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Wiksbilöemr Sagblatt
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40. Jahrgang.
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I
1893.
Mittwoch, den 2. März
Uo. 104.
□ Das neue französische Ministerium.
Pari», 28. Februar.
Sechs Tage dauerte cs, bis die Welt erschaffen wurde, ein französisches Ministerinm zu bilden, muß aber doch noch schmieriger sein — man brauchte zehn Tage dazu! Und nun, wo es endlich da ist, nach unzähligen Irrungen und Wirrungen, da kann man nicht einmal sagen: „Und siche, es ist gnt so!" Nein, gut ist es nicht, das neue Ministerium Loubet, darüber herrschen scholl heute, am Tage der offiziellen Bekanntmachung, kaum noch Meinlmgsverschiedenheiteu, und nicht minder ist man einig, daß seine Negierungszeit nur von kurzerDaucr sein wird, wäre cs doch schon beinahe vor seiner eigentlichen Gebnrt an innerer Entkräftung verschieden, denn gestern Nachmittag nnd Abend stand seine noch nicht einmal ganz fertige Existenz auf dem Punkte, elendiglich zertrümmert zu werden! Aber diese erste Krisis ist glücklich überwunden worden, wohl nur aus Rücksicht darauf, daß die ohnehin bereits erbitterte Stimmung im Lande über die Unsicherheit in den höchsten Negierungskreisen nicht noch mehr Nahrung cr- halten solle, und das neue Ministerium fiel nicht schon beim ersten Stolpern oder wurde wenigstens, da es vor Schreck auseinander zu brechen drohte, schnell wieder zusammcngekittet, sodaß es sich heute vollzählig dem erstaunten Frankreich prä- sentircn konlite.
Ja, dem erstaunten Frankreich, welches am allerwenigsten an Herrn Lonbct als Cabinetsprüsidenien gedacht. Wr ist dieser Herr Lonbct, dessen Namen man kaum innerhalb der blau- weiß-rothen Grenzpfähle, geschweige außerhalb derselben, bisher vernommen? — Herr Lonbct, gegenwärtig sünfnndv'erzig Jahre alt, war bisher Präsident der Finanzcommission; wie so viele andere französische Politiker aus. der Advokatenlaufbahn hervorgegangcn, wurde er 1876 mit großer Stimmcn- mehrheit in die Kammer und später in den Senat gewählt und bekleidete vom Januar 1887 bis April 1888 den Posten eines Ministers der öffentlichen Arbeiten im Cabinet Tirard. Stets zu den gemäßigten Republikanern haltend, wird er als ein durchaus sauberer, gerader Character geschildert, von ruhigem, liebenswürdigem Wesen, ein tüchtiger Beamter, der in seinem Ministerinm ein gutes Andenken hinterlassen, übrigens intim befreundet mit Carnot und Ferry ist. Große Entschlossenheit und mannhaftes Auftreten scheinen ihm allerdings nicht gegeben zu sein, und das sind doch gerade die Eigenschaften, über die ein französischer Ministerpräsident, der so häufig scharfe Kämpfe mit der Kammer int Ganzen und deren unbotmäßigen Elemente im Einzelnen zu bestehen hat, in erster Linie verfügen muß.
Von dem bisherigen Cabinet Freycinet nahm der neue Chef in den gleichen Eigenschaften, die sie bisher inne gehabt, folgende Minister herüber: Freycinet (für den Krieg), Ribot (auswärtige Angelegenheiten), Ronvier (Finanz), Bourgeois (öffentliches Ünterrichtswesen) und Roge (Handel). Neu eingctrctcn in das Cabinet sind: Favaignac (Marine),
Dcvelle (Ackerbau), Viette (öffentliche Arbeiten) und Ricard (Justiz und Cultus). Von ihnen ist nicht viel zu berichten, sie gehören sämmtlich der gemäßigten republikanischen Partei an und waren bisher in hohen Staatsstellungen — zwei von ihnen, Develle und Viette, früher bereits als Minister — Ihntig. Das Portefeuille des Innern hat sich der Ministerpräsident Loubet für sich bewahrt, es ist das wichtigste, aber auch — gefährlichste, und jedenfalls fehlt cs seinem neuen Inhaber am Selbstvertrauen nicht, wenn er glaubt, die Nachfolgerschaft eines Constans übernehmen zu können. Oder war diese Wahl keine freiwillige, war sie ihm auferzwungen worden, unter der Bedingung, daß er nur in diesem Falle zum Cabinetsprästdenleu erwählt würde?! Wir sind versucht, dies anzunehmen, davon jedoch weiter unten.
Das neue Cabinet wird ohne Frage zunächst auf den Bahnen des alten weiterwandern und sich als Stütze der gemäßigten Republikaner bedienen, da durch die neuen Ministerernennungen keinerlei Concessionen den anderen Parteien, wenigstens nicht in directcr Weise, gemacht wurden. In diesem Sinne hat sich auch schon Lonbct zu seinen Freunden ausgesprochen und dabei erwähnt, daß für ihn das Concordat die Richtschnur bedeutet in den Verbindungen der Kirche mit dem Staate nnd daß er in ihm die Waffe erblicke, mit welcher sich die Regierung gegen die Uebergrisfe des Staates vertheidigen könne. Das ist theoretisch recht schön gesagt, aber — in der Praxis wird sich diese Frage wesentlich anders ansnchmen, und wir werden bald genug von neuen ernsten religiösen Streitigkeiten in der Kammer zu hören bekommen. Das wird aber nicht die einzige.Schwierigkeit sein, die sich in Kurzem dem neuen Cabinet entgegenstcllen wird, eine zweite, nicht minder gewichtige, ist die mehr und mehr an Ausdehnung gewinnende Unzufriedenheit mit den neuen Zöllen (erst gestern wieder fand eine Versammlung mehrerer Hunderter Handelstreibender Hierselbst statt, um gegen jene Tarife Stellung zn nehmen), eine dritte die socialistischen und anarchistischen Kundgebungen, die für den 1. Mai geplant werden. Nur eine feste, entschiedene, zielbewußte Negierung wird aus diesen Kümpfen siegreich hervorgehen können, und eine derartig nöthige Festigkeit nnd Entschlossenheit traut man dem neuen Cabinet nicht zu. „ES ist ein Ministerium der Feigheit, der Schlaffheit", rufen heute die radikalen Blätter aus, und: „Es ist ein Carnevals-Ministerium!" spöttele öffentlich gestern in der Kammer Herr Doronlöde. Ein langes Leben wird daher das Cabinet Lonbct nicht führen, und sein voraussichtlich kurzes Dasein wird ihm noch dazu gehörig vergällt wcrdcu!
Warum wurde es denn aber überhaupt gebildet, dieses unglückliche Loubet'schc Cabinet? Eine schwierige Frage, auf welche die Coulissen der Kammer nnd das Palais Elysoe die richtige Antwort ertheilen können! Das Einfachste wäre gewesen — und dies wollte auch der Präsident der Republik —, daß sofort nach der Krisis Freycinet das neue Cabinet gebildet hätte, er that das nicht, denn in diesem Falle
hätte er Constans — falls er nicht sein Spiel gar zu offen Hütte zeigen wollen) mit hinüber nehmen müssen, was er nicht wollte, denn Freycinet ist ein Gegner des bisherigen Ministers des Innern. Daher die Verwicklungen, daher die Ablehnungen Ribot's nnd Rouvier's und Bourgeois, das Cabinet zusammenzusetzcn, welches sie nur mit Constans bilden wollten, daher endlich die Zuhülfenahmedes unbctheiligtcn Herrn Lonbct, der das Ministerium des Innern selbst übernahm. Es war der einzige Ausweg, aber eilt Ausweg, der die Regierung auf eine falsche Bahn geführt. Sie hat sich schwach und undankbar erwiesen, indem sie Constans fallen ließ, diesen Mann, dem sie so Vieles verdankt, der, indem er rücksichtslos gegen Boulanger vorging, sein Vaterland vor abenteuerlichen Gefahren bewahrte, sie hat auf Gehässigkeiten und Verleumdungen gehört, deren Verworfenheit längst erkannt worden ist, und sie hat damit inbircct eilte Verbeugung gegen den in den letzten Zügen liegenden Boulangismns gemacht, der daraus gehöriges Kapital schlagen wird. Man spricht auch noch von anderen Beeinflnssnngen, die von Vertretern fremder Mächte — der Name Mohrenheim wird genannt — auSgegangen, um Einstnß auf die innere Politik Frankreichs zu gewinnen, man berichtet von diesen und jenen Jntriguen, genug, die Regierung hat mit dem Cabinet Loubet alles Andere wie eilten Triumph erzielt und das Ansehen des Präsidenten der Republik hat zum ersten Male Schaden gelitten. Constans aber zählt mehr Freunde wie je, und Viele sehen in ihm, der eben gegangen, schon heute den--
kommenden Mann!
Korales.
(Nachdruck derOriginalcorrcspondenzen nur unter deutlicher Quellenangabe geltattet.) Wirodadr«, 2. März.
* Zirr Gr ittttertmg. Mitten unter den Wirren des Krimkrieges, nachdem er festen Sinnes sein Haus bestellt hatte, verschied Kaiser Nikolaus von Rußland am 2. März 1854. Schlosser's Weltgeschichte schreibt über den Tod dieses Herrschers folgende charakteristischen Sätze: Sein Tod machte ein ungeheures Aufsehen in der Welt. Alle Trauerehren wurden an den Höfen von Wien und Berlin aufgeboten und besonders in der letzteren Stadt erschöpfte sich die herrschende Parte:, welche ihr Organ in der „Kreuz-Zeitung" besaß und außerdem eine genügende Anzahl knechtischer Journalisten und Phrasendrescher in ihrem Solde hatte, in einer Ostentation von Trauer und Schmerz, welche selbst, wenn es sich nm den Tod des eigenen Landes- fürsteu gehandelt hätte, das Maß des Geziemenden, mit welchem man die Tobten ehren soll, weit überschritten haben würde und welche einem fremden Machthaber gegenüber ein llebermah von Kncchtsstnn vcrrieth, das der Partei einen dauernden Makel anhaftete. Würdiger war das Wort, das der Sultan der Türkei auf die Nachricht vom Tode seines gewaltigen Feindes geäußert haben soll: „Gott, der den Fürsten richtet, wie den Bettler, möge dem Verstorbenen seine Sünden vergeben."
Nachdruck verboten.
Kühne.
Roman von Konrad Hekmann.
(18. Fortsetzung.)
Ich war wie vom Blitze getroffen. Sccundcn hindurch lähmte mich der furchtbare Schreck so, daß ich kein Glied zu regen vermochte. Dann, als ich mich matt aufraffen wollte, um der Gesunkenen Hülfe zu leisten, taumelte ich; vor meinen Augen ging Alles rundum, ein rother Nebel wogte davor hin und her, mir war's, als sei die ganze Welt in's Wanken gerathen. Und dann bezwang ich mich doch, dann beugte ich mich doch zu der Ohnmächtigen nieder, versuchte, sie in's Leben zurückzurufen.
fc „Helene!"
Sie rührte sich nicht, gab kein Zeichen des Lebens, des verstehens von sich. Ich riß sic in meinen Annen in die Höhe, ich trug sie ein paar Schritte weit fort, damit sie erwachend den Schreckensort nicht gleich wieder gewahren sollte. Ihr Herz schlug noch, ich fühlte es gegen meine Brust anhämmern, ihr Äthern ging leise, eine Starrheit hatte sich aller ihrer Gliedmaßen bemächtigt. Ich legte sie behutsam wieder auf den warmen, weichen Waldboden nieder, ich rieb ihre Schläfen, ich rüttelte sie an den Schultern. Unablässig rief ich ihren Namen. Endlich erwachte sie. Sie schauderte zusammen, als sie mich sah. Offenbar erkannte, wußte sie in derselben Minute schon wieder Alles, was gewesen war. Ihre Augen hingen an mir mit angstvoll forschendem, flehentlichem Ausdruck, es war, als wolle Uc in der Tiefe meiner Seele lesen, Alles von dort herauf- hvlcn, was ich dachte nnd empfand. Ich hielt ihre beiden Hände in den meinen und fühlte, wie sic kalt waren.
Sprechen konnte ich nicht, mir war Alles wie zugeschnürt in der Kehle, wie ausgebrannt im Innern.
„Nicht wahr, Oitomar?" sagte sic plötzlich leise, heiser, „Du wußtest es? Du glaubtest es?"
„Manchmal kam mir wider meinen Willen blitzgleich der furchtbare Gedanke," fiel ich ein. „Aber ich wollte nicht — ich konnte nicht —"
„Du verdammst mich, Oitomar?" Es klang wie das Röcheln einer Sterbenden.
„Ich — ich muß erst Alles hören, Helene —. Ich könnte nicht so —. Es ist so unausdenkbar grauenhaft — Nothwehr — nicht wahr? Es war Nolhwehr?"
„Es war Nothwehr!" versetzte sie bestätigend mit dumpfer Ruhe. „Es war eine Nothweudigkeit!"
Sie versank in düsteres Brüten und auch mir versagten die Worte. Mir war's zu Sinne, als sei nun Alles um mich her in lichtlose Finsternis; gehüllt nnd es werde niemals mehr vor meinen Augen Tag werden. Mit müden, schweren Gliedern raffte ich mich empor.
„Komm' jetzt, Helene! Wir müssen gehen. Du sollst Ruhe haben. Und auch ich bin am Rande meiner Kräfte, körperlich und seelisch. Komm! Morgen sprechen wir von dem, was nun werden soll. Kannst Du auch gehen? Sonst trag' ich Dich —"
„Ich kann gehen," sagte sie und stand auf.
Hand in Hand schritten wir nebeneinander, stumm, mit wühlenden Gedanken, durch die einsame Dunkelheit, so leise, als fürchteten wir uns vor dem Geräusch unserer eigenen Schritte. Wie zwei Verbrecher schlichen wir dahin. Dann sagte Helene einmal mitten aus ihren Gedanken heraus: „Beide sterben — zusammen — oder fliehen —. In eine andere Welt, als zwei neue Menschen — das bleibt uns, weiter nichts —
„Weiter nichts," versetzte ich, „Du hast ganz Recht, Helene!" Ich sprach cs mehr mechanisch als mit klarem Bewußtsein nach. Ich konnte gar nicht mehr nachdenken. Und wieder gingen wir schweigend weiter durch die Nacht- stille des Föhrenwaldes. Ich vernahm manchmal secnnden- lang nichts Anderes als den lauten Klang meines eigenen gemarterten Herzens.
Endlich lag das Forsthaus vor uns. Mit seinen rothen Ziegelmanern durchschimmerte cs die .Waidnacht. Aus einem Fenster im Unterstock schimmerte noch Licht. Ich klopfte daran, bat Helene, für einen Augenblick znrückzntreten, und rief: „Herr Förster Hegemann, auf ein Wort! Ich bin's — Kreisrichter Wichards!"
Das Fenster klirrte auf und ein mächtiger Kops mit langem silberweißen Bart streckie sich heraus. „Gott und die Welt!" rief eine tiefe, etwas brüchige Baßstimme, „was bedeutet mir das? Der Herr Kreisrichter mitten in der Nacht! Hab' eben zu Bett gehen wollen, ’ne Viertelstunde nachher hätt' mich kein Kanonenschuß mehr aufgeweckt. Na und maS ■ giebt’3 denn? Natürlich wieder was wegen der gottverfluchten Mordsgeschichte. Haben wir den Halunken oder haben wir ihn noch immer nicht?"
„Diesmal ist's ganz etwas Anderes, Herr Hegemaun," siel ich ein, „eine persönliche Vertrauenssache. Dars ich hinein?"
„Versteht sich. Ich schließe gleich wieder auf," klang es zurück. Dann flog das Fenster zu, und eine Minute später wurde der schwere Thürriegcl von innen zurückgeschoben, die breitschulterige, wenn auch etwas gebückte Hünengestalt des Stadtförsters wurde mit einer kleinen, grünen Del« lampe in der Hand sichtbar. „Nur herein, Herr Kreis- richter! Und wenn ich zu Diensten sein kann, geschieht^ gern."
