläulichem Schimmer, tief unten blitzte ein goldübergleißter Streifen des Meeres. Rundum war es ganz still, auch schlug kein Hund an, als ich mich dem kleinen Hause näherte; vor Dieben mußte man sich hier nicht fürchten. Mein Schritt scheuchte auch das junge Wcib nicht auf, das vor der steinernen Hausschwclle am Spinnrocken saß, aber so unbeweglich, daß ich alsbald gewahrte,' sie sei über ihrer Arbeit in der nachmittägigen Sonnenhitze eingeschlafen. So schlich ich mich beim doppelt leise näher, heran und weidete mich stehenbleibend an dem anmuthigeu Anblick, der etwas unendlich Rührendes zugleich für mich hatte. Die eine Hand der schönen Schläferin hielt die Spule noch, während die andere nnthätig im Schooß ruhte." Ein Ausdruck holden Friedens lagerte auf dem Antlitz, dessen Züge von seltsamer Reinheit und Formenschöne waren. Dickes, blauschwarzes Haar rahmte sich in üppigen, kranzartig aufgesteckten Flechten um bas feine Oval des bräunlichen Gesichts, aus dem unter einer stark gewölbten Stirrt eine edel aebogcue Nase, ein kleiner Mund mit schwellende»
