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itsbckener Sanlilatt
40. Jahrgang
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N-. 26.
Kkimstag, den 16. Januar
1892.
Zur Sperulation in Lebensmitteln.
-i. Wiesbaden, 15. Januar.
Die Fondsbörse ist eine Nothwcndigkeit für die Staaten jtir Unterbringung ihrer Anleihen. Sie soll den Capitalisten Gelegenheit geben, ihre Anlagen zu machen, sie mag der Tummelplatz bleiben, derer, die da „gewinnen" wollen. Wenn in einer Woche, ja, an einem Tage, hundert Mal mehr Creditaetien gehandelt werden, als deren überhaupt exjstircn, so sind dies Geschäfte, an denen sich nur diejenigen betheiligen, welche es absolut wollen. Trotz ihrer großen Mißbräuche und schweren Sünden sei die Fondsbörse hier außer Betracht gelassen — sie erscheint im Vergleich zu der Waarenbörse fast als eine unschuldige Einrichtung.
Betrachten wir heute einmal die Speeulationsgeschüfte in Hinsicht auf ein nothwendiges Lebensmittel. Der Kaffee, welcher direet als Rohproduet in den Consnm gelaugt, gestattet einen sehr klaren Einblick, der Jedermann verständlich sein wird. — Auch kann Jeder von dem hier zu Erörternden leicht Schlüsse auf den Waaren-Termin- handel und seine Schädlichkeit im Allgemeinen ziehen.
Wenn Kaffeehändler sich angesichts schlechter Ernte mit Vorräthen versehen, um an denselben einen besseren Nutzen zu haben, so entspricht dies der herkömmlichen Gepflogenheit. Das war immer so und wird auch immer so bleiben. Wenn aber Firmen außer diesen Vorauskänfen auch noch „auf dem Papier" — „in der Lnft Kaffee handeln, welcher gar nicht existirt, so ist dies verwerflich, so ist es Börsenspiel. Wenn nun gar Leute, die nur ein Notizbuch und den Conrszettel besitzen, in Kaffee handeln und zwar in Dusutitäten, welche den Umsätzen in Creditaetien entsprechen, ist dies Ausbeutung in der verwegensten Bedeutung des Wortes. Von „Nückversicherung" und dergleichen Redensarten, welche zur Beschönigung des wüsten Treibens herhalten müssen, .sollte man doch absehen, denn so weit geht doch die Voraussicht der Kaffeehändler nicht, daß sie über zwei Ernten hinaus schon kaufen wollen. Abschlüsse in Termin-Kaffee bis Dezember 1892 wurden näm- stch im Frühjahr 1891 schon als statthaft erklärt. Das glaubt doch der unerfahrenste Laie nicht, daß Jemand solchen Kaffee jemals beziehen wollte! ebenso wenig, wie man jetzt schon Wein kauft, welcher 1893 geherbstet wird. Es ist tüte Rückversicherung gegen die verunglückte frühere Specu- lation, also Speeulation auf Speeulation, kurz ein Börsenschwindel — und von diesem Spiel ist der Preis abhängig,^ den der Consument für das Pfund Kaffee zahlen Mß. Folgende Zahlen mögen einen Begriff geben von der Ausdehnung dieser Speeulations-Epidemie. An den derschiedenen Terminbörsen wurden umgesetzt:
1888 63 Millionen Ballen Kaffee,
n
1889
1890
1891
45
32
31
tt
11
II
Nachdruck verboten.
Russische Briefe.
(Eigener Bericht des „Wiesbadener Tagblatt".) Kt.'Nelervbnrg, 8. Januaru.St.
Hin orientalischer Diplomat hier in Petersburg soll ge- t.haben, daß er sich gar nicht darüber wundere, daß die "schen Völker nie den Kultus der Sonnenanbetung ge= Bt hätten — sie sähen und könnten ja gar nicht die jSjüt! — So ganz Unrecht hatte der Herr Diplomat nicht ^*cte Monate hindurch vergessen wir hier fast, daß eine solche leuchtende Kugel sich noch am Himmel über uns und viele Monate hindurch muß uns das Lampen- davor schützen, daß wir nicht — der Darwinschen An- ügethcorie folgend — zu einer Art Mnrmelthier werden untere vier Wände als Höhle zum Winterschlaf be- ^-^Das was man hier im November, Dezember und
Tag zu nennen beliebt, ist eine 4—5 Stunden ^blaffe, graue Dämmerung und hätten wir nicht Wvnen, weißen Schnee, so wäre es nnanshaltbar alles D'-J" ker bedeckt aber mit seiner blendendhellen Decke einem fni-llIli) ®rauc des Herbstes und blinkt und leuchtet Dag Mig in die Fenster hinein, daß einem der graue mag „ .E erscheint! Die achtzehnstündige Finsterniß ver- >ie Laiim E dach nicht allein zu erhellen und so herrscht Straße • unumschränkt — im Hause und auf der fögar unsere Ausstellungen präsentsten sich mit n Lsshie! Nur die Sonnenlicht gewohnten Frau- rlrUr's» n^t cntschließen können, ihre Kunstwerke bar -111 ^^te zu zeigen, sie konnten freilich ziemlich auf rechnen, daß ihre Bilder auch in der hellen ”9 bewundert werden würden und haben sich darin 1 — der Kaiser fiat ihre Ausstellung besucht und
während eine Ernte von Termin-Kaffee nur 5 bis 8 Millionen Ballen beträgt. Diese Speculationen find zur Negulirung des Marktes nicht nöthig; das Termingeschäft ist eilte Erbschaft ans der „Gründerzeit" und hat in Kaffee vorher nicht existirt.-Es ist ein Auswuchs der Gewinnsucht, welche jetzt so viele Gebiete beherrscht. Man hat aus diesem Lebensrnittel ein „Spiel" gemacht, wie es in Credit- nnd anderen Aetieu an der Fondsbörse besteht. Der bedeutsame Unterschied ist jedoch der: unter dem Treiben an der Fondsbörse leidet im Allgemeinen nur der, welcher sich au dem Spiel betheiligt, während bei der Iobberei in Lebens Mitteln die ganze Bevölkerung und bei Kaffee zumeist das arme Volk getroffen wird.
Ilm zu erklären, auf welche Weise das Börsenspiel int Kaffee so eolossaie Dimensionen annehmen konnte, diene ein Blick auf die Art und Weise, wie das Geschäft künstlich großgezogen wird. Die betr. Firmen an den Terminbörsen, nicht zum Wenigsten die „mit dem Notizbuch", haben Hunderte von Agenten in der Provinz, welche täglich durch mehrere Depeschen über die Comse unterrichtet werden — diese Agenten suchen begreiflicher Weise Abschlüsse in Termin-Kaffee zu machen. Nnn steht es fest, daß diese Abschlüsse am allerwenigsten mit Kaffee-Händlern vereinbart werden — dies wäre am Ende noch eine Legitimatioii — sondern die meisten Umsätze werden mit „Outsiders“, d. h. mit Außenstehenden, zu Stande gebracht. Es sind dies Privallente, Banqniers, Handwerker, kurz alle die, welche auf die „glänzenden Aussichten" aufmerksam gemacht werden und sie zu benutzen trachten, und die Gesammtzahl dieser Aufträge von Leuten, welche niemals wirklichen Kaffee beziehen wollen, belauft sich auf Millionen Ballen, sie macht einen großen — oft den weitaus größten Thei! der Quantitäten aus, welche an dem Terntinbörsen umgehen. Die Termin- kundschaft im Lande, die „Ausstehenden", bestimmt den Preis des Pfundes Kaffee, je nachdem der Spielteufel, die Gewinnsucht, sie erfaßt oder nicht. Daß bei diesem frivolen Spiel auch mit schwindelhaften Nachrichten, bestellten Depeschen u. dgl. „gearbeitet" wird, ist selbstverständlich.
Der solide Handel in wirklichem Kaffee sowohl en gros wie im detail wird fortwährend in Unruhe und Aufregung erhalten durch die oft jeder Logik entbehrenden Preisschwankungen des Artikels. Manchmal ist wirklicher Kaffee zu den offizielle» Terminconrfen gar nicht zu haben, da die Besitzer von wirklich vorhandener Waare diese ganz anders bewerthen, als der Speeulaut, der „in der Luft" handelt. Man denke sich die Verwirrung, welche alsdann entsteht, wenn der Kaffeehändler am kleinsten Platze die Course liest — zu welchen aber die Waare nicht abgegeben wird. Während die paar Hundert Firmen, auch die mit dem „Notizbuch", für jeden Abschluß 1 pCt. Commission und !'a pCt. Courtage berechnen (Hausse wie Baisse ist ihnen ganz einerlei), wird der legitime Handel im Laude — Tausenden von Geschäfen mit Reifenden, Angestellten u. s. w. oft großen Verlusten ausgesetzt, wenn er, der wirkliche Handel, den Ernte-Aussichten und den Vorräthen ent
sprechend operirt, da das „Spiel ganz willkürlich die Preise hin und her wirst. Das Jahr 1889 lieferte eine der größten Ernten seit Menschengedenken, aber Dank der Terminbörse waren die Preise ganz enorm in die Höhe geschraubt.
Wie soll nun diesem unleugbaren Mißbrauch gesteuert werden, einem Mißbrauch, der ein so wichtiges Lebensmittel zum Spielball der Speeulation macht? Sollten die Gesetzgeber da noch Bedenken haben, einzuschreiten, wenn sie sehen, welche Schädigung dieses Hazardspiel in Lebensmitteln an dem legitimen Handel und an der Volksernährnng verursacht? Eine Börsensteuer hilft da nicht, dein Spieler macht eine Belastung, ob 1 pro Mille oder l pCt., gar keinen Eindruck, er hofft ja 10—20 oder mehr Procenie zu gewinnen! Das Gezeter der paar Hundert Firmen mit dem „Notizbuch" darf die energischen und zielbewußten Gesetzgeber nicht abhalten, die Tausende von Händlern mit wirklichem Kaffee nnd die Coilsumenten desselben, also die gefammte Bevölkerung, vor diesem Börsenschwindel zu schützen, welcher jede solide Geschäftsführung unterwühlt. Es wirkt geradezu komisch, wenn die Interessenten dieses Börsenschwindels iu's Jammern verfallen, daß ihnen die Termingeschäfte durch andere Plätze angenommen wurden; als wenn die stolze Hanfastadt Hamburg mit ihrem weltumfassenden Handel auf diese Art Erwerb angewiesen wäre. Es sind schon ganz andere Gesetze gemacht worden, um gemeinschädliche Mißstände abzustellen. Man hat alle Spielbanken in den Badeorten aufgehoben — die vorher concessionirt waren (das Termingeschäft ist dies nicht), ohne Rücksicht auf den Wohlstand der betreffenden Städte, welche in den ersten Jahren enorm geschädigt waren. Die ganze Presse, selbst die extremste Richtung, welche sonst für totale Unbeschränktheit des Handels eintritt, erkennt in dem „Papier-Kaffee" ein frivoles Spiel, — aber sie verschanzt sich hinter der Behauptung: Es giebl kein Gesetz dagegen! Nun weßhalb macht man keines? Das Gesetz trifft den Spieler nicht, lautet die Antwort. — Hierin liegt ein Körnchen Wahrheit. — Was alle Welt weiß, was bei den Termmspeculantc» ganz selbstverständlich ist — nämlich, daß es sich fast ausnahmslos um ein „reines Differenzgeschäft" handelt — das entgeht dem Gesetze, wenn der, welcher solche „Geschäfte" betreibt, nicht ganz ausdrücklich selbst erklärt, daß er ein „Spieler" ist. Das ist der heikle Punkt: Spielgeschäfte sind vor dem Gesetze nichtig, und wer will sich selbst als „Jobber" bezeichnen? Sollte nun an diesem Umstand eine gesetzliche Regelung- ohne Weiteres scheitern? Man muß das liebel an der Wurzel fassen, indem man den Handel mit „Papier- Kaffee", indem man den Termmhandel in Lebensrnitteln überhaupt im deutschen Reiche gänzlich verbietet. — Niemand, außer den Jobbern, will ihn; — Niemand hat einen Vortheil davon, als die paar Hundert Commissionäre.
Die Importeure mögen im Produetionslande vorans- faufeit, aber daß man die „Antsiders" durch den Schwarm von Agenten „hitzig" macht, das ist als absolut strafbar zu
ganz Petersburg folgte feinem Beispiel! Sie ist aber auch wirklich sehenswert!) — dreihundert nur der besten Kunstsachen von der jetzt geschlossenen Moskauer Ausstellung sind ausgewählt und hier ausgestellt worden, und so ausgestellt, wie nur die Franzosen es verstehen zu arrangiren — jedes Bild kommt zur Geltung! Es sind unter den Bildern sehr schöne Sachen von Bonität tt. A. so voll Gluth und Leben, daß man sie betrachtend auf ein paar Stunden unseren Norden mit seiner Dunkelheit und seiner Kälte vergessen könnte! Gleichzeitig mit den Franzosen haben auch unsere genialen Maler Repin und Schischkin ausgestellt. Das ist eine ganz eigenartige und interessante Ausstellung — die beiden Künstler zeigen uns nicht nur ihre Bilder in ihrer Vollendung, sondern auch alle Entwürfe, Skizzen und Studien dazu, so daß man das Bild sieht, nicht nur wie es ist, sondern auch wie es entstanden, geworden! Besonders Repin ist außerordentlich interessant. Sein neues historisches Gemälde „die freien Kosaken" ist so plastisch gemalt, so voll Leben, daß es dieses Bildes wegen allein schon lohnte, diese Ausstellung zu besuchen. Leider sind zwei der besten Bilder dieses Malers den Augen des Publikums entzogen morden — sie mußten auf hohen obrigkeitlichen Befehl gleich am ersten Tage der Ausstellung entfernt werden und das Publikum hat nur das zweifelhafte Vergnügen, die leeren Stellen an der Wand zu bewundern, wo die cenfunoibrigen Bilder gehangen haben. Das eine der Bilder hieß: „Nihi- listenverhaftung" und das andere „Verbotene Stndentenver- sammlung". Unsere armen Künstler! Sie müssen sich nicht nur die Kritik der Kunstverständigen und des Publikums gefallen lassen, nein, sie sollen auch noch der Polizei nach Wunsch malen! Da Repin seine Bilder auch im Auslands ausstellt, so -werden die hier verbotenen Bilder hoffentlich dort die Anerkennung finden, welche ihnen hier versagt wird! Beide eben beschriebenen
Ausstellungen sind zum Besten der Nothleidenden arraugirt. werden — hier geschieht jetzt Alles, was man thut ober läßt, nur zu biefem Zweck. Es wird gegessen und getrunken, gearbeitet und getanzt, Theater und Concerte besucht. Vortrüge und Predigten gehört — immer nur für die armen Hungernden. — Um die dehors zu wahren ober das eigene Gewissen zu beruhigen, wird jedem Amüsement das Wohlthätigkeits- mäntelchen umgehängt! Außer dieser Pseudo-Wohlthäiigkeit findet sich bei uns — Gott sei Dank — auch noch wirkliche und practische: die redet aber nicht viel und drängt sich nicht so an die Oeffentlichkeit. Nur zufällig hört man, daß eine Anzahl junger, angehender Aerzte, Studenten, Zöglinge derFeld- fcheererinnenschulen rc. sich in die Nothstandsgebiete begeben habe, um dort zu helfen, um nach dem Beispiel des Grafen Tolstoi und seiner Tochter unentgeltliche Suppenanstalten zu eröffnen und zu leiten, und daß reiche Gutsbesitzer ihre noch vorhandenen Kornvorräthe diesen Anstalten zur Verfügung gestellt haben. Diese einzelnen privaten Bestrebungen sind aber lange nicht ausreichend und die Opferwilligkeit entspricht nicht der Große der Noth. Anfangs halte die Negierung die Absicht, durch Einführung einer Einkommensteuer die wohlhabenden Klassen der Bevölkerung mehr zur Hülfe heranzuziehen, und die liberaleren Zeitungen brachten Artikel über Artikel, in denen sie — Amerika zum zweiten Male entdeckend — zu beweisen versuchten, daß es eine himmelschreiende Ungerechtigkeit wäre, daß alle Adligen, Staatsbeamte, ja alle die eine höhere Lehranstalt absolvirt hätten, von jeder directeu Steuer befreit wären! .Es verfing aber Alles nicht — diese Maßregel ist zu unpoplär bei unseren „privilegirten Ständen!" Jetzt hat die Regierung einen bequemeren Ausweg in der famosen 6-Millioneu-NoIhstands- ßotterie gefunden — dabei werden, wie das russische Sprüchwort sagt, „Die Wölfe satt und die Schafe bleiben heil!"
