Abend-Ausgabe«
itsbilöenkr Tsgblck
40. Jahrgang.
Verlag: Langgaffe 27,
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Mittwoch, den 3. Februar
1892.
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werden wieder Patroncsscn mit und ohne Ahnen bunt durch- einnndergcwürsclt sein. Für ein solches Schauspiel finden sich Neugierige in Hülle und Fülle bereit, ein finanzielles Opfer zu bringen, und so kommen die Armen, denen das Erträguiß zufällt, gut dabei weg. . . . Wollte ich auch sonst noch besondere Charakteristika des Wiener Faschings aufzählen, ich füllte kaum zu Ende. Aber selbst bei der flüchtigsten Erwähnung muß die Zertheilung der Bälle und Kränzchen nach Berufen und Beschäftigungen verzeichnet werden. Jedes Gewerbe, jede Zunft will ihr eigenes Fest für sich haben; und es geht da wie mit der Wissenschaft, in welcher heutzutage nur noch auf dem Wege der Spezia- lisirung etwas Rechtes geleistet werden kann. Ein Universalarzt dünkt dem Kranken nicht mehr als der erwünschte Retter; der Herr Doetor muß sich darauf beschränken, Kehlkopfe, Augen, Ohren u. s. w. zu behandeln — daun glaubt die Menge frommen Sinnes an ihn. Es ist nicht genug, daß ein Jnristen-Ball stattfindet, der Advokat muß einen Ball für sich arrangiren, und der Notar ebenfalls; hinterher kommen die Advokaturs-Conzipienten und beglücken die Welt mib ihrem Sonderkränzchen. Wir haben sogar ein Meßner-Tauzfest; die Küster heißen bei uns „Meßner". Fehlt noch ein Ball der Todtengräber als letzte, heiterste Ausgestaltung unseres Carnevals! In den nächsten Tagen wird ein „Historiker-Kränzchen" abgehalten; ich weiß nicht, ob die Veranstalter sich in die Geschichte jeder schönen Tänzerin forschend vertiefen, und ob sic im Ballsaale Alter- thum und Mittelalter der Neuzeit vorziehen, aber gewöhnlich denkt man sich den Historiker anders als mit geschwungenem Tanzbeine. Indessen versichern eingeweihte Frauen und Mädchen, daß es sich in der Gegenwart recht angenehm mit den jungen Herren tanze, deren Mission es ist, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, ja, sogar das alljährlich wiederkehrende Philosophenkränzchen hat
abcnde geworden, an welchem Wien die Honneurs macht, heuer zum ersten Male Groß-Wien, das riesig erweiterte Gemeinwesen, für den ein geringeres, unscheinbareres Rathhaus sich kaum als passend erweisen würde. Ter Jndustricllen- Ball dagegen stammt aus guter aller Zeit; er erfreute sich seit jeher verschiedener Privilegien; als Schauplatz wurde ihm der Redoutensaal, ein in der Hofburg gelegener, vornehmer Raum, zur Verfügung gestellt; der Kaiser und die Kaiserin, gefolgt von allen Erzherzogen und Erzherzoginnen, erhöhten regelmäßig durch ihr Erscheinen den Glanz der Veranstaltung. Seit etlichen Jahren allerdings hatte die Kaiserin, wie von allen öffentlichen Gelegenheiten, auch von diesem Ball sich zurückgezogen, seit dem Tode des Kronprinzen Rudolf zeigte auch die Kronpriuzesfin-Wittwe, Erzherzogin Stephanie, sich nicht mehr, es ist eben still geworden an unserem Hofe, und das bekundet sich in der Art, wie auf den glänzendsten Festen die kaiserliche Familie vertreten zu sein pflegt. Zu den eigenartigen Momenten des hiesigen Carnevals gehört es, wie in seinem lustigen Zeichen Hof, Hochadel und die übrige Bevölkerung in üahe Berührung mit einander kommen. Es giebt feinen exelnsivereu Eeburtsadel als den österreichischen, und doch auch feinen, der bei gebotener Gelegenheit sich dem Bürgerthum intimer anschmiegt. Für hohe Eintrittspreise — natürlich zn wohl- thätigem Zwecke — treten Fürstinnen und Gräfinnen singend und spielend vor ein durchaus nicht blnublütigeS Publikum. Unter den Patroiressen der Elitebälle sieht man weibliche Sprößlinge der ältesten und erlauchtesten Geschlechter neben den Gattinnen hervorragender Beamten, Großindustriellen und Banquiers. Nur glaube mau nicht, daß aus solchem Contact sich eine über die Stunde hinansreichende Verbindung ergibt. Tie eleganten Damen, die bei uns so gerne französisch reden, beruhigen sich mit den Worten: „£a ne tire pas ä conse'quences“ . Auf dem Jndustriellenballe
Erscheint in zwei Ausgabe«. — BcziigS-PrciS: In Wiesbaden und den Landorten nut Zweig» ^rpeditionen 1 Mk. 50 Pfg., durch die Post 1 Dik. 60 Pfg. für das Vierteljahr.
sie darum, den blasirlen Türken und indolenten Aegyptern gegenüber fast glücklich greifen, weil bei ihnen ($.' B. in Marokko und Persien) die Eifersucht der Mächte schon anfängt, sich geltend zu machen, ehe die feindlichen Elemente bei ihnen eingedrungen sind. Es liegt in dieser aus der Ferne wirkenden Eifersucht für diese orientalischen Länder eine Art von Bürgschaft des Fortbestehens, weil entweder England, Frankreich unb' Spanien, ober Rußland und England, um den vorherrschenden Einfluß buhlend, dem Andern keinen Vortritt lassen. Man möchte die Marokkaner und Perser, wie gesagt, saft glücklich preisen, wenn die dort herrschende idyllische Barbarei ein menschenwürdiges Dasein überhaupt möglich machte und der unfruchtbare Islam irgend welche Aussicht auf Besserung der Zustände von innen heraus darböte.
nicht um die Zukunft. Das Provisorium von heute auf morgen hat am goldenen Horn auch in der Politik die Gestalt eines unabänderlichen Fatums angenommen: — an eine Radicalenr der bestehenden Mißbrauche denkt Niemand, und nun gar eine Katastrophe, die einmal so oder so den Sultan auf’S asiatische Ufer hinüberdrängen könnte, scheint völlig außerhalb der Berechnnng der leitenden Kreise zu liegen. , Man fpielt mit der Miene der Unschuld die eine europäische Großmacht gegen die andere aus und fristet mit gewiegter Schlauheit, zwischen den Gegensätzen schaukelnd und um die fernere Zukunft unbekümmert, von einem Tage zum anderen fein keineswegs der materiellen Genüsse entbehrendes Dasein. Aehulich, wie am Bosporus, liegen die Verhältnisse der Eingeborenen in dem größten der türkischen Tributairstaaten, in Egypten; nur daß hier an die Stelle des Collectivdrnckes oder vielmehr der bitiergirenben Einmischung der Mächte die unmittelbar eingreifende Guratel Englands getreten ist. Auch int Nillanbe sind die oberen Elasten der Bevölkerung, die Effeudis, Beys unb Paschas, in abendländischen Formen und Stilen entweder in Paris ober Wien großgezogen ober boch wenigstens mit einem französischen, viel seltener mit englischem Firniß übertüncht; die höhere Gesellschaft macht auch hier, wie in Konstantinopel, nur bie äußerlichen Gebräuche des Islam mit, ohne innerlich daran zu glauben. Dafür haben französische Romane unb populäre, in freigeistiger Denkart abgefaßte Schriften gesorgt. Die Masse bcS Volkes steht den das Land besetzt haltenden Engländern innerlich fremd gegenüber unb kennt neben bem gedankenlosen Cultus des Islam als höchstes der Gefühle nur den „Backfisch", d. h. die Sorge um den kärglichen Unterhalt des täglichen Lebens.
Kaum anders als in Egypten unter der englischen, von Europa geduldeten Occnpation haben sich die Zustände in Tunis und Algier unter französischer Herrschaft entwickelt. Aller bewaffnete Widerstand ist bekanntlich, von einzelnen Regellosigkeiten abgesehen, seit den Zeiten Abb-el- Kaders unb bes großen Kabyleu-Anfstanbes mit blutiger Hand niedergeschlagen worben. Die maurische Bevölkerung fügt sich in stiller Ergebung, mitunter auch zähnekuischeud, in die überlegene Herrschaft der Franken, ohne sich indcß in irgendwie erheblichem Grade frauzösireu zu lassen. Französische Truppen und Ansiedler leben ohne weitere als äußere Berührung neben den Eingeborenen als gebietende Kaste, ohne auf baS nationale Volksleben einen tieferen Einfluß zu üben. Je weiter indcß die muhammedanischen Länder außerhalb des birecten Eingreifens ber Europäer liegen, befto mehr haben sie, wie es natürlich ist, ihre orientalische Eigen- thümlichkeit bewahrt. So z. B. in Marokko, Arabien, Syrien unb Persien. In diesen Ländern zeigt der Islam noch eine höhere Lebenskraft und das Selbstbewnßtsein der oberen Stände hat gegenüber den Giaurs auch einen stärkeren Glauben an die eigene Widerstandsfähigkeit bewahrt. Sie haben eben noch kaum die überlegene Macht Europas bei sich int Lande kennen gelernt unb hegen deshalb eine größere Ueberzengiing von der eigenen Vorzüglichkeit. Man möchte
Das ist allerdings nicht zu leugnen, daß ber bei näherer Berührung mit überlegener europäischer Macht bahiusiecheude Muhammebanismus in allen entlegenen Gebieten heute in lebhafte Gährung gerathen ist. Wir kennen im Subau die schon Jahre lang auhaltenbe Bewegung der Mahdisten, die von bem kranken „Khalifeu ber Gläubigen" am Bosporus unb beifen Khebive am Nil nichts mehr wissen will, seitdem beide von ungläubigen Mächten in Abhängigkeit gerathen sind. Wir kennen ans schmerzlichen Erfahrungen den Fanatismus der arabischen Sclavenhäudler ist Ostafrika, denen wir und die Engländer ihren vom Islam gestatteten Lebensunterhalt zn verbieten gewagt haben. Ein ähnlicher, religiös gefärbter Aufstand ist neulich unter den schiitischen Persern gegen ihren in der Theorie allmächtigen Schah ausgebrochen, bei welchem die Priester ober Mollahs sich an bie Spitze des Widerstandes gestellt haben. Der Schah ist, wie wir wissen, gezwungen worden, das einer englischen Gesellschaft ertheilte Tabaksmonopol zu widerrufen. Merkwürdig ist habet, daß das zu der beschaulichen Religion ber Orientalen so vortrefflich ftimme’ltbe Tabakrauchen von bem muhammebauischen Eierns als Ausgangspunkt benutzt worben ist, um den Haß gegen bie Fremben, d. h. in biefem Falle bie Englänber, zn schüren. Mißtrauische Politiker behaupten sogar, baß bie Russen, beiten auch ber Islam als Mittel zum Zweck willkommen sei, bahinter steckten. Seit bem vorigen Sommer haben sich nun noch in ber eigentlichen Heimath bes Islam, ber arabischen Halbinsel, die Stämme in Renten unter ihren Schcikhs gegen die türkischen Statthalter empört und sind dabei wiederholt siegreich gewesen. Jetzt eben ist eine neue Expedition ins Innere im Werke, die mit der gewohnten türkischen Nachlässigkeit sich aufznmachen scheint. Das Innere Arabiens ist vermöge seiner Natur eigentlich noch niemals dauernd von einem auswärtigen Eroberer unterjocht worden. .Dort, in den unabsehbaren Wüstenstrecken mit vereinzelten Oasen, ist den stolzen, kühnen, noch heute mit einer Art schwungvoller Phantasie begabten echten Arabern nicht beizukommen, so wenig wie ihre von bem Stifter ererbte Religion bort von irgenb welchen heterogenen Zusätzen entstellt ist. Hier ist noch heute bie classische Stätte des Islam.
2™9te» unverbesserliche Tochter früherer Jahrhunderte. «Stirenb bie oberen Schichten unter ben Moslems von Schliff unb bie gesellschaftlichen Sitten Abendlandes, zumal nach französischem Muster, Äta’-ommen haben und einer religiösen Auffassung F® nationalen Schicksals als halbe oder ganze Voltairianer W^nch fernstehen, lebt die Masse des niederen Volkes in Mchem Einerlei — gerade wie anderswo — ohne Nach- Leben dahin; sie lebt sozusagen von „Jpanb in den Mund und kümmert sich wenig ober gar
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M sich täuschen, wenn man der muhammedanischen Welt, rotz der ihr abhanden gekommenen Initiative, schon heute ks Todtenschein ausstellen wollte.
-< Die Zustände in der europäischen Türkei sind in den Bildeten Bewohnern bes Abenblandes in ihren wesent- Umrissen ans Zeitungen, Reiseberichten ober Briefen W Erzählungen der Mitlebenden bekannt; sie haben sich KÄttm halben Jahrhundert, als die ersten Versuche euro- mlcher Reform gemacht wurden, kaum verändert. Noch Wie sind die vor gut fünfzig Jahren geschriebenen Briefe «scres Feldmarschalls Mvltke über Land und Leute in der rurfei nicht veraltet; nur daß in Folge von Dampfschiffen, chmbchneu und Fabriken bie äußerliche Mobernisirnng wße Fortschritte gemacht hat. Die Türkei accommobirt sich P Erfindungen ber Technik und Naturwissenschaften, ittot aber boch in ihrem eigentlichen Kern unb Wesen die
Die rnicharumedanische Wett.
Bor etwa vierzig Jahren hat der russische Kaiser Nikolaus I. in seinen Gesprächen mit dem englischen Gesandten, Sir Hamilton Seymour, bie Türkei ben „kranken Mann am Bosporus" genannt, ein Wort, bas seitdem zu einem „geflügelten" geworden ist. Der Kranke lebt noch immer, trotzdem daß ihm^ftitbem einige ©lieber amputirt sind und einige Zähne ansgezogen sind. Das so lange Hwuische Leiden ber oltomanischen Pforte, welche ans ber Eifersucht der europäischen Mächte die letzte Lebenskraft zu ziehen weiß, ist für uns Abendländer zu einem so gewohnten \jM8»fpiel geworden, daß wir bie Krankheit schon als Romalzustaub betrachten und nur froh sind, wenn durch ^ärztliche KnnstberTäplomateu ein aeuterZusammeubruch des greisenhaften Körpers möglichst hinausgeschoben wird. Wenn wir indcß unfern Blick vom Bosporus aus auf die übrigen Länder mit orientalischer Cultur, sei cs in Asien ober in Afrika, wenden, fo sehen wir, daß jener Zustand eines stillen, ümgfanicn, anscheinend schmerzlosen Dahinsiechens ihnen allen, mehr oder weniger, mit der europäischen Türkei ge- nieinsam ist. Die kräftigsten Impulse und Offensivstöße, welche in früheren Epochen der Geschichte von den Beken- «rn dcs Islam ausgegangen sind unb noch vor gut zwei- $mbert Jahren Wien bedrohten, sind bis auf wenige unge- fihrliche Zuckungen erloschen und haben einem dumpfen Äteüteu, einer thatenlosen Ergebung Platz gemacht, die M istbendige unb belebende Facloren der Gegenwart kaum noch in Rechnung gezogen werden. Aber gleichwohl würde
Nachdruck verboten.
Wiener Krief.
Original-Feuilleton des „Wiesbadener Tagblatt".)
Wir», 30. Januar.
a^ch gehen die Wogen des Carnevals, wir tanzen zwar Vulkan, aber auf einem Grund und Boden, ~ *cn ^choß seit bem vorigen „Fasching" so manche 8, so manche schöne Erwartung begraben würbe.
®Ir Wiener um Vieles ernster geworben als früher, BM011 uns bie Freude am Tanze — an dieser ur-
1 Riten aller Emanationen — nicht leicht verderben. , Einen Walzer hören, einen Walzer von Strauß, , Ucu ®ir rasch bie Thräne, die uns soeben noch , 9cpErlt, und folgen der Lockung der zauberischen "sy - nr traurig ist, so ist es noch immer jeemal ,roar ber Carneval burch eine Reihenfolge ■ '=r.ejgni|fe bedroht in feiner Geltung, in seiner "lchafi. Am Kaiserlichen Hofe folgte ein Tobcs- Sfbcicn, man mußte fürchten, daß bie bem lärmen« Mn gcwibmete Zeit vorübergehen werde, gehüllt Tranerschleier. Aber das Wort des Kaisers uders. Ter Monarch sprach den Wunsch aus, am . - zahlreichen Gewerbe, bie ans ben tarne« 'öclWtaItungen Nutzen ziehen, möge trotz ber -fn«. i Begebenheiten keines ber geplanten Tanz- '. 0 u?orden. Auch die beiden Glanzpunkte unseres sind r >oudustriellen-Ball und der Ball der Stadt trit in-’o ,^rettet. Letzterer ist neuen Datums; er ter Xf sT” Scrufen, als das prachtvolle Rathhaus, teer'* 1 re großen Gothikers Friedrich Schmidt, kn Stfir c Gilbet sich einer Bereinigung des Serthums heraus, er ist zu dem Empfangs-
