Abend-Ausgabe
Verlag: Langgasse 27,
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52.
Montag, den L Februar
1892
■
— Oder sollte gar
mich? — Würde ich Freiheit, ehrliche Stellung im bürgerlichen Leben für alle Zeiten einbüßen?
40. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgabe«. — BczugS-PreiS: f<n Wiesbaden und den Landorte« nut Zwcig- Erpeditioucn 1 Mk. 50 Pfg., durch die Post 1 Mk. 60 Pfg. für das Vierteljahr.
schon Mancher, der seine Richter an Seelenreinheit und Gerechtigkeitssinn weit überragte.
Im Nebligen beschränkte sich die Taktik meines Vcrthci- digers darauf, die Geschworenen zu rühren, ihr Mitleid in Anspruch zu nehmen. Es waren aber ehrenhafte Männer, denen die Ueberzeugung, die sie längst von meiner Schuld gefaßt, genügte, um mich das „Schuldig" auf ihren Lippen lesen zu lassen. Sie-entfernten sich aus deut Sitzungssaale.
Nun begann sich Alles vor meinen Augen -zu verfinstern. Ich gedachte der Vergangenheit, meiner stets redlichen Ab-- sichten, als ehrlicher Mensch zu bestehen, meiner Liebe zur Arbeit, meines unerschütterlichen Vertrauens auf Golt. — Was konnte mir geschehen? — Welches Schicksal erwartete
sozialdemokratischen Anschauungen von den englischen Arbeitern verabscheut wurden, auch mit gutem Erfolg, später jedoch nur dann, wenn sich der Urthcilsspruch gegen die Arbeitgeber wandte. Sobald einmal der Einigungsamtsvorsitzende gegen die Slrbeiterforderungcn entschied und selbst dann, wenn dies unter völliger Billigung der im Einigungsamte sitzenden Arbeitcrvcrtreter geschah, zogen die Arbeiter es vor, sich nicht an den Urtheilsspruch zu kehren. Das aber würde nirgends, auch nicht durch die Verleihung noch so großer Machtbefugnisse an die Gerichte, vermieden werden können; die Arbeiter könnten ja jederzeit mit neuen Forderungen anftreten. Also auch mit der Durchführung der aufgestellten Vorschläge für Deutschland wäre nichts zu erreichen.
Die Idee der Einigungsämtcr ist sehr schön und auch ausführbar, wenn die ftyitenben Parteien von einer und derselben Lebens- und Wirthschaftsanschannng ausgehen. So lange jedoch die Sozialdemokratie die Köpfe der Arbeiter beherrscht, ist sie nicht in die Praxis zu übertragen, und wer etwa hierauf entgegnen wollte, daß die Buchdrucker vor dem Sinke keine Sozialdemokraten gewesen seien und erst nach demselben in das Lager der Herren Bebel und Liebknecht übergegangcn seien, der kennt eben die mir der Führung der Bnchdruckerstrikes beauftragt gewesenen Personen nicht. Dieselben waren (wir wir dieses oft genug klargestcllt haben. D. R.) schon längst Anhänger der Sozialdemokratie und als solche Vcruunftgründen wenig zugänglich.
ßocales.
(Nachdruck der OrigmatcorrcsPoudenzen nur unter bnittlter Quellenangabe geltattet.) Wiesbaden, 1. Februar.
* Mr Gt'irmrrrmg. In diesem Jahre, in dem die Entdeckung Amerikas gefeiert wird, kann in Verbindung damit wohl auch anderer Entdeckungen gedacht werden, umsomehr, als jene großartige Entdeckung den Anstoß gab zu all den ferneren Reisen und Entdeckungen. Am 31. Januar 1610 entdeckte der britische Seefahrer Henry Hudson die nach ihm benannte Hndsonsbai. Der kühne Reisende hatte bereits zwei Reisen zur Aufsuchung einer nordöstlichen Durchfahrt nach China unternommen und auf dieser seiner dritten Reise berührte er Grönland und fand die Hudson- straße und Hudsonbai. So kam es, daß Hudson zwar nicht nach China, wohl aber nach Nordamerika kam. Wie es allen bedeutenden Entdeckern zu gehen pflegt, so erging eS auch Hudson. Die Früchte seiner kühnen Fahrten hat er nicht geerntet. Ans der Rückfahrt von dieser seiner letzten Entdcckungstour setzte ihn seine meuterische Mannschaft in einer Schaluppe den Wellen aus und so hat er seinen Tod gefunden. Auf der von ihm gemachten Entdeckung erstand aber später die bekannte Hudsonsbai-Compagnie, eine nunmehr über 200 Jahre alte Gesellschaft, die einen großartigen Pelzhandel trieb und noch treibt; ein ganz eigenartiger Geschäftsbetrieb, von dem sich Hudson nichts träumen ließ. —
+ Sammlung. Der Herr Oberpräsident hat genehmigt, daß zum Besten des Pfarrhaus-Neubaues zu Dreifelden, Kreis Biedenkopf, eine einmalige Sammlung freiwilliger Beiträge bei den evangelischen Bewohnern des Consistorial - Bezirks Wiesbaden durch polizeilich legitimirte Collcctanten bis zum 1. Juli d. I. abgehaltcn werden darf.
GimKringsamter.
| Nachdem der Buchdruckerstrike so große Opfer an Zeit Geld verschlungen und die Nothlage von Hunderten, früher gut gestellter Familien zur Folge gehabt hat, wird ■jg publizistischen Erörterungen dieses Strikes vielfach dem Sebaucrit darüber Ausdruck gegeben, daß es in Deutschland W» Einigungsämter gebe, welche solchen Schädigungen des privaten und des Nationalwohlstandes vorgebeugt Hütten. MA Bedauern zeugt mehr von gutem Herzen, als von M»» Ueberblick über die Verhältnisse, um die es sich MWt. Ohne Zweifel wäre es wünschenswerth, daß durch Kuigungsümker Strikes verhütet werden könnten, denn DMS bleiben eine zweischneidige Waffe, durch welche beide ^zusätzliche Parteien verletzt werden; leider nur wird mau ^W8»rch Einigungsämtcr nicht zum Ziele gelangen. Wenn Wflich einmal hier oder dort eine solche Einigung zu W«de gekommen ist, so lag der Grund babou lediglich in den die Einigung leitenden Personen.
L Die Organisation der Einigungsämtcr an sich bietet, so Mrru die „Hamb. Nachr." aus, nicht die mindeste Gewähr W die Herbeiführung der Einigung. Die deutsche Gesetz- zebuitg kennt ja die Institution der Einigungsämtcr. Das Mch, betreffend die Errichtung der Gewerbegerichte vom N. Zuli 1890, enthält einen besonderen Abschnitt über die Tätigkeit des Gewerbegerichts als Einigungsamt. Die Wüionen des Einigungsamtes sind danach dcm Gewerbe- MH übertragen; es übt dieselben dann aus, wenn es WÄreitig von Arbeitern und Arbeituehniern angerufen AM Es fällt fein Uriheil, hat jedoch nicht die mindesten WWiittel, dessen Befolgung durchzusetzrn. Abgesehen da- ■■Nfe ein solches Einigungsamt stets nur auf den be- WW» Bezirk des Gcwerbegerichtes, welches für Gemeiudeit Wf.hSchstens weitere Communalverbändc errichtet wird, M.Einfluß arrszuüben vermag, bei großen Strikes dem- ■jile ganze Institution kaum tauglich erscheint, ist dieser IWch wegen des Mangels jeder Gewähr für die Dnrch- MW>g des Urtheils ein derartig geringfügiger, daß die
Institution der Einignngsämter nur als schmückendes «iwerk dem an sich sehr gesunden ttnb lebensfähigen Gc- lwbkgerichtsgesetz hinzngefügt ist.
Mks zeigt sich auch daran, daß trotzdem das Gesetz be- «18 feit dem 1. April 1891 völlig in Geltung ist, man W nichts von der Anrufung eines Gcwerbegerichts als Miguugsarittes gehört hat. Nun wird allerdings die Bc- Mtuug aufgestellt, die Mißerfolge, welche man in Deutsch- S® wit der Institution der Einigungsämter erlebt hätte, Ku lediglich in der ganzen Einrichtung derselben. Man W“ sie mit der Befugniß der Durchführung ihres Urtheils *mchen und vornehmlich darauf dringen, daß von Arbeit-
und Arbeitern ein Vertrauensposten als Mittler würde, dessen Ausspruch unbedingt zu befolgen B- Auch diese Hoffnung ist eitel; man hat in England * lxrschiedensten Versuche damit gemacht. So lauge die
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machte sich plötzlich eine Bewegung im Publikum bemerkbar Die Leute fuhren auseinander, man hörte Gemurmel — immer lautere Stimmen. Wie eine Brandung drang es zu ben Schranken empor.
Des Präfidenten Klingel erscholl. Er rief in bett Saal, daß er ihn räumen lassen werde, wenn nicht Ruhe eintrete. Da schritt ein Bediensteter des Gerichts vor und verkündete, daß sich eine Frau alSHchtiger Entlastungszeuge geiucldet habe. Ich sprang auf, beugte mich vor, so weit es meine Fesseln erlaubten-und sah in das von Kummer und Krankheit entstellte Antlitz Mariannens. Ihr Blick, den ein sonniges Lächeln begleitete, streifte mich, als sie festen Schrittes auf die Barriere zuging.
Die Debatte wurde nett aufgenommen. Marianne bekannte mit strengster Gewissenhaftigkeit ihr Verhültniß zu Anton, schilderte treu der Wahrheit gemäß die Ereignisse und wie ich in dieselben verwickelt wurde. Sie widersprach sich nicht, verleugnete nichts, — ihre Worte waren klar wie die Sonne und erwiesen sich bei schärfster Prüfung als unumstößlich wahr. Auch zeigte sie das schriftliche Eheversprechen vor, welches Anton zur Wnlh entflammt hatte und machte auf die noch deutlich erkennbaren Narben an ihrem Halse und ihren Händen aufmerksam.
Wir verließen zusantmen das Gerichtsgebäude. Die Menschen nmjubelten uns; Jeder wollte seine Theilnahme, seine Freude kundgebcu. Ich brachte Marianne, die sich kaum mehr auf den Füßen halten konnte, zu meiner in Coblenz verhciratheten Schwester, die uns voll Freude aufnahm.
Bis jetzt hatten wir noch kein Wort zusammen gesprochen. Ich hielt ihre Hand, sie die meine. Erst in dem Hause meiner Schwester bemerkte ich die Veränderung, welche mit ihr vorgegangen war; ich fühlte, daß der Tod an die Pforte ihres Daseins pochte.
Der 1. Februar 1814 war ein entscheidender Tag für Napoleon I. und die Heere der Verbündeten. An diesem Tage wurde Napoleon von Blücher bei La Rothtiere so gründlich geschlagen, daß die Franzosen eine große Muth- losigkeit ergriff, viele der jüngeren Soldaten desertirten und es nur derselben Energie seitens des Führers der österreichischen Armee, des Fürsten Schwarzenberg, bedurft hätte, um den Krieg sehr rasch zu Ende zu führen/Da Schwarzenberg aber sehr ungeschickt vorging, zauderte und den Sieg völlig nnbenutzt ließ, schöpften Napoleon »nd seine Trnppen wieder neuen Muth. Blücher eroberte in jenem Kriege 73 Kanonen und machte 3—4000 Gefangene.
(*) Vortrag. Für den Local-Gewerbeverein hielt am letzten Samstag Abend im Saale der „Stadt Frankfurt" Herr Director a. D. Fischbach einen Vortrag über „alt-arischen Feuer-und Lichtcultns und dessen Ornament-Synibole." Ornamentik und Symbolik waren von hoher Bedeutung, als die Schrift Farbe und Formen noch nicht so, wie heute, ersetzte. Nachdem namhafte Gelehrte diese Gebiete zu ergründen sich bemühten, dringt ein tieferes Verständniß derselben in immer weitere Kreise. Das Studium der Ornamentik und Symbolik setzt immer Cultusstudien voraus, weil diese die Grundlage zu jenen abgeben. Der alt-arische Licht- und Feucreultus, der bis zu den dunkelsten Anfängen der Cultur hinaufreicht und bei allen arischen Völkern zu siudeu war, dürste seinen llrsprung in denjenigen nordischen Gegenden haben, die das Feuer nicht entbehren konnten. Hier diente das Feuer zur Ver- theidignng im Kampfe gegen die wilden Thiere, Don hier aus verbreitete sich der Segen des Herdfeuers, der Mittel- und Ausgangspunkt aller Cultur. Auch die aufgefundenen Neste in den Höhlen unserer Gegend weisen auf den Gebrauch des Feuers hin. Gründliche Studien aus diesem Gebiet erbringen den Beweis, das; die Arier nicht, wie die bisherige Schulmeinung behauptete, aus Indien gekommen, sondern daß dieses Land als die östlichste arische Colonie angesehen iverden mutz. Alles weist nach Nordwesteu, als dem Ausgangspunkt des arischen Stammes, vielleicht dürfte es das heutige Grönland feilt. Peruanische Alterthümer zeigen große Aehulichkeit mit Hildesheimer Funden aus grauer Vorzeit und es unterliegt keinem Zweifel, daß der indische Feuercultus vor Jahrtausenden trt Nordeuropa seine Pflegestätte besaß. Viele unserer Thier- und Pflauzennamen und Sagen sind leicht in Beziehung zu dem Feuercultus unserer Vorfahren zu bringen. Auch die Ortsnamen mit den Euduugeu „rad" und „rod" („roth") haben wohl mit „an- rodcu" nichts gemein, sondern verdanken ihren Ursprung dem Feuer. Die Arier besaßen ein Epos, das allen anderen Volksstämmen fehlt; auch die in dieses Gebiet gehörenden griechischen Dichtungen sind Neste nordischer Sagen. So stellen sich die Arier so recht eigentlich als das Salz der Erde dar; ihr Culins bildete ein beliebtes Studium anderer Völker. Eine eingehende Schilderung veranschaulichte die Symbolik unseres Weihnachtsbaumes, sowie zahlreicher Märchen und Sagen. Der ebenso poetische als interessante Vortrag, der mit großem Beifall aufgenommen wurde, war wohl geeignet, den Anwesenden den Beweis zu liefern, daß das Studium der Ornamentik und Symbolik nicht als überflüssiger Modekram angesehen zu werden verdient; Liebe und Sorgfalt vielmehr sollte man darauf verwenden zum Segen der deutschen Kunst. Auf die von ungemein gtüttbHdjer und umfangreicher Fachkeuutniß zeugenden Ausführungen, die durch zahlreiche Abbildungen unterstützt wurden, hier näher einzugeheu, würde den Rahmen eines Berichtes weit überschreiten. Herr Norkcr stattete dem Redner in warmen Worten den wohlverdiente» Tank ab.
ein schimpflicher Tob mein Loos sein? — Mir schauderte! Ich griff nach meinem Haupte und sank fassungslos vornüber, in einen Strom von Thränen ausbrechenb.
Mein Advokat stürzte auf mich zu, indem er, mich aufs rüttelnd, flüsterte: „Ein offenes Geständniß ist bas Einzige, was Sie retten kamt."
Einen Augenblick umflorte dieser Gedanke meinen Geist; sodann aber gedachte ich Mariannens und der Qualen, der man sie im selben Grade aussetzen würde und — vielleicht auch — derselben Vcrnrtheilung. Wie ein Strahl des Lichts erhellte das Gefühl, mich für sie zu opfern, mein Gcmüth. Ich fand meine Fassung wieder, trocknete meine Thränen, sah ihn ruhig an und sprach: „Ich habe nichts Weiteres zu sagen!"
Es erschienen die Geschworenen und das Gericht trat auf seinen Platz zurück.
Die feierliche Stille entstand, welche solchen Momenten der Entscheidung vorangeht; Jeder hielt den Äthern an und erwartete in Spannung das Resultat der Abstimmung. Da
Nachdruck verboten.
Die Gristerrniihle.
Rheinische Novelle von Julius Ztasch.
(Schluß.)
j|5#? meinem Hetzen war längst jeder Haß geschwunden; ^^Ychte mich die lange Procedur, das Sitzen im Gc- der Gewcchnheit eines arbeitsameil Lebens in ^Wachie, die mir jeden Schluß, wie er auch auSfaßeu erwünscht erscheinen ließ.
Ugl ich, in Ketten an Händen und Füßen gefesselt, in ^Wranken geführt wurde, erkannten mich meine Freunde, eingefunden, nicht wieder. Meine Haare waren ge- M* und meine Gestalt gebrochen. Man erinnerte sich ^Nteines Vorlebens und Mitgefühl leuchtete aus aller Allein von dem Gerichte wurde ich Schritt um vorsätzlichen Mordes überführt und zwar mit daß ich mich oft an ben Kops faßte, um zu W, daß ich es war, von dem man sprach.
früher die Werkzeuge der Tortur geleistet haben ^^Mollführten jetzt die Reden der feingeschulten Juristen. D^^itzfinbigkeilen waren sicher ebenso sinnverwirrenb ^WMaschinen, welche in jenen Zeiten ben Delinquenten brachten.
Eg™ Vertheibiger hatte schweren Stanb. Er war gleich WW^rn von meiner Schuld überzeugt und ärgerte sich, Eg ""ch seinem Rathe nicht eingestand, wodurch es ihm Semorbeit wäre, auf eine Milderung der Strafe an- , Er verlor sich in ein Labyrinth von Möglichkeiten, W . Thal nicht begangen, wobei Jeder fühlte, wie EL c eigene Ueberzeugung seinen Worten fehlte.
EEj^v Herz des Menschen können eben niemals Men- ■n- und auf dem Armensünderstuhle saß gewiß
