AjbgnsMuisgabe,
40. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezngs-PreiS: In Wiesbaden und den Landorten mit Zweig- Expeditionen 1 Mk. 50 Pfg., durch die Post 1 Mk. 60 Pfg. für das Vierteljahr.
Verlag: Langgasse 27.
LI,OOO ALronnentett.
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N-. ^4.
Samstag) den 13. Februar
1892.
f; Zur Regelung Les DeMwesens.
, -n. Zerlin, 12. Februar.
* Die bekannten Bankbrüche in neuester Zeit haben die gesetzliche Regelung 5es Depotwcsens im Bankgeschäft zu einer dringlichen Frage gemacht. Vergleicht man die Entwickelung unserer Bank- und Börsenvcrhültnisse mit denen in England, Frankreich, Italien und anderen romanischen Staaten, so kommt man zu dem Ergebniß, daß die Verhältnisse dort, namentlich in England, wo der Bauquier nie ■ als Selbstcontrahent gegenüber dem Committenten auftritt, sondern meist nur dessen Kasschaltcr ist, eine weit gesündere Richtung als bei uns genommen haben. Der Grund darin liegt namentlich in dem Selbstcontrahirnngs- recht unserer Banquiers gegenüber ihren Commitlenten und der daraus entspringenden Collision der Interessen, in der eigenen Spcculation der Banquiers und dann auch in der Unklarheit und Unzulänglichkeit unserer gesetzlichen Bestimmungen über das Depotwescn, deren weitere Folge dann wieder abweichende und thcilweise widerspruchsvolle Entscheidungen unserer höchsten Gerichtshöfe gewesen sind. So hat sich denn schließlich an die Bezeichnung „Depot" eine Reihe von Vorstellungen geknüpft, die mit der juristischtechnischen Seite der Frage gar nichts zu thun haben, und oft mit Unrecht ihre Spitze gegen das Institut der Börse richten, die zu dem Depotwcsen hi gar keine directe Verbindung gebracht werden kann. (Aber desto mehr in in- directe. D. R.) Um die schwierige Frage auf gesetzgebersichem Wege zu lösen, wird den Gesetzgebern und Parlamentariern nichts übrig bleiben, als, unbeeinflußt vvu jedem Parteistandpunkt, ganz in das Wesen der Sache einzudringen tmb sorgfältig zu erwägen, wie der Jgtaat in das freie Spiel der wirthschaftlichcn Kräfte eingreifen und die Paktir- ijttäjeit eindämmen darf.
■ ". Die Wichtigkeit der Regelung des Depotwcsens hat auch = den Berliner Anwaltsverein veranlaßt, sich mit dieser Frage M beschäftigen. In der betreffenden Sitzung wurde eine eingehende Uebersicht der von den Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft zur Depotftage genommenen Stellung, der Initiativanträge der Abgeordneten Graf von Ballestrem und ' Dr. von (Sunt) und der bezüglichen Aeußerungen aus Gc- lehrtenkreisen und der Presse gegeben, und man gelangte zu dem Schluß, daß alle gemachten Vorschläge nicht ausreichen, nm die Interessen des Publikums genügend zu wahren, und daß in erster Linie das Bankgeschäft von innen aus zu re- formiren ist. Hierzu aber wurde weiter ausgeführt, ist ein gesetzgeberischer Eingriff erforderlich, da sich eine wirkliche dleform aus der Initiative der Interessenten selbst schwerlich Herstellen läßt. Gerade dem Staate liegt die Aufgabe ob, die _ Wege zu ebnen, welche die Lösung der Frage ^möglichen. Aus dem Schooße des Anwalts- Vereins wurden eine Reihe von Normativbestim- Nungen vorgeschlagen, denen sich Jeder zu unterwerfen haben soll, der nach außen hin zu erkennen gießt, daß er sich mit Bankdepots befaßt. Er muß zunächst näm
lich seinen Vermögensstatus declariren, wie das auch seitens der großen Bankinstitute geschieht. Hierdurch allein wird schon eine beachtcnswerthe Grundlage für die Beurtheiluug der Solvenz des Depositen-Empfängers geschaffen. Gegen Contraveutionen müssen strafrechtliche Bestimmungen erlassen werden. Lichtscheue Elemente werden schon deßhalb vorziehen, auf Geschäftsanzeigen zu verzichten. Das Bcmk- Commissionsgeschäft darf auch nur dann betrieben werden, wenn der Banquier nicht selbstständige Speculationsgeschäfte macht und es darf kein Zweifel darüber bestehen, daß das Depositengeschäft mit «eigenen Speculationsgeschäften unvereinbar ist. Je tiefer diese Ueberzeugnng in das allgemeine Bewußtsein übergeht, desto eher wird der Banquier keinen Anstand nehmen, diese Thatsache erkennbar zu machen und mit einem entsprechenden Programm vor das Publikum zu treten. Dann wird das Selbstcontrahiren, welches in Frankreich und England nicht existirt, auch bei uns von selbst verschwinden. Diesen Hauptpunkten gegenüber ist die Frage polizeilicher Maßregeln durch Revision der Depotbücher von untergeordneter Bedeutung. Die Sorge für eine derartige Aufsicht würde den Organen der Kaufmannschaft obzulicgen haben. Eine Hcrabdrückuug des Bankgewerbes wird in solchen Maßnahmen nicht zu finden feilt, ebensowenig wie die Revision des Depots bei den Notaren eine Entwürdigung bedeutet. Jedenfalls wird auch schon ein Minimum von polizeilichen Controlmaßregeln ein größeres Maß der Sicherheit für das Publikum bieten.
Diese Normativbestimmuttgen erscheinen uns recht wohl geeignet, als Material für die nothwendige gesetzliche Regelung der Depotfrage zu dienen, da sie vor Allem die Möglichkeit abschueiden, daß der Bank-Commissionär mit den Depotscheinen seiner Kunden Speeulationen treibt und ihm überhaupt eigene Speculation verbieten. Selbstverständlich ist die Ergänzung der bestehenden gesetzlichen Vorschriften für das Depotwesen noch in weit größerem Umfange erforderlich und es wäre nur zu wünschen, daß die Reform nicht zu lange auf sich warten läßt. Bis sie aber eingeführt ist, empfehlen wir allen kleinen und größeren Capitalisteu, bei der Depotisirung von Werthpapieren nie die Vorsicht außer Acht zu lassen, zu welcher die vielfach vorgekommenen Depot- Unterschlagungen der letzten Monate eine so eindringliche Mahnung gewesen sind.
Locales.1
(Nachdruck der Ongiualiorrkspoudenzen nur unter beutlit« Quellenangabe gestattet.) Wiesbaden, 13. Februar.
* Erinaer'mrg. Es war vor 350 Jahren zwar eine Ehre, Königin von England zu sein, und dieser Ehre konnte gar Manche theilhaftig werden, sofern sie nur schön war, aber gefährlich, lebensgefährlich war diese Ehre auch, wie das die Frauen König Heinrich VIII. erfahren mußten. Nachdem die erste, Katharina, in enger Klosterzelle ihren Leiden erlegen, nachdem die zweite, Anna Boleyn, im Tower enthauptet war, nachdem die dritte, Johanna Seymour, kurz nach der Geburt eines schwächlichen Sohnes ge
storben und so dem gewaltsamen Tode entgangen war, mährend die vierte Gattin des blutdürstigen Tyrannen, Anna von Cleve, durch Scheidung mit dem Leben davon kam, wurde Katharina H o w a r d die fünfte Gattin Heinrich VIII. Kaum P/a Jahre blieb sie es. Angeblich des Treubruches überführt, wurde sie am 13. Februar 1542 auf dem Schaffot hingerichtet. Daß die sechste Frau des blutdürstigen Königs nicht dasselbe Schicksal hatte, verdankte sie nur dem Ilmstande, daß ihr Gemahl früher starb, ehe er ihrer überdrüssig war. — Man war vor 1050 Jahren trotz aller llrsprünglichkeit der Sitten und trotz der herrschenden rohen Gewalt, oftmals noch romantischer angehaucht, als heutzutage. So war es auch zwar recht schön, aber auch stark theatralisch, wie sich am 14. Februar 842 die Söhne des unglücklichen Ludwig des Frommen, also die Karolinger Ludwig und Karl zu Straßburg, im Angesichte ihrer beiden Heere unverbrüchliche Treue gelobten. Und diese Treue richtete sich gegen den älteren Bruder Lothar, der allerdings durch seine Rechthaberei und weil er nimmer genug kriegen konnte, das fränkische Kaiserreich, diese gewaltige Schöpfung Karls des Großen, in unabsehbare Wirren gestürzt hatte. Die spätere Folge dieses Treubruches auf offenem Felde war, daß Lothar schließlich auch die Hand zum Frieden bot und endlich die Scheidung der Nationen in drei Reiche, dem späteren französischen, deutschen und italienischen, immer mit gewisser Einschränkung betrachtet, hervorging.
= Der 5. Cqclus - Vortrag zum Besten des hiesigen Mädchenheims soll am nächsten Mittwoch, Abends 7 Uhr, im großen Saale des evangelischen Vereinshanses dahier siattfinden. Den Besuchern steht ein besonders genußreicher Abend bevor, da Herr General - Superintendent Dr. Baur von Coblenz über: „Die beste Kraft der deutschen Geschichte in den größten deutscheu Männern" sprechen wird. Der in weiten Kreisen bekannte geistvolle Redner wird sicher ein zahlreiches Publikum anziehen, was auch um des guten Zweckes des Vortrags willen zu wünschen steht. Näheres bringt der Amionceutheil dieses Blattes.
— Jubiläum. Morgen Sonntag, den 14. Februar, sind es 25 Jahre, daß Herr Basilius Chutiuski als Pfalmist an der hiesigen griechischen Kapelle thätig ist.
= König!. Vrrutz. Classrn-Lottrrie. Die Erneuerung der Loose zur 2. (Stoffe 186. Lotterie muß bei Verlust des Anrechts spätestens bis zum 19. d. Mts., Abends 6 Uhr, vorgenommen fein.
— CoUertr für Krthel. Zn unserer gestrigen Notiz, daß in nächster Zeit hier für die Anstalten für Fallsüchtige „Bethel" bei Bielefeld hier eine Hans-Collecte ftattfinbe, hätten wir noch berichtigend zu bemerken, daß fragt. Sammtnng nicht erst beginnt, sondern der Sammler schon fett einiger Zeit in Thätigkeit ist und wie die Sammelliste zeigt, die Anstalt schon viel srenndliche Be- rücksichtigmig durch Zeichnung von Beiträgen gefunden hat. Wir wünschen der Collecte einen weiteren guten Fortgang.
-o- Dir Linirn-Commifston, welche, wie bereits berichtet, aus Offizieren der Generalstäbe sämmtticher Armee-Corps und früheren Eisenbahnbeamten besteht und die Aufgabe hat, neue @ifen= bahnlüüen zu führen, ist heute Vormittag im Hotel „Zum Adler" unter dem Vorsitze des Herrn Generals von Igel aus Berlin zu der alljährlichen Sitzung zusammengetreten.
— Nene Schützengesrlischaft. Unter diesem Namen ist, gegründet von früheren Mitgliedern des „Bürger-Schützen-Corps", ein Verein ins Leben getreten, der den Schießsport pflegen will.
Nachdruck verboten.
Sühne.
Roman von Konrad Iekmann.
(4. Fortsetzung.)
So leitete ich die Untersuchung wiederum in eine ganz ?tue Richtung. Aus den Recherchen, die man im Uebrigcn ™«r Planck's Vorleben an den verschiedenen Orten, wo er ^Stellung gewesen war, auf mein Ersuchen vorgenommen Me, war wenig zu entnehmen gewesen. Planck hatte Tnc ausgesprochenen Feinde gehabt, man wußte überhaupt ^chts irgendwie Absonderliches aus seinem Leben zu be- Weu, wodurch er sich Haß oder Rachegelüste sollte zuge- ^Irn haben. Eine Zeitlang nur war er als Gärtner in Zuchthause Mitteldeutschlands angeftcllt gewesen, und hatte man ihn im Verdacht gehabt, daß er sich mit Mnen getragen, einer Strafgefangenen, mit der er einen minlicheu Verkehr zu unterhalten verstanden, zur Flucht ^verhelfen. Er war damals auf der Stelle entlassen und in Grimm und Zorn geschieden. Von diesem Mpunkt an, wahrscheinlich weil er sich mit Unrecht ver- ^chtigt geglaubt hatte, datirte angeblich das finstere, Mrrische und unstäte Wesen, das er später zur Schau geigen. Man wußte von da an überhaupt nichts mehr von jvcm engeren Zusammenhänge, der zwischen ihm und irgend Mein Menschen bestanden hätte; Verwandte besaß er ohne- " n nicht mehr.
»w lag nahe, daß mich unter allen Episoden aus Planck's Vorleben keine so interessirte wie die seiner An- v lluug ai§ Gärtner bei einer Zuchthausverwaltung. Ein- waren von da an Nachrichten überhaupt nicht mehr zu Zarten, daß sich Anhaltspunkte für einen Verdacht gegen ttt persönlichen Feind oder eine verlassene Geliebte er
geben würden, da er später menschenscheu und unzugänglich geworden sein sollte, und bann bot mir gerade diese Nachricht den weitesten Spielraum für allerlei mehr oder minder abenteuerliche Vcrmuthungen, die ich auf füllte, zumal ja ' hier in der That etwas Romantisches mit im Spiele gewesen war und Planck einer weiblichen Insassin des Zuchthauses sollte zur Flucht haben verhelfen wollen. Für das, was ich aufdecken wollte und mußte, ergab sich freilich auch hieraus nicht das Geringste. Planck mochte sich wegen dieser gerechten oder ungerechten Beschuldigung, die seine Entlassung zur Folge gehabt hatte, wohl mit diesem oder jenem Anstaltsbeamten schwer verfeindet oder einem etwaigen Angeber Rache geschworen haben, für seine eigene Ermordung war daraus nichts zu folgern. Und wenn wirklich eine Frau ihn erschossen hatte, wie ich neuerdings zu combiniren anfing, die Frau, die er aus dem Zuchthause hatte befreien wollen, war es doch sicherlich nicht gewesen. Oder doch? Hatte sie ihm den Tod geschworen, weil er ihr die Rettung nicht gebracht hatte, die er ihr versprochen, und weil sie geglaubt, er habe es nicht gewollt? War sic etwa seine Geliebte gewesen, bevor sic ins Zuchthaus gekommen war, und hatte sie sich nachher an ihm gerächt, weil er sie dann nicht mehr hatte anerkennen, nicht mehr heirctthen wollen? War sie etwa um seinetwillen, durch feine Mitschuld überhaupt zur Zuchthäuslerin geworden und hatte er die Stellung als Gärtner in der Strafanstalt nur angenommen, um ihr nahe zu fein, ihr zur Flucht zu verhelfen? -
Eine Fülle von mehr ober minder phantastischen Vcr- muthungen durchkreuzte unablässig mein Hirn. Bei ruhiger Ueberlegung sagte ich mir freilich, daß sie mehr Einbildungskraft eines Romanciers als dem kalt prüfenden Scharfsinn eines Criminalisten Ehre machten und daß ich auf meiner Hut sein müsse, den Faden der Untersuchung, nicht ganz
über allen meinen vagen Ausstellungen aus dem Auge zu verlieren. Trotzdem konnte ich es nicht unterlassen, an die in Frage kommende Zuchthausdirection das Ersuchen zu stellen, mir gefälligst die Persönlichkeit derjenigen Strafgefangenen, deren Befreiung seiner Zeit der Gärtner Planck angeblich versucht hatte, des Näheren zu bezeichnen, nach Namen, Strafthat, Heimathund späteren Schicksalen derselben forschen zu wollen. Ich konnte und wollte in dieser dunklen Angelegenheit auch nicht die kleinste Möglichkeit unbenutzt lassen, durch die sich eine Aufhellung des Thatbestandes ergeben konnte. Mit besonderen Hoffnungen sah ich den erbetenen Nachrichten, die ziemlich lange auf sich warten ließen, da die ganze Sache um Jahre zurücklag, freilich bei alledem nicht entgegen. x -
Inzwischen setzte ich meinen Verkehr auf Cartlow, bet mir in meiner geistigen Vereinsamung allein Anregung und Genuß bot, fort. Wie es kam, weiß ich selber nicht, aber ich hatte es mir in den Kopf gefetzt, einmal anszuprobiren, ob Fran Helenens schmaler Fuß wirklich zu der Spur paßte, die man damals in der Nähe des Ermordeten aus- gefunden hatte. Zn biefem Zweck hatte ich mir bie bei ben Acten befindliche Zeichnung der Umriffe dieser Spur nachgezeichnet und trug das Papier, auf welchem ich es gcthan, immer bei mir, um cs zur passenden Gelegenheit im Scherz einmal verwerthen zu können. Diese Gelegenheit ergab sich schon bei meinem dritten Besuche auf Cartlow. Ich traf. Leopold Häseler nicht zu Hause. Er war über Land gefahren, um wegen einer Wiesenpacht zu unterhandeln, und Frau Helene leistete mir allein Gesellschaft.
Ich fand sic stiller, nachdenklicher, um nicht zu sagen: schmachtender als bei unserem früheren Zusammensein, aber ich konnte mir nicht verhehlen, daß sie mir in solcher Ge- müthsverfassung nur noch besser gefiel. Sic hatte etwas, ungemein Anziehendes, wie sie so hingegossen in Jätern
