Mit der Wiesbadener Landwehr in Polen.
Von Dr. Alfred Mayer (Wiesbaden).
I.
Nun kennen wir sie, die polnischen Landstraßen — weiß der Teufel, wir kennen sie, nachdem wir bis über die Knöchel in Sand gewatet und fast bis an die Knie in Schmutz gepatscht find. Und wir können gotröst sagen: Sie verdienen ihren Ruf, die schlechtesten Europas zu sein. Man muß nur unser Bataillon und unsere armen Pferde auf dem Marsch gesehen haben, wenn die Stiefel stecken blieben und wenn rechts und links vor den Wagen verendete Pferde lagen und wir dachten: Wie lange es unsere aushalten?
Und nun kennen wir Polens Sonnen- und Regentage und haben den Wind durch den kaiserlichen Forst von Spala brausen hören und die Pitica unter dem Balkon der Holzbrücke von Nowe Miasto nach Osten stürmen sehen und sahen die Sonne über der Lhsa Gosa aufgehen und hinter den Karpathen untersinken. Und haben noch nicht genug davon. Und keiner ist unter uns, der, als wir gesiegt hatten, nach Hause zurückaeben wollte. Denn noch haben wir nicht die großen Zuckerhüte versucht, die uns die Russen in _ die Schützengräben hineinwarfen, und noch fehlen uns in unserer Liste die Genüsse, die nächtliche Patrouillen nahe an der feindlichen Linie bringen.
Wir führen hier nur den kleinen Krieg, lassen uns von Bauern und versprengten Kosaken belästigen, verhaften und lassen laufen und beschlagnahmen Waffen und Pferde. Und sehen uns die Gegend an. Sicher: Wir kennen Polen besser als ihr anderen vornen. Wir können Euch erzählen von dem Schmutz von Rudejew, wo wir wochenlang lagen, von seinen Wochenniärkten, auf denen von Woche zu Woche die Preise in die Höhe sprangen. Wir können Euch erzählen . von dem wundervollen verschwiegenen Stadtpark von R., wir ^erzählen Euch von einem Sonntagnachmittagsidyll auf dem Marktplatz in Prshytyck (?), wo wir müde und hungrig ankamen, und sich Schweine und Ziegen auf dem Marktplatz ein Stelldichein gaben, von dem Abend an der Radowka, wo die Nebel aus dem Fluß aufsteigen, von Ludwikow, wo uns die deutsche Bevölkerung entgegengezogen ist und freudestrahlend begrüßt hat.
Und auch wir haben unsere Abenteuer gehabt, sind mit gezogenem Revolver durch die Ortschaften gelaufen und haben Waffen gesucht, sind nachts an Wäldern entlang gestreift, um verdächtige» Feuer zu entdecken, und wir haben den Donner der Kanonen gehört und das Geknatter der Maschinengewehre. Und haben Schweine und Kühe aus den Ställen geholt und Pferde eingefangen und sind an einem Tag mit 16 Pferden abgefahren und mit 28 angekommen. Überhaupt Pferde, Pferde und noch einmal Pferde. Darum dreht sich hier alles und wohl hundertmal haben die Bauern vor mir gejammcvt: „Nie mam Konie, nie mam nix." (Ich habe keine Pferde mehr; ich habe nichts mehr). Aber was hilft das? Wir müssen auch leben und vorwärts kommen; wir müssen zuerst lebenI
Polen hat jetzt schon hart gelitten in diesem Krieg; wir waren in Städten, in denen buchstäblich nichts mehr zu bekommen war. Petroleum und Kohlen sind die wertvollsten Dinge jetzt und an beiden fehlt es. Wer das Schlimmste wird erst kommen, wenn der Winter da ist und d;<> Häuser so lange dunkel und kalt daliegen, bis von neuem das Feuer der Granaten eine Fackel anzündet, die über das Land hinleuchtet.
Polen zahlt jetzt die Kosten des Krieges im Osten. In den Städten stehen die Häuser leer; auf dem Lande haust der Hunger und die Not.
An uns ist es, bis zum letzten Atemzug dafür zu leben, daß Polen» Schicksal deutscher Erde fern bleibt.
II.
Wir haben einen guten Freund und tapferen Bundesgenossen, der heißt Hunger. Der läuft lachend vor und neben und hinter unseren Kolonnen her und baut einen Wall um uns, der sicherer ist als Erz und sicherer als die Unterstände in unseren Feldbefestigungen. Mit dem werden sie nicht fertig werden und darum können wir sie auslachen, wenn hinter uns aus dem Lande tausend und tausend Proviant- vagen fahren, einer hinter dem anderen und vor unseren
Linien die Dörfer brennen und das Vieh weggetrieben ist und die Bauern nun schon wie Wölfe hungernd durch dis Wälder streifen oder bettelnd zu unseren Truppen kommen. Schon beginnen hier, in der großen Stadt, in der wir sind, Fälle von Hungertyphus sich zu zeigen, und wie lange wird's dauern, dann versagt das Licht, weil Kohlen und Petroleum fehlen, und vor den Bäckerläden werden unsere Doppelposten nicht mehr genügen.
Schon sind die Kirchen angefüllt mit Betenden, Kirchen, von denen keine Glocke mehr läutet. In der -«nschelbesäteu Unterkirche von Jasnagora drängt sich iie Masse hungernder Männer und Frauen, die nach Frieden verlangen Es ist ein endlos hin- und herwogendes Bild bunter Tücher uttb dunkler Kleider — auch Kinder sind darunter, und hier und dort ein paar Feldgraue. Nur die russischen Kirchen mit den grünen Zwiebeldächern halten ihre Tore verschlossen und stehen leer. In Polen herrscht die schwarze Mutter von Czenstochau allein.
Nein, auch in den Synagogen und in den Betsälen brennen die Lichter und seltsam ist es, sich Freitag abends in eines dieser Häuser zu verirren, wenn die atttestamen- tarischen Gestalten, in ihre weißen Mäntel gehüllt, schweigend an den Säulen stehen und nach Osten blickend ihre Gebete lesen.
Aber wehe, tvenn man sie am Tage wiedersieh't, im Schmutz ihrer Wohnungen oder gar auf dem Markt, beim Pferdekauf wie damals in Wodislaw, wo wir die ganze Gemeinde um uns versammelt hackten und uw» um einen ein- gefangenen Kosakengaul ein Gefeilsch und ein Geschrei auhub, daß die alten Häuser, wenn sie nicht schon so lang daran gewohnt genesen wären, unbedingt hätten einfallen müssen..
Es gib! nur eins, was den Soldaten «eit ihnen aussöhnt, das sind ihre Töchter. Das Halbasiatische des Vaters spricht aus diesen kleinen Wesen, aus den großen schwarzen Augen, eine wundervolle beredte Sprache, die jeder versteht, auch wenn er das furchtbare Deutsch, das sie vor- sich geben, nicht ganz verstehen kann. — Von ihren Müttern laßt mich schweigen!
Aber wohin sind sie nun? Wo sind Leokadie und Anastasia, wo ist Russia, wo ist Lotka — die Lieblinge unseres Bataillons? Niemand weiß es; kaum wird ne einer Wiedersehen. Es waren Kräuselwellen auf dem Mett dieses Feldzuges.
Der Donner der Geschütze dröhnt durch Polen und tötet alle kleinen Erinnerungen. Die Züge gefangener Russen, die durch die Stadt getrieben werden, bieten .-iel rnehr Interesse als die schönste aller Czenstochauer Kokotten, die den ganzen Tag über in der großen Allee, die durch die Stadt führt, auf- und abaehen, und da» Krachen der Mörser vor uns ist köstlichere Musik als die Kapelle des Kinos, in dem allabendlich jeder Platz von Feldgrauen besetzt ist, die zum Proviantholen in die Stadt gekommen sind.
Bunte
klus der rrrisys-eit.
Der Sturm auf Vailly. Ein lOjähriger Kriegsfreiwilliger aus Berlin, der als Pionier auf dem westlichen Kriegsschauplatz steht, schildert seinen Eltern den Sturm aus Vailly, ar» dem er teilgeuommen, in einem Brief folgendermaßen: „Vailly, 36. Oktober. Eher, als ich gedacht, komme ich dazu. Euch von meinem gestern Erlebten zu schreiben. Der Sturm auf Vailly! Gewiß werdet Ihr davon in den Zeitungen gelesen haben, aber Einzelheiten, die ich nie vergessen werde, will ich Euch erzählen. Am 29. 10., nachmittags, wurde die Kompagnie zusammengerufen, und unser Oberleutnant verkündete, daß aus den 30. 10., morgens 8 Uhr, der Sturm auf Vailly festgesetzt sei, und daß tvir Pioniere den Sturm beginnen sollten. Wir erhielten Drahtscheren, um die Drahthindernisse vor den französischen Stellungen zu zerschneiden. Wir zogen am 29., abends gegen 8 Uhr, von St. Berte los, um gleich in unseren Schützengräben die Stellungen einzu- uehmcn. Es ist eine Stunde Weg. Um 11 Uhr wurde ich abkommandiert, um Leuchtpatronen und Pistolen zu holen. Unsere Artillerie feuerte heftig, schwere (21 Zentimeter-! und leichte Geschosse. Vom Feinde wurde heftiges Gewehrfeuer gegeben. Auf dem Rückweg hatte ich Teile der Landstraße zu überschreiten, die vom Feinde heftig beschossen wurden. Zwei
