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Abend-Ausgabe.

WitMMner (taub Litt.

40. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgabe«. BczugS-PrriS: Zn Wiesbaden und den Landorten mit Zweig» Expeditionen 1 Mk. 50-Psg., durch die Poft 1 Mk. 60 Pfg. für das Vierteljahr.

Verlag: Langgaffe 27.

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Ko. 202.

Samstag, iwit 30. April

1892.

Die Dekruten der Arbeit.

-i. Wiesbad en, 30. April.

Die Lösung der sozialen Frage liegt nicht nur den Poli­tikern ob. Jeder muß seinen Antheil daran erfüllen, und Zeder ist in der That auch im Stande, für einen harmo­nischen Ausgleich bestehender schroffer Gegensätze zu wirken, lleberall winkt uns die Arbeit, überall können wir helfen, diesem Ausgleich nachzustreben, wir müssen nur die Augen offen halten. In Schule und Haus, in Werkstatt und Geschäft können Mann und Weib für das genannte Ziel wirken.

Wir wollen hier nur einen bestimmten Kreis ins Auge fassen. In jedem Jahre kommt für zahlreiche junge Menschen­kinder ein ernster Wendepunkt des Lebens, für alle Die­jenigen, welche der Schule entwachsen, sich dem Berufsleben widmen. Die kleinen Kerle, die in der letzten Zeit oft schon mit Unlust die Schulbücher trugen, sie sind zu Kadetten adancirt, die nach wieder ein paar Jahren als Krieger im Kampfe ums Dasein auf den Plan treten. Schon vor Wochen hat der Meister, in dessen Lehre sie eingelrelen "mb, sie angenommen, und endlich stehen sie verlegen in der Werkstatt als das Rohmaterial, düs nun in mehrjähriger Bearbeitung zu einem tüchtigen Gesellenstück umgeschaffen verden soll.

Solch' ein Lehrling ist einem Correcturbogen vergleich­bar. Wer corrigirt nicht Alles an demselben herum! Meister und Meisterin, Gesellen und Lehrlinge, ja jeder Geschäfts­kunde fühlt sich berufen, den Lehrling mitcrzichen zu helfen, und wenn die Zeichen auf dem Correcturbogen Lehrling" nur immer mündliche Ermahnungen sind, so kann der Lehrling schon vom Glück sprechen, das ihm wider­fahren ist.

Ja solch' ein Eintritt in die Lehre fft keine Kleinigkeit. Alles, was den Werdenden da umgiebt, Gutes und Böses, ist geeignet, langsam ans dem Knaben den Mann heran­reifen zu lassen. Ueberall starrt dem Eintretcudcn die Ar­beit entgegen, der Kampf ums Dasein, den er ztvar noch nicht mit aufuehmen soll, für den er aber nunmehr in ernster, unausgesetzter Bethätignng erzogen werden soll. Da giebt es keine Kameraden, die bereit sind, bei jedem Scherze, bei jeder Jugendthorheit hilfreich die Hand zur Unterstützung zu bieten. Da giebt es keine allstündlichcn Arbeitspausen, in denen der Jugendübermuth austoben kann. Der Ernst des Lebens, der uns im täglichen Erwerbe entgegentritt, er­duldet keine so häufige Unterbrechung. Fast nur nnigeben von Erwachsenen, die jedes Uebersprudeln des Jugendüber- muthes, womöglich gleich in thörichter Weise als ein Ver­gehen bestrafen, wird der kleine Arbeitsrekrut schnell seiner alten Interessensphäre entrückt, so schnell sogar, daß er nur nit Unlust in die Fortbildungsschule gehen will und diese als eine arge Belästigung eines der Arbeit sich widmenden Jünglings betrachtet. Er fühlt sich bereits als völlig Ei-

wachscner und mit Schulbüchern unter dem Arme sich auf der Straße sehen lassen zu müssen, das geht ihm wider den Strich. Was geht ihn die Schule jetzt noch au, so denkt er sich, ihn, der in der Werkstatt jetzt von ganz anderen Dingen sprechen hört, von Strikes, von Bebel und vom erstell Mai. Ja, man ist in der Werkstatt vielleicht in Be­zug auf das Gespräch nicht immer vorsichtig genug den Lehrlingen gegenüber, denn der verstorbene Dichter Vodenstedt hat einmal behauptet, daß die Politik den Charakter verderbe. Aber wie charakterlos müßte, wenn dieser Satz wahr ist, die Menschheit sein in einer Zeit, die hoch politisch ist. Vielleicht verdirbt die Politik nur den Charakter derjenigen, die keinen Charakter besitzen. Poli­tische Gespräche mögen denn auch noch hingehen. Sie wecken den Geist des Knaben, sie helfen ihn zum Mann erziehen. Aber andere Gespräche wecken oft böse Triebe. Die Sinnlichkeit iuRb durch unvorsichtige, cynische Bemer­kungen in dem Gcmüth des Knaben erweckt, dessen Sinnen und Trachten bis dahin noch mehr harmlos kindlichen Trieben galten. In cynischcr Weise wird der Knabe oftmals ver­spottet ob seiner kindlich reinen Unschuld, er lvird früher als nöthig eingcweiht in die Mysterien bc§' Lebens, die er dann kennen lernen muß, um nur nicht vor anderen znrück- znstehen.

Da tritt denn an alle diejenigen, die irgend welchen Einstuß auf die Erziehung des Lehrlings haben, die ernste Pflicht heran, diese Erziehung aufmerksam zu beaufsichtigen. Der Lehrhcrr thut nicht genug, wenn er dem Lehrling, den er für seine Fabrik, Arbcitstube, Werkstatt annahm, den ausbedungenen Wocheulohn giebt, nein, er muß cs sich zu Gewissen führen, daß ihm. ein. junges Äteilfchenleben anvcr- traut ist, für dessen spätere geistige und körperliche Eutwieke- limg er iw gewissem Sinne vsrcmtwortlich ist. Der Fabrik­herr soll sich nicht zic vornehm dafür hasten, selbst über dein Lehrling das wachsame Ange zu hallen, und die Eltern des Lehrlings sollen, nicht mit. dem Tage, da sie den Sohn in die Lehre gegeben, ihre Aufsicht demselben entziehen.

Heute, da die Erwerbsverhältuisse sich gewaltig gegen frühere Zeiten verschoben haben, da die gewerblichen Klein­betriebe noch wenigen Branchen eigen sind, heute sind solche Mahnungen mehr denn je angebracht. Der Meister, der mit einer kleinen Anzahl von Gesellen arbeitete, in dessen Hause auch zugleich der Lehrling lebte, konnte sich mehr um den letzteren bekünimern, freilich auch nicht immer zit des Lehrlings Vorthcil. Heute aber im gewerblichen Großbetrieb komuit es nicht selten vor, daß der Fabrikhcrw gar nicht im Stande ist, der moralischen Pflicht, die er bei Annahme der Lehrlinge übcrnoninien, nachzukoinmen.

Daher sollen die Eltern heute noch wachsamer sein auf ihre Söhne, die Lehrherrn sollen sich ernster ihrer Pflicht bewußt werden.

Die Rekruten der Arbeit haben auch Mißhandlungen auszustehen, geistige, die meist die schlimmeren sind, und körperliche, und wenn dann diese Mißhandlungen schlechte

Wirkung anSüben, wenn die Gemißhandelten kt die Reihen der Unzufriedenen treten, oder wenn gar die so lange guter Aufsicht entzogenen jungen Rekruten der Arbeit Abwege be­treten, dann wundern sich gewöhnlich die zumeist, welch« diese schlimme Wandlung mit verschuldet.

Urber die Bekämpfung der Anarchisten

veröffentlicht dieDeutsche Revue" im Maiheft einen Brief des be­kannten französischen Senators Jules Simon. Die Anarchisten, so heißt cs ui diesem Briese ohne Datum, haben in der Stadl Paris in einer Woche vier Attentate unternommen. Sie sind nicht stark au Zahl, aber sie brauchten auch nur wenige Arbeiter zur Ausführung ihrer Pläne. Das ist eben das Eigenthümliche der modernen Höllenmaschinen, daß man mit so sehr wenig menschlichen Arbeitskräften so große Zerstörungen anrichten kann. Außer den Pariser Attentaten sind noch andere in London und Lüttich ausae- snhrt und versucht worden; kein Land ist vor ihnen gesichert. Die Pariser Anarchisten, welche vor allen Dingen an einigen Richtern Rache nehmen wollten, sind die Einfältigsten von Allen, doch müffelt oder können wenigstens einige gescheitere Menschen unter ihnen sein. Wenn nian von ihnen spricht, so komnit Einem ganz unwillkürlich das WortWilde" auf die Zunge. Und in Wirklichkeit sind cs auch Wilde. Der Zustand der Wildheit hat seine bestimmte Stelle in der Geschichte, und wenn ich auch die Lehre von dem Fortschritt in der Entwickelung der Menschheit nicht leugne, sondern sehr fest daran hänge, so geschieht dieser Fortsclwitt doch nicht in gleich­mäßigem Ftnsse, sondern mehr in eiiizelnen Absätzen, und es kommen auch Rückschritte vor, und besonders schreitet oft ein Thcil zurück, während das Ganze weiter fortschreitet. Wenn wir tunt aber Wilde unter uns haben, iiiib diese uns den Krieg erklären, so müssen wir das llnsere thiin, um dem Angriffe Stand zu halten. Hierzu giebt cs, wie obenerwähnt, drei Mittel: Strafbestimmungen, die Ileberwachung und das Monopol. Von diesen tnöchte ich keines dem andern vorzichcn, sondern alle drei gleichzeitig anwenden. Frankreich hat mit dem System der Strafbestimmungen den Anscnig gemacht. Das neue Strafgesetz ist in 24 Stunden zu Stande ge­kommen und es ist herzlich schlecht gerathen. Viele Juristeu sind in Uebereinftinunung mit mir der Ansicht, daß das bisherige Strafrecht ausgereicht hat, um das Anbringcn von Sprengpatronen an bewohnten Orten zir nhud/n; was über halte verboten werden sollen, ist die Entwendung, die Herstellung, die Verwahrung und die Beförderung von Sprengmitlelu. Dieses muß sobald wie mög­lich nachgeholt werden, und das kann auch ohne Schwierigkeiten gefdieljcn. Viel schwieriger ist die Ueberwachung. Die Polizei in Paris ist ebensogut rote die in Berlin und London. Jules Simon bezeugt aus der Zeit seiner eigenen Amtsvcrwaltmig, daß die Polizei mit großem Eifer und großer Geschicklichkeit gehandhabt wird. Aber hier soll sie einer ganz neuen Gattung von Gegnern und einer ganz neuen Gattung von Werkzeugen 'entgegcntreten. Die Beamten ntüffen vor den Augen der Feinde, gewissermaßen im feindlichcit Feuer, neu einexerzirt werden. Sie müssen über die Act des Vorgehens unterrichtet und durch die Gewöhnung voll­kommen daiint vertraut gemacht werden; auch muß ihre Zahl tvcsentlich vermehrt wervdn, denn das Schlachtfejd ist jetzt so weit ausgedehnt worden, daß es mit den alten Truppen nicht mehr ausgefüllt weiden kann, ohne daß überall empfindliche Lücken ent­stehen. Wenn dies nicht geschieht, so werden viele sagen, daß die Polizei nicht ihre Pflicht thiie, während in Wahrheit Diejenigen ihre Pflicht vernachlässigen, ivelche ihr die unentbehrliche Ver­stärkung nicht gewähren. Dies alles ist aber noch nicht ausreichend. Der Diebstahl von Sprengmitteln kann so lange nicht vollständig verhindert werden, bis der Staat die Herstellung allein in feine Hand genommen hat. Alsdann mußten die Staaten in ein Bünd- nißverhältniß zu eiminber treten und über die Bekäinpfung der Wilden sich gegeufe'tig verständigen.

(8. Fortsetzung.)

Der alte Papagei.

Novelle von Akkcrl Schmidt.

Das Gericht erhob sich. Alles, was im Saal anwesend war, stand auf. Da begann der Obmann der Geschworenen feierlich z» verkünden:

Auf Ehre und Gewissen bezeuge ich als den Spruch der Geschworenen. Ist der Angeklagte schuldig, den Kauf­mann Plinkmeier vorsätzlich gctödtct und diese Handlung mit llebcrlegung ansgeführt zu haben?"

Der Obmann uiachte eine Pause, seine eigene Erregung schien ihn zu übermannen er holte lief Athen,. Alles hing an seinem Munde, nur Peter Paul Bergmann sah in den blauen Himmel hinauf, der durch die hohen Fenster in den unerträglich schwülen Raum hinabstrahlte. Da klang es durch den todtesstillcn Saal, fest und bestimmt;

Rein I"

Der Präsident mochte einen anderen Spruch erwartet k haben, eine leise Bewegung zuckte über seine Mienen, aber I mit sicherer Hand unterzeichnete er den Wahrspruch; aus feinem Befehle, den Angeklagten wieder vorzuführcn, klang k keine Erregung heraus. Der Einzige im ganzen Saal, den | das verhäügnißvolleNein" nicht zu interessiren schien, | war der Verthcidiger des Menschen, dessen Freisprechung

, nun eintreten mußte und offenbar eine Folge seiner gcwalti- | gen Rede war.

Mit diesem schien in den wenigen Stunden, während \ deren er wieder in seiner Zelle cingesperrt gewesen war, eine merkwürdige Veränderung vorgegangeu zu sein. Als er wieder heireingeführt wurde, waren feine Augen gerölhet, seine Wangen erhitzt, er hatte geweint geweint zum ersten : Mal in den acht Monaten seiner Untersuchungshaft er

zitterte nicht mehr, aber eine tiefe Erschütterung spiegelte sich in seinem ganzen Auftreten wieder, und wie er mit gefalteten Händen dastand, als der Gcrichtsschrciber mit dem. Frage­bogen zur Verlesung des Spruches sich erhob, war's schwer zu entscheiden, ob der Angeklagte seine Hände im Gefühl seiner Unschuld zu einem Gebet faltete, oder ob er sie krampf­haft an einander fesselte, um nur nicht zu irgend etwas Gewaltsamem hingerissen zu werben. Seine Augen stauben weit offen, zwischen seinen bleichen Lippen sah man die zwei tadellosen Reihen weißer Zähne, seine Nüstern flogen.

Der Gerichtsschreiber Hub au zu lesen:Ist der An­geklagte schuldig, den Kaufmann Plinkmeier vorsätzlich ge- tödict und diese Handlung mit Ucberlegnug ausgesührt zu haben?" Selbst er, der verknöcherte Bureaumensch, war von der Größe des Augenblicks bewältigt, auch er mutzte eine kurze Pause machen alle Blicke hefteten sich auf den Augetlagien.

Dieser hatte, als der Gerichtsschreiber zu lesen begann, die gefalteten Hände gelöst nun streckte er den rechten Arm aus, seine Brust arbeitete gewaltig er schien spre­chen zu wollen seine Kehle war wie znsammengeschnürt stotternd gurgelten sich nnverständlichc Laute hervor. Jetzt richtete er sich hoch aufJa!" schallte es durch den Saal.

Ungeheuere Erregung bemächtigte sich der Richter, der Geschworenen, des Staatsanwalts, des ganzen Publikums. Der Präsident hatte Mühe, die allgemeine Bewegung in den Schranken der Würde des Gerichts zu halten. Der Ver- theidiger hatte sich erhoben und sah den Angeklagten unver­wandt und durchbohrend, starr wie ein Bild, mit seinen Augen an, als wolle er ihm bis in's Herz hinein schauen, lieber seine Lippen kam kein Wort.

Ja, ja ich hab's gesagt," rief der Angeklagte aus, dessen Arm noch immer ausgesireckt war,und ich hab's

gethan; ich habe den Kaufmann Plinkmeier ermordet. Als «h allein in meiner Zelle war, trat der Geist des Crnior- fceter. zu mir. Nun soll die Wahrheit siegen, ich hab's ge­than und ich habe noch mehr gethan mein Leben ist verloren, mein fluchbeladenes Leben verscherzt ich will Alles bekennen vor zwei Jahren ist die Leiche eines jungen Mannes im Wannsee gefunden ich war's, der ihn ermordet!"

Entsetzen hatte Alle gepackt, die die Selbstanklage des Mörders hörten; der Präsident wagte nicht, ihn zu unter­brechen, kaum fand einer den Muth, zu athmen und noch schien der Angeklagte mit seinem Geständniß nicht am Ende zu sein. Vor sich nieder blickte er, als schaute er etwas Entsetzliches, Unsagbares vor sich und zitternd flogen feine Worte durch den jetzt wieder todtesstillen Raum.

Vor mir sehe ich es noch, seine Angen mit dem ster­benden Blick oh oh wir waren int WirthShans cm Wannsee gewesen, er hatte für seinen Herrn eine große Geldsumme einkassirt o wie das Gold glimmerte, als er feinen Geldbeutel hervorzog wie mir der Klang ins Herz schnitt. Es war ein glühend heißer Tag er schlug ein Bad im See vor ein fürchterlicher Gedanke stieg in mir auf ein Boot wurde gemietet wir hinein und auf den See hinaus nun er in's Wasser ich sollte das Boot lenken und nach ihm baden. Da schwamm er umher und jubelte auf in wonnigem Entzücken über die kühlende Flnth und vor mir auf der Bank lag der strotzende Geldbeutel, und bei jeder ruckigen Bewegung des Bootes hörte ich das Klimpern des Goldes ach, wär' ich blind, wär' ich taub gewesen und dabei der Gedanke, der mir keine Ruhe ließ hätte ich das Geld, dann hinaus in die Welt Amerika ist groß ha, lustig gelebt, ver­gessen alle Roth da ist's geschehen er kommt heran an's Boot er will hinein ich soll ihm das Ruder