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Sonntag» 29. November 1914.

Morgen - Ausgabe.

Nr. 557. ♦ 62. Jahrgang.

k)indenburgs Sieg.

Ein Armeebefehl des Generalfeldmarschalls von Hindenburg.

Insgesamt über 60 000 Gefangene. 150 Geschütze und gegen 200 Maschinengewehre erbeutet.

W. T.-B. Thorn, 28. Nov. (Nichtamtlich.) Nach der Presse ist in Thor n folgender Armeebefehl be­kannt gegeben worden: In tagelangen schweren Kämp­fen hat die mir unterstellte Armee die Offensive des an Zahl überlegenen Gegners zum Stehen gebracht. Sc. Majestät der Kaiser und König unser aller- gnädigster Kriegsherr hat den von mir gemeldeten Er­folg durch nachstehendes Telegramm zu beantworten geruht:

An den Generalobersten v. Hindenburg. Ihrer energievoüen umsichtigen Führung und der uncr- schütterlichcn beharrlichen Tapferkeit Ihrer Trup­pen ist wiederum ein schöner Erfolg beschieden ge­wesen. In langem von Mut und treuer Pflicht­erfüllung vorwärts getragenem Ringen haben Ihre Armeen die Pläne des an Zahl überlegenen Gegners zum Scheitern gebracht. Für diesen Schuh der Ostgrcnze des Reiches gebührt Ihnen der volle Dank des Vaterlandes. Meiner höchsten Anerkennung und meinem kaiserlichen Dank, die Sic erneut mit meinen Grüßen Ihren Truppen aussprechen wollen, will ich dadurch Ausdruck geben, daß ich Sie zum Gencralfeld- marschall befördere. Gott schenke Ihren sieg­gewohnten Truppen weiteren Erfolg.

Wilhelm, I. K.

Ich bin stolz darauf, diesen höchsten militärischen Dienstgrad an der Spitze solcher Truppen erreicht zu haben. Ihre K a m p f f r e u d j g k e i t und Aus­dauer haben in bewunderungswürdiger Weise dem Gegner große Verluste beigebracht. Über 60000 Gefangene, 150 G c sch ü tz c und gegen 200 Maschinengewehre sind wiederum in unsere Hände gefallen. Aber vernichtet ist der Feind noch nicht. Darum weiter vorwärts mit Gott sür König und Vaterland, bis der letzte Russe besiegt am Boden liegt. Hurra!

Großes Hauptquartier-Ost, 27. November 1914. Der Oberbefehlshaber v. Hindenburg, Gcneralfcldmarschall.

Generalleutnant von Ludcndorf.

hd- Posen, 28. Nov. Der Chef des Generalstabs der Hindenburgschen Arnree Generalmajor v. Ludendorf wurde zum Generalleutnant ernannt.

Englische Lügen über russische Siege.

M. Amsterdam, 28. Nov. Die englische Presse berichtet wieder Lügen über die enormen Siege der Russen, die sich den Anschein geben, als hätten sie die ganze H i n d e n - burgsche Armee entweder schon vernichtet, oder daß die Vernichtung der Reste bevorstände. Die Berichte ves deutschen Hauptquartiers werden klein an unauffälliger Stelle abgedruckt, mit der Überschrift „Wie das Volk belogen wird".

Die Kampfe in Flandern.

Sr. Genf, 28. Nov. (Cig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Der gestrige deutsche Jnfanterieangrifs auf die südlich Dix- muiben angelegten Brückenbefestigungen wird von den Militärkritikern nur als deutsche Finte betrachtet; nicht dort, sondern an anderer Stelle sei der deutsche Durchbruch beabsichtigt. Die nächsten 24 Stunden würden Klarheit bringen.

Oer amtliche französische Bericht vom Freitag.

Br. Paris, 28. Nov. (Nichtamtlich.) Der amtliche Tages­bericht vom 27. November, nachmittags 3 Uhr, lautet: Im Verlause des 26. November. verlangsamte sich überall die feindliche Kanonade. Zwei Jnfanterieangriffe auf die Brückenköpfe der südlich von Dixmuiden auf dem rechten Vserufer geschlagenen Brücken wurden mit Leichtigkeit zurück- gcwiesen. Keinerlei Aktionen an der übrigen Front, weder von Belgien bis zur Oise noch' von der Aisne bis zur Champagne, jedoch wurde Reims während des

Besuches der Journalisten der neutralen Länder ziemlich heftig beschossen. In den Argonnen führten einige In­fanterieangriffe zu dem Verlust und der Wiedereinnahme einiger Schützengräben. Die an diesen Kämpfen beteiligten Truppenteile erreichten niemals Bataillonsstärke. Der ver­lorene und wiedergewonnene Boden überstieg niemals 25 Meter. Von der Maas höhe und den Vogesen ist nichts Neues zu melden.

Der Wittcrungseinflutz auf die englischen Hilfstruppcn.

üd. Aus dem Haag, 27. Nov. Der Londoner „Standard" meldet, daß die indischen Truppen sehr unter der Kälte zu leiden hätten und eine Ablösung unbedingt not­wendig sei. Manche Leute müßten mit Seilen aus den Laufgräben gezogen werden, da ihre Glieder vollständig e r st a r r t seien. Die Regierung beabsichtige deshalb etwas früher, als in Aussicht zenommen, 40 000 Kanadier nach der Front bei Dpern zu senden.

Spionagedienste des englischen Gesandten in Bern.

Br. Stuttgart, 28. Nov. (Erg. Drahtbericht. Ktr. Bin.) In der Schweiz wird in gut unterrichteten Kreisen allgemein davon geredet, daß der bei der schwei­zerischen Eidgenossenschaft in Bern beglaubigte Ge­sandte von Großbritannien bei dem Bombenwurf aus die Zeppelin halle nicht unbeteiligt ge­wesen sei. Evelyn Mounth Stuart Grant^Duff, außerordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister, soll angrbl ch vor etwa 14 Tagen mit einem der englrschen Fliegerofffziere von Bern aus im A u t o die ganze überflogene Straße von Basel bis Bodensee rekognosziert haben, englischen und französischen Offiz-eren, die an dem Fluge beteiligt waren, auch das gesamte K a r t e n m a t e r i a l be­schafft haben. Wenn sich das Gerücht bewahrheiten sollte, daß sich der bei der neutralen Schweiz beglau­bigte englische Gesandte derart Spionagedienste zugunsten Englands uns Frankreichs und zum Nach­teile des Deutschen Reiches zuschulden kommen ließ, w'rd sich der schweizerische Buudesrat Wohl genötigt sehen, bei der engl scheu Regierung die sofortige Abberufung dieses Herrn zu verlangen.

Zum Untergang des „Bulwark".

Br. Ch'.istiania, 28. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Aus London wird telegraphiert: Man glaubt allgemein, baß das große Pulvermagazin des Linienschiffes „Bul- wark" in die Luft sprang, aber noch liegt ein dichter geheim­nisvoller Schleier über dem ganzen Unglücksfall. Arbeiter, die sich am Kai aushielten, erzählen, daß sie plötzlich einen Blitzstreifen sahen, der von einem furchtbaren Krach und schwarzen Rauchwolken begleitet war. Ein paar Minuten war der ganze Hafen in Rauch gehüllt. Als das Dunkel sich wieder aufhellte, war zum Enffetzen der Leute keine S p u r m e h r von dem „Bulwark" zu sehen. Der Knall war so fürchterlich, daß die Arbeiter beinahe betäubt wurden. Als das erste Grauen sich , gelegt hatte, ging eine Unruhe durch den ganzen Hafen. Auf allen Schiffen stürzten die Offiziere und Mannschaften auf Deck, noch halb betäubt von der furcht­baren Explosion. Im. Laufe von einigen Minuten wurden von den "verschiedenen Kriegsschiffen Boote ausgesetzt und kurz darauf suchten Rettungsboote das ganze Hafenbasin ab. Ihr Suchen war jedoch erfolglos.

Ei» englisches Kohlenschiff auf eine Mine gestoßen.

London, 27. Nov. Die Admiralität gibt bekannt, daß das Kohtenschiff „Kartum", das nach Oran ausreiste, auf der Höhe von Erimsby- (am Humber) aus eine Mine stieß und sank. Die Besatzung konnte in Grimsbh gelandet werden.

Jesus und die Kanonen.

Von Generalsupcrintendent D. Kaftan (Kiel).

Jüngst stanid in einer angesehenen Zeitschrift einiges zu lesen, bas sich kurz so zusammenfassen läßt: Gott' und die Kanonen — ja, das ist denkbar, aber Jesus und die Kanonen: unmöglich! Ist das richtig? Alan unterschätze nicht die Bedeutung solcher Frage. Die wertvollste Kraftquelle des deutschen Volkes in dem entsetzlichen, uns aufgezwungenen Krieg ist sein g u t e s G e w i s s e n. Es gibt aber nicht wenige in deutschen Landen, vielleicht mehr als man glaubt, für die es, ob auch mehr weniger bewußt, tief innerlich für das Gewissen etwas bedeutet, ob das, was sie wollen, was sie sollen, was sie treiben, mit dem, was in Jesu Augen recht ist, in Einklang steht oder in Widerspruch. Darin gründet die Bedeutung der auf­geworfenen Frage. Und' da ist nun zu allererst' zü sagen, daß es eine recht oberflächliche, auch-der

Art des Christentums sehr wenig entsprechende Rede ist, wenn es heißt, Gott und die Kanonen — das ginge an, aber Jesus und die Kanonen, das sei unmöglich. Wer so redet, zeigt, daß er nicht eigentlich erfaßt hat, was Jesus dem Christen ist. Hier ist nicht der Ort, dogmatisch zu erörtern, lver üies-er Jesus war. Auch bei sehr verschiedener dogmatischer Stellung kann man sich in der Erkenntnis begegnen, daß Jesus für all die, sür die er überhaupt Bedeutung hat, ganz spezifisch nach der Richtung etwas bedeute, wie sie Gott ver­stehen, was für Gedanken sie sich über Gott machen. Ist „Jesus und die Kanonen" ein unnröglicher Ge­danke, geht deni Christenmenschen auch das „Gott und die Kanonen" in die Brüche. Um so ernster frage ich: Jesus und die Kanonen — unmöglich? Ist das wirk­lich so? Berta Suttner sagt das und alle ihre Jünger sagen das mit ihr. Wir sind gewöhnt, daß die „Friedensfreunde" uns Christen immer wieder sagen, gerade wir müssen zu ihnen gehören, ganz einfach deshalb, weil wir Christen sind. Wer nicht nur Berta Suttner sagt so, auch ein Leo Tolstoi. Und viele rühmen von ihm, er nähme Jesus wirklich so, wie er gewesen, er mache Ernst mit der Bergpredigt. Alle die, welche da nicht mittäten, welche um die energische Konsequenz, die Tolstoi ge­zogen habe, herumZukonnnen suchen, verträten ein kümmerliches Kompromiß-Christentum. Gewiß, man kann Worte der Bergpredigt ansühren, die in diese Richtung weisen. Wer hat Jesus selbst diese Worte als b u ch st äbli ch zu erfüllende angesehen? Dem Knechte des Hohenpriesters bot er die andere Backe nicht dar. Gewiß, man kann nicht ein bestimmtes Jesuswort anführen, darin er sich für den Krieg aus- spricht. Wie sollte er das auch! Wer was dem Ge­danken und der Gesinnung Jesu entspricht,. das will von h ö h erer Warte, das will tiefergveifend erfaßt sein als in Feststellung eines Spruchs.

Jesus sagte nicht nur über den Krieg nichts — er sagte auch nichts über sehr viele andere Dinge, die doch sehr bedeutungsvoll sind in unserem Leben. Er war nicht einer, der Moralisten dieser Welt. Er war.der Prophet, der Träger, der Bringer einer neuen Welt, der neuen Welt, die er das Reich Gottes nennt. Dieses Reich hat er gebracht und das nicht vergebens. Es findet sich wirksam unter uns. Seine stille Macht setzt sich durch in den verborgenen Tiefen ungezählter Seelen. Und diese Macht ist keineswegs nur, eine Einzelsache:, sie ist eine verbindende, eine Gemeinschaft bildende Macht, die hindurchgeht durch die ver­schiedenen Nationen, auch durch die ver­schiedenen Konfessionen der Christenheit, eine so Ge­meinschaft bildende Macht, daß sie in der Tat sin Reich heißen mag, das Reich, ba§ nicht von dieser Welt ist. Und in diesem Reich — freilich, da gibt es keine Kanonen. Dieses Reich besteht in Gerechtig­keit, Friede und Freude im heiligen Geist. Da wird nichts verspürt von Krieg und Kriegsgeschrei. Wer Jesus recht verstehen will, muß sich immer wieder Vor­halten, daß dieses alles andere überragende Reich zu bringen sein ausschließlicher Beruf war.

Aber sollte Jesus nun gemeint haben, dieses Reich ließe sich einfach an die Stelle der Reiche dieser Welt setzen, oder wenigstens, daß alle die, welche seinem Reich zuftelen, damit dem Bereich dieses irdischen Lebens und der dasselbe bedingenden Faktoren ent- zöge n würden?

Das halte ich für eine phantastische Vorstellung, die dem geistesklaren Jesus nicht zugetraut werden darf.

Aber er wollte doch, gerade, wenn er das Reich Gottes wollte, nicht etwas, das nur in stiller Stunde eine Seele erquickt, nicht etwas, das sich als Gemein­schaft nur in Gotteshäusern oder gar in Konventikel- stuben verwirklicht? Er wollte doch etwas, das sauer­teigartig das ganze Leben durchdringen sollte?

Ja, ganz gewiß. Aber sauerteigartig. Nicht mit Gewalt. Und das kostet Zeit und Geduld, viele Zeit. So schon in dem einzelnen Menschen. Erft recht aber in der großen, schwerfälligen Masse, die wir die Menschheit nennen. . Es kostet Zeit, aber es setzt sich doch durch. Der Krieg selbst stellt uns das vor Äugen. Woher stammt denn das Note Kreuz und alles, was dahinein gehört? Es heißt doch nicht von unge­fähr das Rote Kreuz. Wir freuen uns, daß sich auch ein roter Halbmond bildete, aber'das ändert den Ur­sprung des Ganzen nicht. Das Rote Kreuz repräsentiert eine der stillen Wirkungen des Menschensohnes in der Entwicklung der Menschheit.