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Abend-Ausgabe.

VikstmökM Tilgblck

40. Jahrgang.

Verlag: Langgasse 27.

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Erscheint in zwei Ausgaben. Bezngs-PreiS: Zn Wiesbaden und den Laudortcn nut Zweig» Expeditionen 1 Mk. 50 Pfg., durch die Post 1 Mk. 60 Pfg. für das Vierteljahr.

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No. ioo.

Montag, den 29. Februar

1892

Nachdruck verboten.

Urber Stener-Reelamationen.

Von Dr. Zastrow, Privatdocent an der Universität Berlin. (Schltiß.)

IX.

Mas macht man, wenn das Einkommen im Lanfr des Jahres sich vermindert?

Wer gerecht veranlagt ist, aber im Laufe des Jahres weniger cuuiimmt, als er gedacht hat, kann darum noch nicht verlangen, das; er weniger Steuer bezahlen solle. Denn wenn jede kleine Aenderung im Laufe des Jahres berücksichtigt werden sollte, so hätten die Behörden alle Hände voll zu thun.

Wenn Du aber int Laufe des Jahres eilte Einnahme­quelle ganz verlierst, z. B. wenn Du Dein Geschäft auf­geben mußt, nm in ein anderes als Gehilfe cinzutretcn, so kannst Du aus diesem Gründe eilte andere Einschätzung verlangen. Jedoch auch in diesem Falle nur dann, wenn die Verringerung des gesammten bisherigen Einkommens mehr als ein Viertel beträgt.

Ein Beispiel. Ein Beamter, der bisher ein Gehalt von 2000 Mk. bezogen hat, wird pensionirt. Er verliert die bisherige Einnahmequelle seines Gehaltes, und die nette Einnahmequelle, die Pension, beträgt nur 1400 Mark. Er kann verlangen, daß er neu eingeschätzt werde. Aber feilt College, der unter genau denselben Verhältnissen gleichzeitig ,mit ihm pensionirt wird, hat daneben noch ein kleines Ka­pital, von welchem er jährlich 500 Mk. Zinsen hat. Dieser kann nicht verlangen, daß er sofort neu eingeschätzt werde, ; sondern muß damit bis zum nächsten Jahre warten. Denn, wenn auch bei beiden Beamten derWegfall einer Ein­nahmequelle" vorliegt, so hat doch nur bei dem ersten der Verlust mehr als ein Viertel des Gesammteinkommens be­tragen, bei dem letzteren nicht.

Auch wenn durch außergewöhnliche Ilnglücksfälle das Einkommen um mehr als ein Viertel verringert worden ist, kann man sofortige Neueinschätznug verlangen. Aber es müsse» dies schon Unglücksfälle sehr außergewöhnlicher Art sein; so z. B. wenn Jemanden Haus und Hof niederbreuitt, ohne daß er genügend versichert war.

Die Entscheidung über einen derartigen Antrag steht der Königlichen Negierung zu. Die Adressirung ist in ähn­licher Weise wie oben zu machen:

An

die Königliche Negierung zu Wiesbaden unter Couvert der Einkommensteucr-Veranlagungs- Commission für den Stadtkreis Wiesbaden Wiesbaden.

X.

Macht ritte abgewieselte Urrlauralion Kosten?

Von den Behörden, welche wir in Vorstehendem gc- nannt haben, erhebt zwar nur das Oberverwaltungsgericht Prozeßrosten, welche der unterliegende Dheil zu zahlen hat.

Darum darf man aber nicht glauben, daß ungehörige Neelamatioueii bei der Bernfungs-Commission immer kosten­frei ablanfen. lieber jede Behauptung des Reelamanteu kann die Berufungs-Commission Zeugen und Sachverstän­dige veritehmen lassen. Die Kosten solcher Vernehmnngen muß der Reclamant tragen, wenn sich herausstellt, daß seine Behauptungen als gänzlich unrichtige auzusehen sind.

Beispiele.

Srifpirl eines grrlnmantt« mit genauer Buchführung.

Wiesbaden, den 1. März 1892.

Durch Verfügung der Veranlagungs-Commission vom 25. Februar d. Z. bin ich nach einem Einkommen zwischen 3300 und 3600 Mark zu 70 Mark Einkommensteuer veran­lagt. Hiergegen lege ich Berufung ein.

In meiner Steuererklärung habe ich mein steuerpflichtiges Einkommen auf 2868 Mark angegeben. Dieselbe war mit dem Benterken beanstandet worden, daß ich nach der Größe meiner Wohnung, sowie nach meiner ganzen Lebenshaltung einen erheblich größeren Jahresverbrauch haben mußte. Zu den darüber gepflogenen mündlichen Verhandlungen habe ich das Letztere dadurch erklärt, daß ich in dem überaus schlechten letzten Geschäftsjahre meinen Lebensunterhalt in der That zu einem erheblichen Thetl aus meinem Capital habe bestreiten müssen. Nach dem Verlause der Verhandlungen nahm ich an, daß die Commission sich mit dieser Erklärung zufrieden gäbe. Die gleichwohl eiugetreteite höhere Veranlagung kann ich mir nur durch einen Jrrthum über meine Einkommeus- verhältuisse erklären.

Nach Ausweis meiner Bilanzen betrug mein Geschäfts- gcwinn im Jahre 1890 ........ 3757 Mk.

1891...... 1979

also zusammen in den beiden letzten Geschäftsjahren 5786 Mk. Mithin in zweijährigem Durchschnitt .... 2868

Eine Abschrift der beiden Bilanzen füge ich bei.

Ich beantrage dementsprechend:

die Entscheidung der Veranlagnngs-Commissivn aufzu­heben und mich gemäß einem Einkommm von 2868 Mk. £U einer Steuer von 52 Mk. zu veranlagen.

Karl Theobald Schulze, Kaufmann, Götheftraße 8.

An

oie Königliche Bernfiings-Commission unter Couvert der

Eiiikomniensteuer-Veranlagungs-Commissioil für die Stadt Wiesbaden

in

Wiesbaden.

Aeußere Adresse auf dem Couvert:

An

die Einkommenstcuer-Veranlagungs-Commission für die Stadt Wiesbaden

in

Wiesbaden.

Beispiel eines Rerlamanten ohne Buchführung.

S o u u e ii b e r g, den 24. März 1892.

Durch Verfügung der Veranlagungs-Commission vom 21. Februar d. I. biii ich nach einem Einkommen von 1200 bis 1350 Mark zu 12 Mark Einkommensteuer veranlagt. Hiergegen lege ich Bernsung ein.

. Daß ich aus meiner Wirthschaft eine Einnahme von ungefähr 1200 Mark habe, ist richtig. Ich rechne an Geld­

erlös aus Getreide, Kleinvieh, Geflügel ic. ungefähr 600 Mk. und verbrauche von meinen Wirthschaftscrzengnisseu im eigenen Hause ungefähr ebenso viel. Allein hiervon gehen an Unkosten und Auslagen verschiedener Art ungefähr 200 Mark ab. Ich füge hierüber.eine genauere Berechnung bei und bemerke, daß der hohe Posten von 60 Mark für die Ausbesserung meines Gebäudes sich durch den schlechten Zustand desselben erklärt, auch von mir durch Vorzeigung der Maurerrechunng bewiesen werden kann.

Es bleibt sonach als Neinertrag von meiner Wirthschaft nur 1000 Mark übrig. Da drei meiner Kinder noch unter 14 Jahre alt sind, so bin ich berechtigt, für jedes derselben 50 Mark, also int Ganzen 150 Mark abzusetzen. Danach bleibt für meine Veranlagung nur ein Einkommen von 850 Mark übrig und ein solches ist stcnerfrei.

. Für die Richtigkeit meiner Behaiwtungen berufe ich mich auf das Gutachten meiner beiden Nachbarn Franz Müller und August Schulz. Zn genauerer Beurtheilung führe ich fcrucr an, daß meine Wirthschaft 30 Morgen umfaßt und daß ich au Vieh besitze: 1 Pferd, 2 Milchkühe, 2 Stück Jungvieh, 4 Faselschweine und 20 Stück Geflügel.

Ans Grund meiner vorstehenden Ausführungen beantrage ich: meine Veranlagung zur Einkommcustcucr anfznheben.

Adalbert Franz, Landwirth.

An

die Königliche Bernfnngs-Commifsion in Wiesbaden unter Couvert der

Einkommensteuer-Veranlagungs-Commission für den Landkreis Wiesbaden

in

Wiesbaden.

Aenßerc Adresse auf dem Couvert

An

die Einkominensteüer-Veraulaguugs-Commission für den Landkreis Wiesbaden

in

Wiesbaden.

Berechnung. '

Grundsteuer............16,20 Mk.

Gebändesteuer...........2,40.

Feuerkasse........... . 6,20

Hypothekenzinsen..... 27,30

Hans-Reparatnren.......... 60,00

Einkauf vou Saatkorn und Kleinvieh, Arbeits­

lohn in der Erntezeit, Unterhalt der Geräthe '

u. A. ui. ungefähr ...... . . . 90,00

zusammen 202,10 Mk.

Außerordentlicher Ktttdtetog für HessenUossou.

(Eigener Bericht für dasWiesbadener Tagblatt".) d Marburg, 27. Februar.

In dem festlich geschmückten Saale des Museums faitb heute der außerordentliche Städtetag für die Provinz Hessen-Nassau statt, um den V o Iks schu l gese tz-Entwnr f zu besprechen und zu demselben Stellung zu nehmen. Die Versammlung war aus Hessen und Nassau sehr zahlreich besucht, vertreten waren folgende Städte: Allendors, Biedenkopf, Bockeuheim, Cassel, Diez, Dillenburg, Amöneburg, Eschwege, Fraukenbcrg, Frankfurt a. M., Friedrichs­dorf, Gelnhausen, Hanau, Herborn, Hersfeld, Höchst, Hofgeismar, Homberg a. £)., Homburg v. d. H., Kirchheim, Marburg, Mel-

Nachdruck verboten.

Sühne.

Roman von Konrad Tekmann.

' . (16. Fortsetzung.) t

Helene l"

Sie hatte sich an mich geschmiegt, zitternd, angstvoll, ohne meine Umarmnung zu erwidern, wie ein hülfloses, Hülfe suchendes Kind.O, er ist furchtbar", kam cs wie ein leises Stöhnen Über ihre Lippen, wälzend ein Frost- schauer nach dem anderen ihren Leib übcrjagte.Furchtbar, nicht wahr?"

Ich zog sie fest an mich, ich überdeckte ihre Stirn, ihre Augen mit meinen heißen, unerwiderten Küssen.Er hat ia auch ein Recht dazu", flüsterte ichdazwischen,werkönnte es ihm verargen? Aber nun bist Du mein, Helene nun hat das Schicksal über uns entschieden, dem wir uns nicht N!ehr widersetzen können. Armes, liebes Weib! Ich hab' $ nicht gewollt, daß es so kommen sollte, bei Gott nicht, hab' cs nicht einmal geahnt, daß es möglich wäre. Aber »un es so ist. Was hast Tu aushalten müssen. Arme, beliebte! Erzähle mir Alles, mein Weib, Alles! lind Uiarst Tu's, die vorher schon klopfte und zu mir wollte? D» ?"

. Ich hatte mich gesetzt und sie zu mir auf den Schoß gofleu. Sie saß ganz still, ihren Kopf an meine Schulter Dehnt, ihre Arme um meinen Leib geschlungen. Dabei Hte sie leise, immer noch fröstelnd, immer noch zitternd: xCN, ich war's. Ich wußte, daß er drinnen war, denn ich We drunten das Pferd gesehen. Und da schwante mir MsetzlicheS. Ich mußte Gewißheit haben. Aber da We jch seine schreckliche Stimme, und weil ich da- 8us entnahm, daß Du lebtest, daß er Dir kein

Leid angethan, wie ich's gefürchtet hatte, verkroch ich mich vor ihm. ' Im finsteren Trcppenwinkel hab' ich zusammengekauert gesessen und ihn an mir vorüber gelassen. Ich hatte Angst vor ihm, Ottomar, er hätte mich gewißlich erwürgt, wenn er mich noch einmal vor sich gesehen hätte- in seiner Wnth und in Deinem Hause. Er hat mich ge­schlagen, Dttonmr, mit der Reitpeitsche, gerade ins Gesicht hat er mich geschlagen. Und dann bin ich aus dem Hause gelaufen mit dem brennenden Schmerz - im Gesicht und mit der brennenden Scham in der Seele, und sein Schrei hat hinter mir hergetönt:Nie wieder über meine Schwelle, Dirne!" Und gelaufen bin ich, bis ich an den Waldsee kam, wo ich sündig wurde, Ottomar, und da wollt' ich hineinspringen, damit Alles zu Ende wäre für immer, Gram und Scham und Reue. Aber ich habe es nicht ge­konnt. Jch habe an Dich gedacht, Ottomar. Und da trieb's mich her. Gott verzeih' mir alle meine Sünden! Jch habe Dich unaussprechlich lieb, Ottomar!"

Sie lag geschlossenen Auges an meiner Brust, bedingungs­los mir hingegcbeu, ohne leidenschaftliches Entflammtsein, nur wie unter dem Banne einer übermächtigen Gewalt. Mein Blut aber siedete und meine Küsse wurden immer feuriger, immer wilder.Helene," flüsterte ich, während die Dunkelheit mir wie, ein schwerer, schwarzer Flor um uns her zu wallen schien,und nun bist Du mein Weib und bleibst mein Weib."

War es das Beben meiner Stimme, das sie erschreckte, oder der rasende Herzschlag, den ihr Ohr erlauschte! Sie richtete sich plötzlich in die Höhe und durch die Dunkelheit bohrten sich ihre Angcn in mein Antlitz, so angstvoll, so entsetzt, daß es mich durchschauerte. Aus dem heißen Fieber» träum meiner besinnungslosen Leidenschaft riß dieser Blick mich auf, er warf mich in die Wirklichkeit zurück, er zerriß einen Schleier der vor meinen Auaen gelegen hatte. Plötz­

lich wußte ich wieder Alles, sah ich wieder Alles, was vor dieser Stunde geivcscn war, was mich alles Grauen, alle Schauer der Angst und Verzweiflung hatte durchkosten lasten, llnd zugleich überfiel mich der Gedanke daran, daß Helene hier nicht bleiben konnte, daß es Zeit mar, an das zu denken, was nun werden sollte. Für einen Liebcsrausch war die Stunde wahrlich nicht geschaffen. Jch mußte für eine Unterkunft für sie sorgen. Aber nicht im gleichen Hause, womöglich gar nicht in der Stadt, um alles un- nöthige, alles vorzeitige Aufsehen zu vermeiden. Da schoßt mir etwas durch den Köpf: in's Forsthaus könnt' ich sie bringen. Der alte Förster Hegemanu, mit dem ich in amtlicher Eigenschaft und auch freundschaftlich vielfach ver­kehrt hatte, würde mir sicherlich den Gefallen erweisen,' sie für eine Nacht bei sich aufznnehmcn, mir auch Discretion angeloben, wenn ich ihm zu verstehen gab, daß es sich um ein schweres Zerwürfniß zwischen den beiden Ehegatten, um eine delikate, intime Angelegenheit handle. Er war ein ruhiger, verständiger Mann und mir schon wegen meines in der Untersuchungssache entsafteten Eifers sehr gewogen. Morgen mußte Helene dann natürlich ans der Gegend fort; zu ihren Verwandten, wenn sie solche noch besaß, sonst irgendwohin anders, es würde sich schon finden. Vorläufig galt es, fortzukommcn.

Jch ließ Helene von meinen Knieen herabgleiten und sagte ihr, was ich dachte.Wir müssen gehen," fügte ich hinterdrein,und so bald wie möglich, damit uns keiner sieht."

Helene war bei meinem Vorschläge, daß sie im Forst­hause übernachten sollte, sichtlich zusammen gezuckt. Dennoch erhob sie keinen Widerspruch, sondern neigte still ihr Haupt. Sie schien sich bedingungslos in Alles fügen zu wollen, was ich über sie verhängen würde, und eben darum war es doppelt meine Pflicht, für sie, für ihren Ruf umsichtig