Abend-Ausgabe
Wiesbadener Tagblall
40. Jahrgang.
Verlag: Langgasse 27.
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Uo. 132
Freitag, den 18. Marz
1892.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezngs-PreiSr Sn Wiesbaden und den Landorten mit Zweig- Expeditionen 1 Mk. 50 Pfg., durch die Post 1 Mk. 60 Pfg. für das Vierteljahr.
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Z«r Abänderung des Strafgesetzbuches.
*** Wiesbaden, 18. März.
. Da jetzt eine Abänderung des Strafgesetzbuches in verschiedenen Punkten beabsichtigt ist, so möge die Aufmerksamkeit der gesetzgebenden Factoren bei dieser Gelegenheit auf einen Punkt hingcwiesen werden, der gleichfalls der Revision dringend bedarf. Es handelt sich um die § § 244 und 264 des Strafgesetzbuches, welche die Rückfälli gkeit bei ; Diebstahl und Betrug betreffen; hier müßte für häufig vorkommende Fälle dem Richter die Möglichkeit gewährt werden, unter das dort festgesetzte niedrigste Strafmaß herabzugehen. Wenn man auch mit der Absicht des Gesetzes ( vollkommen einverstanden sein kann, daß rückfällige Diebe und Betrüger, insbesondere Gewohnheitsverbrecher, durch hohe Strafen möglichst lange gehindert werden sollen, dem f Eigenthum ihrer Mitbürger bald wieder gefährlich zu werden, so kommen doch auch sehr häufig Fülle zur Aburtheilnng, in denen die Zuerkennung selbst des Strafminimums von drei Monaten eine unverhältnißmäßige Härte enthält. Man denke an die vielen Fülle, in denen der entwendete Gegenstand ein Scheit Holz, ein paar Kohlenstücke, ein fast werthloses Kleidungsstück ist, gleichwohl aber, weil vermöge der erlittenen Verbrechen der Thäter rückfällig ist, dieser mit drei j Monaten Gefüngniß, als dem Sirafminimnm, beahndct ; werden muß, und dies auch dann, wenn die erlittenen Vor-
- strafen ganz geringe sind. Das Gleiche ist der Fall, wenn
- ein armer, hungriger Mensch, der aber ein rückfälliger Be-
| trüget ist, sich einer Zechprellerei schuldig macht — auch
r hier ist das Strafminimum drei Monate Gefängnis;! Ein | Zusatz zu den §§ 244 und 264 des Strafgesetzbuches, etwa r des Inhalts: „in besonders milden Fällen kann die Strafe ( bis aus eine Woche Gefängniß ermäßigt werden", würde . dieser Härte des Gesetzes abhelfen.
In das Capitel der Revision des Strafgesetzbuches fällt I auch die Frage der Behandlung der jugendlichen s Verbrecher, die schon seit längerer Zeit die juristischen Kreise und die Oeffentlichkeit beschäftigt. Bei den jugend- ; lichen Verbrechern, welche die Rekruten der großen Verbrecherarmee bilden, hat sich die Freiheitsstrafe nicht als erziehend, sondern, da sie meist zusammen mit „ansgelernten" Sträflingen, von denen sie weitere Anleitung und „Ausbildung" erhalten, internirt werden, vielmehr zu weiteren Verbrechern anregend erwiesen. Es wird daher in Vorschlag gebracht, an die Stelle der Freiheitsstrafe die Ucberweisung an eine staatlich überwachte Erziehungsanstalt zur Zwangserziehung zu setzen. Nicht nur in Straffällen soll''diese Ueberweisnug verfügt werden, sondern auch dann schon, wenn ' blos eine vernachlässigte Erziehung eines Kindes vorliegt, die derart ist, daß die sittliche Verwahrlosung des Kindes eintreten muß. Heber das Bedürfniß zur Zwangserziehuug soll in jedem Falle dem Richter, über deren Art wie zu errichtenden Erziehungsümtern die Entscheidung zufallen. ' Außerdem wird empfohlen, den Beginn der Strafmündigkeit
auf das sechszehnte Lebensjahr hinaufzurücken. Dies sind Vorschläge, die eine Commission der internationalen crimi- nalistischen Vereinigung zu der Frage der wirksameren Behandlung der jugendlichen Verbrecher gemacht hat. Die Vorschläge unterliegen gegenwärtig sorgfältigster Prüfung, die sich bei der Wichtigkeit des Gegenstandes natürlich nicht überhasten läßt. Nach beendeter Prüfung wird die Frage, welche bei der stetig wachsenden Zahl der noch dem Kindesalter angehörenden Verbrecher von allgemeinster Bedeutung ist, für die gesetzliche Neuregelung reif sein.
Um die Zwecke und Ziele des Unternehmens, sowie die Arbeitsmethode auf dem Schießplatz auch der diesigen Iägerwelt naher zu veranschaulichen, wird der rechnische Leiter der Versuchsanstalt für Handseuertvaffen, Herr Major a. D. Thiel, einer Anregung zahlreicher Mitglieder des Wiesbadener Jagdschutzvereins Folge gebend, im Wiesbad euer Kasino am Samstag, den 2. April, Abends 7 Uhr, einen öffentlichen Vortrag mit freiem Zutritt für jeden am Flintenschuß intercsstrten Jäger halten, der um so größeres Interesse verspricht, als der Vortragende, welcher von den Versnchs- schießstäudeu der Kasseler Jagdnnsstclluug her auch vielen Jagd- frenndeu unserer Stadt noch in guter Erinnerung geblieben sein wird, zu den ersten deutschen Autoritäten für die Therorie dcs Schrotschusses zählt.
Deutsche Gewehre.
Ter nationale Aufschwung der Ichtcn Jahrzehnte hat uns 'Deutsche fast auf allen Gebieten gewerblicher Thätigkeit den übrigen Völkern_ zum mindesten gleichberechtigt an die Seite gestellt. Die Zeiten, in welchen man im Jnlaude gefertigte Waareü unter eng- lischcr oder französischer Aufmachung zu verkaufen suchte, liegen erfreulicher Weise hinter uns. Um so auffallender ist die heute noch weite Kreise der Jägerwelt beherrschende Ansicht, als könne man wirklich gute Schrotgewehre, Patronenhülsen, Phropfeu u. f. w. nur zu theureu Preisen aus England beziehen, da der heimische Markt nur billige und schlechte Waare darbiete. Allerdings hat England einen Vorsprung in der Entwickelung der Jagdwasfcn- Fertigung, weil dort die Bedeutung der Technik und der technischen Erforschung des Zusammenhanges zwischen Wirkung und Ursache im Jagdsclüeßwesen, namentlich für den Flintenschuß, bereits zu einer Zeit erkannt und practisch gewürdigt wurde, als mau in Deutschland über gelegentliches unfruchlbares Theoretisircn auf diesem ®el)iet nicht hinauskam, so daß wir die wichtigsten Neuerungen von England einfach übernehmen mußten. Gleichzeitig bewirkte eine bedenkliche Vorliebe für das „Nllerbilligste", daß ein unter günstigeren Arbeitsbedingungen producirendes Land, Belgien, uns mit jenem Schund von Flinten und Ladungsbestaudtheilen überschwemmen konnte, mit welchem heute noch gar viele DnrchschiiittSschützen sich zur Jagd ausrüsten. Nicht das mangelnde Können oder die Bc- gnernlichkeit deutscher Büchsenmacher tragt hieran die Schuld, sondern die uiaugetnde Einsicht des großen Publikums in den Werth, den eine gute aber auch dementsprechend zu bezahlende Schießausrüstung für die Jagd und jagdliche Erfolge hat; der deutsche Händler würde gern inländische bessere Waare an Stelle der englischen und belgischen führen, der deutsche Fabrikant gern solche ausertigen, wenn sie des Absatzes zu lohnenden Preisen sicher wären.
Eine Aenderung zum Besseren kann nur durch vereinte ziel- bewußte Anstrengungen aller Betheiligten, der Jäger wie der Fabrikanten und Händler, erreicht werden, vor Allein dadurch, daß umfassende, von sachkundiger und unparteiischer Stelle ausgeführte Versuche feststelleu, inwieweit unsere Fabrikate den euglischeir ebenbürtig ober überlegen sind, oder nach welcher genau zu bezeichiieiideu Richtung sie der Vervollkominnung bedürfen. Eine solche Vereinigung besteht seit 2 Jahren in der von hervorragende» Jägern und Freunden des Schießweseus ans allen Gauen Deutschlands errichteten Den tjch en V er sn chs ansta l t für Handfeuerwaffen in Berlin (Grünewald), welche in erster Reihe bezüglich des Schrot- schnsses die Leistung von Jagdgewehren, neuen wie alten, in unanfechtbarer Weise feststellen, aus der Mannigfaltigkeit der auge- pricseneu Munitionsthcile und Pulversorten das allgemein oder für ein bestimmtes einzelnes Gewehr Zweckmäßigste' aussondern, sowie über die Beeinflussung des Schusses durch'verschiedenartige Lank- und Patronen-Anordnungen Aufschluß ertheileu will. Es steht zu hoffen, daß diese Anstalt im Lause der Zeit auf unser deutsches Jagdwaffenwcscn eine gleich günstige Wirkung üben wird, wie sie auf anderen Gebieten gewerblicher Thätigkeit längst durch Fachschulen, Muster-Anstalten, Versuchs-Stationen und dergleichen erstrebt wird.
§ora!es.
(Nachdruck derOriginalcorrcspondenzen nur unter beutllter Quellenangabe gestattet.) Wiesbaden, 18. März.
* Z«r Erinnerung. Nirgends ist der Druck der öffentlichen Meinung stärker und unwiderstehlicher, als in England. Dein in unzähligen Volksversammlnngeit, Resolutionen und Petitionen ausgesprochenen Willen der wirklichen Volkskreise kann sich kein noch so starkes und eigene williges Ministerium entziehen, selbst wenn es bislang gegen« theiliger Meinung war. Dabei ist diese Politik der öffentlichen Meinung keineswegs etwa gleichbedeutend mit der so ost in Frankreich hervortretenden Politik der Straße, wo eine Handvoll Schreier und Deniagogen eine Staatsform nmzu- werfen im Stande ist; denn der englische sogenannte gemeine Mann weiß ganz genau, was er will, auch ohne lange belehrende Reden. So sehen wir dann das merkwürdige Faktttm, daß am 18. März 1867, also vor 25 Jahren, der eonservative Ministerpräsident Disraeli eine sehr liberale Reform den englische!! Parlamenteti vorlegt, die sich auf das Wahlrecht bezog. Diese Wahlreform war allerdings sehr ttothwendig; denn noch immer waren weite Volkskreise, und gerade solche, die mit Schmerzen ihre Steuern von schmalem Verdienst bezahlten, von der Wahl ausgeschlossen. Durch das neue Gesetz, das sich aus der Ministervorlage erhob, erhielten Miether einer Wohnung int Werthe von 10 Pfd. Sterling (200 Mk. pro Jahr) 'das Wahlrecht.
— Gino eierirische Straßenbahn. Bei dem Jntereffe welches mau seit einiger Zeit dem Kapitel „Elecirischer Straßenbahn- Betrieb" hier in Wiesbaden widmet, dürfte folgender kleine Berich, über eine solche Einrichtung vielleicht zeitgemäß' sein. Seit dem 22. Februar besitzt Gera eine elektrische Straßenbahn. Dieselbe ist von der Allgemeinen Electricitäts-Gesellschaft in Berlin nach ihrem in Halle seit längerer Zeit bewährten System mit oberirdischer Stromzuführung eingerichtet worden. Der Verkehr wird auf zwei Linie» von 14 Motorwagen vermittelt, welchen in Fällen außerordentlichen Verkehrs ein bis zwei gewöhnliche Straßenbahnwagen augehängt werden können. Die beiden in Betrieb gesetzten Strecken, deren Gefammtlänge über 10 km beträgt, führen quer durch die Mitte der Stadt. Die sehr großen Steigungen von 1 : 23 und 1 : 20, (auf den für hier in Frage kommenden Strecken ist keine derartige Steigung zu überwinden), die für den Pferdcbetrieb bedeutende Schwierigkeiten bieten würden, werden von den elektrischen Motorwagen spielend überwunden. Es genügt ein einziger Griff des Wagenführers am Reguliruugshebel des Motors, um dem Motor den ausreichenden Strom zuzufiihren. Der Verkehr ist ein sehr bedeutender. Hierzu trägt auch die Einführung des Einheitspreises von 10 Pfg. bei, welcher die Anwendung der auch in Halle
Nachdruck verboten.
Unter Palmen.
Erzählung von Kans Wachenhnsen.
(4. Fortsetzung.)
Roderich sah nicht, wie vor der Freitreppe ein Schwarzer j sich von der untersten Stufe erhob und herzusprang, um die V; Zügel der Pferde zu ergreifen, sein Auge hing nur an der ( Palmen-Grnppe seitwärts des HauseS, an der Hängematte, [ die zwischen den schlanken Stämmen ausgespannt, an dem i weißen, indischen Gewebe, eines Hausgewandes, an den schön | geformten Füßen, die sich unter demselben träge heraus- f streckten — an Jacobina's Gestalt, die nachlässig in der | Malte lag, deren dunkles, int Mondenlicht glänzendes Haar, ' deren voller, rtinder, bis zur Schulter entblößter Arm über ; die Maschen herabhing.
j Wie er ihr auch grollte, ein letztes Lebewohl wollte er ihr dennoch sagen.
: „Sie gestatten, Fräulein Jaeobina erst einen Abcudgruß zu bringen?" fragte er den Senhor, sich zu diesem wendend, - der ihm eben eine stumme Einladung in das Haus machte, während fein Auge das Antlitz unmittelbar zu vermeiden suchte.
H „Wie Sie wollen! Ich erwarte Sie in meinem Zimmer!" Eurt Loosen stieg die Treppe hinan, ohne seiner Tochter zu - od)ten.
L Roderich trat an die Palmengruppe und jetzt erst, als - fein Fuß auf dem scharfen Kies knirschte, schien sie feiner I Unsichtig zu werden. Sie wandte ihm das Antlitz zu, ohue shre bequeme Lage zu ändern. Sie litt es auch, daß er chsie. herabhängende Hand ergriff. Nur ein mattes Lächeln um ihre Lippen, als er noch kein Wort zu finden A tmochle und wie geblendet auf die vom Mondenglcmz be
strahlte junonische Gestalt blickte, die einer liegenden Statue glich, deren wunderbar schöne Conturcn die Schatten des leichten Gewandes so plastisch zeichneten.
Er wagte es zum ersten Mal, fast berauscht von ihrer Schönheit, ihre Hand an seine Lippen führen zu wollen; sie aber entzog ihm dieselbe mit einem nnmuthigen Blick aus den großen dunklen Augen und richtete das Haupt höher in der Matte mit der Gewandhcit, die mir bie Hebung verleiht.
Nicht doch!" sagte sie abweisend. „Meines Vaters Besuch galt also Ihnen!" Sie hob das vom Mondlicht so feltsam gefärbte Haar aus dem Nacken und deckte es Über die halb entblößte Brust. „Was begehrt er von Ihnen?"
In dem Anblick von so viel Schönheit versunken, suchte er erst eine Antwort, und auch diese machte ihn verlegen.
Er sprach mir von einem Kranken . . ."
Sie war unaussprechlich schön; Roderich hatte sie stets nur in ihrem Neitcostüm gesehen, niemals in dieser Ruhe, die er durch seine Worte so Plötzlich gestört.
„Was sagte Ihnen mein Vater von dem Kranken?" fragte J!e endlich aufschauend und so jäh, so scharf, als wolle sie mit den dunklen Gluthaugen in seiner Seele lesen.
Roderich erschrak; er sah fein eigenes Bedenken schon bestätigt.
„Nichts, als daß er ihn für rettungslos halte, daß er an einer unheilbaren Krankheit leide, die'er aus dem Innern mitgebracht."
Jaeobina nickte ebenso düster) die Augen halb schließend vor sich hin. Roderich sah wie verzückt die langen dunklen Wimpern sich senken; er suchte zu errathen, was in ihr vor- gche.
„Armer, junger Mensch!" sprach sie jetzt kaum verständlich vor sich hin. „Ich sah ihn nur einmal flüchtig, damals bei seiner Ankunft! Mein Vater läfet sich ja nicht in
feine Geheimnisse blicken .... Was also verlangt er von Ihnen?" wiederholte sie, ohne aufznblicken, das Wort betonend.
„Etwas, das gegen die Pflicht des Arztes und gegen das Gewissen eines rechtschaffenen Mannes ist, so fürchte ich nämlich"
Jaeobina hob die Hand und preßte sie an die Stirn. Er sah, wie die schwarzen Wellen auf ihrer Brust sich heftiger bewegten.
„Es schlägt kein Gewissen in der Wildniß!" sprach sie wie für sich selbst mit der Bitterkeit, die er an ihr kannte. „Was werden Sie thnu, wenn . . ."
Ihre Augen blitzten ihn gleichzeitig so zweifelnd, so verzagt, so bittend an, daß er die feiuigen senkte. Er wartete, daß sie vollenden werde, was sie gefragt, aber sie unterbrach sich, wie selbst erschreckend vor dieser Frage.
Da fühlte er plötzlich seine Hand berührt, er empfand einen warmen Druck; er sah den schönen Arm zu sich aus- gestreckt, blickte in die beiden Augen Jacobina's, die ihn beschwörend anschauten.
„Thun Sie, was et begehrt!" flüsterte sie, ihr Antlitz auf und zu ihm richtend, so nahe, daß er erzitternd ihren Athen, an seiner Wange fühlte. „Später sollen Sie hören, ich verspreche es!" Und die Sinne schwanden ihm, als sie den Arm um feinen Nacken legte' und fein Haupt an ihre Lippen ziehend, fo heiß, so beschwörend flüsterte: „Um der Barmherzigkeit willen, helfen Sie ihm sterben!"
Noch einmal und heftiger empfand er den Druck ihrer Hand, und als sie ihn ließ und er sich schwindelnd anf- richtete, dann wandte sie sich von ihm, verhüllte das Antlitz in Haar und Händen und streckte sich in die Hängematte zurück. ,
Das hellschallende Geräusch des Heraufziehens einer Fenster-Jalousie erschreckte ihn; er glaubte, unter derselben
