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Donnerstag, 10. Dezember 1914. MOtgCH* flUSCJCtbfc.
Nr. 575. ♦ 62. Jahrgang.
Der Krieg.
Das Befinden des Kaisers.
W. T.-B. Berlin, 9. Dez. (Nichtamtlich.) Seine Majestät der Kaiser hat das Bett auch heute noch nicht verlassen können, aber den Vortrag des Chefs des Gencralstabs des Feldheeres über die Kriegslage entgegengenommcn.
Ein neuer Generalstabschef.
W. T.-B. Berlin, 9. Dez. (Nichtamtlich.) Generaloberst v. M 0 l t k e hat seine Kur in Homburg beendet »nd ist hier eingetrofsen. Sein Befinden hat sich glücklicherweise erheblich gebessert, ist aber doch noch immer so, daß er bis aus weiteres nicht wieder ins Feld liehen kann. Seine anderweitige Verwendung ist in Aussicht genommen, sobald sein Gesundheitszustand cs gestattet. Die Geschäfte des Chefs des General- Ü a b s des Feldheeres sind dem Kriegsminister Generalleutnant v. F a l k c n h a y n, der sie seit der Erkrankung des Generalobersten v. Moltke vertretungsweise übernahm, unter B e I a s s u n g im Amte als Kriegs- m in ist e r endgültig übertragen worden.
Generaloberst v. Moltke. der am 23. Mai 1848 geboren ist, also im 67. Lebensjahr steht, ist bekanntlich ein Neffe des großen Generalstabschefs, Generalfeldmarschall Hellmut v. Moltke, dessen Namen er auch trägt. Er trat als Junker >n das Füsilier-Regiment Nr. 86 in Flensburg ein. machte den Feldzug 1870/71 mit, wurde während desselben Leutnant, kam 1881 als Hauptmann in den Großen Generalstab, war mehrere Jahre Adjutant bei seinem Onkel, wurde nach dessen Tod 1891 Flügeladjutant des Kaisers, als Oberst befehligte er das Kaiser-Alexander-Garde-Grenadier-Regiment, als Generalmajor die 1. Garde-Jnfanteriebrigade, als Generalleutnant die 1. Garde-Division. Zum Generalstab kehrte er 1904 zurück, und zwar zunächst als Generalquartier- Meister. Nach Graf Schlieffens Rücktritt 1906 wurde er Chef des Gencralstabs unter Beförderung zum General der Infanterie. Am diesjährigen Geburtstag des Kaisers erfolgte seine Ernennung zum Generalobersten. Über Moltke» Tätig" keit und Verdienste in dem verantwortungsvollen Amte des Generalstabschefs zu urteilen, ist seht nicht die Zeit, doch darf so viel gesagt werden, daß er die Friedenszeit voll genutzt, die Vorbereitungen zum Kriege so getroffen, daß sie auch diesem gewaltigen Weltkriege standhielten, unsere Mobilmachung, unser Aufmarsch, überhaupt der ganze gewaltige Apparat des Heeres zum Staunen der ganzen Welt wie am Schnürchen funktionierte. Wie aus der Nachricht über seinen Rücktritt bervorgeht, wird seine schätzenswerte Kraft dem Heere nicht verloren gehen, da ja seine anderweitige Ver-« Wendung in Aussicht genommen ist.
Generalleutnant Erich v. Falkenhayn wurde am U. November 1861 in Burg-Belchau ui Westpreußcn ge- boren, ist somit 53 Jahre alt. Er wurde im Kadettenkorps erzogen und am 17. April 1880 als Leutnant im Jnf.-Reg.. Rr. 91 in Oldenburg eingestellt. 1887 wurde er zur Kriegsakademie kommandiert, die er bis 1890 besuchte, um dann mit glänzenden Zeugnissen zu seinem Regiment zurückzukehren. Roch in demselben Jahre wurde er zur Dienstleistung in den Generalstab befohlen, 1893 erfolgte, zugleich mit seiner Beförderung zum Hauptmanu seine Einreihung in den Großen Generalstab. Ein Jahr später wurde er Generalstabsoffizier keim 9, Armeekorps, 1895 Kompagniechef im Jnf.-Reg. 21 w Thorn. Im folgenden Jahre ging er als Militärinstrnk» wur nach China, von wo er 1899 zurückkehrte. Zunächst fand or, zum Major a la suite des Generalstabes ernannt, Verwendung beim Gouvernement Ktautschau, von wo er 1900 w den Großen Generalstab versetzt wurde. Bald daraus wurde er zum Generalstab de? 14. Armeekorps kommandiert, k«m aber schon nach kurzer Zeit beim Ausbruch der Boxcr- önruhen zum Generalstab des ostasiatischen Expeditionskorps. Erst 1903 kehrte er, nachdem als Generalstabsaffiziel öei der Besatzungsbrigade in China Dienst getan hatte, nach Deutschland zurück und wurde Bataillonskommandeur im
Jnf.-Reg. in Braunschweig. Mit seiner Ernennung zum Oberstleutnant lm September 1905 wurde er Abteilungsches sw Großen Generalstab. Ein Jahr später trat er an die Spitze des Generalstabes des 16. Armeekorps in Metz und wurde 1911 Kommandeur des 4. Garde-Regiments zu Fuß. Anfang 1912 wurde von Falkenhayn Chef des Generalstabes öos 4'. Armeekorps in Magdeburg. Am 22. April 1912 er- wlgte seine Beförderung zum Generalmajor und am 7. Juli *913 unter Beförderung zum Generalleutnant seine Erkennung zum Kriegsminister als Nachfolger des Generals
Heeringen. Seit der Erkrankung des Chefs des General- üabes Generaloberst v. Moltke versah er dessen.Dienstgeschäfte vertretungsweise, um diese nun völlig zu übernehmen.
^iekjiobsbotkckasl von Lodz bei den Franzosen
Hindenburg als Nikolaus.
Br. Rosendaal, 9. Dez. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.)
„Times"-Telegramm brachte den durch Petersburger ^wgesmeldungen verwöhnten Franzosen die Hiobsbotschaft,
Lodz in die Hände der Deutschen gefallen sei. Um in der "sfentlichen Meinung aber nicht die Vermutung aufkommen öu lassen, die Besetzung wäre etwa als ein deutscher Wassen- N°lg anzusehen, fügt eine Havas-Note der Londoner Meldung folgendes bei: Es handelt sich um eine rein.
strategische Anordnung des russischen Generalstabs. Der Vorstoß der Deuts ch e n hat nichts anderes zu bedeuten, als den g es ährlichen Rückzug entlang der ganzen Front zu decken. Mehr denn jemals verdient die alliierte Heeresleitung unsere Bewunderung und unser Vertrauen. Der Augenblick, wo sich die russische Offensive fächerartig entfalten und eine u n w i d e r st e h l i ch e Kraft zeigen wird, ist nicht mehr fern. — In dem Pariser Bericht wird auf die schweren Verluste der Deutschen hingewiesen. Lodz sei ein ausgehungertes Städtchen, in dem man nichts anderes finde als deutsche Spione. Was die Deutschen dort anfangen werden, so heißt es in den Berichten, ist uns schleierhaft, aber Hindenburg hat sich verpflichtet, den ihm vertrauenden Landleuten mit einer Überraschung zu St. Nikolaus aufzuwarten. Uns läßt die Geschichte kalt; wir haben einen viel stärkeren Erfolg zu verzeichnen: Die Eroberung von Vermelles.
Rückzug der Russen von Rrakau.
Br. Wien, 9. Dez. (Eig. Dvcchtbericht. Ktr. Bin.)
Nach Krakauer Berichten sind die russischen Truppen, die große Verluste erlitten, stark zurückgedrängt worden. Der Donner der Festungsgeschütze dauert fort, da die Russen gehindert wurden, in weitem Umkreise von Krakau ihre Feldbefestigungen zu errichten. Die Russen wurden im Norden, Osten und Süden von Krakau unter riesigen Verlusten zum Rückzug gezwungen. Angesichts dieser Lage kann von einer Einschließung oder gär Belagerung Krakaus keine Rede mehr sein. — Vereinzelt wagen sich russische Flugzeuge über den Festungsbereich von Krakau. Ein Flieger warf eine Bombe in die Stadt, die das Dach eines Hauses durchschlug, ohne Menschen zu verletzen. Die Dorfbewohner der Umgegend ahmten das Beispiel der Soldaten nach, indem sie sich familienweise in Erdhöhlen cingruben und dort das Ende der Beschießung abwarten.
Österreichische Sicherheitsmatznahmen in Serbien.
W. T.-B. Budapest, 9. Dez. (Nichtamtlich.) Das österreichisch-ungarische Armeskommando in Serviert erließ zwei Proklamationen, nach deren ersteren düs Waffentrogen streng verboten ist. Alle Waffen und Munition sind bei der nächsten Militärbehörde abzuliefern. Die Weite Proklamation ordnet an, daß mit Rücksicht aus den Umstand, daß sich serbische Soldaten in Zivilkleidung unter die zurückkehrende Bewohnerschaft gemischt ustd auf österrcichisch-ungari- sche Soldaten geschossen haben, jeder waffenfähige Serbe von 15' bis 60 Jahren verpflichtet ist, sich bei dem nächsten Militärkommando zu melde n, widrigenfalls er mit dem Tode bestraft wird.
Japans Sehnsucht nach Indochina.
Br. Genf, 9. Dez. (Eig. DrahtLericht. Ktr. Bln.) Der „Cri" meldet aus Paris, daß Japan anfangs September Frankreich vorschlng, 10 Armeekorps nach Europa zu senden, falls Jndochina an Japan abgetreten werde. Als Frankreich dies ab- schlng, sagte Japans Unterhändler wörtlich: „In 20 bis 40 Jahre» fällt Jndochina uns doch als reise Frucht in den Schoß. Frankreichs Macht ist dort illusorisch, Es wäre b e s s e r, Jndochina g u t w i l l i g aüzntrcten." Pichons Propaganda verfolgt jetzt den gleichen Plan unter denselben Bedingungen.
Oer japanische Minister des Rutzern über Mautschau.
W. T.-B- Tokio, 9. Dez. (Nichtamtlich.) Der Minister des Äußern K a t o sagte im Abgeordnetenhause, daß die Be- ziehungen zwischen den Verbündeten und Neutralen in allen wichtigen Fragen befriedigend seien. Ein offenherziger Mei- nungsaustausch habe zwischen Japan und China wegen Kiautschau stattgefunden. Die chinesische Regierung habe die Lage völlig begriffen. Kalo dankte den Union- staaten für ihre Bemühungen um die. Freilassung der in Deutschland gefangen gehaltenen Japaner.
vas Versagen der belgischen Rekrutierung.
M. Amsterdam, 9. Dez. Die „Tijd" meldet aus K o r t r y f, ; daß junge, der Jahresklasse 1914 angehörende Belgier dem Rufe der belgischen Regierung, sich zu den Waffen zu stellen, keine F o l g e geleistet haben. Sie haben vielmehr der deutschem Militärbehörde das eidliche Versprechen gegeben, während des Krieges nicht gegen Deutschland zu kämpfen, das gleichfalls von der Bürgerwehr geleistet wurde. Der Bürgermeister, die. Schöffen und einige Ratsmitglieder dienen als Geiseln für das Wohlverhalten der Bevölkerung.
Oie iThphusyefahr in der belgischen Rrmee.
IV. T.-B. London, 9. Dezember. (Nichtamtlich.) In der „Times" berichtet ein medizinischer Berichterstatter aus La Panne in Belgien über die Typhusepidemie in der belgischen Armee. Die. ungeheuren Anstrengungen des Feldzugs verursachten eine dauernde Nervenabspannung, welche die natürliche Wider-
st a n d s k r a f t gegen Krankheiten verringere und den Boden für eine Epidemie vorbereite. Dies ist auch.der Grund, waruni eine Typhusepidemie gegenwärtig so gefährlich ist. Das beste Heilmittel gegen Krankheit wäre die Ausbringung neuer Soldaten. Die Sorge für frisches Men- schemnaterial ist aus medizinischen Gründen notwendig.
Die französischen Rriegsberichte.
. W. T.-B. Paris, 9. Dez. (Nichtamtlich.) Amtlich wird vom 8., 3h^, Uhr nachmittags, gemeldet: Der Feind zeigte im Äser gebiet und in der Umgebung von Npern st ä r k e r e Tätigkeit als ani Tage vorher. Unsere Artillerie erwiderte erfolgreich. Im Gebiete von Arras machte uns ein sehr glänzender Angriff, wie bereits gemeldet, zum Herren von Vermelles und Rutroir. Vermelles war seit zwei Monaten der Schauplatz erbitterter Künipfe. Der Feind hatte am 16. Oktober dort Fuß gefaßt und es gelang ihm vom 21. bis 25. Oktober uns aus der Ortschaft heransgu- werfen. Seit diesen Tagen haben Spaten und Minen- operationen uns fußweise bis zum Dorfrand zurück- gebracht. Am 1. Dezember erstürmten wir den Park des Schlosses.
In dem Gebiet an der Aisne und in der Champagne fanden einige Artilletiekämpfe statt, bei denen unsere schwere Artillerie mehrere feindliche Ansammlungen auseinandertrieb. In den Argon neu und im Walde von G o u r i e, nordwestlich Pont-ü-Mousson, gewannen wir etwas an Boden. Sonst hat sich nichts ereignet.
(Anmerkung des IV. T.-B. : Die Wahrheit über Bermelles ist glücklicherweise durch den.' Bericht des deutschen Hauptquartiers bekannt geworden. Man weiß also, daß ber französische Bericht nicht nur mit maßlosen Übertreibungen, sondern mit groben Unwahrheiten arbeitet, ein untrügliches Zeichen der Schwäche.)
Amtlich wirid von 11 Uh r abends gemeldet: Ein heftiger Angriff der Deutschen gegen St. Eloy, südlich Ipern, wurde zurückgeworfen. Der Kamps im Argonncr Walde und westlich davon ist immer noch sehr heftig. Sonst ist n ich t s Besonderes zu melden.
§t. chuentin unter deutscher Herrschaft.
Berlin, 9. Dez. Ein aus St. Quentin eingetrossener Holländer, der als Teilhaber einer Zuckerfabrik in der genannten Stadt ansässig ist, teilte dem Berichterstatter des . B. L-A." in Rosendaal folgendes mit: Das von den Deutschen besetzte Gebiet ist, entgegen den französischen Berichten, vollständig ruhig. In St. Quentin herrscht zwischen der Kommandantur und den Gemeindevertretern ein gutes Einvernehmen. Man sorgt in l o b e n s w e r t ein E i f e r für die hungernde, arbeitslose Bevölkerung und tut das Möglichste, um das stockende Verkehrsleben wiederherzustellen. Ich hege die größte Bewunderung für die deutschen Sanitätssoldaten. Was sie in Feindesland Gutes getan haben, das verdient höchste Anerkennung. Die braven Menschen , werden von den Franzosen , sehr geschätzt. Wenn auf den Flugzetteln, die von Luftschiffern in die Stadt geworfen werden, von „Barbaren" die Rede ist, so zeigen sich die Einwohner empört über diese ungerechte Beschimpfung. St. Quentin hat kein absonderliches Verlangen, vom Feinde befreit zu werden. Täglich sendet ein Flieger die Botschaft: „Wir kommen, wir verjagen den Feind aus eurer Stadt." Beim Lesen dieser Nachricht brechen die Weiber und Kinder in Tränen aus. Sie fürchten, daß St Quentin von den Franzosen verteidigt wird und dann das gleiche Schicksal erleidet wie Arras, Reims, Soissons, Armentiöres und viele »andere schöne Städte Nordfrankreichs. „Wir fühlen uns 'unter deutscher Herrschaft ganz zufrieden, sie mögen uns doch in Ruhe lasse n." Diese und ähnliche Bemerkungen hört man sehr häufig in den Straßen von ' St. Quentin. .
Das Krtegselenö in Nordfrankreich.
Ein junger Lehrer, der in Frankreich mitkämpft, .schreibt in einem Brief: «Die Frauen und Kinder der Franzosen verhungern jetzt schon. Wir haben den Frauen und Kindern in Ch., das wir stürmten, unsere Brotporiion für den Tag gegeben. Ich habe den Kindern Stullen geschnitten. Die blassen, schmalen Gesichtchen hingen an meinem Rock und riefen immer: . „Guter Onkel, guter Preuße, gib mir Brot, Hunger, Hunger!" Ich konnte mir nicht anders helfen, ich habe- ihnen meinen eisernen Bestand an Schokolade gegeben, meinen Zucker und etwas von der Wurst, die mir mein Hauptmann gesandt hat. Die Frauen haben seit neun Wochen keine Nachricht-von ihren Männern, weil die nicht schreiben dürfen. Mir sagten sie,. weil ich der Dolmetscher war: „Wenn wir, nur unfern Männern schreiben könnten, daß die Franzosen und Engländer uns unser Brot genommen haben und uns verhungern lassen, während die Preußen uns alles geben und uns beschützen, dann würden wir scholl de» Krieg beendigen. Dann würden die Männer nicht mehr kämpfen." Jetzt haben die Franzosen mit ihrer Artillerie das ganze Dorf zerschossen. Die Einwohner, haben wir, 600 Frauen, Greise und Kinder, nach Ch-, einem verlassenen Ort,-gebracht, wo sie Wohnung er-
