Abend-Ausgabe
WitSMem TsgM
4». Jahrgang. Verlaa: Lanaqasse 27. Anzcigen-Preisr
Erscheint in zwei Ausgaben. — BezngS-PrciS: ________ Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeige»
In Wiesbaden und den Landorteu mit Zweig» , 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. —
Expeditionen 1 Bik. 50 Pfg., durch die Post Es § MW AK K AuQNttLttlktt. Rcclamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg.,
1 Mk. 60 Pfg. für das Vierteljahr. -S-für Auswärts 75 Pfg.
Uo. 128.
Mittwoch, den 16. Mar;
1892.
Der Bauernstand unsre Kettung.
P. K. Rosegger, der bewährte Volksdichier in Graz, veröffentlicht in dem Grenzboten einen höchst lesenswerthcn Aufsatz unter obigem Titel. Es ist zwar nianches darin enthalten, was den Verhältnissen im deutschen Reiche nicht vollkommen entspricht und unseren Ansichten wohl auch zuwider läuft, doch glauben wir, daß die nachfolgenden mit herzfrischer Wärme geschriebenen Ausführungen, die wir jenem Aufsatz entnehmen, von Jedem mit Interesse gelesen werden. Rosegger schreibt u. A.:
Ein seltsamer Doppelschrei gellt heute durch unsre Lande. Arbeit! Arbeit wollen wir! lärmen sie in den Städten; Arbeiter! Arbeiter brauchen wir! ruft der Bauer auf dem Dorfe. In den Städten kann mau nicht genug Häuser bauen, um der Wohnungsnoth zu steuern, auf dem Laude stehen Huben und Hütten leer. In den Städten droht fortwährend Hungersnoth, die man mit theuerm amerikanischem Korn decken will, auf dem Lande liegen die Heiden wild, die Felder brach; auf abgehausten Bauerngründen wächst junger Wald, und wo früher ungezählte Menschen- familieu gearbeitet haben, gelebt haben, zufrieden gewesen sind, tummeln sich heute Rehe und Hirsche für den Jagdsport hochmögendcr Herrschaften. So wenigstens ist es bei uns in den Alpen; doch wie man hört, trifft's im Flachlande auch zum Theil zu, und der Bauernstand geht dort wie hier dem Verfall entgegen.
Wer kann das verstehen?
Der Niedergang des Bauernstandes ist eine Thalsache, die Niemand mehr leugnet! Wenn mau hoch nur auch -u- gestehen wollte, daß das große Arbeiterelend in den Städten und die drohende Gefahr der Sozialdemokratie mit dem Niedergange des Baucrustandes zusaimnenhängt! Nichts wird sich so furchtbar rächen, als- daß mau den alt» gesessenen Bauernstand verkommen lieh.
Diele äußere, wirthschaftliche und gesellschaftliche Ursachen giebt es, die dem Landmann Todtengräberdienste leisten. Aber es giebt auch innere Ursachen, daß der Bauernstand dar- niedergeht. Der Bauer selbst ist nicht ohne Schuld. Entweder er betreibt seine Wirthschaft nach Urväterart, oder er will den Fortschrittsmann spielen, führt allerlei unerprobte Neuerungen ein und verrechnet sich. Den gesunden Mittelweg zwischeit alter Sitte und neuen Anforderungen finden die Wenigsten. Das ist eins. Ein Ziveites ist, daß der Bauernschaft die Standesehre abhanden kommt. Man will nicht mehr Bauer sein, es ist eine Schande, mit dem Pfluge zu arbeite», die Heerde zu züchten, Auch den Bauer erfaßt die höllische Großmannssucht, die so viele sonst gutartige Menschen blind, dumm und schlecht macht; er will höher hinauf, will studiren, will was probiren in derweilen Welt — also wird aus beut freien Mann guten Falls ein untergeordneter Beamter oder gar ein Hausmeister, ein Lastträger, ein Fabrikgeselle, ein Dienstmann, ein Canalarbeiler. Es ist unbegreiflich. Der Bauernknecht in der freien Natur, in
der Poesie althergebrachter Arbeit und lebenerleichiernder Gepflogenheiten, als Mitglied eines patriarchalffchen Hausstandes lebt herrlich nnd stolz im Gegensätze zu einem dienenden Subjeete in der Stadt. Aber eins fürchtet der Baueritstand mit Recht — seine alten Tage, wo er, der ein langes Leben hindurch nichts als Brod gebaut hat, als „Einleger" betteln muß, um die letzten kümmerlichen Bissen, oder warten wie ein hungriger Hund, was vom Banerntische für ihn abfällt. Da geht er doch lieber bei Zeilen zu den Fabrikarbeitern, die ja demnächst unter der rothcn Fahne die Welt erobern wollen!
Jetzt steht der Bauer auf seinem Grunde da: die Söhne sind bei den Soldaten, die Knechte sind in die Fabriken gegangen; auch die Mägde haben gehört, daß man in der Stadt als Köchin oder Bedienerin zehnmal feiner lebt.als in der Bänerei, und daß man dort sogar sein Glück ntneben kamt. Der Bauer steht einsam da und ruft nach Arbeitern für Feld und Wiesen! Er ruft vergebens. Und weil Niemand mehr zu ihm kommt, so will auch er davon. Der Bauersmensch hat eben einen Blick in die Welt gethan und gesehen, wie viel Reichthum ohne Arbeit es dort giebt, wie viel Genuß ohne Leistung, wie viel unbestrafte Lüderlichkeit, wie viel siegende Schlauheit und daß nicht mehr die innere Tüchtigkeit den Ausschlag giebt, sondern die Keckheit, die Herzlosigkeit, die Verschlagenheit. Ja, wenn es so steht, da will er auch mitthun: an Klugheit meint er, nehme er es mit Manchem auf, so dumm er auch ansschaue, und — er springt in den Wettkampf.
Die Volksschule hätte auf dem Dorfe die Mission gehabt, nicht bloß den Sinn der Jugend in's Weite und Breite zu lenken, .sondern ihn auch für den bäuerlichen Beruf zu bilden, zu vertiefen und Ämter wieder die Liebe für den Bauernstand zu weck» und heften hohe Ehrenhaftigkeit zu betonen. Die Geistlichkeit, die -sich ja doch auch sonst so willig an welt- luhen Angelegenheiten bethciUgt, hätte dieselbe Aufgabe zu erfüllen. Allnu-bem katholisch«» Elrrus scheint es nicht gegeben zu sein, den Bauernstand für den modernen wirth- schaftlichen Wettbewerb zu erziehen. Also sehen wir, daß unser Alpenbauer den moralischen Halt verliert, großentheils schon verloren hat, und daß der Bauer dorthin gedrängt wird, wo das Volk nicht mehr Volk heißt, sondern Pöbel, Proletariat.
Eine große Jndnstrie ist ja etwas recht Schönes, doch ihr die Agricultnr zum Opfer bringen — das ist sie nicht werth. Die Agricultnr hat ein älteres Anrecht auf unser deutsches Vaterland als die Industrie, und wird ihr wohl anch in Zukunft eine bessere Stütze fein ....
In den übervölkerten Städten wogen Rotten durch die Straßen, schreien nach Arbeit, greifen mit räuberischer Hand nach Brod. Man ist bestrebt, ihr Begehren zu erfüllen, schafft in der Stadt allerhand Arbeiten, die an und für sich nicht nöthig wären, die nur die Gemeinde- ttub Staats- lasten vermehren nnd trotzdem ganz, unzulänglich find, nm die Massen mit Brod zn versorgen. Was ist das für eine Wirthschaft? Sieht es denn tun Gotteswillen Niemand,
wo Arbeit in Hülle , und Fülle vorhanden ist, und zwar jene natürliche; segensvölle. Arbeit/die unmittelbar Brod schafft? Mit den Blassen arbeitsloser Menschen aufs Land hinaus! Zurück wieder auf die Dörfer, in's Gebirge, roden, ackern und ernten, Feldbau und Viehzucht treiben. Und nicht bloß die rohe Arbeitskraft hinaus; es giebt in den Städten auch so viele überschüssige Intelligenz, die ein besseres Loos verdiente, als zwischen Mauern unnütz zu verkommen oder gar gemeinschädlich thälig zu sein. Hinaus mit ihr in die freie Gottesnalur! Auch das Bauernthnm braucht gescheidte Köpfe; ja ein Bauer, der gemischte Wirthschaft tüchtig betreiben will, muß in feiner An mindestens so viel gelernt haben und verstehen, wie irgend tin „Studierter" in der Stadt.
Aber wie ist es zu machen? Was soll geschehen, auf daß eilt wohlthätiger Rückzug beginne von der Stadt aufs Land? Mit den Sommerfrischen, dem Touristenwesen, von dem man sich erneutes Interesse und Vortheil für den Bauernstand versprochen hatte, ist es nicht. (? Die Red.) Das ist nur so eine Art Spielerei mit dem Bauernthnm, schadet diesem, besonders moralisch, weit mehr, als es nützt. (? Die Red.) Die landschaftlichen Schulen machen auch nicht viel aus; für den Bauer ist die Schulbank, wenn er sie zu lange drückt, überhaupt mit einer gewissen Gefahr verbunden, besonders zn einer Zeit, wo es Jeder, der etwas gelernt zu haben glaubt, für eine Schande hält, körperlich zu arbeiten. Körperlich arbeiten muß aber der Bauer, und dagegen hilft keine Gelehrsamkeit nnd kein Hochmuth, es kommt nur daraus an, daß er es merkt und empfindet, welch' eiiftSegen und Genuß auch in der körperlichen Arbeit liegen kann. Vielfach ist sie mehr Genuß als Aitstrengung. Wenn zwei Feiertage neben einander stehen, so wird sich der richtige Bauer oder Baueruknecht am zweiten'Feiertage schon wieder sachte an eine Handarbeit machen, er fühlt sich dabei wohl.
Aber was ist zu machen, daß der Rückzug beginne von der Stadt aufs Land? Ihr Staaisleiter und Gesetzgeber es ist die höchste Zeit, darüber nachzudenken! Ich habe schon darüber nachgedacht und bin zn dem Schluffe gekommen, daß mit Zeitungsartikeln und Bankettreden nichts gethan ist, daß die Menschen für diese wichtige Sache sich persönlich einsetzen müssen, so tapfer und opferfreudig, wie man sich gegen den Feind einsetzt für's Vaterland. Das Opfer wäre ja endlich nicht so groß. Wenn ich ein kräftiger Stadtbürgersfohn wäre, mit einem kleinen Vermögen, ich würde dam.it kein Geschäft anfangen weder im Gewerbe noch im Handel, ich würde mir draußen in einer schönen Gegend des Landes ein Bauerngut kaufen. In gesunder Luft, bei köstlichem Wasser, bei nahrhafter einfacher Kost würde ich abwechselnd fleißig arbeiten und behaglich ruhen, würde meiner Familie leben, meinen Kindern eine glückliche Jugend auf dem Lande und ein selbstständiges Daheim schaffen. Fernab von dem unheimlichen Treiben der modernen Welt würde ich im ländlichen Frieden ein echter und rechter Mensch sein können.
Nachdruck verboten.
Unter Palmen.
' • Erzählung von Kaus Wachcnßuseu.
(2. Fortsetzung.)
Ihm war's unerklärlich, dieses Mißtrauen, das man hier einem jungen Aerzte zeigte, und leider sah er erst jetzt ein, daß er dasselbe wohl selbst mit verschuldet. Des unfreundlichen Hazienderos Tochter war's geweftn, um deren 'Willen er seine eigenen Lebens-Interessen versäumt!
Seit er sie zum ersten Mal gesehen, war er auf dem Mcmlthier, das er gekauft, um damit feine Patienten zu besuchen, immer wieder zur Colonie hinaus geritten, um ihr zu begegnen, anstatt zu Hause Kranke zu erwarten. Er hatte sie auch zu finden gewußt, dieses so seltsame Mädchen, und sie hatte es geduldet, daß er sich ihr anschließe, aber mit einer Miene, die ihm sagte, er sei ihr so gleidjgiltig wie der Schatten, der zu ihrer anderen Seite ans bett Weg fiel.
Nicht mit wirklichem Vertrauen, nur im Bewußtsein ihrer Selbststänbigkeit hatte sie gestattet, baß er ihr wieder und wieder in der Einsamkeit der Wüstenei, der Wälder begegnete. Sie führte ihn sogar wiederholt in die Hazienda, sie lud ihn hier auf den kleinen Dampfer ein, um mit ihm im Schatten der den Fluß überwölbettdeit alten Bäume zu fahren, auf die kleinen Kaimans in dem von Wasserlinsen, Lotos und Ranunkel überwucherten Fluß Jagd zu machen, aber sie war stets von derselben kalten Freundlichkeit gegen 'hu geblieben, die ihm jede Annäherung versagte.
Er fand beim Plaudern in ihr einen Fond von wirklicher Bildung, die sie der norddeutschen Gouvernante verdankte, denn sie sprach, außer dem Portugiesischen, Englisch und Französisch; sie folgte ihm mit mehr oder weniger
eigener Kemtiniß auf alle Gebiete des Wissens und sie konnte zuweilen auch wohl zugänglich fein, nie aber kam über ihre Lippen ein wirklicher Herzenston. Es mußte also etwas fein, das dieses reich begabte, vo» der Natur so über- schweuglich ausgestattete Mädchen zu keiner Lebensfreudigkeit kommen, sie in der Wildheit ihrer Umgebung Ersatz suchen ließ für das, was ihr nicht beschieden. Sie konnte lange, lange in sich versinken und schreckte dann plötzlich auf in ihren Gedanken; es waren heftige, unvermittelte fiebergänge in ihrem Wesen, die wie das Aufzucken einer wehen, leidenschaftlichen Seele erschienen, bann aber trat wieder das ckctlte, mißachtenbe Lächeln auf ihr Antlitz unb sie konnte rauh, .sogar rücksichtslos sein.
Er hatte bas oft etnpfinben müssen, hatte sich beShalb wieberholt vorgenommen, sie nicht wieber anfzusuchen unb hielt auch endlich seinen Vorsatz, denn er sah ein, daß er seine hier gesuchte Existenz verscherze, wenn er anstatt Patienten zu suchen, solche in feiner Wohnung zu erwarten, ganze Tage lang draußen in der Wilditiß umherschwärme, um nur in diese wunderbaren Augen zu blicken, eilt Spielball ihrer Lannen zu fein. Da aber war zu seiner freudigen ficberraschung sie selbst eines Tages, von ihren beiden Hunden gefolgt, vor ihrem Hänschen erschienen, um alle seine Vorsätze zu Schanden zu machen.
Sie habe ja das Recht, wie alle fiebrigen einen Arzt anfzusuchen, sagte sie mit ihrem kalten Lächeln, als sie, die Reitgerte in der einen, den Saum ihres Kleides in der andern Hand, zum ersten Mal die kleine Holztreppe zu seiner Galerie heraufstieg und auf den bequemen Bambns- siuhl sich niederließ. Er habe sie verwöhnt; sie fühle das Bedürfniß, mit ihm plaudern, sagte sie mit Vorwurf in ihrem dunklen Auge, als zürne sie ob dieser Vernachlässigung. Bisher habe sie die Menschen alle gemieden, denn was seien das für Menschen hier, Bauern und Glücksucher, elende, ver
kommene Existenzen, die im Vaterlande nicht gut gethan, Futter für das gelbe Fieber die Meisten, die mit großen Hoffnungen hierher gekommen und getäuscht in solchen wieder abzögen.
Sie ahnte offenbar nicht, wie wehe sie ihm damit thue, denn auch er gehörte ja. zu denen, die mit solchen Erwartungen hierher gekommen, indeß verzieh' er ihr gern, dankbar dafür, daß sie Verlangen nach ihm gefühlt. Aber auch an diesem Vorzug, er fühlte es, wie sie so gleichgiltig ihm gegenüber faß, hatte ihr Herz keinen Theil; es ihr nur ein Bedürfniß, mit ihm zu plaudern, weil sie felbst gestand, und sie saß mit einem so souveränen Selbstbewußtsein ihm gegenüber, sie schien so weit entfernt, ans seiner sorgenvollen Miene zu schließen, daß sie zu einem an seinem Fortkommen hier verzweifelnden Arzt vor sich habe, der schon den Aennsten der von ihr so mißachteten Colonisten beneidete.
Als sie ihn verlassen,- als er sie so stolz, so schön dahin jagen sah, verwünschte er sie und ihre Freundschaft. Eine Oual war's ja für ihn, dieses Vertrauen eines so schönen, Geschöpfes, dem er durch keine Miene, keinen Blick verrathrn durfte, was in ihm vorging: dessen Ange ihn strafte, wenn er in einem unbewachten Moment warm zu werden begann, so baß er über sich selbst erschrak!
Er athmete erleichtert auf, als er sie nicht mehr sah, er schwur sich wieber unb wieher, sie zu meiben, und dennoch fand er sie draußen auf ihren Spazierritten. Er vermied die Nähe der Hazienda, obgleich es ihn gewaltsam zu dieser zog, und wenn er einmal ruhiger geworden, sie eine Woche lang nicht gesehen, während derselben die Zeit und die Kraft gefunden halte, diesem Zustande ein Ende zu machen, sah er sie wieder vor seinem Hause erscheinen, immer mit demselben Vertrauen ihm die Hand reichend. Er hörte von ihr nicht einmal die Frage mehr, warum er sie meide, warum
