Verlag Langgasie 21 „Tagdlatt-Haus".
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■ ffl””"'gfeffäWfl.'lffra Berliner Schriftleitung des Wiesbadener Tagblatts.- Berlin-Wilmersdorf Güntzelstr. 66. Fernspr.: Amt Uhland 450 «. 4M.
Donnerstag. 3. Dezember 1914. M0vgM-KU§gLbe. Nr. 363. . 62. Jahrgang.
zweite Megstagung des Reichstags.
Sitzungsbericht.
Dritte Sitzung, nachmittags 4 Uhr.
^ Eigener Draht bericht des ..Wiesbadener Tagblatts".
Berlin, 2. Dezember.
Am Bundesratstisch: Reichskanzler v. Bethmmin-Hollweg, Dr. Delbrück, v. Jagow, Großadmiral v. Tirpitz, v. Hertling, Kraetke, v. Trott zu Solz, Sydow. v. Wandel, v. Beseler, v. Löbell, Haoenstein und eine Fülle von Bevollmächtigten zum Bundesrat und Kommissare.
Das Haus ist vollstäridig besetzt. Sämtliche Zuhörer- tribünen sind schon vor Beginn der Sitzung überfüllt. Der Platz des Abg. T r i m b o r n, welcher heute sein 60. Lebensjahr vollendet, ist mit einem Rosenstrauß geschmückt. Auf dem Platze des im Felde gefallenen Dr. Frank liegt ein Lurbeerkranz.
Präsident Dr. Kacmpf eröffnet die Sitzung um 4(4 Uhr mit folgender Ansprache: Meine Herren! Nach viermonatiger Vertagung heiße ich Sie alle zu treuer Arbeit in diesem Hause willkornmen. Diejenigen aber, die mit in das Feld haben ziehen können und die aus dem Felde herbeigeeilt sind, mr. an den wichtigen Arbeiten des Reichstags teilzunehmen, begrüße ich auf das allcrherzlichste: (Lebhafte Zu
stimmung.) Seitdem wir am 4. August unter dem geivaltigen Eindruck der auf uns einstürmenden Ereignisse uns getrennt , haben, sind wichtige welthistorische Ereignisse eingetreten. Vor allcni aber hat sich gezeigt, daß alle Gedanken des deutschen Volkes auf diesen gewaltigen Krieg gerichtet sind, in dem Vertrauen der Einigkeit des deutschen Volkes alle Hindernisse überwunden werden in dem Bewußtsein des Sieges, das getragen wird von der Stärke der militärischen Macht Deutschlands zu Wasser und zu Lande und von dem Bewußtsein der wirtschaftlichen Stärke des deutschen Vaterlandes. (Erneuter lebhafter Beifall.) Alle wehrfähigen Männer sind ins Feld gezogen und erivarten ungeduldig den Augenblick, der sie zu den Feinden ruft. (Bravo !) Über eine Million Kriegsfreiwilliger haben sich zu den Fahnen gemeldet und nur ein kleiner Teil von ihnen hat jetzt eingerecht werden können.
Ans unserer Mitte sind 65 Abgeordnete »nd 27 von unseren Beamten unter die Fahne gerufen, und der erste, der auI unseren Reihen auf dem Felde der Ehre gestorben ist, war ein Kriegsfreiwilliger.
(Die Abgeordneten haben sich von ihren Plätzen erhoben.) Wer nicht hinausgeeilt ist, sorgt für Verwundete und Angehörige. Eine Opferfrcndigkeit sondergleichen geht durch das *■ ganze Land. Ali und jung, Fürst und Volk sind beteiligt an den Werken des Volksfriedens. Die großartige Organisation unseres Geld- und Kreditwesens findet ihren Gipfelpunkt in den Erfolgen der Zeichnung der K r i e g s a n l e i h e. (Bravo!) Zu unseren Gegnern hat sich das j a p a n i s ch e Re i ch gesellt, das für seinen Undank nur anführen kann: die Beutegier nach denr Wahrzeichen deutscher Kultur, das tvir im fernen Osten aufgerichtet haben. Dagegen ist den treuverbündeten Reichen, Deutschland und Österreich-Ungarn, ein neuer Bnndcs- 'genösse entstanden in dem osmanischeu Reiche. (Bravo!) Ich erinnere an die Tage von Lüttich. Namur, Maubeugc, Longwh, Mülhausen und Tannenberg, alle Schlachten haben bewiesen, daß alle unsere Truppen von dem ersten bis zum letzten Regiment, die Reserve, Landwehr, Landsturm, Kavallerie und Artillerie, Pioniere und alle Cpezialwaffen von dem gleichen Geiste beseelt sind. Unter dem Gesang „Deutschland, Deutschland über alles" haben sie die feindlichen Stellungen gestürmt. Dem Heere steht die Flotte ebenbürtig zur Seite. Das Herz geht uns auf, wenn wir an die „Goeben" und die „Scharnhorst" denken, und an I die „Emden", welche die Meere unsicher gemacht hat und vor
1 der die Flotten unserer Gegner zitterten. Ich erinnere fer-
' ner an die Schlacht von Earonell und alle die glorreichen Taten der Unterseeboote, die heute den Schrecken der ganzen britischen Flotte und des britischen Meeres bilden. (Bravo!)
Wir schließen in unseren Dank ein auch alle Bewohner und Farmer unserer Kolonien. Wir danken denen, die freiwillige Arbeit übernommen haben, die Leiden des Krieges zu mildern und für unsere Verwundeten zu sorgen. Schwer sind die Verluste au Verwundeten und Menschenleben, die der Krieg fordert. Wir trauern mit den Frauen und Eltern und Ünd stolz auf so viel Heldensöhne, die ihr Blut vergossen und ihr Leben hingegeben haben n> dem Weltkriege, den wir um .Unsere Existenz zu führen haben. Unter den Fahnen unserer Heere und unter den Flaggen unserer Flotte werden wir Kegen. (Lebhafter Beifall.)
Darauf ehrte der Präsident die inzwischen verstorbenen Mitglieder des Reichstags: Dr. Scmler (natl.i, Ritter (kons.),
> Metzger iSoz.) und Dr. Braband (Vpt.) soivie in längerer Rede den auf dem Felde der Ehre gefallenen Abgeordneten Dr. Frank (Soz.).
> Der Präsident verliest sodann ein Glückwunschtelegramm Uebst Antwort ans . Anlaß des Geburtstages der Kaiserin, A-„ ferner TÄcgramtne/dic er aus Anlatz des Falles von Tsin'g-'
tau an den Kaiser und den Staatssekretär v. Tirpitz gerichtet hat, sowie die eingegangenen Antworttelegramme, ferner den Telegrammwechsel zwischen den Präsidenten des ungarischen Abgeordnetenhauses und des deutschen Reichstags.
Hierauf tritt das Haus in die Tagesordnung ein.
Auf der Tagesordnung steht der Nachtragsetat und Kriegsvorlagen.
Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg:
Meine Herren! Seine Majestät der Kaiser, der draußen bei der Armee weilt, hat mir bei meiner Abreise aufgetragen, der deutschen Volksvertretung, mit der er sich in Sturm und Gefahr in der gemeinsamen Sorge um das Wohl des Vaterlandes bis zum Tode eins weiß, seine besten Wünsche und herzlichen Grütze zu übermitteln und zugleich von dieser Stelle in seinem Namen der ganzen Nation Dank zu sagen für die beispiellose Aufopferung und Hingabe für die gewaltige Arbeit, die draußen und daheim von allen Schichten des Volkes ohne Unterschied geleistet worden ist und weiter geleistet wird. (Lebhafter Beifall.) Auch unser erster Gedanke gilt dem Kaiser, der Armee und Marine, unseren Soldaten, die im Felde und auf hoher See für die Ehre und Größe des Reiches kämpfen. (Beifall.) Voll Dank und. mit felsenfestem Vertrauen blicken wir auf sie (Erneuter Beifall.), blicken wir zugleich auf unsere österreichisch- ungarischen Waffenbrüder (Lebhafte Zustimmung.), die, treu mit uns vereint, in glänzend bewährter Tapferkeit den großen Kampf kämpfen. Noch jüngst hat sich uns in dem uns aufgezwungenen Kampfe ein Bundesgenosse zugewendet, der genau weiß, daß mit der Vernichtung des Deutschen Reiches es auch mit seiner staatlichen Selbstbestimmung zu Ende wäre (Sehr richtig.'), das ottomanische Reich. Obwohl unsere Gegner eine gewaltige Koalition gegen uns aufgeboten haben, so werden sic hoffentlich die Erfahrung machen, daß auch
der Arm unserer mächtigen Verbündeten bis an die schwachen Stellen ihrer Wcltstrllnng reicht.
(Beifall.)
Am 4. August bekannte der Reichstag den unbeugsamen Willen des gesamten Volkes, den ihm aufgezwungenen Kampf aufzunehmen und seine Unabhängigkeit bis zum äußersten zu verteidigen. Seitdem ist Großes geschehen. Wie kann man die Heldentaten der einzelnen Armeen, Regimenter und Schwadrorien aufzählen bei einem Kriege, dessen Fronten durch die ganze Welt gehen. Ihre Taten wird die Weltgeschichte verzeichnen. (Lebhafter Beifall.) Die unvergleichliche Tapferkeit unserer 'Truppen hat den Krieg ins Feindesland getragen.
Noch stehen wir fest und stark da und können mit aller Zuversicht der Zukunft entgegcnsehen. (Lebhafter Beifall.) Die Widerstandskraft des Reiches ist noch nicht gebrochen; wir sind noch nicht am Ende der Opfer. Die Nation wird diese Opfer weiter tragen mit demselben Heroismus, mit dem cs sie bisher getragen hat. Denn wir müssen und wollen diesen Verteidigungskrieg, den wir, von allen Seiten bedrängt, für unser Reich und unsere Freiheit führen, bis zum guten Ende durch- kümpfen.
(Allgemeiner lebhafter Beifall.) Dann wollen wir aber auch der Dreistigkeit gedenken, mit der man sich an unseren :n Feindesland lebenden wehrlosen L a n b § I e u t c n, zum Teil in einer jeder Zivilisation hohnsprechenden Weise (Lebhafte Zustimmung) vergriffen hat. Die Welt muß es erfahren, daß niemand einem Deutschen nngesühnt ein Haar krümmen kann. (Lebhafter wiederholter Beifall.)
Meine Herren! Wenige Augenblicke, nachdem jene Sitzung vom 4. August zu Ende gegangen war, erschien der großbritannische Botschafter, um uns ein Ultimatum Englands und nach dessen sofortiger Ablehnung die Kriegserklärung zu überbringen. Da ich mich damals zu dieser endgültigen Stellungnahme der britischen Regierung noch nicht äußern konnte, ivill ich jetzt einige Ausführungen dazu machen. Die Frage nach der Verantwortung an diesem größten aller Kriege liegt für uns klar. Die äußere Verantwortung. trafen diejenigen Männer in Rußland, die die allgemeine Mobilisierung der russischen Armee betrieben und durchgesetzt haben. (Zustimmung.)
Die innere Verantwortung aber trägt die britische Regierung. (Erneute lebhafte Zustimmung.) Das Londoner Kabinett konnte den Krieg unmöglich machen, wenn es in Petersburg unzweideutig erklärte, England sei nicht gewillt, aus dem österreichisch - serbischen Konflikt einen Kon- tineuialkrieg der Mächte ausbrechen zu lassen. Eine solche Sprache hätte auch Frankreich gezwungen, Rußland ' energisch von allen kriegerischen Maßnahmen abzuhasten. 'Dann aber gelang unsere Vermittelniitzsatiion zwischen Wien und Petersburg, und es gab keinen Krieg. England hat das n i ch t getan. England kannte die kriegslüsternen Treibereien einer zum Teil nicht verantwortlichen, aber mächtigen Gruppe um den Zaren. Es sab, wie das Rad ins Rollen 'kam, aber es fiel ihm nicht in die Speichen. (Lebhafte Zu-'
stimmung.) Trotz aller Friedensbeteuerungen gab London in Petersburg zu verstehen, England stehe auf der Seite Frankreichs und damit auch Rußlands. (Lebhafte Zustimmung.) Das zeigen klar und unwiderleglich die inzwischen erfolgten Publikationen der verschiedenen Kabinette, insbesondere das Blaubuch, das die englische Regierung herausgegeben hat. Nun gab es in Petersburg kein Halten mehr. Wir besitzen darüber das gewiß unverdächtige Zeugnis des belgischen Geschäftsträgers in St. Petersburg, der berichtete
— Sie kennen seine Worte, aber ich will sie hier wiederholen
— am 30 Juli an seine Negierung: England gab anfänglich zu verstehen, daß eS sich in einen Konflikt hineinziehen laste. Sir George Buchancm sprach es ganz offen aus: Heute ist man in St. Petersburg fest davon überzeugt, ja, man hat sogar Zusicherungen, daß England Frankreich beistehen wird. Dieser Beistand fällt ganz außerordentlich ins Gewicht und hat nicht wenig dazu beigetragen, der Kriegspartei Oberwasser zu verschaffen. (Hört! Hört!) Erst sieben Wochen vorher gab ein englischer Staatsmann im Parlament die Versicherung ab, kein Vertrag, keine Abmachung bindet die schrankenlose Weltstellung Englands, falls ein Krieg ausbreche. Frei könne Großbritannien sich entscheiden, ob es an einem europäischen Krieg teilnehmen wolle oder nicht. Also, es war keine Bündnispflicht, kein Zwang, es war keine Bedrohung des eigenen Landes, die die englischen Staatsmänner veran- laßte, den Krieg entstehen zu lassen und dann sofort selbst in ihn hineinzntreten.
Dann bleibt nur übrig, daß das Londoner Kabinett diesen Weltkrieg, diesen ungeheuren Weltkrieg kommen ließ, weil ihm die Gelegenheit gekommen schien, mit Hilfe seiner politischen Eatentcgcnossen den Lebensnerv seines große» europäischen Konkurrenten auf dem Weltmarkt zu zerstören.
So trägt England und Rußland — über Rußland habe ich mich am 4. August ausgesprochen — vor Gott und der Menschheit die Verantlvortung für diese Katastrophe, die über Europa, die über die Menschheit hereingebrochen ist. Die belgische Neutralität, die England zu schützen vorgab, ist eine Maske. — Am 2. August, abends 7 Uhr, teilten wir in Brüssel mit, daß wir durch die uns bekannten Kriegspläne Frankreichs um unserer Selbsterhaltung gezwungen seien, durch Belgien zu marschieren. (Sehr wahr!) Aber schon am Nachmittag desselben Tages, am 2. August, also bevor in London das geringste von dieser Demarche bekannt war und bekannt sein konnte, hatte die englische Regierung Frankreich ihre Unterstützung zugesagt (Hört! Hört!), und zwar bedingungslos zugesagt, für den Fall eines Angriffes der deutschen Flotte auf die französische Küste. Von der belgischen Neutralität aber !var mit keinem Wort die Rede. Diese Tatsache ist festgestellt durch die Erklärung, die Sir Edward Grey am 3. August im Unterhause abgab und die mir am 4. August infolge des erschwerten telegraphischen Verkehrs nicht extenso bekannt war, bestätigt durch das Blau- buch der englischen Regierung selbst. Wie hätte England behaupten können, es habe das Schwert gezogen, tveil wir die belgische Neutralität verletzt hätten? Wie konnten die englischen Staatsmänner, denen doch die Vergangenheit genau bekannt war, überhaupt von der belgischen Neutralität sprechen?
Als ich am 4. August von dem Unrecht sprach, das wir mit .dem Einmarsch begingen, stände noch nicht fest, ob sich die Brüsseler Regierung nicht in der Stunde der Not dazu entschließen würde, das Land zu schonen und sich unter Protest auf Antwerpen zurückzuziehen. Sie erinnern sich daran, daß ich nach der Einnahme von Lüttich auf Antrag unserer Heeresleitung eine er neu! e Aufforderung in diesem Sinne an die belgische Regierung gerichtet habe. Ans militärischen Gründen mußte die Möglichkeit zu einer solchen Entwicklung auch unter allen Umständen offen gehalten werden.
Für die Schuld der belgischen Regierung lagen schon damals gleichfalls Anzeichen vor.
Positive schriftliche Beweise standen mir noch nicht zu Gebote. Den englischen Staatsmännern aber waren diese Beweise genau bekannt. (Sehr richtig.) Und wenn jetzt durch die in Brüssel ausgefundenen, von mir der Öffentlichkeit übergebenen Aktenstücke festgestellt worden ist, in welchem Grade Belgien seine' Neutralität England gegenüber preisgegeben hatte, so ist nunmehr alle Welt über zwei Tatsachen im klaren: Als unsere Truppen.in der Nacht vom 3. zum 4. August das belgische Gebiet betraten, befanden sie . sich auf dem Boden eines Staates, der feine Neutralität selbst längst preisgegeben hatte, und die andere Tatsache, nicht um der belgischen Neutralität willen, die.es selbst mit untergraben hatte, hat uns England den Krieg erklärt, sondern weil es glaubte, zusammen mit zwei Großmächten des Festlandes unser Herr werden zu können. (Wiederholtes lebhaftes Sehr richtig!) . Schon seit dem 2. August, seit seinem Versprechen der Kriegsfolge an Frankreich, war England nicht mehr neutral, sondern tatsächlich im Kriegszustand mit uns. Die Motivierung seiner Kriegserklärung am 4. August mit der Verletzung der belgischen Neutralität, war nichts- als ein Schausrück, geeignet^ äfij»
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