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Montag, 30. November 1914.
klbend-Kusgabe.
Nr. 558. ♦ 62. Jahrgang.
Der Naher im Osten.
Der Tagesbericht vom 30. November.
Von der Westfront nichts Neues.
Ein mißglückter UeberfaKsversuch in Ostpreußen, weitere Erfolge an der Weichsel; insgesamt wieder über 5000 Gefangene und 48 Geschütze erobert.
W. T.-B. Großes Hauptquartier, 30. Nov., Vormittags. (Amtlich.) Von der Westfront ist nichts zu melden.
An der ostpreußischen Grenze mißglückte ein Über- fallsvcrsuch stärkerer russischer Kräfte auf deutsche Be- festigungcn östlich Darkehmen unter schweren Verlusten. Der Rest der Angreifer, einige Offiziere und 600 Mann, wurden von uns gefangen genoutmen.
Südlich der Weichsel führten die gestern mitgeteilten Gegenangriffe zu nennenswerten Erfolgen, 18 Geschütze und mehr als 4 5 0 0 Gefangene waren unsere Beute.
In Süd-Polen ist nichts Besonderes vorge-
fallcn. Oberste Heeresleitung.
*
W. T-B. Großes Hauptquartier, 29. Nov. Seine Majestät der Kaiser befindet sich jetzt auf dem östlichen Kriegsschauplatz.
Oberste Heeresleitung.
Berliner Preffestimmcn über die Bedeutung der Kaiserreise nach dem Osten.
Berlin, 30. Nov. Zu der Meldung des Wolffschen Tele- graphen-Bureaus aus dem Großen Hauptquartier, daß der Kaiser sich jetzt auf dem östlichen Kriegsschauplatz befinde, sagt der „Berliner Lokal-Anzeiger": Wenn der Kaiser sich jetzt vom Westen nach dem Osten begeben hat, so mag dafür mehr als ein Grund Vorgelegen haben. Zweifellos ist das, was unser Heer im Osten geleistet hat, nicht minder bedeutend als das. was im Westen erreicht wurde Da mußte der Kaiser wohl den Wunsch haben, auch einmal den tapferen Männern der Ostmark und ihren ruhmreichen Führern von Angesicht zu Angesicht zu begegnen und ihnen den Dank für ihre Großtaten auch persönlich auszusprechen. Wenn der Kaiser aber den Entschluß gerade in diesen Tagen gefaßt hat, so geht man vielleicht in der Annahme nicht fehl, daß gegenwärtig die militärischen Operationen im Osten als die wichtigeren betrachtet werden.
Auch die „Post" hebt hervor, daß die Tatsache, daß sich der Kaiser vom westlichen nach dem östlichen Kriegsschauplatz begeben hat, offensichtlich zeige, welch entscheidende Bedeutung unsere Heeresleitung dem gewaltigen Ringen beimesse, das gegenwärtig in Russisch-Polen im Gange sei.
Hindenburgs Auszeichnung.
Ein dankbares Volk vernimmt mit Freude und Ergriffenheit, daß der oberste Kriegsherr den Befreier Ostpreußens, den treuen Hüter unserer Ostgrenze, zum Generalfeldmarschall und seinen Generalstabschef Judendorff zum Generalleutnant ernannt hat. Es gibt wohl keinen Deuffchen, der dem Oberbefehlshaber der Ostarmeen nicht aus vollem Herzen die Ehre gönnte, in diesem Kriege als erster die Marschallwürde erhalten zu haben. Denn wie jeder Soldat der Ostarmeen für „Vater" Hindenburg durchs Feuer geht, so weiß das gesamte deutsche Volk, wieviel es der Feldherrnkunst Hindenburgs und seines Gene- ralstabschefs schuldet. Die Auszeichnung beider Männer durch den obersten Kriegsherrn führt Deuffchland von neuem vor Augen, was die einzelne Persönlichkeit auch im Zeitalter der Millionenheere bedeutet: Bei ihr liegt der Ursprung jener Kraft, die den Ansturm der Feindesmassen, selbst wenn sie der Zahl nach überlegen sind, zum Scheitern bringt.
Aber damit die G e d a n k e n des F e l d h e r r n in Taten umgesetzt werden, bedarf es der Mitarbeit tapferer und ausdauernder Truppen, die auch in langen, schqveren Kämpfen nicht erlahmen. Daß Hindenburgs Heere aus solchen Truppen bestehen, wird in der Kundgebung des Kaisers mit nicht geringerem Nachdruck anerkannt als in dem Armeebefehl des Generalfeldmarschalls s e l b st. Getreu dem preußischen Wahlspvuch: „Jedem das Seine" hat hiermit das Zusammenwirken einer genialen Führung und unerschütterlich tapferer, beharrlicher Truppen die verdiente Anerkennung empfangen, die gleichfalls den: deutschen Volle aus der Seele gesprochen ist. Deutschlands Feinde, die unseren „Militarismus" heuchlerisch lästern,
werden an dieser Bekundung unseres militaristischen Geistes, wie er auch in den herrlichen soldatischen Worten Hindenburgs an seine Armeen zum Ausdruck kommt, wohl stillschweigend vorübergehen. Um so dankbarer sind wir selbst dafür, daß in bedeutsamen Kundgebungen unserer ersten Männer Führer und Massen mit gerechtem Maße gemessen werden. Und dankbar sind wir endlich dem obersten Kriegsherrn, der die Hindenburg und Ludendorff ans den Platz stellte, auf dem sie sich segensreich ffir das Vaterland betätigen können. Wo Kaiser, Heerführer und Truppen in solcher Weise Zusammenwirken, da nmß lnit Gottes Hilfe der Tag kommen, an dem Hin- denburgs Losung erfüllt ist und der letzte Russe besiegt anr Boden liegt!
Eine feierliche Kundgebung vor der Privatwohnung Hindenburgs.
hd. Hannover, 29. Nov. Heute vormittag fand aus Anlaß der Ernennung des Generalobersten v. Hindenburg zuin Generalfeldmarschall vor der hiesigen Wohnung der Frau von Hindenburg eine große Kundgebung statt. Eine gewaltige Menschenmenge versammelte sich unter Hochrufen vor dem Hause Hindenburgs. Der Chefredakteur des „Hannoverschen Kurier", Dr. Hugo, hielt eine Ansprache, in der er auf die Verdienste Hindenburgs hinwies. Frau v. Hinden- burg dankte dem Redner und der Menge gerührt für den Ausdruck der Verehrung, die ihrem Gatten dargebracht wurde. Schließlich stimmte die Menge das Lied „Deutschland, Deutschland über alles" an.
Der Baiser an General von Mackensen.
8-7. Danzig. 30. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.l ■ Der Kaiserhat dem General der Kavallerie v. M a ck e n s en folgendes Telegramm gesandt: „Die 9. Armee hat unter Ihrer bewährten sicheren Führung in den schweren, aber von Erfolg gekrönten Kämpfen sich von neuem unübertrefflich geschlagen. Ihre Leistungen in den verflossenen Tagen werden als leuchtendes Beispiel für Mut, Ausdauer und Tapferkeit der Geschichte erhalten bleiben. Sprechen Sie das Ihren vortrefflichen Truppen mit meinem kaiserlichen Danke aus, den ich dadurch zu betätigen wünsche, daß ich Ihnen den Orden Bonn le merite verleihe, dessen Insignien ich Ihnen zugehen lassen werde. Gott sei ferner mit Ihnen und unseren Fahnen.
Wilhelm, l. R."
In einem Armeebefehl vom 27. Nov. teilt General v. Mackensen dieses Telegramm seinen Truppen mit und fiigt hinzu: „Ich freue mich, meinen heldenmütigen Truppen eine solche Anerkennung zur Kenntnis bringen zu können. Das Verdienstkreuz gilt der ganzen 9. Armee.
Der Oberbefehlshaber: v. Mackensen."
Ostpreußen eine große Wasserfestung.
Der Gedanke eines nochmaligen russischen Angriffs aufgcgcben.
bä. Paris, 30. Nov. Aus einer Warschauer Depesche des „Journals" scheint hervorzugehen, daß die Russen den Gedanken eines nochmaligen Angriffs auf Ostpreußen aufge- geben haben. Die Schwierigkeiten, die sich den russischen Führern in Ostpreußen entgegenstellen, werden als unüberwindlich geschildert. Das Blatt schreibt: Die Deutschen haben Ostpreußen, ein Land, das nur aus Seen/ Sümpfen und Wäldern besteht, in eine ungeheure Wasscrsestung verwandelt, wie man dergleichen noch nie gesehen hat. Alle Hilfsmittel jeder nur erdenklichen Wissenschaft sind vertoendet worden. Die kleinste Landzunge innerhalb der Seen gleicht einem 'Fort, alle nicht überschwemmten Landstraßen sind unterminiert. Würde wirklich einmal ein Stück freien Geländes darum zu einer Jnfanterieentwicklung die Möglichkeit geben, so befinden sich auf dieser Fläche nicht nur mehrere Reihen tödlichen Stacheldrahtes, sondern dahinter noch ein Wall von tausend elektrisch geladenen Stahl st äb- chen in Bleistiftdicke, die, zu mehreren Reihen vereinigt, eine einfach unüberwindliche Stahlmauer darstellen. Die Deutschen haben vorausgesehen, wie ungeheure Verluste diese Art von Befestigungen dem Feinde zufügen kann, und haben davon in Ostpreußen einen, man möchte sagen, verschwenderischen Gebrauch gemacht, indem sie außerdem noch eine Reihe ganz neuer Erfindungen ihrer Ingenieure zu Hilfe nahmen.
Das übUcke engli ^-russi^e Sieaesaeschrvätz.
Br. Christian!«, 29. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bin.) Der Petersburger Berichterstatter deS „Daily Chronicle" drahtet: Wenn man den Nachrichten aus Quellen glauben darf, die bisher stets gut unterrichtet waren, dann haben die Deutschen in Polen die größte Niederlage seit .Kriegsbeginn erlitten. Die großen deutschen Heeresmassen, die östlich von Lodz v o n d c n R u s s e n umzingelt sind, machen die verzweifelsten Anstrengungen, um sich nach Norden durchzuschlagen. (!) Es wird angenommen, daß diese Heere
aus drei Abteilungen bestehen, darunter die preußische Garde. Die Stellung ist so seltsam wie nur möglich. Die Deutschen, ivclche Hoisten, durch Überruffipclung mit bcii russischen Truppen fertig zu werden, bevor der russische Aufmarsch fertig war, versuchten das russische Zentrum zu durchbrechen. Ihr Ziel >oar, Petrikau zwischen Czenstochau und Warschau zu erreichen. Die Stellung der Russen schien sehr gefährlich zu sein. Die russischer! Truppen kämpften mit der äußersten Hartnäckigkeit und fügten dem Feinde Niederlage ans Niederlage zu. Es gab Augenblicke, wo es aussah, als hätten die Deutschen große russische Heeresmasseri umzingelt und abgeschnitteri, ja, es Ivar derartig, , daß die russischen Offiziere selber an eine Niederlage glaubtcfi, aber schließlich ivar es doch die glänzende Strategie des russischen Heerführers, daß die Deutscher! von den Russen umringt und von der Verbindung mit den anderen deutschen Armeekorps abgeschnittcn wurden. (?!) Das Heer des deutschen Kronprinzen <!!) muß sich andauernd gegen Czenstochan zurückziehen. Die Karpathen sind wiederum überschritten. Die Russen stehen also wieder auf der ungarischen Ebene. Aus dem schneebedeckten Armenien werden gleichfalls, Siege gemeldet. Hier ist das Vorrücken der Türken ausgehalten und die türkischen Truppen sind bis nach den Stellungen bei Erzerum zurückgetreten. Ebenso ist der törichte Versuch der Türkei, bei der persischen Grenze den russischen linken Flügel zu umgehen und den rechten russischen Flügel bei B a t u m zu nm- klammern, erfolglos ausgefallen.
(Es handelt sich hier um die üblichen Lügenmeldungcn unserer Gegner. Eine Armee, die 60 000 Gefangene macht und ISO Geschütze und 200 Maschinengewehre erbeutet, sieht nicht danach aus, als ob sie umzingelt wäre. Ganz daS Gegenteil ist der Fall. Wir bedrohen ernstlich die rückwärtige Verbindung des russischen Hauptheeres mit dessen Basis Warschau. Schrift!.)
Selbst der „Corriere della Sera" wird misstrauisch.
Br. Basel, 30. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Nach einer Meldung der „Baseler Nachrichten" aus Mailands werden sämtliche Petersburger Meldungen des „Matin" von beute ab von dem „Corriere della Sera" nur unter ausdrücklichem Vorbehalt abgedruckt. Die hohe Ziffer der deutsch e n Gefangenen, die nach jenen Angaben den Russen in die Hände gefallen sein sollen, sei von den amtlichen russischen Berichten nicht bestätigt worden.
Der österreichische Tagesbericht vom 29. Nov.
W. T.-B. Wien, 29. Nov. (Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautburt: 29. November, mittags: Der gestrige Tag verlief an unserer ganzen Front in Russisch-Polen und West- galizien sehr ruhig. In den Karpathen wurden die auf Homonna vorgedrungenen .Kräfte geschlagen _ und zurückgedrängt. Unsere Truppen machten 1500 Gefangene.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes: v. Höfer, Generalmajor.
Bon der Belagerung PrzcmhSls.
bä. Wien, 29. Nov. Der Reichstagsabgeordnete Malrk, der als Offizier in Przemysl steht, schreibt an den Präsidenten des Reichstags (vom 15. November durch Fliegerpost übermittelt). Wir sind hier in der Festung ausgezeichneten Mutes und felsenfester Zuversicht, so daß wir es am liebsten hätten, wenn die Russen wieder, wie das erstemal, angriffen. Die Sache fiele heute.für sie n o ch v i el sch li m-> mer aus.
Ein amerikanischer Kriegsberichterstatter über die österreichisch-ungarische Armee und deren Führer.
W. T.-B. Wien, 29. Nov. (Nichtamtlich.) In der „Reuen Freien Presse" schildert der amerikanische Kriegskorrespondent James A r ch ! b a! d seinen Besuch im österrerchisch- ungarischen Hauptquartier und hebt hervor, daß. er von der Leistungsfähigkeit und Kampstüchtigkeit der österreichischungarischen Truppen den besten Eindruck gewonnen habe, Archibald, der persönlich den aus taktischen Gründen erfolgten unbedeutenden Rückzug der österreichisch-ungarischen Truppen beobachtete, bestätigt, daß der Rückzug in überaus guter Ordnung erfolgte, gegen eine absolute Übermacht, der manche andere Armee überhaupt nicht widerstanden hätte. Insbesondere wurden die schwierigen Terrainverhältnisse bewunderungswürdig überwunden. Den größte» Eindruck empfing Archibald von der einfachen, freundlichen und dabei kraftvollen Art des Oberkommandanten Erzherzogs Friedrich sowie von dem Thronfolger, der einen persönlichen Magnetismus besitze, der ihm eine ungeahnte Popularität sichere. Bon dem General- stabschef Konrad v. Hötzendorf sagt Archibald: Jeder
Zoll an ihm i st Soldat und K r i e g s m a n n, wie es se einen gab. Über seine Eindrücke von der Front wird Archibald nächstens berichten. Er schließt: Österreich-
Ungarn hat wirklich Glück, eine solche militärische Kraft und ein solches Bündnis zu besitzen. Das endgültige Re»
