Abend-Ausgabe«
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40. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgabe». — BezugS-PreiS: In Wiesbaden und den Landortcu mit Zweig- EMditiouen 1 Mk. 50 Pfg., durch die Post 1 Mk. 60 Pfg. für das Vierteljahr.
Verlag: Laiiggasse 27.
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Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeigen 15 Psg., für auswärtige Ailzeigeu 25 Pfg. — Ncclauie» die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.
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Wie die sozialdemokratische Partei hat auch die Bnch- druckergehilfenschaft ihre Parteien der „Alten" und „Jungen", und dort wie hier scheint sich das Bebel'sche Wort zu bewahrheiten, daß der Energische den minder Energischen immer unterkriegt. Die Partei der „Alten" sind die echten und rechten Gewerkvereinler; diese betrachteten ihren Ge- werkvercin, also den Unterstützungsverein deutscher Buchdrucker, als eine nach außpn abgeschlossene, dem politischen Getriebe fernzuhaltende Organisation zu beruflichen Zwecken und suchten ihn nach Möglichkeit zu einem Hort für die Mitglieder in allen Fährnissen des Lebens auszugestalten, und da sie hierbei zugleich auch auf ein leidliches Einver
nehmen mit den Buchdruckereibesitzer» bedacht waren, so
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batten sie auch hierin ansehnliche, auch dem Gemeinwohl zu Gute kommende Erfolge. Neprüsentantcn dieser Partei waren die GewerkvereinsrVorstände vom „alten Härtel" bis zu Döblin und ein Theil der Gauvorstände, der freilich in
der neuesten Zeit recht sehr zusammengeschmolzcn ist. —
Die Partei der „Jungen" hingegen, deren Hochburg vou
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jeher Leipzig war und noch ist, pfeift auf die strenge Be- rufsgcmcinschaft und auf die Harmonie mit den Arbeitgebern, sie betrachtet den Gewerkverein mit seinem Kastenwesen, sowie die Tarif - Gemeinschaft mit den Prinzipalen als einen -Hemmschuh und sucht im Anschluß au Cie allgemeine Arbeiterschaft, int sozialdemokratischen
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Es waren nun jedenfalls „Alte", die am Abend des 24. Dezember in Berlin über den vom Leipziger Universitäts- Tocenten Dr. G. von Schulze-Gaevernitz nach vorherigem Einvernehmen mit dem König!, preußischen Handelsministcr Freiherrn von Berlepsch gemachten Vorschlag zur Beilegung des Strikes: Wiederaufnahme der Arbeit zu den früheren Bedingungen und allgemeine Beendigung des Ausstandes unter Vermittelung der Verhandlungen mit den Prinzipalen durch Minister von Berlepsch beriethcn, und auch Döblin fcheint sich seiner Stellung als Gewerkvereinsführer bewußt Mwesen zn sein, da er mit Erfolg für die Annahme dieses Vorschlags, der die Wiederherstellung der Tarifgcmeinschast und damit ein gedeihliches Weiterwirken des Gewerkvereins ermöglicht hätte, eintrat.
Programm nnd Jargon das künftige Heil des Vuchdrucker- gehilfenstandes. Repräsentanten dieser Partei sind Mitglieder des jetzigen Vorstandes des U.-V. D. B., der größte Theil der Gauvorstände und Versammlnugsrcdner und das 4 ä Vereinsorgan, der „Correspondent für Deutschlands Buchdrucker und Schriftgießer", das in der That sehr oft den Eindruck macht, als ob cs von Jungen für Jungen geschrieben aufr und. redigirt würde. Die „Jungen" haben denn auch den
’" , Tinte auf dem Gewissen nnd rühmen sich seiner noch als
einer großen That. Und der größte Fehler der „Alten", der ihre Verdienste arg schmälert, ist, daß sie zu all dem unsinnigen Thun der „Jungen" eine geradezu stoische Passivität zeigten.
Montag, den 11. Januar
1892.
** Herr Döblin berichtete über diese Sitzung des Vorstandes des Unterstützungsvereins an Herrn Dr. v. Schulze-Gaevernitz das Folgende :
„In einer heute Abend (24. Dezember) ftnttgefiinbcr.cn Sitzung des Vorstandes unter Hinzuziehung einiger auswärtiger Vertreter iDuibe der von ihnen gemachte Vorschlag (Wiederaufnahme der Arbeit zu den früheren Bedingungen, allgemeine Beendigung des Ausstandes) dikcutirt. Aus einigen größeren Druckortcn wurde die Situation der Gehilfen sehr günstig geschildert und nur schwer vermochte man sich zu entschließen, dem von mir vertretenen Vorschläge zuziistimmen. Schließlich gelang es mir doch, die allseitige Zustimmung zu erhalten. Sie wollen daher freundlichst von der That- lache Notiz nehmen, daß die Wiederaufnahme der Arbeit zu den früheren Bedingiiugcn ei folgen wird. Die Zustimmung erfolgte unter der Voraussetzung, daß die Vergleichsverhandlungen doch noch einige Vortheile für die Gehilfen bringen werden.
Döblin."
Auf Vorschlag des Herrn von Schulze-Gaevernitz änderte Herr Döblin auch noch das Wort „Voraussetzung", das möglicher Weise als Bedingung ausgelcgt werden konnte, in „Hoffnung" um,, das keine Bedingung enthielt.
Die „Alten" tvareir also bereit gewesen, die Niederlage der Gehilfenschaft einzugesteheu und um Frieden nachzusuchen, um ihren Gewerkverein und sein Wirken zu retten. Daß aus der Vermittelung nichts wurde, trotzdem die Prinzipale auf obigen Vorschlag unter Wiederherstellung der Tarifgemeinschaft eiuzugehen bereit waren, ist bereits berichtet worden. Wahrscheinlich hatten sich, ehe es so weit kam, sowohl Frhr. von Berlepsch als Herr Döblin anders besonnen nnd zwar darauf, daß die „Jungen" die ganze Bewegung bereits in ein solches Fahrwasser geleitet hatten, daß die Vermittelung eines hohen Regierungsbeamten nicht mehr rathsam erschien.
Die „Jungen" waren natürlich auf das Vorgehen der „Alten" sehr schlecht zu sprechen, war ja doch Gefahr vorhanden, daß bei dem Vermittclungsvorgange das Schiffleiu der Gehilfenorganisation wieder aus dem sozialdemokratischen Kielwasser hcrausgebracht wurde. Dem mußte vorgebeugt werden nnd so warf sich denn vor Allem die Leipziger nach der Führung haschende Sippe ins Wasser. Es itwhe den bethörten Gehilfen vorgelogen, die Prinzipale hätten in ihrer Verlegenheit die Vermittelung des preußischen Handelsministers nachgesncht, das Nachgeben als „Selbstschändung" bezeichnet,-dem in Berlin versammelt gewesenen U.-V.-Vorstande das Zcngniß ausgestellt, „es wäre eine Schande für die Buchdrucker, daß sie solche Verführer hätten" und die Zustimmung der urthcilsloseu Masse zur Fortsetzung des Elaffenkampfcs auch glücklich abgeruugeu. An den anderen Druckorten thaten es die Schreihälse der „Jungen" ihren Leipziger Vorsängern wacker nach, nur in Breslau, Hannover, Nürnberg, Glogan 'wollten die Führer nicht mehr mitthun und gaben den Rath, wieder anzu- fangeu; hatten jedoch hierbei die Rechnung ohne den Wirth — die Prinzipale — gemacht, die nun zum großen Theile ihrerseits striken lassen.
Die „Alten" sind also mit ihrem redlichen Bemühen den „Jungen" unterlegen, auch Döblin ist wieder „jung"
geworden nnd der Kampf gegen die Wiedereinführung gewerblicher Ordnung, gegen die Wiederaufrichtung des Ü.-V. D. B. wird unfinnigerweise fortgesetzt.
Die „Alten", das heißt die wirklichen Ge- werkvereinler, sind aber unter den Buchdruckergehilfen keineswegs so dünn gesäet, als es nach diesen Vorgängen den Anschein hat. Um so mehr ist es, auch im öffenilicheu Interesse, zu bedauern, daß sich unter ihnen keine Stimmen gegen die Klassenkampfhetze und den Fachvereinsdusel, die jetzt gepredigt werden, erheben. Wahrscheinlich wirkt da die Furcht vor den Rohheiten der „Jungen" lähmend. Die unausbleibliche Steigerung der Roth wird aber schon den Zeitpunkt herbeiführen, wo die der Gesinnung nach „Alten" sich der Segnungen und Erfolge, welche die Gehilfenorganisation unter dem 18-jührigen Bestehen der Tarifgemeinschaft hatte, erinnern, wo sie daran denken, daß die Regelung der Lohn- nnd Arbeitsbedingungen und des Lehrlingsiveseus wie der Eoucurrenzverhältnisse durch das ganze Reich bei aller Mangelhaftigkeit der Tarif- gemeinschaft doch ein großes Werk derselben war, um das das Buchdruckergewerbe von allen anderen Gewerben beneidet wurde. Dann werden sie auch wohl den Muth finden, sich gegen die kopflosen Stürmer zu organisiren.
Was wollen denn die sozialdemokratischen „Jungen" eigentlich? Die Tarifgemeinschaft, d. h. das^ gemeinschaftliche Festsetzen derLohn- nnd Arbeitsbedingungen von Prinzipalen und Gehilfen, wollen sie nicht. Das Gegentheil hiervon würde die einseitige Festsetzung der Lohn- und Arbeitsbedingungen durch die Arbeiter und ihre Aufrcchter- haltiing im Wege permanenten Strikes sein. Das wollen sie aber auch nicht, tveil sie sich sagen müssen, daß das nicht geht. Also was wollen sie ? Es geht ihnen, wie den Nihilisten in Rußland (nach Turgenjew's „Neuland"): jeder strebt nach etwas, das seiner Meinung nach nur die Führer wissen; die Führer wissen es aber auch nicht.
Mit all'diesem widersinnigen Thun arbeiten die Buchdrucker- gchilfen nur zu ihrem eigenen und -t'-eg Gewerbes Schaden und der Sozialdemokratie in die Hände. Wie diese aber hierüber und über das Elend des Strikes denkt, mag der folgende Aufsatz ans berufener Feder darlegen. L. A. L.
*
Das „Leipziger Tageblatt" schreibt:
Während bisher die fozialdemokratifchen Organe die Lage der ftritenben Buchdruckergehilfen trotz ihrer Aussichtslosigkeit stets als eine ungetrübt rosige malten unb mit Pauken und Trompeten den „Sieg" der Ausständigen als unfehlbar verkündet batten, beginnen sie jetzt, nachdem sie die Gehilfenschaft glücklich bis in die äußerste Sackgasse der Rathlosigkeit hiueingehetzl baden, in einer ganz anderen Tonart sich zu äußer». Jetzt erst tragen sie den mephistophelifchen Pfeidefuß, der sich hinter dem zerschlissene», fadenscheinige» Gewand der sozialdemokratischen Agitation jedesmal versteckt, mit offener lluverfchänttheit zur Schau und geben ihrer Freude darüber Ausdruck, daß, wenn auch der Strike zum Nachtheil der Gehilfen auslaufe, doch der Ausstand das eine „Gute" zur Folge habe: die sozialdemokratische Gewerkschaftsorganisation und die sozialdemokratische Partei als solche zu verstärke»! Das also ist des Pudels Ker»! Deshalb niußte» Tausende von
Nachdruck verboten.
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Die von der Kohls.
Eine Waldgeschichte ans dem Bergischen
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*) Peter.
von Schutte vom Arühk.
(Eigenes Feuilleton des „Wesbadener Tagblatt".)
,-'Lll! her von der Kohls Pitter*) wär' endlich in Nummer eteger," sagte der Waldhüter Henkels und hing mit einem ^suhl selbstgefälligen Behagens seine alte Perkussionsflinte, e erbeim Transport seines Gefangenen schußbereit unter m ^tragen hatte, über die Schulter. Und mit dem w’rf n der Befriedigung zog der alte Polizeidiener T5 . er den rostigen Schlüssel aus der Thür des Spritzen- hauies, in das sie den berüchtigten, nun glücklich erwischten Vmzdieb und Schlingensteller einsperrten, damit er dort sitze, ls ihn ani anderen Morgen der Landgensdarm ins Ge- I ugniß zn S. überführe.
,- „ .^^e. weitere Verabredung, ganz als ob sich das von bof ^"Mnde, schritten dann die Beiden dem nahen „Gast- 0*flciLW toc*6tn Roß", der einzigen Kneipe des Ortes, ent-
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afil(5Ie gesäumte Dorfjugeud und eine Gefolgschaft von ber Mt Rassen drängte sich hinter ihnen her und einige bie an- n "üb frechsten Jungen begnügten sich nicht damit, breift “H<t "ffrnen Mundes anzustieren, sondern stellten der V-^ra8cn und begehrten zu wissen, wie, wo und wann •h^ier gepackt worden sei.
faüte 8 5 fle^1 Euch nichts an," sagte der Waldhüter grob,
_ nnd • 11 "ber einen halbwüchsigen Strolch fest in's Auge * gjß, ^Intc: „Wenn's einer auch noch so schlau anstellt, am
______ er doch am Schlafittchen gekriegt, ob er nun ein
alter Spitzbub ist oder ein junger Holzdieb, der noch beim Pastor in die Kinderlehr' geht! Was meinste dazu, Drickes?"*)
Drickes meinte gar nichts, er sah nur scheu zur Seite und putzte sich die Nase verlegen auf dem Aermel seines zerrissenen blauen Linnencamisölchens, eine Bewegung, die er auch an sich hatte, wenn ihm der Pastor im Katechumenen- Unterricht einmal eine knifflige Frage verlegte, etwa: wie der Erzvater Abraham geheißen oder wie vielx Psalter der König David gesungen habe.
Die Dorfjugeud war. es übrigens nicht allein, die für die Gefangennehmung des Messerschleifers Peter von der Kohl Interesse zeigte. Das Helle Klingkling in den kleinen Schmieden und das Klappdiklapp an den Webstühlen der Seidenweber hörk^auf, obgleich es bis zur Abenddämmerung noch eine gute Stunde hin war; und bann sah man die Männer, die schnell in ihre gedruckten oder gestrickten Jacke» fuhren, ebenfalls dem „weißen Roß" zustrebeii, nachdem sie vorher von den in Gruppen an der Straße stehenden Weibern ermahnt worden waren, bald wiederzukommen und alles zu erzählen.
In der engen Wirthsstube drängte es sich und der Wirth, der auch unter Tags das Weberschiffchen fliegen ließ, lief sammt seiner Tochter hin und her, um aus einer großen Flasche Klaren **) anszuschenken. Nur der Förster gönnte sich in Anbetracht der wichtigen Begebenheit ein Glas Bier, während sich der Ortsvorstand, der Schmied Pickart, mit einem Doppelkümmel für die ungewohnte Mühe lohnte, die ihm die Aufnahme eines Protokolls bei der Einlieferung Pitters verursacht hatte.
Diejenigen, die gehofft hatten, vom Waldhüter .Henkels, den sie „Förster" nannten, eine gewaltige Räuber- und
*) Andreas.
**) Branntwein.
Schauergeschichte zn erfahren, wurden allerdings sehr enttäuscht, denn jener erzählte ohne romantische Ausschmückung, aber mit einem gewissen Stolz, wie er den Pitter endlich nach langem Bemühen erwischt habe, als er eben einen feisten Hasen aus einer Schlinge löste. Ein halb Dutzend Drahtschlingen hätte der Wilddieb überdies noch bei sich gehabt. Anfänglich habe er entfliehen wollen, da er aber das Vergebliche solchen Planes bald eingesehen, sei er plötzlich wie ein Raubthier auf den Jäger zugestürzt und habe versucht, ihm die Flinte zu entreißen. Da zeigte sich nun, daß Henkels, der in Düsseldorf lange als Unteroffizier diente, die „Handgriffe" noch nicht verlernte, und nach hitzigem Ringen hatte er dem Pitter so übel mitgespielt, daß dieser wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, vor dem mit gespanntem Gewehr hinter ihm drein schreitenden Heber« winder gehorsam dahinmarschirte und sich vor den Ortsvorstand und bann ins Spritzenhaus bringen ließ. Das war bie ganze Geschichte, doch der Schmied Pickart wußte sie durch bie Behauptung zu würzen, der Pitter könne für die Fülle seiner Sünden und vornehmlich, weil er sich an einen, Beamten thätlich vergriffen habe, doch sein halbes Jahr aufgebrummt (liegen.
— „Ja," sagte der Förster und warf sich ein wenig in die Brust, „es ist so gut, wie ein Angriff auf die Staatsgewalt, wenn ich auch nur Privatförster bin.
„— 's ist eigentlich schad' um den Pitter," meinte Einer „Er pliestert *) die Messer so fein, daß man meint, sie wären polirt, und er könnte fein gutes Auskommen haben, wenn er nicht so aufs Saufen nnd auf das Herumströppen im Dusch versessen wär'. Es mag ihm jetzt nicht recht extra ums Gemüth fein."
„Er hat auch was zn fühlen gekriegt," bemerkte bei
*) Pliestern, eine Art «m schleifen.
