Abend-Ausgabe«
8 & i
T
Dienstag, den 2. Februar
1892.
>54-
;;g« Zachen der Frauenbewegung
W besonderem Interesse eine Entscheidung, welche ür Woche der Petitionsausschuß der bayerischen Kammer -eD einer Petition des deutschen Francn-Vereins item" in Weimar um Errichtung eines Mädchengym- Mws ober Zulassung des weiblichen Geschlechts zur Ab- lilg der an den bestehenden Gymnasien eingefnhrhen MitStsprüstmg getroffen hat. Wir haben schon in einem W« Artikel auszusprechen Gelegenheit gehabt, daß wir Wien den sogenannten Emmrcipations-Bestrebungcn der Wunsere Unterstützung nicht leihen können, weil sie darauf Wmtfeu, dem Manne den Erwerb noch schwieriger zu Mals er schon ist, wodurch die sozialen Verhältnisse Hastig nicht gebessert würden. Einen gleichen Standst Hai nun der Pctitionsausschuß der bayerischen Kammer genommen, indem er die Petition unter Verneinung des irfnisses für Errichtung von Mädcheugymnasicn ab- M beschied, und es ist bemerkenswerth, wie sich die DUer des Ausschusses und hauptsächlich der an der Düng theilnehmcnde bayerische Cultusministcr Dr. von ffer zu der Petition äußerten. Im Wesentlichen wurde geführt, daß es sehr schwierig ist, den Mädchen Ge- Mt zu einer wirksamen Beschäftigung zu geben. Die Düngen, welche man mit russischen Studentinnen ge- hat, find nicht ermulhigend. Auch ans anderen Ben muß dir Bedürfnißfraae für Errichtung von Wgyutuasieu zwecks Zulassung zum Abilurienten- i® verneint werden. In der Kunst ist jedem Gc- Dte die Bahn geöffnet; in wissenschaftlichen Dingen ist Wiche schwieriger, weil die Mädchen,, auf die Prüfung Ä, Anstellung verlangen würden.
M gewissen Berufen kann sie allerdings segensreich B: int Dienste der Barmherzigkeit, in der Krmrkcn- Wmd auch in der Volksschule. Wenn übrigens die MMänner Abneigung vor dem Heirathen haben, so Mdaran auch die Mädchen und deren Eltern einige M Die Mädchen sollten zu einfachen, tüchtigen Haus- 5* erzogeil werden — da würde sich das ändern. Es rchcr, das Geld für ein Mädchen als Heirathsgnt zu Mn, als es damit studiren zu lassen. Schließlich ist ianzunehmen, daß die Unzufriedenheit aufhören wird, F man die Rechte der Frauen noch mehr erweitert; die «Ntngcn würden nur gesteigert werden. Diesen AuZ- nngeu schloß sich der Cultusministcr völlig an. Er
Frage auf, was man denn mit beit weiblichen Menten beginnen sollte. Der Lehrberuf an der Vvlks- brst den Mädchen eingeräumt. Schon über das ge- MHercmdrängen der Jünglinge zum Studium wird Wcht geklagt. Welche soziale Gefahr daraus Hervorst würde, wenn auch den Frauen der höhere Beruf gc- Mnrde, kann kein Denkender verkennen. Die Kopf- Ms Bildungsproletariats ist bereits heute eine er- Mdr. Die Frau ist zunächst berufen, die beste Grund
lage in der Erziehung des Kindes zu geben. Darum hat sie sich in der Volksschule bewähren können. Befähigt zum Lehrfach auch nur an der Volksschule sind aber nicht alle Mädchen. Für die Petition des Frauen-Vcrcius „Reform" erhob sich im Ausschuß nur eine einzige Stimme, indem sie dafür plaidirte, daß man den Mädchen den Zugang zu den höheren Bildungsanstalteu möglich machen müsse; Tausende seien nicht in der Lage, heirathen zu können. Die Befürwortung durch diese eine Stimme änderte aber an dem ablehnenden Votum des Ausschusses nichts.
Aus der Abweisung, welche die Forderungen der Frauen- reformlcr bei der bayerischen Abgeordnetenkammer erfahren haben, darf wohl mit ziemlicher Sicherheit gefolgert werden, daß für ihre Bestrebungen auch an anderen maßgebenden Stellen kaum Aussichten bestehen. Wc.
Locales.
(Nachdruck der Lrigknalcorrespsuderlzen mit unter beutliter Quellenangabe gestattet.) Wiesbaden, 2. Februar.
* Zur Grlimeruug. Am 2. Februar 1830 wurde auch der letzte Faden, der Griechenland nach den Bestimmungen des Friedens von Adrianopcl noch an die Türkei band, zerschnilten. An diesem Tage wurde das Endprotokoll der Londoner Co ufere nz von England, Frankreich und Rußland unterzeichnet, nach welchem Griechenland für einen völlig unabhängigen und tribulsreien Staat erklärt wurde. Das war das Ende des fast zehnjährigen griechischen Freiheitskampfes und des damit zusammenhängenden großen russisch-türkischen Krieges, der ungezählte Menschenopfer gekostet hatte. Die Pforte, ohnmächtig wie sie war und bereits auf den Abfall Griechenlands vorberestet, gab iljie Zustimmung zu dem Vertrage und so schien denn Griechenland nach schwerer Zeit einer frohen Zukunft entgegen zu gehen. Daß sich in der ersten Zeit die Dinge denn doch nidjt so freundlich gestalteten, daran waren die Griechen zunächst selbst Schuld, die sofort, als sie auf eigene Füße gestellt waren, ihre Parteifehden aufingen und ferner auch der Umstand, daß die Mächte dem russischen Einfluß allzuviel Spielraum gönnten. Es beweist aber den guten Kern in dem griechischen Volke, daß sich das Reich trotz aller widrigen Umstände doch in verhültnißmüßig kurzer Zest so gut entwickelt hat.
-o- Der neue UolkSschnl-Entiunrf. Gestern Abend fand dahier im „Rothen Haus" seitens einer kleineren Anzahl von Mitgliedern der freisinnigen und der nationalliberalen Partei eine Besprechung darüber statt, welche Schritte dem Schnlgesetzentwurfe gegenüber erforderlich seien. Allseitig war man einverstanden, daß der Gesetzentwurf eine unberechenbare Gefahr für unser gesarmnteS preußisches Schulwesen, namentlich aber das unserer engeren Heimath Nassau mit sich bringe und unsere lange bewährte Simultauschule schwer bedrohe; kein Mittel dürfe unversucht bleiben, dieser Gefahr vorzubeugen. Hierzu sei vor Allem nöthia, Klarheit darüber zu schaffen, in welch' ganz außerordentlichem Maaße der Gesetzentwurf unsere Bevölkerung aufgeregt habe,
und wie man in dem Volke über denselben urtheile. Es wurde zunächst ein Couiitä gewählt, bestehend aus den Herren Rechtsanwalt Dr. Alberti, Professor Dr. Fresenius, Rechtsanwalt Götz, Oberlehrer Güth, Stadtrath Kalle, Fabrikant Kalk- brenner. Geheimer Regicrungsratü v. Reichenau und Landes- bankrath Reu sch. Dasselbe wurde beauftragt, zunächst dahier eins öffentliche Versammlung zu veranstalten und weiter zu veranlassen, daß aus allen Orten Nassaus Kundgebungen au das Abgeordneten« Haus gerichtet würden, welche die Ablehnung des Gesetzentwurfs forderten. Die Versammlung findet voraussichtlich nächsten Montag in der „Kaiserhalle" statt.
+ Antisirlanerei-Lotterie. Die amtliche.Gewinnliste der zweiten Klasse der Deutschen 'Antisklaverei-Geld-Lotterie, gezogen in Berlin am 18. bis 23. Januar 1892, ist im Tagblatt-Verlag unentgeltlich einzusehen.
* Fnremdurg-Uassanische Grdrn. Dem neuen Handbuch für das deutsche Reich auf das Jahr 1892 voran geht das 23er» zeichuiß der Orden und Ehrenzeichen mit den üblichen Abkürzungen; darin sind eine Anzahl Umänderungen, welche eines gewissen Interesses nicht entbehren. Den preüßischen Orden und Ehrenzeichen waren bisher die hannoverschen, kiirhessischen und nassauischen als besonderer Abschnitt angereiht; jetzt fehlen die letzteren. Dafür ist eine neue Abtheilung: Großherzoglich luxemburgische entstanden, bei welcher sich die nassauischen Orden und Medaillen wiederfinden.
-o- $kber die Kozinldemolrratie sprach am Montag Abend im Saale des „Katholischen Lesevereins" Herr PH. Wasserburg ans Mainz. Redner verbreitete sich Über das Programm der Sozialdemokraten und wies nach, wie die Sozialdemokratie ans gesell- schastlichem Wege die Republik, auf ökonomischem Gebiete den Col- lectivbesitz und in religiöser Hinsicht den Atheismus erstrebe. Er wies nach, wie wenig die Pläne dieser Umsturzpartei zu verwirklichen seien und welche Gefahren unserem Vaterlande drohten, bei einem noch weiteren Umsichgreifen dieser Partei. Alle loyal und deutsch gesinnten Männer mußten mithelfen an dem Kampf gegen die Sozialdemokratie und ihren Lehren. Als wirksamstes Mittel zur Bekämpfung der Sozialdemokratie bezeichnete Herr Wasserburg die christliche Erziehung der Jugend in ihren Confessionen, deshalb müßten wir auch die Einführung der confessionellen Schulen erstreben. <Daß nicht auch die Simultan schule zur Erziehung im christlichen Sinne geeignet fein soll, darüber ist man in Nassau im Allgemeinen doch anderer Meinung. D. Red.) Als zweiter Redner sprach Herr Pfarrer Küppers-Biebrich über das „Volksschulgesetz", insbesondere über die eonfessiouelle Schule, die von dem Redner natürlich als das zu erstrebende Ideal betrachtet und zu bereu Gunsten fchließlich eine Resolution angenommen wurde, die der Vorstand des „Wahlvereins der Centrnmspartei für Wiesbaden" an maßgebender Stelle int Abgeordnetenhaus einznbringen beauftragt würde. Herr Rechtsanwalt Kellerhof machte noch die Mit- theilnng, daß gegenwärtig von allen in Hessen-Nassau bestehenden Volksschulen nur 78 simultane seien.
-o- Immodiiien-Uerkeignng. Bei der gestern abtheilnngs- halber vorgenommenen Versteigerung des den Erben der verstorbenen Peter Blum Eheleute gehörenden, feldgerichtlich zu 66,000 Mk. abgeschätzten 2- bczw. 4-stöckigen Wohnhauses Grabenstraße No. 24 (2 Ar 51,50 Quadratmeter Hofraum und Gebäudestäche) blieb Herr Schuhmachermeister Heinrich Reitz mit 67,000 Mk. Letztbietender.
* Kleine Notizen. Einen neuen voreiligen Frühlingsboten, diesmal ans dem Pflanzenreich, und zwar ein wohlausgebildetes Gänseblümchen, fand Herr Waldemar Prüfer im Gelände Heßloch.
?.-U. Diebstahl. In der Adolfsallee wurden 4 Tauben entwendet.
lichsten Füßchen kokett zum Vorschein kamen, bewegten sie sich bann am Arme ihrer Cavaliere betn großen Saale zu, ber sich dömälig mit einer glänzeubeu Gesellschaft füllte. Hier wirkte ber Anblick wahrhaft faseinirend. Eine zahlreiche Versammlung, bie später etwa auf 1600 Personen anwuchs, staub in Gruppen ober ging in Paaren in angeregter Unterhaltung auf uub ab. Wohin man blickte: prächtige, Toiletten in allen Farben, blitzeuber Schmuck, bunte Unifvrrnen unb dazu als Kontrast ber schwarze Frack, bas Alles in blenbenb heller Beleuchtung. So schön unb „chic" aber 'auch biefe Toiletten waren, bie mehrfach ein antififirenbeS Arrangement von fein künstlerischem Geschmack zeigten — noch schöner waren boch viele Trägerinnen der- selben, junonische Erscheinungen, bie, von Vewunberern umgeben, Gerde hielten, ober zierliche Gestalten, welche Libellen gleich burch bie Räume schwebten. Am oberen Enbe bes Saales war, ringsum von Grün umgeben, eine Estrade errichtet, auf welcher ein von bem bekannten Reiseunternehmer Herrn Carl Stangen freunblichst geliehenes orientalisches Zelt staub, wo von 11 Uhr ab bie „Dameuspenbe" verabfolgt würbe. Letztere, roieber von ber renommirten Firma L. Leichner geliefert, bestaub aus einem zierlichen Füllhorn von Aluminium, bas mit künstlichen Blumen ober Früchten gefüllt war, zwischen denen sich ein Miniatur-Parfümfläschchen verbarg. Blaue unb rosa Schleifen, am Füllhorn befestigt, trugen bie in Golb gedruckte Aufschrift: „Ballfest des Vereins Berliner Presse, 30. Januar 1892." Dieses reizende Angebinde, welches als Nippes aufgestellt werden kann, bereitete den Empfängeriunen eine freudige Ueberraschung. Eine weitere Ueberraschurtg bildete sodann die von der hiesigen chinesischen Firma Tain-Aro-Hee in eilten orientalischen Festsaal umgewaitdelte Nedenhalle, welche während der Ballpausen den Erholungs- und Ersrischnugs- Bedürftigen als angenehmes Buett-Retiro diente. Apropos,
Erfrischungen möge hier beiläufig erwähnt feilt, daß üie „Kleinigkeiten" am Buffet ebenfalls vielfach überraschten und zwar durch ihre Preise, die nichts weniger als klein waren. Doch diese Wahrnehmung vermochte die fröhliche Stimmung, die wahrend des ganzen Festes herrschte, nicht zu beeinträchtigen.
Aus dem bunten Durcheinander der Gruppen und Promenireitden hatte sich allmälig der Tanz entwickelt, zu welchem ein- treffliches Orchester unter Finsterbnsch's ausgezeichneter Leitung die Musik ausführte. Von den Balkons aus betrachtet, nahmen sich diese Reigen überaus reizvoll aus. Die Farben ber Toiletten unb Uniformen flössen ineinander, lösten ftdjj und bildeten so fortwährend kalei- doseopische Bilder, die geradezu magisch wirkten. In den Nebenhallen, oben und unten, waren die Tische von kleineren Gesellschaften besetzt, die sich das farbenprächtige Bild anschanten unb beim Glase Wein anregender Unterhaltung pflogen. Mittlerweile waren, nachdem die Theatervorstellungen zu Ende, auch zahlreiche Bühnenangehörige als stets gern gesehene Gäste erschienen, so die Directoren L. Barnay, Lautenburg, LÄrrouge und Franz Wallner, ferner die Damen Abi, Lindner, Poppe, Schramm, Stoll- berg, Tondeur, Kramm, Groß, Lehmann, Bertens, die Herren Rothmühl, Engels, Krausnech, Alexander, Guthery ic. Graf Hochberg hatte, da er sich noch nicht wohl genug befindet, absagen lassen. Von anderen bekannten Persönlichkeiten, bie bem Feste beiwohnten, seien hier angeführt: der Gesandte von Brasilien, die Mitglieder der chinesischen Gesandtschaft, der braunschweigische Gesandte und Bundes- bevollmächtigte Baron von Gramm, der Präsident des ReichsversicheruiigsamteS Bödiker, der Vieepräsident des Abgeordnetenhauses von Benda, Friedrich Spielhagen, zur Zeit Präsident des Vereins „Berliner Presse", Ernst Wichert, die Ehef-Redacteure Pindter von der „Nordd. Allg. Ztg.", Stephany von der „Voss. Ztg.", Dr. Kaißler von der
West des Uerelrrs „Berliner Presse".
Wgener Bericht für das „Wiesbadener Tagblatt".)
* Krrtin, 31. Januar.
^jährlich um diese Zeit gießt ber Verein „Berliner ffin großes Ballfest, welches chdu Vereiniguiigspunki JWmten Welt der Residenz zu bilden pflegt. Diese B*» bie sich mit Recht großer Beliebtheit erfreuen, bem Vergnügen zugleich einem edlen Zweck, Ertrag für bie Unterstützungskaffe des ge- Vereins bestimmt ist.
Ms der Verein „Berliner Presse" selbst allmählich zu Särgen Bedeutung gelangt ist, so haben sich auch seine Md uüt ber Zeit immer glänzender gestaltet. Aus W-Aniäugen hervorgegangen, sind sie gewissermaßen Mche bet Saison" geworben. Wir finden hier alle Wer Gesellschaft vertreten, bie Diplomatie, bie Armee, W«-Finanee, bie Kunst und Wissenschaft und endlich, MA des Ganzen, selbstverständlich die „Presse". Ein- ^ahte tritt sie mit dieser Veranstaltung hervor, und ■^9 zu ihrem Feste ist stets ein außerordentlich CC$0!l erste Ankündigung erweckt namentlich in eine freudige Erwartung. Fällt ihr doch Aufgabe zu, dem Feste seinen höchsten Reiz zu E? Daß dies unsere Damen vorzüglich verstehen, Hal E&r Ball wieder gezeigt.
lange Wagenreihe führte am Sonnabend Abend die ^Wdhrner zur „Philharmonie", in deren geschmackvoll Räumen ber Ball stattfand. Bereils in ber ge- Gsttderobe bot sich bem Besucher ein reizvolles ^^Wziöse Frauengestalten in prächtigen Toiletten ^MMt burcheinanber. Noch einen letzten Blick in ben un^ die zum Theil langen Schleppen mit «ßurf ordnend, wobei hin und wieder die zier
itMmer T
Verlag: Langgasse 27,
LI-OOO Abonnenten
40, Jahrgang.
Effcheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: Qn Wiesbaden und ben Landorteu mit Zweig- Erpcditionen 1 Mk. 50 Pfg., durch die Post 1 Mk. 60 Pfg. für das Vierteljahr.
Anzeigen-Preisr
Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Neelaüie» die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.
