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40. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgabe». — BezugS-PreiS: In Wiesbabcu nnd den Landorten mit Zweig- Expeditionen 1 Mk. 50 Psg., durch die Poft 1 Wk. 60 Pfg. für das Vierteljahr.

Verlag: Langgasie 27.

LRMGD AvouurMn.

Sl«relgcn-PrciSr

Dir einspaltige Pctitzeile für locale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reclainc» die Petitzcile für Wiesbaden 50 Pfg., für LluSwürts 75 Pfg.

Ko. IW.

Frrrtkg» den 1. A^rri

1892.

Der Gemeinde;nschrüg zur Ginüommen- sterrer. x

Nach der Schätzung der Staatsrcgierung wird die Ein­kommensteuer für Preußen in Folge der Selbstcinschätzung ein Mehr von 43 Millionen crMcn; wahrscheinlich stellt sich der Mehr-Ertrag noch höher. Aus zahlreichen Ge­meinden, namentlich größeren Städten, kommen bereits Mittheilungcn von einer theilweise sehr beträchtlichen Her­absetzung des Communalsteuerzuschlags. Berlin z. B. ist in Folge des Mehr-Erträgnisses der Einkommensteuer in der Lage, den Zuschlag von 100 pCt. auf 70 pCt. zu er­mäßigen. Erfreulicherweise wird auch aus zahlreichen mittleren Industriestädten gcmeidci, daß dort eine erhebliche Herabsetzung des Communalznschlags statifiudcn.kann, und damit ein sehr gewichtiges Bedenken gegen das Einkonimcn- steuergesetz wenigstens vorläufig als hinfällig criviesen.

Die der Erhöhung deS Ertrages der Einkommensteuer entsprechende Herabsetzung des Gemeindezuschlags wurde bei der Berathung des Einkommensteuergesetzes, insbesondere in der Comniission, als selbstverständlich, als ein Thcil der Reform in Aussicht genonuuen. Die Staatsregierung hat zwar keinen unmittelbaren Einfluß auf die bezüglichen Be­schlüsse der communalcn Vertretungen. Ein s. Z. milgc- theilter Ministerial-Erlaß betont jedoch in der entschiedensten Weise die Nothtvendigkcit, die hier in Rede stehende Folge­rung aus deni Einkommensteuergesetz zu ziehen, und man muß sagen, daß die Staatsrcgierung wesentlich bei der Sache interessirt ist; die durch jenes Gesetz beabsichtigte Reform würde gewissermaßen „verschimpfirl", wenn nun die Gemeinden die früheren hohen Zuschläge zu den in ihrem Gesammt-Ertrage bedeutend erhöhten Staatssteuern erheben wollten.

Sache der Stadtverordneteu-Versamnilmrgen wird es, so führt die „Köln. Volksztg." u. a. aus, sein, überall da, wo etwa die städtischen Verwaltungen den Versuch machen möchten, auf die Beibehaltung dcö bisherigen Zuschlags hinznwirkcn, oder wenigstens eine der Erhöhung des Er­trages der Staatssteucr entsprechende Herabsetzung des Zu­schlags zu verhindern, auf Beschlüssen zu bestehen, welche den Absichten der gesetzgebenden Factoren bei der Ein­bringung bezw. der Annahme des Einkommensteuergesetzes gerecht werden. Das ist ja zweifellos, daß es für die städtischen Verwaltungen angenehm ist, mtS dem Vollen heraus zu wirthschaflen, und daß sich auch für höhere Er­träge der Communalstcuer nützliche Verwendung finden läßt. Aber es will uns scheinen, daß keinerlei Veranlassung für die Communen vorliegt, das Beispiel weiser Sparsanikcit, welches der Staat gegenwärtig gicbt, nicht zu befolgen. Für die noch ausstehende Comn'unalsteuer-Ncforni würde es zudem den übelsten Eindruck machen, wenn die Ver­treter der fiscalischcn Interessen sich demnächst darauf be­rufen könnten, daß die Gemeinden die Gelegenheit benutzt hätten, mittels der Beibehaltung des früheren Proccntsatzes

der Communalzuschläge ihre Budgets unnöthig hcraufzu- schrunben.

Für die in zahlreichen Gemeinden (auch in Wiesbaden) noch bevorstehende Etatsfcstsctzung kommt aber noch ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt in Betracht. Es scheint uns jetzi, so meint das genannte Blatt, an der Zeit zu sein, der Einführung einer selbstständigen Progression auch bei den Commnnal-Zuschlägen näher zu treten. Schon jetzt gibt es eine Anzahl Städte, welche eine solche Pro­gression eingeführt haben, welche von den höheren Einkom­men einen höheren Commnnal-Zuschlag erheben als von den Mittlern nnd nicdern. Die staatliche Aufsichtsbehörde ließ dies in einzelnen Füllen fortbcstehen, machte aber in andern Schwierigkeiten. Der frühere Minister des Innern, Herr v. Pnttkamcr, erklärte auf eine bezügliche Interpellation Kölns einmal, daß ihm das Bestreben zwar durchaus sym­pathisch sei, daß er aber Anstand nehmen müsse, eine Pro­gression bei der Communalsteuer zuzulasscn, so lange eine solche Progression bei der Staatssteucr nicht bestehe.

Dieses Bedenken ist jetzt fortgeränmt. Das Einkommen­steuergesetz hat für die höher» Einkommen procentual höhere Steuersätze eingeführt; cs ist dieL einer der Ncformgedauken des Gesetzes, wenn derselbe auch nicht mit ausreichender Schärfe zum Ausdruck gelaugt ist. Minister Miquel hat in dieser Beziehung auf die spätere linterscheidung zwischen fuudirtem und nicht fundirtem Einkommen hingrwiesen und die stärkere Heranziehung des erstern in Aussicht gestellt. Jedenfalls steht nichts mehr im Wege, schon bald allgemein eine selbstständige, nach unten absteigende Scala auch bei den Commuual-Zuschlügen eiuzusühreu, wenn auch die Pro­gression in der Staatssteuer bei den Geimeindezuschlügcn mittelbar bereits wirksam wird.

Möchten diese Erwägungen fruchtbaren Boden bei den Staatsverwaltungen finden. Vor allem aber dürfte zunächst die Ermäßigung des Communalsteucrzuschlags ins Ange zu fassen sein. Der hiesige Magistrat soll zwar in diesem Jahre nichts davon wissen wollen, was man ihm an sich nicht verdenken kann, aber auf die Herren Stadtverordneten setzt man in der Bürgerschaft die beste Hoffnung, daß sie die geängstigten Säckel ihrer lieben Mitbürger nnd Wähler thnulichst vor dem Schlimmsten — dem vollen, bisherigen Zuschlag — schützen und behüten würden.

Morales.

<0!»chdru<t brr Cngiimkocrcipoiibeiijen nur unter beutlHrr Quell,nangadc geftattet.) * Mevbadeu, 1. April.

* Dnr (Crhtnmtttg, Vor 25 Jahren, am 1. April 1867, mußte cs übermüthigcn Nachbarn Deutschlands be­reits klar werden, daß die Zeiten des guten deutschen Michel vorüber seien und daß man nun nicht mehr auf die Sondcr- intercssen der Einzelstaaten spccnliren dürfe. An dem ge­nannten Tage wurde int Norddeutschen Reichstage, dem Vorläufer des allgemeinen deutschen Parlamentes, die Luxemburger Frage erörtert, jene Angelegenheit, die infolge

der Gelüste des Franzosenkaisers auf deutsches Gebiet leicht zu einem Kriege führen konnte. Der NeiclMag gab klar und deutlich zu erkennen, daß der etwaige Verkauf Luxem­burgs an Frankreich von Deutschland nicht geduldet werden könne; Deutschland suche allerdings keinen Krieg, wenn derselbe aber von Frankreich mnthwillig heraufbeschworen würde, so werde ihm ein einiges Deutschland cntgegentreteu. Der Krieg ist dann noch durch allgemeine Nachgiebigkeit vermieden worden.

* Wohlthniigkelts-Conrrrt. Do? zum Besten der aus- qewiesencn russischen Israeliten am Montag, den 4. b. Bl., in der Synagoge ftattfinbenbe Concert erfreut sich, so tvirb uns ge­schrieben , nach bem seitherigen Kartenverkauf allgemeiner Sym­pathien, und zwar nicht nur in Anbetracht bc8 guten Zweckes, sondern auch wegen der bevorstehcnbeu Kunstgenüsse. — Fran Maria Wilhelms — welche bekanntlich seit ihrem großen Triumphe bei deut Mittelrheinischen Musikscste hier nicht mehr ge­sungen hat und auch in dieser Saison nicht mehr fingen wird — wird ihren zahlreichen hiesigen Verehrern Gelegenheit geben, zwei von ihr hier noch nicht gesungene Arien zu hören. Dieselbe wird die herrliche Arie der Achsah ans dem Josua von Hiiubel, sowie die Eavatiue „Sei getreu bis in den Tod" mit obligatem Cello von Mendelssohn zum Vortrag bringen. Im Laufe dieses Wiuters bat sich unsere Landsniännin gerade als Oratorieusängerüi erste» Naiiges bewährt und gehören die augesührten Nummern zu ihren gepriesensten Repertoirstücken. Weitere Gesangsvorträge wird unsere all beliebte Altistin von der König!. Oper, Fränleiu Nelly Brod- mann, bieten, indem sie zum erstemual die beiden erbebenben Ge­säuge „Sei still" von Raff und „Ruh'n in Frieden alle Seelen" tio.n Schubert vortragen wirb. Es wird für unsere Kunst- frennde gelviß von hohem Interesse sein, diese Künstlerin auch einmal in diesem Rahmen kennen zu lernen. Herr Adolf Röder — hier längst als ein hervorragender Knnsi- sänger bekannt — wird außer dein großen Solo in dem Lobgesang, welchen der k. k. Hofopern-Director W. Jahn in Wien dem hiesigen Shuagogen-Gesangvereiii eomponirt und gewidmet hat (Text von H. Dmmann hier), noch die Arie „Gott fei mir gnädig" von Men­delssohn singen. — Neben diesen hochinteressanten localen Darbie­tungen stellt uns der Abend noch gleichbedentende instruiuentale Leistungen seitens der Herren Osc. Brückner Kaunnervirtnos und Eduard Uhl in Aussicht. Brückner, der bedeutende Ccllo- Vjrtuose wird außer der vorerwähnten Nummer mit Fra» Wilhelms noch Compositionen von Tartini und Rob. Lebeinauu spielen und Herr Uhl ein Meister der Orgel neben Accompaguemeuts die k-ckur-Toscata von Bach und ein Inter­mezzo von Rheinberger zur Ausführung bringen. — Das schöne Gotteshaus — eine Zierde der modernen Baukunst — wird bei diesem Anlässe festlich beleuchtet werden und sich in seiner ganzen Pracht den Coucertbefncherii zeigen. Die Akkustik der Synagoge ist eine hervorragende.

— Dinupfkrffrlbetriev» Eine Extrabeilage zum Amtsblatt No. 13 der König!. Regierung dahier enthält eine für die Besitzer von Dampfkesseln wichtige ministerielle Anweisung, betreffend die Genehmigung und Untersuchung der Dampfkessel.

— Rhein-Dampfschifffahrt. Vom 1. April »ab tritt ein neuer Fahrplan der Köln, und Düsseldorser Dampsschiffsahrts-Gc- sellschaft in Kraft. Hiernach fahren die Dampfboote von Biebrich Morgens 71/», 10*A Uhr bis Cölu. Nachmittags 3 Uhr bis Bingen. Mittags 1 Uhr bis Mannheim. Morgens 10'/i Uhr bis Düsseldorf, Rotterdam, London via Harwich.

— Belohnung. Der Herr Regieruitgspräsidciit dahier hat dem Schlosserlchrliug Georg Hohlwcin z» Limburg a. b. Lahn, welcher am 27. November v. I. daselbst den Knaben Rob. Schwenk vom Tode des Ertrinkens' in der Lahn nicht ohne Gefahr für fein eigenes Leben errettet hat, in Anerkennung dieser lobenswcrthen That eine Belohnung von 10 Mk. bewilligt.

Nachdruck verboten.

Die Tochter des Dojorerr.

Erzählung von Maurus Aöüai.

(Schluß.)

„Es wäre besser, Du würdest cs niemals vernchnien. Die Kosaken kehrten mit Raketen zurück und steckten das Schloß in Brand. Als bereits Alles in Flammen gehüllt war, tnußteit Dein Vater und Deine Brüder einen Ausfall machen und im Hose einen Kampf beginnen. Und hier fielen sie. Einer nach dem Andern."

„Pero auch?"

„Pero war der Letzte. Der alte Kuriaki umschlang ihn mit beiden Armen und flehte, man möge doch wenigstens seinen letzten Sohu am Leben lassen und stellte sich vor die Flinte, die auf Pero angeschlagen war. Die Waffe war scharf geladen, die Kugel tödtete Beide.

„Pero auch!" seufzte Neste und vernahm die Worte des alten Leibeignen nicht mehr, sondern starrte lange regungslos auf die Trümmer, als wären ihre Füße am Boden festgewurzelt.

Ein wildes Gewitter folgte dem schönen Sonnenunter­gang. Und das Gewitter mit seinem heulenden Winde und seinen krachenden Donnerschlägen gab den Gedanken des Mädchens eine andere Richtung. Inmitten des wildesten Unwetters brach sie zu dem. Werke auf, dessen würdige Be­gleiter Donnerkeile nnd Blitzschläge sind.

* *

Der russische General besaß keine Kemtiiiiß von dem schmählichen Ende, welches die Familie Kuriaki ereilt hatte. Täglich konnte er von seinen Hsfizicren die große Sympathie der Walachen rühmen hören. Die Vornehmen derselben wünschten nichts sehnlicher, als dienen zu können, und das Volk ist glücklich, wenn es für die Russen hungern kann.

Hingegen hatte er von türkischen Gefangenen erfahren, daß die als Spionin ausgesandte Tochter des Bojaren eines schönen Tages ans dem türkischen Lager entflohen nnd über die Donau geschwommen sei, so daß er es für ganz natürlich ausah, daß Neste wenige Tage später im Hauptquartier erschien.

Das Mädchen war über Alles aufs Beste unterrichtet. Sie kannte die Kriegsstärke der Türken, die Operationspläne und Ausdehnung ihrer Befestigungen. Der General erfuhr Alles aufs .Genaueste von ihr. Die Angaben stimmten auf das kleinste Detail; nur hatten sic den einen Fehler, daß sie der Wahrheit nicht entsprachen.

Drei Tage später zeichneten die Russen mit ihrem eigenen Blute den Namen Altemega in das Buch der Ge­schichte auf.

Es war das ein Tag für sic, reich an Blutvergießen, arm au Ruhm.

Auf dem höchste» Hügel des linksseitigen Ufers stand eine weibliche Gestalt und sah von dort voll Wonne die Schlacht mit an.

Als die russischen Schaaren lautlos an den verborgenen türkischen Batterien vorübergezogen, blickte sie ihnen nach, etwa wie die liebende Jungfrau in das Ange des Bräuti­gams blickt und flüsterte: „Gehet nur! gehet mir!"

Und als die feindlichen Kanonen crbomierteu und Tod und Verderben über die Russen spieen, flammten die Augen des Weibes in wilder Freude auf und sic klatschte vor Wonne in die Hände.

Jetzt rafften die Kartätschen der zu beiden Seiten ver­borgenen türkischen Batterien eine ganze Kosakcnschaar da­hin ; sie fegen dieselbe weg wie der Hagelschauer die Gc- treideühre«. Die Russen waren über die Stellung des Feindes sehr schlecht unterrichtet und diese Täuschung kostete vielen tapferen Helden das Leben.

Das Mädchen aber lacht nnd frohlockt und wirst den mörderischen Kanonen Kußhände zu.....

Ein Jahr später, als die gesetzlichen Fürsten wieder in ihre Länder zurückkehrten, begannen die mit der Familie Kuriaki verwandten und bekannten vornehmen Kreise sich nach den näheren Umständen zu erkundigen, welche das Ende der unglücklichen Familie begleitet hatten.

Sie brachten in Erfahrung, daß Kuriaki's einzige Tochter am Leben geblieben sei und sich gegenwärtig -unter dem Schutze des Klosters der nach der göttlichen Barmherzigkeit benannten Jungfrauen befinde.

Man suchte sie daselbst auf. Die Aebtissiu zeigte das Mädchen, welches vor dem Altar betete. Die Freunde er­klärten warten zu wollen, bis sie ihr Gebet beendet haben würde, worauf sie mit ihr sprechen wollten.

„Das wird kaum möglich fein," versetzte die Oberin. „Der Geist des armen Mädchens ist von einer heiligen Schwärmerei erfaßt worden,— offenbar unter dem Eindrücke des traurigen Schicksals, welches ihre Familie ereilt hat. Sie betet täglich einundzwanzig Stunden hindurch in der Kapelle und bricht nur zuweilen zusammen, wenn sie vom Schlafe übermannt wird. Sie betet für das Seelenheil jener achttausend Russen, die sie, um den Tod ihres Vaters und ihrer Brüder zu rächen, bei Altemega mit eigener Hand gelobtet hat. Dies ist ihre fixe Idee. Sie hat nur Ruhe, wenn sie betet, sonst ist sie wilber Verzweiflung an­heim gegeben. Sie sieht Tausenbe von zuckenden Leich­name» um sich und zwar mit solcher Deutlichkeit, daß sie die verzerrten Züge der Sterbenden zn beschreiben vermag, und während sic Gott um Erbarme» anruft, funkeln ihre Augen vor Wuth und Freude!"

Die Freunde zogen sich schweigend zurück und ließen das Mädchen im Gebet versunken am Altäre.

Dort ist sie gut aufgehoben. . .