Abend-fiusgafoee
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40. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: In Wiesbaden und den Landortcn mit Zweig- Erpeditionen 1 Mk. 50 Pfg., durch die Post 1 Mk. 60 Pfg. für das Vietteljahr.
Verlag: Langgasse 27.
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R-. 230.
Montag» den 30; Mai
1892.
Ansiedelungen in SüdmestafriKa.
-n. Berlin, 27. Mai.
Die deutsche Colonialgesellschaft beschäftigt sich mit dem Versuch, deutsche Auswanderer in Südwestasrika anzusiedeln, um dadurch den Werth und die Bedeutung nuferer süd- westafrikanischen Colonie zu heben. Das Unternehmen ist reiflich überlegt und genügend vorbereitet. Nachdem im Frühjahr 1891 der Baron von Uechtritz an den für die Siedelung zunächst ins Auge gefaßten südwestafrikanischen Plätzen Windhoek, Gobabis und Hoachanas die nöthigen Voruntersuchungen angestellt und gefunden hat, daß dort reichliche Wasserquellen, guter zum Garten und Ackerland geeigneter Boden und ein ausgedehntes reiches Weidefeld vorhanden sind, hat der Reichskanzler der Colonialgesellschaft zunächst den Ort Klein-Windhoek mit Weidefeld überwiesen. Für diese Ansiedelung ist folgender Plan aufgestellt und vom Auswärtigen Amte genehmigt worden:
1) Die Ansiedler in Klein-Windhoek empfangen Schutz für Person und Eigeuthuni von der Schutztruppe, welche in dem eine halbe Stunde entfernten Groß-Windhoek siatjonirt ist. 2) Jedes Haupt einer Ansiedlerfamilie erhält von dem Syndikat unentgeltlich 3 bis 4 Morgen bewässerungsfähiges Land zur Anlage eines Gartens und Ackers und zur Errichtnug der Wohngebäude. 3) Jeder Ansiedler hat das Recht der Nutzung des zu Klein-Windhoek gehörigen umfangreichen Weidefeldes. Hiersür zahlt er eine jährliche geringe Abgabe, die Von der Siedelnugsgesellschaft unter Zustimmung der Colonialverwaltung festgesetzt wird. 4) Als Ansiedler in Klein-Windhoek werden solche Personen zngelassen, die großjährig sind, einiges Capital in Händen haben und in der Lage sind, enteil eigenen geordneten Hausstand in Windhoek zu gründen. 5) Solchen Personen gewährt das Syndikat auf Verlaugen auch einen verzinsliche!! Vorschuß, um ihnen die Begründung des Hausstandes zu erleichtern. 6) Die Ansiedler, welche sich m Windhoek niederlaflen wollen, werden bei ihrem Eintreffen in Walfischbai empfangen werden und wird ihnen jede irgend mögliche Unterstützung und Erleichterung bei ihrer Niederlafiung, bei dem Ban der Wohnhäuser, bei der Beschaffung ihres Viehsiapels n. s. w. gewährt. 7). Die diitsche Colonialgesellschaft sendet einen ersten Dampfer am 15. Juni von Hamburg nach Walfischbai, welcher eine günstige und preiswerthe Gelegenheit für die lleberfahrt bietet.
Hierzu ist zu beuierken, daß für die Darlehen, welche die Auswanderer von der Siedlniigsgesellschaft erhalten, 5 Prozent Zinsen zu zahlen sind; die Rückzahlung der Darlehen hat spätestens nach 33 Jahren in lährlichen Raten zu erfolgen.
Zur besonderen Leitung des Ansiedlungs-Unternehmens hat die Deulsche Colonialgesellschaft ein Syndikat unter dem Vorsitze des Herrn von Cnny abgegliedert, welches die Bildung der Siedlungs-Gesellschaft vorbereitet. Von dieser sind dann die für die Ansiedlungszwecke erforderlichen Mittel zu beschaffen. Die Besiedelung von Klein-Windhoek erfordert 100,000 Mark, von denen 60,000 Mark bereits gezeichnet sind.
Zweckmäßig erscheint es im Rahmen des Unternehmens, daß die Deutsche Colonialgesellschaft schon am 6. Mai den Grafen Joachim Pfeil nach Kapstadt abgeschickt Hal, nm dort vorn afrikanischen Boden deutsche Ansiedlerfamilien für Windhoek zu gewinnen und sie mit der erforderlichen Ausrüstung auf den Weg zu bringen.
Somit wäre mit der Besiedelung Südwestafrikas der Anfang gemacht und es bleibt nun asizuwarten, ob und in welchem Maße sich die an das Unternehmen geknüpften Hoffnungen erfüllen werden. Einige statistische Angaben über das im dentschen Mutterlande bisher zienilich unbeachtet gebliebene südwestafrikanische Colonialgebiet dürften im gegenwärtigen Augenblick wohl ein besonderes Interesse haben. Nach einem Berichte des Kaiser!. Commissars von Franxois ans Windhoek vorn 31. Dezember 1891 leben in Dentsch-Siidwestafrika 622 Weiße (darunter 310 Deutsche und 273 Engländer, 19 Schweden und 10 Holländer), die sich Alle von Handel und Viehzucht nähren. Die Zahl der Eingeborenen beträgt 116,000. Die Gesundheitsverhältnisse waren ausgezeichnet. Europäer werden weniger als Eingeborene von Krankheiten befallen. An Pferden zählt man 4000, Rindern 353,000, Kleinvieh 3,600,000 Stück. Der Handel nahm seinen Weg über die englische Walfischbai, vor 1890 ist für 473,700 Mk. Angeführt und für 115,000 Mark ausgesührt worden. Haupteinfnhren sind Gewehre und Munition, Mehl, Snffee, Mannfaktnrwaareu, Wein, Bier, Tabak. Die Hanptansfuhren waren Stranßeiifedern, Gummiarabikum, Häute (für 72,000 Mk.), Hörner, etwas Elfenbein. Der Briefverkehr der Postagentur Otjimbingue über Walfischbai betrug 1891 schon 5276 Briefe.
Korales.
Wiesbaden, 30. Mai.
— An» t>er Gesellschaft. Dem Generalmajor z. T- Rogge hier, bisher Commaudeur der 41. Jufauterie-Brigade, ist der Königliche Krouen-Orden zweiter Klasse mit dem Stern verliehen worden. — Herr Ober-Appellatious-Gerichtspräsideut a. D. Kierulf f aus Lübeck ist zur Kur in Ems eiugetrossen und hat im „Prinz Wales" Wohnung genommen.
-o- Die Auvloosnng der Geschworenen für die am 20. Ium c. beginnende zweite diesjährige Schmnrgerichtsperiode wurde heute Mittag 12 Uhr in öffentlicher Sitzung, an welcher Herr Landgerichts-Präsident Geh. Ober-Justizrath Hop man als Vorsitzender, die Herren LandgerichtSräthe Keim und Gelinck als Beisitzer, Herr Erster Staatsanwalt Geh. Justizrath M o ri tz als Vertreter der Kgl. Staatsanwaltschaft, sowie Herr Sekretär Plisch als Gerichtsschreibcr Theil nahmen, vollzogen. Aus der Urne wurden die Namen folgender 30 Herren gezogen: Joh, Prokaski in Oberjosbach, Landwirth Ohleiischläger-Marxheim, Müller Chr. Möhler-Würge«, Kaufmann Gustav Roseuthal-Wiesbadeu, Gastwirth Adam Allendorf HL in Wicker, Branereidirektor August Stark in Wiesbaden, Posthalter Adolf Minor iuHolzhaiiseu, Wagner Ludwig Lenz in Eppstein, Rentner August Schickhardt in Wiesbaden, Pachter W.Lindheimer in Kleinschwalbach, Laiidmanu Ernst Peters in Nastätten, Fabrikant Hermann Dieniuger in Lorsbach, Kaufmann W. Hoffmann in Niedernhausen, Fabrikant Otto Gauhe in Oberlahnstein, Rentner Julins Stöckicht in Wiesbaden. Apotheker Dr. Julius Neubrouuer in Crouberg, Hauptmann a. D. Hermann Becker in Königstein, Bnchdrnckereibesitzer Kilian S chwab in Wiesbaden, Hosbestäiider Lorenz Esch zu Hof Neuboni, Weinhändler Ludwig Horbach in Niederlahnsteiu, Bürgermeisterei- Stellvertreter Peter Jung in Grävenwiesbach, Commissio- uär Peter Espenschied in Niidesheim, Kausmaiiu Eduard Schmölder in Biebrich, Rentner Guido Steinkanler in Wiesbaden, Oeeoiiom Eduard Eugelmauu in Hallgarten, Kaufmann Ludwig Böhm in Oberlahusteiu, Porzellanhändler Mathäns Munfch in Eltville, Schreiner und Glaser Ludwig Schmidt in Wiesbaden,
Fabrikant Theodor Stadelmaun in Oberlahusteiu, Gutsbesitzer Karl Hey in Niidesheim.
— Das öcntdjt, welches gestern und heute in nuferer Stadt verbreitet war und von einer plötzlichen schweren Erkrankung des Herrn Oberbürgermeisters Dr. von Jbell wissen wollte, können wir als völlig grundlos bezeichnen. Der Herr Oberbürgermeister ist Henle Vormittag in seinem Amtszimmer im Nathhause gewesen.
= Orthopädische Anstalt. Man schreibt uns: Herr Dr. Staffel hat für seine seit 10 Jahren hierselbst von ihm geleitete Anstalt für Orthopädie, Heilgymnastik und Massage kürzlich die sämmtlichen zum System der maschinellen schwedischen Heilgymnastik des Dr. G. Zander in Stockholm gehörigen Apparate käuflich erworben. Die Aufstellung derselben erfolgt zunächst in den Räumen der bisherigen Dr. Staffel'schen Anstalt, Maiuzerstraße 9; eine baldige Vergrößerung der Räume durch Anbau oder Neubau ist aber jetzt schon in Aussicht genommen. Die neue Einrichtung soll nut 1. August in Betrieb gesetzt werden. Damit wird Wiesbaden endlich in die Reihe derjenigen Städte eintreten, welche ein ,,Zander-Institut" aufweisen. Herr Dr. Staffel, der neuerdings von einer kurzen Reise nach Stockholm zurückgekehrt ist, hatte bereits im Jahre 1878 Gelegenheit, während eines sechsmonatlichen Studienaufenthaltes in Stockholm außer den sonstigen heilgymnastischen Anstalten daselbst auch das Zander'sche Institut eingehender kennen zu lernen. Tas erste Institut dieser Art in Deutschland wurde 1884 im Friedrichsbade in Baden-Baden errichtet und hat sich schnell uamentlich unter den Badegästen großen Ruf und Beliebtheit erworben. Seitdem sind in einer größeren Anzahl deutscher Städte solche „mediko-mcchauische Institute" mit Zander'schen Apparaten, welche ausschließlich in der unter Dr. Zauder's Controlle stehenden Maschinenbau-Anstalt des Herrn E. F. Göraussou in Stockholm angefertigt werden, entstanden. Sie stehen, was stets bei Abgabe der Maschinen zur Bedingung gemacht wird, sämmtlich unter der Leitung von approbirten Aerzten und umfassen mit ihren Hulfsmittelu das ganze Gebiet der Orthopädie, Heilgymnastik und Massage. Ein fernerer Bestandtheil der Dr. Staffel'schen Anstalt Ivar schon bisher, und wird es auch künftig fein, eine eigene mechanische Werkstätte zur Herstellung der orthopädischen Apparate im engeren Sinne, d. i. solcher Apparate und künstlicher Glieder, welche wegen Verkrümmungen, Coutrakturen, Lähmungen, oder zum Ersatz verloren gegangener Glieder am Körper getragen werde».
e Wandlung und Wanderung von Uanten. lieber dieses Thema hielt in der Monatsversammlung des „Wiesbadener Lehrervereins" am letzten Samstag im „Nonnenhos" Herr Rektor Ferber einen sehr intereffanten, mit vielem Beisall (lufgenommeiien, Voitrag. Wir entnehmen den Ausführungen Folgendes: Völker verrauschen, Rainen verklingen! Wenn die Spuren des Rauschens der Völker äußerlich verwischt werden, so weisen ost Namen auf den Ursprung dieses Nanscheus hin. Die Sprachforschung weiset durch Verfolgen der Wurzeln nach, daß der Anfang der jetzigen Kunstsprachen zwischen den Müudiiugen des Euphrat und Indus war. Wenn auch Tausende von Jahren verflossen sind, seit manche Völkerstämme sich in viele vereinzelte Zweige theilteu; wenn auch die einzelnen Sprachen sich ganz selbstständig und unabhängig auS- bildeteu, so giebt es sogar unter den Sprachen, die sich völlig fremd scheinen, noch Namen uudBilduugssilben, die auf eine gemeinsame Quelle selbst der deutschen, griechischen und lateinischen Sprache Hinweisen. — Diese Grundsätze angewendet auf bcutfd)e Ortsnamen ergeben, daß diese Ortsnamen oft maßgebend find für die Grenzen des Germauenthnms. Betrachten wir die Wörter auf iugeit, so finden wir, daß sich dieselben vorherrschend ans einer Linie von Bremen bis Basel befinden, mit Beinlingen ansaugen und mit Edliugeu bei Basel endigen. Die Silben iitgeit verwandeln sich häufig in ing, niug, in, igni. Auch die Endsilbe darf erleidet viele Aeuderungen und tritt ans als dorp, trop, trup, troff. Ebenso ergeht es den Wörtern ans Weiler, will er und denen auf ic, ig, ich, itsch. Bei Braunschweig und Schleswig haben wohl die End- filbe» gleiche Bedeutung. Zur veränderten Schreibweise trug meiftenS
Nachdruck verboten.
Klinde Kirbe.
Novelle von Konrad ^efimtnn.
Ich habe die seltsame Geschichte von einem jungen, deutschen Arzte gehört, der eines beginnenden Brustleidens halber nach Sicilien gekommen war und sich winterlang in Palermo aushiekt. Er war eigentlich Speeialist für Augenleiden und mit ebensoviel Geschick als Begeisterung diesem seinem medieinischen Sonderfache ergeben; sodaß er trotz seines ungünstigen Gesundheitszustandes alle seine Muße und Kraft dazu verwandte, eifrig unter der armseligen Bevölkerung der kleinen Ortschaften auf der Insel seiner Kunst obzuliegen und dabek die reinste, innere Befriedigung zu finden, ohne jemals viel Wesens aus feinem Können und mts seinen schönen Erfolgen zu machen oder sich dieselben etwa anders, als durch einen Gotteslohn entgelten zu lassen. Erst eine Verschlimmerung, die in seinem Befinden eintrat, zwang ihn, seiner aufreibenden, mcnschciifrenndlicheii Thätig- keit zu entsagen und um seiner eigenen Erhaltung willen auch den Aufenthalt in den traurig-ärmlichen Bergnestern und Stranddörfern gegen ein bequemes Cur- und Müßig- gäuger-Leben in der Hauptstadt des einst göttergesegneten Eilands zu vertauschen. Und dort erzählte er mir an einem Winterabend vor dem Kamin, da eine gute Flasche dem sonst Schlveigsamen die Zunge gelöst hatte, das merkwürdige Erlebniß, das ich auf diesen Blättern mit seinen Worten nachgezeichnet:
„Ich war auf meine« Streiszügen durch die Insel, theils von meiner Begeisterung für eine große und eigenartige Natur, theils von einem Drange geleitet, mich der leidenden, in Elend und Schmutz oft verkommenden Bevölkerung nützlich zu erweisen, — Sie wissen, daß gerade Augenleiden in Sicilien ausfallend häufig Vorkommen, — nach Castiglione
hinanfgelangt. Der Ort liegt überaus malerisch an der Südostküste der Insel. Tas kleine Städtchen klettert mit feinen dicht zusammengedrätigten, schwärzlichen Häusern, die mit ihren Fensterluken auf's blaue Ionermeer herabstarren, die steile Felswand hinauf, als wäre es droben in der schwindelnden Höhe fcstgeklebt, und die Manern der Häuser sind so übereinander aufgethürmt, daß man von drunten nicht zu begreifen vermag, wie man zn den oberen einen Zugang erlangen kann. Ist man an Ort und Stelle, so entdeckt ntttn ein Gewirr von schmalen Gäßchen, düsteren Hansdnrchgängeit, Bogen und steinernen Straßenbrücken, welche alle dem Verkehr der Ortseinwohner unter einander dienen, in denen aber ein Uneingeweihter sich nicht zurecht findet. Er sieht sich vielmehr alsbald rettungslos darin verirrt und das Ganze erscheint ihm wie eine mächtige Berg- festnng mit zahlreichen, nur der Besatzung selber vertranten Gängen, Schlnpfwegen und Ausfallsthoren. Und als eine solche mag das Städtchen denn auch wohl dereinst gegründet worden sein, als die Saraeenenschiffe lauernd die schimmernde Meerbucht drunten durchfurchten.
Heute haust hinter diesen himmelhohen, altersgeschwärzten Manern, in den lichtlosen, fenchtmodrigen Gelassen ein blutarmes Geschlecht, das sich mühevoll durch den kärglichen Ertrag von etlichen Vigne» und Oliveten das Leben fristet. Die Männer ziehen meist aufs Meer hinaus, oder verdingen sich in ihren jüngeren Jahren in den größeren Ortschaften des Distrikts, um erst später mit ihren geringen Ersparnissen wieder in die Hcirnath zurückzukehren. Denn die Liebe zu ihr stirbt bei ihnen allen nicht aus, so traurig und erbarmungswürdig ihr Dasein dort sich auch abspielen mag. So erscheint der Ort eigentlich nur von Greisen und Weibern bewohnt, und unter dem kümmerlichen Weinlanb, mit dem die engen, dunklen, gepflasterten Gaffen zumeist übersponnen sind, treiben zerlumpte, lärmende Kinder ihr Wesen, die etwas
selisam Scheues und Unkindliches an sich haben, auch zumeist bleich und kränklich dreinschauenundin Schmutzzn Grunde gehen.
So können Sic sich denken, daß der Ort gerade keinen erfreulichen Aufenthalt für mich bot, obgleich ein Maler da sicherlich eine Reihe der herrlichsten und eigenartigsten Motive gesunden hätte und ich auch durch mancb' wunder- reiche Schan anss Meer hinaus und in die Felswildniß hinein für die Wohl meines einsamen, weltentlegenen Asyls belohnt ward. Es lag etwas unendlich Trauriges darüber, das ich mir meiner Natur nach nicht so ohne Weiteres ab- schütteln konnte, wie hell und freudig auch die Sonne aus der wolkenfreien Klarheit des südlichen Himmels niederbrannte und die wilde, eigenartige, fesselnde Welt um mich her übergoldete. Ich mußte, schon um wieder froheren Sinnes zu werden, und jenes gewisse seelische Gleichgewicht herznstellen, das man $unt Leben so nothwendig gebraucht, mich wacker an die Arbeit machen, und am guten Willen hierzu fehlte es mir auch nicht.
Man kam mir aber mit einer Art von Mißtrauen entgegen, auf das ich wohl an anderen Orten, wenngleich nicht in demselben Maße, gestoßen war und das sich genngsam daraus erklären läßt, daß diese armselige Bevölkerung es nicht gewöhnt ist und nie gewöhnt war, sich aus bloßerMenschen- licbe und barmherziger, werkthätiger Religiosität geholfen zu sehen. Man hat sie immer nur ausgesogen und verbraucht, wie man ihrer gerade bedurfte, ober doch in ihrem Elend verkommen lassen, ohne ihnen einen anderen Trost zu spenden, als die Hoffnung auf eine Entschädigung im Jenseits für alles über sie gekommene Erdenleid. So wittern sie hinter Jedem, der ihnen freiwillig seine Hilfe anbietet, irgend etwas Geheimnißvollcs, das ihnen, abergläubig und verdummt, wie sie unter dem langen bourbonischen Pfaffenregiment geblieben sind, umheimlich erscheint, oder glauben sonst an Verrath ober ein unlauteres Motiv, das ihnen gerade dann
