Abend-Ausgabe
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40, Jahrgang.
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9i).
Die Franc« und die Politik.
Von Aichard Wnkckow.
(Fortsetzung.)
Ein jedes Land kann durch ernste Frage» zu allen Zeiten tief aufgeregt werden. In England steht heute die irrische Frage auf der Tagesordnung, die bereits den Bruder gegen den Bruder, den Sohn gegen den Vater in den Kampf ge- Mrt, die leidenschaftliche Erregung bereits auf einen sehr hohe» Grad gebracht hat. Man denke an einen Entschei- tjsngskampf in Frankreich zwischen der wankenden und abgelebten Republik und einer Rückkehr zur Monarchie, oder an mögliche schwere und cntscheidungsvolle Kämpfe in Deutschland auf dem Gebiete des Sozialismus — und bei allen diesen Kämpfen die Frauen thätigen und erregten An- thcil nehmend, durch ihre Discussionen und Abstimmungen mit die Entscheidung herbeiführend l
Wessen Temperament und Phantasie ist ruhig genug, : sich ein solches Bild in allen seinen cinzclitcn Theilen ans- zufiihren?
. So wie es die Pflicht des Mannes ist, das Gesetz zu schützen und sein Land mit den Waffen in der Hand zu vertheidigcn, so wird auch er allein das Recht beanspruchen dürfen, entscheidende Beschlüsse über Staatseinrichtungen zu Wen, die man für gnt und heilsam erkannt hat und für die man mit Gut und Blut einzutrctcn willens ist. Wehe dem Staate, der schwere politische Kämpfe unter thätiger Mitbctheiligung der Frauen zu führen hätte, denn unfehlbar würde er die Wurzeln seiner Kraft und Existenz zerstören. Diese Kraft liegt in der Ruhe und dem Frieden des häuslichen Herdes. Wenn nun die Frau aus stürmischen er- IMr V^.cha.chlungeu kommt, ihre Leideuschaft in Bewegung gesetzt ist, ihre Seele unter den Nachwirkungen heftiger Witifcher Auseinandersetzungen und unvermeidlicher gewalt- fItecr Eindrücke bebt — wird sie im Staude sein, in derselben Stunde ruhigen und freudigen Herzens ihre Lieblinge |W versorgen und zu unterstützen? Wird sie der reinsten aller Freuden zugänglich sein über das erste Lallen ihres kleinen Sprossen, der weltvergnügt mit großen verständniß-
i losen Augen seine Umgebung betrachtet? Und wird die Kutter, welche in dem Reiche ihres Hauses ihre tiefste und innerlichste Befriedigung gefunden hat, sich jemals hinaus- schnen in den Sturm und Drang der öffentlichen Debatte, politischen Hetzereien und Jntrigueu?
Für den Mann sind in der Gegenwart diese Kämpfe »nd Erregungen unvermeidlich, aber deshalb gerade ist sein Ledürfniß so groß, das innere gestörte Gleichgewicht wieder ferzustellen durch die lieblichen friedlichen Bilder seiner Häuslichkeit, durch den Anblick seiner Kinder und der um sie wirkenden und waltenden Mutter und Gattin. Nun denke van dagegen an eine leidenschaftliche ernste Fortsetzung der (Wüschen Erörterungen „am stillen Herd", und man wird Ete—— —
Dienstag» den 23. Februar
sich kaum eines gewissen Grauens erwehren können. Es geschah deswegen aus einer psychologisch richtigen Erwägung, vielleicht auch aus weiblicher List, daß ein großer Theil der Vorkämpferinnen für das Stiminrccht der Frauen in England dasselbe nur zunächst für die unverheirathcten und verwittwcten Mitglieder des Geschlechts beanspruchte. Wir sage» aus List, denn wer sich um die Frauenbewegung in England auch nur oberflächlich gekümmert hat, der weiß sehr wohl, daß die ehrgeizigen Führerinnen dieser „Bewegung", meist aus den höchsten Gesellschaftsklassen stammend, und solche Dinge als eine höhere Art von „Sport" betrachtend, das poliiische Stimmrecht nur als einen Vorläufer des Einrritis in die Volksvertretung und in die Staatsämter betrachten und sie allen Frauen zugänglich zu machen wünschen.
Karl Blind hat aus seiner vieljährigen Erfahrung und Beobachtung in hervorragenden deutschen Blättern über die betreffenden englischen Verhältnisse so zahlreiches beweiskräftiges Material gebracht, daß wir uns füglich bescheiden können. Nur ein Punkt soll aus denselben hervorgehoben werden. Wenn in Deutschland die Frauen mit ihren über die jetzige Wirkenssphäre hinausgeheuden Ansprüchen auf den Plan treten, und für die „nothwendige Erweiterung Rechte" kämpfen, so schieben sie uns ewig immer und als ein wahres Paradies für die Frauen England vor, und thun so, als stehe Deutschland zu England in dem Ver- hältniß wie Verheißung und Erfüllung, als sei dort bereits Alles praktische Wirklichkeit geworden, was bei uns noch Gegenstand unbefriedigter Sehnsucht ist. Das sind Illusionen, die nicht auf der Kenntniß der englischen Verhältnisse, sondern aus dem Bedürfnis; entspringen, eine schwächliche Sache um jeden Preis durch Hervorziehung ebenso schwäch- lichcr Beispiele zu stützen. Uebrigens muß festgcstellt werden, daß eine Menge von Unvorsichtigkeiten und Ucbereilungcn einen argen Rückschlag gegen die „Frauenbewegnsg" in England hervorgerufen haben. Wer erinnert sich nicht der wunderlichen Damcnvereinigung, welche im Juli 1889 in London feierlich znsanimentrat, um jeden Bewerber um einen Parlamentssitz auf seine „sittliche Führung" zu prüfen. Solche Thorhciten sind die Todfeinde jeder ernsten Sache, weil sie dieselbe sofort der Lächerlichkeit preisgcbcn. Ein englischer liberaler Schriftsteller sagt: „Uns erscheint der Versuch, eine Jungfrau zu gewissen Zeiten oder eine ver- heirathete Frau in ihren besten Lebensjahren als Mutter mit so schwerer politischer Verantwortung (des Stimmrechts) zu belasten, als eine Unmöglichkeit, eine Ungerechtigkeit, ja eine Grausamkeit. Im Namen der Menschlichkeit erheben wir Einspruch dagegen".
Hier ist in discreter Form der Hauptgrund angedcutet, welcher gegen das politische Stimmrecht und die damit zusammenhängenden Bestrebungen mit vollem Recht geltend gemacht werden kann und stets gemacht werden wird, und cs ist nur als eine Verblendung oder als trotziger Eigensinn zu bezeichnen, wenn jene emancipalionslustigen Frauen die absolute Verschiedenartigkeit des Geschlechts geflissentlich ig- uoriren, und von der Frauenwelt als von einer Classe
1802.
sprechen, wie man etwa von Adel, Geistlichkeit, Bürgerstand spricht. Es darf hier auch nicht unerwähnt bleiben, daß thatsächlich diese politischen Verhandlungen der Frauen mit Leidenschaft und Bitterkeit geführt werden: gewiß das wesentlichste Moment gegen die oft gehörte und durch nichts bewiesene Behauptung, daß die active Mitwirkung der Frauen am politischen Leben eine Milderung der Parteikämpfe veranlassen würde. Eine Abirrung des weiblichen Sinnes nach der Richtung der Verhärtung und Verbitterung würde die viel wahrscheinlichere Folge sein. Wer Berliner Volksversammlungen mit weiblichen Thcilnehmern beigewohnt hat, wird hieran nicht zweifeln können, obgleich der Berliner urwüchsige Humor oft ein mildes und persönliches Element in solche Discussionen hineinträgt und denselben in sehr vielen Fällen ihre Schroffheit und Bitterkeit benimmt.
Eine active Antheilnahme der Frauen am politischen Leben würde ihre Stellung und Bedeutung im Leben auf das schwerste schädigen, es ist daher unsere heilige Pflicht, diese durch das ganze Weltgefüge tief begründete Stellung derselben zu erhalten. Sollten aber wirklich in einzelnen Ländern die verblendeten Führerinnen einer nach der Erringung politischer Rechte strebenden Bewegung Erfolg haben, so würde daS einem Unglück gleichbedeutend sein, freilich nur einem ganz vorübergehenden, denn bald würde sich eine unwiderstehliche Gegenströmung geltend machen, die sich nicht eher beruhigen würde, als bis die Frauen von dem politischen Baun befreit und in ihrer alten, schönen Rechte wieder eingesetzt sind: Seele und Eemüth vom politischen Kampf und Haß frei zu erhalten. Schon jetzt ist diese Gegenströmung vorhanden und s. Zt. in einer von zahlreichen Damen der besten Kreise Englands unterzeichneten Erklärung im „Ninetccuth Century" zum Durchbruch gekommen. Die Damen erklären dort, daß nichts ihnen ferner liegen könne, als die Bedeutung und Stellung der Frauen herabzusetzen, „aber," fahren dieselben fort, „gerade weil wir tief erfüllt sind von dem ungeheuren Wcrihe dessen, was die Frauen ihrerseits zur Wohlfahrt des Gemeinwesens beitragen, widersetzen wir uns einer Bewegung, welche diesen Beitrag schwer zu schädigen geeignet ist. Wir sind überzeugt, daß das Streben nach einer bloßen äußerlichen Gleichheit mit der Männerwelt für die Frauen nicht bloß ein vergeblicher Versuch ist, sondern auch entsittlicheird wirken muß. Persönliche Kämpfe und Eifersüchteleien werden dadurch erzeugt, anstatt daß das einzige Bemühen der beiden großen Abtheilmigen der menschlichen Familie dahin gehen sollte, daß jede die ihr eigenthümliche Arbeit und die besten, ihr besonders verliehenen Gaben zum gemeinsamen Nutzen verwerthct." Sie fügen diesen Worten dann noch ausdrücklich hinzu: „Es würde das Frauenstimmrecht bei Parlamentswahlcn der großen Mehrheit des weiblichen Geschlechts in England als eine widerliche, un- nöthige Maßregel erscheinen, die ebenso verderblich für die Frauen, als für den Staat wirken müßte."
(Schluß folgt.)
Nachdruck verboten.
Sühne.
Roman von Konrad Tckmann.
(11. Fortsetzung.)
, Ich schlief in dieser Nacht seltsam ruhig. Es mußte yfe wundersame Sieges- und Glückszuverficht in mir sein, ‘•k mir Frieden gab, und mit ihr erwachte ich auch. Es 631 ein strahlender Sommertag. Kein Wölkchen am Firma- *»!t, und die Luft ging doch frisch und erquicklich. Und feie, heute sollte cs sich entscheiden! Ich ging früher ins Michtszimmer als je, ich sehnte mich danach, mich mit Arbeit über die Stunden fortzutäuschen, die mich noch von ■ entscheidungsreichsten meines Lebens trennten. Es war W wunderlich, daß gerade heute eine Reihe von Schrift- iMckcu eingegangen war, welche sich auf die Untersuchung Arn den unbekannten Mörder Plancks bezogen. Wie fern mir plötzlich das Alles, wie unbegreiflich erschien mir gS* Eifer jetzt, mit dem ich Licht in dieses Dunkel zu •fegen versucht hatte! Was lag mir heute noch daran, * jener geheimnißvolle Missethäter je entdeckt wurde oder Wt! Mechanisch öffnete ich die behördlichen Schreiben durchflog sie. Sie enthielten nichts von Bedeutung, Mts, was mich fesseln konnte, und ich warf sie zu den rfe- Da war die Abschrift des schwurgerichtlichen Er- fentnisses gegen die unverehelichte Helene Halm, Tochter M Pfarrerswittwe Frau Maria Halm aus Dellenburg in ^^hessen, wegen Meineids, das sie zu einem Jahr Zucht- unter Annahme mildernder Umstände verurtheilte. Ich iMfs kaum mehr, weshalb ich die Einsendung dieses Schrift- verlangt hatte. Mich gelüstete nicht nach Weiterem.
^Stunden schlichen unerträglich langsam. Aber endlich “fe es doch Mittag, endlich konnte ich doch daran denken,
den Arbeitstag abzuschließen. Ich beorderte die noch zu erledigenden Aktenstücke in meine Wohnung. Der Aktuar hatte mich nun schon ein paar Mal mit allem schuldigen Respect darauf aufmerksam gemacht, daß ich eine Randverfügung getroffen hatte, die mit früheren in teilten Einklang zu bringen war; er sollte nicht weiter über mich zu klagen haben. Lieber mochte es ein paar Reste mehr geben. Ich ging.
Durch mehrere Stunden beherrschte mich die Angst, cs werde sich noch irgend etwas ereignen, das mich hindern mußte, rechtzeitig draußen am Waldsee zu sein, irgend was mir in den Weg treten, mich festhalten, mich mein Glück verscherzen, versäumen lassen. Es geschah aber nichts. Ich war schon viel eher an Ort und Stelle, als ich Frau Helene erwarten durfte. Kein Mensch hatte mich angchalten ober beobachtet, auf den Straßen ebenso wie in den Wegen des Stadtwaldes war es völlig leer und still; das große Mittagsschweigen des Sommers brütete über der Landschaft. Ich hatte mich bei dem raschen Gehen, das die Furcht, auf irgend eine Abhaltung zu stoßen, veranlaßt gehabt, erhitzt und labte mich an der Schattenkühle des Platzes. Der kleine See hatte auch heute nichts Unheimliches, nichts Düsteres mehr für mich wie neulich, ich fand ihn unter dem leuchtenden Sonnenhimmel nur noch märchenhaft und reizvoll in seiner schwermüthigeu Lautlosigkeit. Daß sich Helene vor Allem immer nach dieser Waldstelle hingezogen gefühlt hatte, die wie ein Stückchen Poesie mitten in die öde Prosa dieser Welt, in welche sie verschlagen worden, hineingefallen war, konnte mich nicht Wunder nehmen. Und hier sollte es sich heute entscheiden, was meines Lebens Glück oder Unglück werden mußte.
Die Uhr in der Hand saß ich herzklopfend und wartete. Alle meine Pulse jagten, mein Blut fieberte. Wenn sie uicht kam, in der Erwartung dessen, was hier gesprochen werden
sollte, nicht kommen wollte! Eine furchtbare Angst übersiel mich abermals und schnürte mir die Kehle zu. Wie würde ich es ertragen? Immer wieder lauschte ich mit angehaltenem Äthern hinaus. Jedes Rascheln eines dürren Reisiges, jeder Windhauch in den Nadelkronen, jedes Hüpfen eineg Vogels durch das Wachholdergestrüpp ließ mich zusammcnfahren. Und immer wieder eine neue Enttäuschung, ein neues angstvolles Erschrecken! Die festgesetze Stunde war vorüber. Eine düstere Trauer kam über mich, eine dumpfe Resignation. Sie kommt also nicht! sagte ich mir, sie will nicht kommen, es ist Alles aus. Ich glaubte an nichts mehr, wollte an nichts mehr glauben. Wie ein schwarzer Flor senkte cs sich über mich herab, mitten in der sonnigen Heiterkeit dieses strahlenden Tages. Ich hätte mich am liebsten nieder geworfen und mein Weh ausgestöhnt wie ein todwundes Wild.
Wieder und wieder umkreiste ich das dunkle, stille Wasser. Was nun? gellte es in mir. Alles, Alles vorbei l Ich sank, auf die Rasenbank nieder, ich sprang wieder auf, ich war meiner selbst nicht mehr Herr. Zuletzt beschloß ich, zu gehen. Ich wollte mich hier nicht länger zum Narren vor mir selber machen. Zorn, Scham, Enttäuschung — das Alles kämpfte in mir, wirrte sich in mir durcheinander. Ich war müde, ich fühlte mich schwach und gelähmt. Endlich trat ich den Rückweg an. Kaum dreißig Schritte hatte ich gemacht, so hörte ich mich angernfen — bei meinem Vornamen: „Ottomar!"
Es traf mich wie ein Schuß. Ich sah mich um, meine Augen hatten sich schreckhaft erweitert, aber ich fühlte plötzlich den vollen Strom des Lebens wieder durch meine Adem rinnen. Den Klang dieser Stimme kannte ich. Es konnte nur Helene fein, die mich gerufen — so gerufen hatte! Und sic war es auch. Da trat sie hinter einer Schutzmauer von Wachholdergesträuch, die sie mir bisher verborgen, her-
