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Abend-Ausgabe.

40. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. Bezngs-Prei-r In Wiesbaden und den Landorten nut Zweig- Expeditionen 1 Mk. 50 Pfg., durch die Post 1 Mk. 60 Pfg. für das Vierteljahr.

Verlag: Langgasse 27.

Alronneuteu.

rlnzeigc« Preis:

Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeige« 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Psg. Reclamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Psg.

Uo. 102.

Dienstag, den 1. Marx

1892.

Der römische Grenzivaü in Deutschland.

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r- Die römische Grenzsperre in Deutschland, der Limes, schloß %ie römischen Provinzen Naetien und Obergermauien gegen das freie Deulschland ab in einerGesammtläuge von rund böOKilomtr. Dieselbe durchzog als Wall bczw. Mauer in dieser ungeheuren Länge den Südwestcii Deutschlands, und ist noch wenig erforscht. Nach einer dem Reichstage ^ugcgangcncn Vorlage sollen nun rmtcr Ricdcr- setznng einer Commission die erforderlichen Mittel zur Erforschung dieses hochintercssantcu Bauwerks aufgeweudct werden. Die bei- gefügte llebersichtskarte wird die folgende» Angaben erläntcrn.

Der r a e t i s ch e LimeS, 178 Kilomtr. lang, verläßt bei Hie u- beim, westlich von Regensburg, die bis dahin dielfirenzdecknng bildende Donau und endet östlich von Stuttgart bei Lorch. Er besteht aus einer mit Thürmen besetzten Mauer, vom Volk der Pfahl oder die Tcufclsmaner genannt, welche auf weite Strecken noch jetzt niedrere Fuß hoch aufrecht steht. Wahrscheinlich lief vor ihr fein Graben. Hinter ihr befanbc» sich, wie die letzten Entdeckungen gezeigt haben, nameinlich an den natürlichen , Durchgängen, zum Theil aber auch in weiterer Entfernung Kastelle.

Der oberg erm a nische Limes, 372 Kilomtr. laug, läuft von Lorch bis nach Rheinbrohl bei Andernach. Dieser ober- germanische Limes ist ein Erd dämm mit vorliegendem Graben. Andenraetischen im rechte» Winkel anschließend läuft er zu­nächst in schnurgerader Richtung über Berg und Thal in einer Lange von ungefähr 80Kilomtr. bis vor Walldürn und erreicht von dort mit einigen Kurven den Main bei Miltenberg. Von

hier bis Großkrotzenburg (46Silomfr.) bildet dieser Fluß selbst die Grenze. Der dann wieder eintretenbe Wall umspann in einem bis gegen Gießen vorspringenden Vogen die Wetterau und ge­winnt unweit Butzbach die Höhe des Taunus, dem er bis in der Nähe von Wiesbaden folgt. Von da läuft er in mäßiger Entfernung vom Rhein, das Lahnthal bei Ems überschreitend und das Neuw jeder Becken eiiischließeiid, bis an die obeiibezeich- nete Provinzialgrenze bei Rheinbrohl. Dieser ob er ger­manische Limes besteht in seiner ganzen Länge, aus einer Kette von Kastellen und Wachtthnrmeii. Die Kastelle, hier größtentheils iiachgetvieseii, liege» einwärts vom Wall, meistens in der Eiitfernnng von 50 dis 400 Mtr. Ter Abstand der Kastelle »»lerciiiaiiber be­trägt ans der Linie LorchWalldürn 10 bis 16, weiter nördlich 8 bis 9 Kilomtr., das heißt nach römischer Ordnnng ungefähr einen halbe» Tagemarsch. Die Wachtthiirme, welche diese Kastelle mit einander verbinden, sind großeiitheils noch nicht sestgestellt; sie liegen durchschnittlich 30 Mtr. einwärts vom Wall und sind ungefähr auf eine halbe römische Meile (739 Mtr.) von einander diftanzirt. Diese Posteii scheinen auf Trompetensignalweite ausgestellt gewesen, vielleicht auch durch Feuerfignalbienst mit einander kommnnizirt zu haben.

Zwischen beut Rhein und bei» eben bezeichneten Limes von Cbergermauicn läuft eine zweite ähnliche Anlage, von dem zuerst entdeckten Abschnitte bei Erbach gewöhnlich die Mümling-Linie genannt, aber bis jetzt nur unvollkommen bekannt. Sie läuft von Cannstatt an zunächst bis Guudelsheim am Neckar, lucker

auf der Wasserscheide zwischeu diesem und dem Main östlich der Itter und der Mümling; vermuthet wird, daß sie sich südlich bis nach Rottweil, nördlich bis in die We t tera u fortfetzt. Diese i Neckar-Maiulmie entbehrt des Walls »nd besteht lediglich aus einer 8 Kette durch Wachtthiirme verbundener Kastelle.

Was über die Geschichte dieser großartigen Grenzanlagen bis jetzt hat sestgestellt werden können, ist in den Hauptzügen Folgendes. Die Nordgrenze des römischen Reiches war unter Augustus bis an die Donau und den Rhein vorgeschoben worden. Das Gebiet zwischen Rhein und Elbe wurde unter demselben Kaiser zwar er­obert, aber auch fast ganz wieder anfgegeben. Die nach der Varus­schlacht des 9 n. Chr. noch gemachte» Versuche, diese große Pro­vinz Germanien wieder zu gewinnen, schlugen fehl, und der Kaiser Claudius zog im Jahre 47 die rechtsrheinischen Besatzungen am Niederrhein definitiv zurück, so daß daselbst jetzt wieder dieser Stroni selbst die militärische Grenzlinie bildete. Und in Niedergermanien blieb diese bestehen bis zum Ende der römischen Herrschaft. Anders gestatteten sich die Verhättuisse am Rheine in Obergermanien und an der oberen Donau in Raetien. Noch int ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnimg unter den Kaisern des Modische» Hauses ist hier ein Streifen des jenseitigen Gebietes dem römischen Reich in formeller Weife einverleibt und mit Besatzungen belegt worden. Sicher nachweisbar ist die Thatsache für die oberrheinische.Strecke (den Taunus mit der Wetteran, das untere Mainthal und das ganze Neckargebiet), für welche auch der Zweck, nämlich die Ab­drängung des mächtigeu Chattenvolkes, ersichtlich ist. Die Vor­schiebung der Grenze von Regensburg an westlich von der Donau bis nach dem Nordostende der schwäbischen Alp erfolgte wahrschein­lich im Zusammenhang mit jener überrheinische» Besetzung nndzwar gleichzeitig oder bald nachher. Gerade bei dieser Gelegenheit wird nun die Anlage vonlimites, d. h. sortifikalorischen Linien zum Grenzschntze, von den gleichzeitige» Schriftsteller» erwähnt. Erst dnrch iuschristliche Funde sind wir aber i» den Stand gesetzt worden, diese Notizen genauer zu batircu und in Zusammenhang zu setzen mit den damaligen kriegerischen Operationen der Römer gegen die Germanen.

Angesichts dieser großen Dürftigkeit der birectcn Ueberliefentng über den Limes in Deutschland erzielst sich die gründliche systema­tische llntersuchnng dieses gewattigen Römerwcrkcs als um so dringender erforderlich. Nur so wird es ermöglicht werden, die Zeit dieser Anlage, ihren Zweck und ihre Einrichtung im Einzelnen zu erkennen, und andererseits werden die Ergebnisse einer solchen Erforschung sicherlich auch zu wichtigen Ausklärungen über die römische Geschichte, sowie die Vorzeit unseres Vaterlandes führen.

llnt eine einheitliche und planmäßige Erforschung des Limes in Deutschland anzubahnen und zunächst Vorschläge und Kostenver- anschlagnugen zu diesem Zweck auf stellen zu lassen, haben die fünf betheiligteu Regierungen von Preußen, Bayern, Württeiu- berg, Baden und Hessen Delegirte zu einer Co uferenz be­rufen, welche am 28. Dezember vorigen Jahres in Hei del berg abgehalten worden ist und an der auch die beiden Akademien von Berlin nnd München vertreten waren. Nach der ein« rniithigcn Ansicht dieser Conferenz sind als Ziele des llnter- nehinens zu betrachten:

1) Feststellung des Laufes der Grenzsperre, genaue Untersuchung der zum Limes gehörigen Baulichkeiten, namentlich auch der Kastelle, deren Anzahl vorläufig rund auf s echzi g angeschlagen werden kann; Nachweisung der mit dem Limes zusammenhängenden Straße ii netze;

2) Aiifnahme und Kartographirnng der Limes-Linien und Straßen, sowie Herstellung voii Grundrissen der Einzelbauten.

3) Abzeichnung und theittveise auch Abformung der wichtigeren Fundstucke;

4) Sorge für Erhaltung der Baureste nnd Fundstücke, fei es, daß sie an Ort und Stelle bleiben ober einem Museum einverleibt werden;

5) Veröffentlichungen über den gejammten Limes, wobei sowohl die einzelnen Strecke» eingehend zu beschreibe» sind, als auch, »ach Abschluß der Arbeite», in einem allgemeinen Theile der militärische

Nachdruck verboten.

Sühne.

Roman von Konrad Hekmann.

(17. Fortsetzung.)

Nein, nein", wehrte ich ab und versuchte, sie zu lang­samem Weitergeheu zu bewegen,nicht deshalb. Es war in der Untersuchuugssache wegen Planck's Ermordung bei Gelegenheit Du hast ja Planck gekannt"

Planck?" Sie fuhr zitternd zusammen.In der llntersuchuiigssache sag'st Du? Aller was habe denn ich. Ich begreife nichts von dem Allem, Ottomar. Mein Schicksal und dieser Mord"

a Wie leblos hing sie plötzlich wieder an meinem Arm.

>Liebes Herz", sagte ich, rege Dich doch nicht nnnöihig auf! Du hast ohnedies der Erregungen und Qualen genug burchzukämpfen. Die Dinge liegen ganz einfach, viel ein­facher, als Du denkst. Ich spürte im Laufe der Unter- luchuug Planck's Vorleben nach. Dabei kam's heraus, daß rr einmal in einer Strafanstalt als Gärtner angestellt ge­wesen und von dort entlassen worden mar, weil er eine 3nhaftirte hatte befreien wollen. Und man nannte mir den tarnen derselben. Es war der Deine, Helene. Du er­zählst mir das Alles ein ander Mal, morgen vielleicht, wie kam und weshalb Planck Dich befreien wollte Dein Wnjes Leben erzählst Du mir, nicht wahr? Es darf ja Kleinstes darin geben, das ich nicht genau kennte und ite, gerade so kennte und wüßte wie Du selbst. Aber t jetzt und nicht hier. Du bist viel zu erregt, viel zu wpst nach diesem schrecklichen Tage. Komm', laß uns n. Du mußt endlich Ruhe haben. Du armes Geschöpf!"

Ich zog sie weiter; sie schien sich nur mechanisch fortzu­bewegen, ihr Gang war schleppend, ihr Arm lag schwer auf dem meinen. Sie sagte kein Wort, warf mir auch keinen Blick mehr zu; wie eine Todkranke hielt ich sie neben mir aufrecht, ängstlich bemüht, daß sie nicht stürzen sollte. Wir hatten den Wald erreicht. Es war ganz dunkel darin, feierlich dunkel, möchte ich sagen. In den Kronen der alten Bäume aber murrte und raunte cs nun doch leise, wenn sie aneinander schlugen, trotzdem man hier unten von dem Winde, der das herbeiführen mußte, nichts gewahrte. Es hatte etwas Heimliches nnd der Weg zum Forsthause war nicht leicht zu finden. Obgleich ich ihn oft genug ge­gangen war, täuschte mich die Gleichartigkeit der Wege im Stadtwalde zusammeu mit der herrschenden Finsterniß dennoch über die einzuschlagende Richtung. Dazu schien die ganze Tageshitze int Walde sich gefangen zu haben, der sie bewahrt hatte, denn die heiße Luft schlug uns förmlich wie ein Schwaden daraus entgegen und halte im Verein mit den schweren Harzgerücheu etwas beinahe Betäubendes für mich. Auch hatte ich so viel zärtliche Aufmerksamkeit auf Helene zu verwenden, die sich schweigend, mühsam, nach Athem ringend neben mir herschleppte, daß ich daneben nicht genügend auf den Weg zu achten im Stande war. So kam's wohl, daß ich nach einiger Zeit inne ward, wir seien abgeirrt. Ich sagte Helene ein paar Worte darüber, aber sie erwiderte nichts.

Findest Du Dich besser zurecht?" fragte ich.

Sie blickte gar nicht auf.

Es ist ja Alles ganz gleich", sagte sie müde,dann laß nns hier bleiben. Ich kann ohnedies nicht mehr weiter."

So muß ich Dich tragen", rief ich,aber weiter müssen wir."

Wir gingen noch eine Strecke weit zwischen den Stämmen hin; immer dunkler wurde es um nns her, immer dichter wuchs der Wald scheinbar rings um uns. Dennoch wußte ich nun plötzlich, wo wir waren und daß wir schon viel zu weit in den Forst vorgedrungeii. In der nächsten Minute mußten wir auf den Platz kommen, wo Plank erschossen worden war. Daun war der Weg zum Forsthause, den wir uns unnöthig verlängert hatten, nicht mehr zu verfehlen. Ich sagte aber Helene von meiner Ent­deckung nichts, sondern nahm mir vor, sie stumm und rasch an dem Orte vorüber zu führen, um sie nicht neuen Auf­regungen preiszugeben und ihre überreizten Nerven zu ge­fährden. Das schien mir auch zu gelingen. Wir hatten die Stelle bereits erreicht und ich wandte mich nun dem gerades Weges von dort auf das Forsthaus zusührendeu schmalen Pfade zn, als Helene, die sich geschlossenen Anges, halb wie geistesabwesend und willenlos von mir leiten ließ, plötzlich im Vorübergehen mit ihrem Kleide den Reisighanfen streifte, der über die Mordstelle aufgehäuft war. War cS diese Empfindung oder war es das instinktmäßige Gefühl der Nähe des Platzes selbst, das ihr mitten in ihrer Apathie dennoch angcflogen war wie ein leises Vibriren der Nerven oder ein einziger lauterer Herzschlag ich weiß eS nicht.

Plötzlich blieb Helene stehen, plötzlich schlug sie die Augen auf, plötzlich sah sie, wo sie sich befand, erkannte sie Alles. Und nun brach ein irrer Aufschrei von ihren Lippen, halb wie das Aechzen eines todwunden Thieres, halb wie das gellende Gelächter einer Irrsinnigen. Sie riß sich von mir los, sie warf ihre beiden Arme in die Lust, sie schrie: Ich ich ich hab' ihn ermordet! Ich war's ja, ich ich" Dann sank sie leblos über dem Reisig- hänfen zusammen.

(Forsetzung folgt.)