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Abend-Ausgabe,

IHicsbaihwr TsgblÄ

40. Jahrgang.

Verlag: Langgaffe 27,

L2MOO Avounenterr

Uo. 76

Montag, -en 13. Februar

1892.

Der Handel als Erzieher.

wc. Kerlin, 13. Februar.

Wer die Geschichte der Völker überblickt, dem drängt sich ! die Beobachtung auf, daß jedes einzelne Volk in der Welt­geschichte seine besondere Aufgabe zu erfüllen scheint; jedes scheint zu diesem Zwecke mit einem ihm eigenthüm- lichcn Charakterzug ausgesteittet. Ist es nun nwglich, diese besonderen Aufgaben und Talente der Völker zu bestimmen?

Bei gestorbenen Völkern scheint dies möglich. Was ihre Blüihczeit hervorbrachte — das war ihre Aufgabe, das war ihr Talent. Wir ehren in Hellas die Heimath der Kunst; wir preisen in Nom das Vaterland des Rechts (wenngleich das „römische Recht" der Entwickelung unseres heimischen Rechtes und Rechtsbewußtseins sehr wenig er­sprießlich war. D. R.) Bei noch lebenden Völkern ist solche Eharaklerisirnng schwieriger. Noch wissen wir nicht, welches Ziel wir selbst bewußt oder unbewußt erstreben. Noch ist Ms unbekannt: Stehen wir am Anfang oder am Ende unserer Bahn? Indes; ein Gesichtspunkt läßt uns auch hier einen Blick in die Werkstatt der Geschichte thun. Wenn eine bestimmte Gedanken- und Gcfühlsrichtnng sich bisher allen Zeiten im Leben eines Volkes geltend macht, so oürfen wir wohl annehmen: sie wird mich in Zukunft allein oder doch theilweise dasselbe beherrschen. In ihr giebt sich dann eine Eigcuthünilichkeit des betreffenden Volkes kund.

, lleberblickcn mir nun unsere deutsche Geschichte. Welche Richtung tritt uns hier' vor Allem entgegen? Zweifellos eine Richtung aufs Ideale, auf Ziele geistiger Art, mögen ste auf ethischen;, religiösem, politischem oder sozialem Ge­biete Hegen. Wir Deutsche sind das Volk der Dichter und Denker. Ja! In unserem Idealismus liegt zugleich unsere . Troße und unsere Schwäche. So bringt die Sonne Segen und — verdörrt das lechzende Feld.

k : Im Idealismus liegt Deutschlands Größe. Wie hätten tcir die Gefahren überstanden, die uns bedrohten, wenn wir nicht Ideale in der Brust trugen, die uns begeisterten and trösteten? Dem Urwalde und dem Meere haben wir anseren Boden abgcwonnen; über dicsezi Boden sind dann hinweggczogcn die Kämpfe gegen- Römerhcrrschaft, der Zwist zwischen Staat und Kirche, die Geisterschlacht der Reformation, die Drangsale des Bauernkrieges, des dreißig­jährigen und siebenjährigen Krieges, die Befreiungskriege rud das Ringen um unsere Einheit. Ideale Gedanken Händen währenddem leuchtend vor unserer Seele. Unter Opfern erkämpften wir unsere Einheit und schirmten der Welt den Frieden. Und wenn wir die Lösung der sozialen »rage erstreben, soweit es uns Menschen möglich ist — leiten uns nicht auch hier ideale Ziele? Ist nicht Hebung »ei Klaffen — nicht blos im wirthschaftlichcn, sondern auch Ä ethischen Sinne — unser höchstes Bestreben?

- So liegt im Idealismus die deutsche Größe. Aber in Aicher Weise liegt in ihm die deutsche Schwäche. Der Idealismus ist es gewesen, der unsere Blicke Jahrhunderte lang vor Allem auf die Blüthcn des Völkerlebcns gerichtet

Wiesbaden, 15. Februar.

* Zirv GrimrrikiMK. Am 15. Februar 16 37 starb der deutsche Kaiser Ferdinand II. Wohl über keinen einzigen Fürsten gehen die Meinungen der Ge- schichlsschreiber so auseinander, wie über ihn; denn wäh­rend er von der einen Seite als das Muster der Rechtlich­keit, Frömmigkeit und Beharrlichkeit hingestellt wird, läßt man auf der anderen Seite an ihm kaum ein gutes Haar. Beides ist wohl unrichtig, aber erklärlich, weil Ferdinand II. mitten in der Zeit nach der Reformation und mitten im dreißigjährigen Kriege stand. Richtig ist cs, daß das Ver­halten Kaiser Ferdinands das deutsche Reich auf drei Jahr­zehnte lang in unendliche und furchtbare Kriegsgräuel stürzte, richtig ferner, daß er persönlich nicht nur Grausani-

Lsrales.

(Nachdruck drrOriginalcorrespondenzen imr unter beutli-f er Quellenangabe ßdtattet.)

müssen teil' jetzt alle Beide, denn Paragraph vier unserer Statuten ist aufs Schärfste verletzt worden!"

Frau Helene lachte, aber cs klang noch nicht ganz nn- gczwungcn. „Sie haben allein zu zahlen," sagte sie schmollend, „denn Sie haben angcfangcn und mich ganz wider Willen mit hiucingerissen. Sie werden cs überhaupt gar nicht ganz leicht haben, mich wieder zu versöhnen. Diese abscheuliche Geschichte! Sie bringt mich noch um jeden guten Augenblick in meinem Leben. Und es war gar nicht einmal recht passend von mir. Sie meinen Fuß sehen zu lassen."

Das Letztere war nicht ganz ohne Koketterie gesprochen, sie wurde sogar ein bischen roth dabei und sah mich von unten herauf mit nur halb offenen Augen au. Ich lachte, aber ganz wohl war mir dabei doch nicht zu Mulhe. Wir lenkten allmählich wieder in andere Bahnen ein, wir sprachen von Büchern und Bildern, ich freute mich des klugen, selbstständigen und gereiften Urtheils, das Frau Helene zum Vorschein brachte,' und wir unterhielten uns lebhaft. Trotz alledem lag etwas wie ein Bann auf mir oder zwischen uns, ich wußte es nicht zu unterscheiden. Ich fühlte mich dieser Frau gegenüber nicht ganz frei, nicht mehr ganz frei. Sobald ich konnte, suchte ich einen schick­lichen Vorwand, mich zu veralffchiedeu.

Frau Helene begleitete mich bis vor die Hofpforte hin­aus. Als wir uns dort die Hände schüttelten, sah sie mich mit einem seltsam schimmernden Blick an und hielt meine Hand länger fest, als es die Sitte gefordert hätte. „Kommen Sie recht bald wieder," sagte sie, „ja? Ich bin so viel allein. In der Erntezeit hat mein Mann Tags über niemals Zeit für mich."

Was war das? Ich griff mich an die Stirn, als ich meinen Heimweg fortsetzte. Ich rief mir zu, ich müsse vor dieser Frau auf meiner Hut sein, ich rief

hielt, auf Kunst und Wissenschaft, so daß wir die Wurzeln vergaßen, die jeder Völkerbaum in voller Kraft besitzen muß: wirthschaftliche Macht und wirthschaftliche Größe. Darüber ging uns Deutschen die Welt verloren, wie Schiller singt, und vielen Einzelnen von uns der praktische Sinn. Unsere Art ist es, mehr zu denken und mehr zu fühlen, als zu schaffen. Und doch! Woher kommt jetzt die Zunahme prak­tischen Sinnes in unserem Volk?

In Beantwortung dieser Frage möchten wir un§ ganz dem anschließcn, was die „Kaufmännische Reform" in einem Artikel über die volkserziehliche Wirkung des Handels sagt: Der Handel ist unser Erzieher, der Handel, der zugleich ideal uud reell ist; der das Begeisternde vertritt: unseres Volkes Größe nach Außen, und der im Innern die Volks- wohlfahrt hebt und fördert und dem Volkskörpcr immer neue Kräfte zuführt. Nachfrage uud Angebot, die Schlag­worte des Handels, haben das große „Geheimnis;" gelöst, wie ein Einzelner und ein Volk groß wird. Vereinigung der Kraft und rasches Ergreifen der Verhältnisse" be­gründen die Macht eines Kaufmanns uud die eines Volkes. Der wahre Kaufmann hält den Blick zuerst gewendet auf das Reale, auf das Thaisüchliche; er steift sich nicht auf Wünschcnsiverthes, sondern fragt nur nach dem Möglichen im raschen Erfassen der Coujnnctur, das Handeln ist sein Ziel und alles Fühlen und Wollen dienen diesem Ziele. (Es ist selbstverständlich, daß hier inüer Handel nur der ehrliche, cullurförderndc Waarcnhandcl zu verstehen ist, nicht aber der uuserm Wesen fremde „Handel in Papieren" mit seinen Hausse- und Baissc-Speeulationen oder gar der schädliche Waaren-Tcrmiuhandel, der „Handel in der Luft". Die Papierbörse, obgleich bei solider Grundlage nützlich und sogar nothwendtg, hat sich im Großen und Ganzen mehr als culturfcindlich, wie als cultnrfrcundlich er­wiesen. D. R.)

Geht so ein Volk seinen Weg, den Wunsch auf das Ideale, den Blick aber auf die Wirklichkeit gerichtet, und hält es stets seine ganze Kraft zusammen, dann wird es wie geistig auch wirihschaftlich groß.

feiten duldete, sondern gelegentlich auch an solchen Theil nahm, endlich richtig, daß er es mindestens nicht wehrte, als sein tüchtigster Feldherr, dem allein er noch seine Macht zu danken hatte, Wallenstein, hinterlistig ermordet wurde. Dagegen muß man aber, um der Persönlichkeit des Kaisers gerecht zu werden, seine Zeit in Rechnung ziehen, die damals herrschcudei; Anschauungen und Neigungen, und man muß seine Handlungen prüfen auf ihre politische oder religiöse Nothwcndigkeit. Dann gelangt man zu dem Er- gebniß, daß Kaiser Ferdinand II. weder besonderen Lobes, noch besonderen Tadels würdig ist. Er war und blieb sein Leben lang ein Kind seiner Zeit, vermochte es nicht, sich über das Niveau derselben zu erheben uud handelte dem Zeitgeiste gemäß. Ferdinand II. war weder ein großer, noch ein kleiner Mann; ein anderer an seiner Stelle mit den gleichen Geistesgaben hätte wahrscheinlich nicht anders gedacht und gehandelt. Nur der Umstand, daß er in der Zeit des dreißigjährigen Krieges lebte, hat feinem Namen erhöhte Bedeutung gegeben.

-o- Die Mohttstätiglreits - UorsteUnngrn, welche am Sonntag und Sonntag Abend m dem großen Cosmo-Scmle stntt- faubtn, haben den guten Ruf Wiesbadens, eine wohlthcitige Stadt zu fein, auf§ Nene begründet. Noch nicht lange ist es her,' daß am gleichen Orte ein glänzendes WohlthäligkeitSfest begangen wurde, welches unserer Nachbargemeinde Rambach den lange ersehnten Neubau ihres baufälligen Kirchleins ermöglichte und schon wieder sind es dieselben Gesellschaftskreise, welche sich bereit gesunden haben, in ähnlicher Weise die Diakoniffen zu unterstüheii. Daß ihnen dies gelungen, ließ sich schon bei der ersten Vorstellung am Samstag Abend feststelle». Es war eine große, illnstre Gesellschaft, weiche den Saal, in dem die Platze terraffenartig angeordnet waren, so daß die Bühne auch von den Hinteren Sitzen ans gut gesehen werden konnte, vollständig besetzte. Auch I. K. H. Frau Prinzessin Louise von Preußen, sowie I. D.FrauPrinzessin von Schaum­burg-Lippe wohnten der Vorstellung von Anfang bis zu Ende bei. Das von jungen Damen am ' Saal­eingange verkaufte Programm, welches mit einem von Fraulem E. Hey, Malerin und Lehrerin am Kunst-Institut des Fräulein Nidder, Friedrichstraße 20, recht geschmackvoll und flott entworfenen Titelblatte geschmückt war, verzeichnete zunächst die Ouvertüre aus der Operette „Isabella" von Kretschmer, welche die Capelle des Füsilier-Regiments von Gersdorff (Hess.) Nr. 80 unter Leitung des Herrn Musik-Direetors Münch in bekannter vorzüg­licher Weise zu Gehör brachte. Nach einem Claviervortrage der Herren Benno Voigt nnb Voigt.je. schlüpfte eine reizende Micadodame, Fräulein Vorwerk, ans dem Bühnenvorhang, nm durch einen von Herrn H. v. Beguignolles gedichteten schwungvollen Prolog die Gesellschaft mit Art uud Zweck der Veranstaltung bekannt machen. Es begann nun die Darstellung hell beleuchteter lebender Bilder, die in dem haibdunklen Saale zur vollsten Wirkung kamen. Es waren zumeist lebensvolle Gemälde berühmter Künstler, welche hier in vollendeter Meisteischaft verkörpert wurden, zunächst das bekannte Becker'sche Bild „Othello" von Fräulein M. von Lieben au, den Herren von Geyr und von Reuter dargestelll. Indem zweitel; größeren Bilde vereinigten sich die Damen Fräulein Freu tag, Fräulein von Saucke;;, Frl. H. V orwerk, Fran v. Axt, Frau v. Dittfurth, sowie die Herre'.l v on Trott, Jgenohl, von Hammerstein und von Below zu einem Hochzeitsznge ans der Direetorialzeit, in dem dritten Fräulein von Gundelfingen und Herrvr. Heckmann zu dcm „Liebesfrühliug" nach Thmuann, in dem vierte» die Damen am Ende, Jaques, Knoop und S. Vorwerk, sowie die Herren von Garscinzki und von Lettow zu drei ©eenen aus der Operette „Micado". Während zu den letzteren Bildern die

Erscheint in zwei Ausgaben. — Beznas-PrelSr In Wiesbaden und den Laudorten mit Zweig» Expeditionen 1 Mk. 50 Pfg., durch die Post 1 Mk. 60 Psg. für das Vierteljahr.

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mich iiulcrlich selber zur Ordnung- Und doch war eine Art Taumel über mich gekommen. Das Blut wogte in mir. Wenn ich au Alles das dachte, was ich heute mit Frau Helene gesprochen halte, und daß sie die Gattin Leopold Häselers war, dieses tüchtige», ehrenfesten und braven Mannes, der ihr aber geistig in keiner Weise ebenbürtig war und ihre Ansprüche an eine seelische Gemeinsamkeit schwer erfüllen konnte, überlief es mich heiß. Ich war nicht leichtsinnig, aber ich war jung und voller Leidenschaft. Diese Frau übte einen Zauber auf mich ans, wie noch kein anderes Weib es vermocht halte. Aber ich begriff recht wohl, daß es eine abschüssige Bahn sei, auf die ich mich da wagen wollte, und nahm mir vir, mich im Zaum zu halten. Nur daß es mir nicht auf­richtiger Ernst mit diesem Vorsatz war, daß ich mich nur selber damit zur Ruhe sprach!

Schon an; folgenden Tage ertappte ich mich wiederum auf dem Wunsche, sogar auf dem Vorsatze, nach Cartlow zu gehen. Ich scheute mich freilich vor mir selber, es mir einzugestehen, aber ich machte mich doch auf den Weg in den Stadtwald, und als ich. ihn erreicht hatte, schlug ich den Pfad ein, der ihn in der Richtung nach Cartlow durchquerte. Derselbe führte unweit vom Thaiorte vor­über, den ich nach der erstmaligen Besichtigung zum Zweck der Orientstnng noch nicht wieder besucht hatte, und es kam mir plötzlich in den Sinn, ihn heute wieder aufzu- snchen. Vielleicht wollte ich mir damit selbst vorspiegeln, daß dies der Zweck meiner Wanderung gewesen sei, oder ich suchte instinktmäßig meine Ankunft in Cartlow zu verzögern, wohl gar zu vereiteln, weil mich ein peinliches Empfinden bei dem Gedanken an ein erneutes Zusammensein mit Frau Helene bei allem gleichzeitigen Reiz und Antrieb dazu nicht ganz verlassen wollte. Ich fürchtete die Gefahr und sie ver« lockte mich zugleich.

Nachdruck verboten.

Sühne.

Roman von Konrad Telmann.

E. (5. Fortsetzung.)

^Jhr Scherz war allmählich zur bittersten Ironie geworden Ei 01111 tc nicht verkennen, daß eine verhaltene Erregung ^un zitierte. Sie zürnte mit also und sie kleidete ihre ^pöumg nur in ein gesellschaftlich erlaubtes Gewand, sie ^hliff, was ich beabsichtigt hatte, und kannte den Zusammen- ™g, in dem mein Thun mit dem Mordprozesse stand, och sah ein, daß ich zu weit gegangen war, und konnte einer gewissen Beschämung, einer Verlegenheit nicht er- dehrcn.

. „Gnädige Frau," sagte ich bittend, „Sie werden mir MG wegen dieses Scherzes nicht gram sein? Es war Mlich nichts weiter, als daß es mich reizte, zu erfahren, 5 jene Fußspur, die man in der Nähe des 'Thatortes im ^ladtwalde entdeckt hatte, die einer Dame war, wie ich ver­ehrte, oder —"

„Nun? Und da es offenbar die meine ist," fiel sie e nervöser Gereiztheit ein, und ihre Augen blitzten an.

»Es kann gerade so gut die einer anderen Dame fein," ottiberte ich rasch, „die einen ebenso kleinen Fuß besitzt wie gnädige Frau. Und übrigens, wahrscheinlich waren Sie •“taUig gerade an jenem Tag im Stadtwald, und da wäre 15 immerhin möglich —"

., Sie zuckte die Achseln. „Das weiß ich nicht mehr. Ich 8 $e säst alle Tage durch den Stadtwald."

»Nun also!" warf ich erleichtert ein. „Und eben deßhalb, Sy wahr, gnädige Frau, zürnen Sie mir nicht mehr. Ich "te unglücklich darüber. Und wissen Sie was? Bezahlen