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Samstag, 28. November 1914.

Morgen - Ausgabe.

Nr- 555. 62. Jahrgang.

Der Krieg.

Der vorzügliche Stand unserer Truppen im westen.

(Von unserer Berliner S chr i f t l e i tu ng.)

Berlin, 27. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Ein höherer Offizier des Großen Generalstabs, der die­ser Tage die Truppen in der'Front im Westen aus­gesucht hat und jetzt nach Berlin zurückgekehrt ist, ent­wirft ein geradezu begeistertes Bild von dem, was er dort gesehen hat. Allenthalben sei alles in .bester Ordnung: Gesundheitszustand, Verpflegung, vor allen Dingen aber die Stimmung. In den Schützengräben so sagt unser Gewährsmann hatten sich die Truppen ganz wohnlich einge­richtet. Man litt weder Frost noch Hunger, ja an eini­gen Stellen waren die Räume mit Sesseln, Sofas, Teppichen und Hängelampen ansgestattct, denen mir das Petroleum fehlte und durch Kerzen hatte ersetzt werden müssen. Geradezu rührend aber sei überall in der Front wie auch in den Etappen die S i e g e s- z u v c r s i ch t und die schrankenlose Hingabe aller Truppen und aller Chargen gewesen. Wenn man von dort kommt, so schließt der Offizier, dann ist es einem, als sei man in der Kirche gewesen.

Erfolge unserer Truppen in Frankreich.

Das geräuschlose Geschoß.

I 16 . Genf, 27. Nov. In einem für den Gegner verlust­reichen Gefecht behauptete» die Deutschen ihre östlich Verdun errungenen Vorteile. Alle Anstrengungen der Verbündeten, die deutsche Artillerie an der Fortsetzung der Beschießung der Stadt Arras und der gegnerischen Stellungen bei La B a s s 6 c zu verhindern, blieben c r - .f o l g l o s. Um das Dorf M n s s» am Aisnefluß wird erneut hcftiggekäntpft.

Angelegentlich befaßt sich die französische Militärpressc mit dem geräuschlos die Flugbahn durchlaufende« Ge- s ch o ß der neuartigen in Flandern ausgestellten Geschütze. In Ermangelung technischer Einzelheiten hilft man sich mit der Bekräftigung der Vorzüge der bewährten Systeme. Ein General äußerte: Für den Artilleristen existiere nur

ein GeräuschlosigkertSidcal: Die gegnerische Battcrre znm

Schwelgen zu bringen. Der bewährteste Mechanismus könne die Geschicklichkeit des Artilleristen nicht ersetzen. Immerhin verdiene diese Neuheit alle Beachtung.

vor dergroßen deutschen Aktion."

Herv6s Ansicht über die Lage.

Br. Mailand, 27. Nov. (Erg. Dvahtberrcht. Ktr. Bln) ^cmSecolo" wird aus Paris gemeldet: Die enql.schen und französischen Zeitungen beschäftigen sich ausführlich mit der groß en deutschen Aktlon, die mehreren Anzeichen zufolge sur die nächste Zeit bcvorstcht Die Meinungen über den Angriffspunkt sind verschieden. H e r v glaubt, die Deutschen würden das Zentrum angreifen, zwischen Arras, Rohe und Lastianh im Norden von Reims. Herv6 beschäftigt sich mit dem Schicksal voll Paris für den Fall, daß die Deutschen die Frontlinie durchbrechen. Obwohl Paris jetzt besser verteidigt sei wie im September, sei d'e Hauptstadt doch nicht vor einer Überraschung s ich e r. Die Zeitungen wollen die öffentliche Meinung auf die große Überraschung vorbereiten und verbergen nicht die großen Schwierigkeiten eines Sieges über den so außergewöhnlich starken Feind. Daß man in Frankreich die richtige Meinung von der Kraft des deutschen Heeres hat, beweist nicht nur die Unruhe über den Ansgang der angeblichen Schlacht, sondern auch die beharrlichen Betrachtungen über ein mögliches Eingreifen neuer Elemente, wie die

Javaner usw. ,

Br. Christ'ania, 27. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Eine Pariser Meldung von gestern besagt: Im Norden ist eine große Schlacht in Vorbereitung. Von beiden Seiten wird alles aufgeboten, um zu e uer Entscheid» n g zu kommen.

Die amtlichen französischen Berichte vom Donnerstag.

W- T.-B- Paris, 27. Nov. (Nichtamtlich.) Der amtliche Bericht vom 26. November, 3 Uhr nachmittags, lautet: Es ist vom 28. November kein bedeutendes Ereignis zu mel­den. Im Norden nahm das Geschühfeuer an Heftigkeit ab und es ist kein Jnfanterieangriff auf unsere Linien, dio an gewissen Stellen vorrn.kten, zw verzeichnen. Im Gebiete von A r r a § dauert die Beschießung der Stadt und der Vor. orte fort. An der A i s n e versuchte der Feind einen An­griff aus das Dorf Messt). Der Angriff mißlang völlig. Die Deutschen hatten ernste Verluste. Wir konnten in dem Gebiet westlich Souain einige Fortschritte verzeichnen. In den A r g o n n e n, im W o e v r e, in Lothringen und in den Vogesen herrscht nahezu völlige Ruhe an der Front. Auf den Höhen der Vogesen herrscht starker Schneefall.

W. T.-B. Paris, 27. Nov. Amtlicher Bericht vpm Donnerstagabend 11 Uhr: In Belgien herrscht

völlige Ruhe. Im Zentrum Geschützfeuer ohne Jnfanterie- imgriffe. In den Argonnen nichts zu melden. Östlich Ver­dun fand ein kleines Gefecht statt

Petersburg in Angst vor der deutschen Flotte.

Br. Wien, 27. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.)

Die Operationen der deutschen Flotte in der Ostsee haben in Petersburg lebhafte Unruhe hervorgerufen. Aben­teuerliche Gerüchte durchschwirren die Stadt. Es heißt, daß mit fieberhaftem Eifer an den Befestigungs- Werken gearbeitet werde und man verweist auf eine Publikation. Mcuschikvsfs in derNowoje Wremja", der vor einiger Zeit schrieb: In nicht ferner Zukunft wird ein R i e s e n g c s ch w a d er mit einer großen Karawane von schnellen Persouendampfern heranstümcn und che es dem zerklüfteten Institut un­seres Kriegsministeriums gelingen wird, ihre weit­läufigen Akten auszutanschen, werden durch das Tr i u m p h t o r von N a r w a die p o m m e r s ch c n Grenadiere ihren Siegeseinzug in Peters­burg halten. Daher warne ich jeden, sich in der Nähe von Petersburgs niederzulassen. Stünde ich an der Stelle des Ministerpräsidenten, so würde ich mich be­eilen, die Staatschefs rechtzeitig etwa nach Moskau oder Nischninowgorod zu schaffen. Das gleiche müßte auch mit den Staatsarchiven und jenen Kostbarkeiten geschehen, die schade wären, dem Feinde preisgegebcn zu werden.

Oesterreichs Freude über den Erfolg des Generals v. Mackensen.

W. T.-B. Wien, 27. Nov. (Nichtamtlich.) Mit der Freude über den glänzenden Erfolg der Truppen des Generals v. Mackensen geben die Blätter zuversichtlich Aus­druck, daß auch der endgültige Ausgang des entscheiden- dcn Kampfes im Osten für die Armeen Deutschlands und Österreich-Ungarns siegreich sein tvcrde. DieNeue Freie Presse" stellt fest, cs lasse sich mit einer gewissen Sicherheit behaupten, daß die russische Armee in wichtigen Teilen die Kriegslust verloren und in der Moral ge­litten haben fnüssc. Es sei nicht deutbar, daß Zehntausende dem Gegner in die Armee laufen würden, wenn sie nicht entmutigt seien. - Dagegen seien für die verbündeten Truppen die Vorzeichen günstig. All die herrliche Begeiste­rung und der unerhörte Heldenmut könnte nicht vergebens sein und müßte schließlich zum Siege führen.

W. T.-B. Budapest, 27. Nov. (Nichtamtlich.) In Be­sprechung des Berichtes der deutschen Obersten Heeresleitung schreibt derPester Lloyd": Eine Armee, die in zehn Tagen 97 006 Mann an Kriegsgefangenen verliert, ist moralisch zerrüttet und physisch zermürbt. Sie kann durch furchtbare Menschenopfer ihre Niederlage nur eine Weile verzögern, aber auf ihrem Antlitz ist bereits der hypo- kratische Zug erkennbar, der Vorbote des unabwendbar nahen­den Endes.

Der Stand der Dinge um przemysl.

W. T.-B. Wien, 27. Nov. (Nichtamtlich.) DasFremden- blcctt" schreibt: An zuständiger Stelle ist von dem Armee­oberkommando die Mitteilung eingetroffen, daß die zweite Belagerung von Przemysl für den Feind bisher keine Fortschritte gebracht hat und daß die Festungswerke trotz des wütenden Ansturines der Russen keinen nennens­werten Schaden gelitten haben. In der Meldung eines Stabsoffiziers von Przemysl an das Armeeoberkommando wird berichtet: Die Lage der Verteidiger sei eine solche, daß man wegen des weiteren Schicksals der Festung nicht be­unruhigt zu sein braucht.

Der Vormarsch in Serbien.

ggg Gefangene, 1 Geschütz.

IV. T.-B. Wien, 27. Nov. (Nichtamtlich) Vom südlichen Kriegsschauplatz wird amtlich gemeldet: Die Kämpfe an der Kolubara nehmen einen günstigen Verlauf. Auch gestern wurde fast an allen Gefechtsfronten trotz des zähen Wider­standes des Gegners Raunt gewonnen. Rund 900 Gefangene tuurbcn gemacht und ein Geschütz erbeutet. Die überaus un­günstige Witterung in den Niederungen, grundloser Boden auf den Bergen und jede Fernsicht verwehende Schnee- stürme erschweren zwar die Operationen, doch ist die Stim­mung unserer Truppen, wie eine Meldung aus der Front be­sagt, vorzüglich.

Belgrad vor dem Fall?

Ink Semlin, 27. Nov. Die Wirkung der Be­schießung Belgrads ist den Erwartungen entsprechend und man nimmt an, daß die serlnsche Hauptstadt sich nicht länger als bis Sonntag, 29. November, balten wird. Allerdings hat man noch mit der sehr starken BefestigungSlinie Balvoo-Avala zu rechnen, deren Widerstand den Fall Belgrads noch länger verzögern kann.

Die ernste Lage in Indien.

Br. Konstantinopel, 27. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Die feindliche englische Bewegung in Indien nimmt großen Umfang an, noch bevor uns gelungen ist, die Verkündigung des Heiligen Krieges bekannt zu machen. Namentlich im Regierungsbezirk Madras ist es zu Un­ruhen gekommen, die mit Attentaten, gegen englische Be­amte begonnen haben. Die revolutionäre Unabhängigkeits­partei entfaltet hier eine energische Propaganda gegen die englische Herrschaft. Der Abtransport der englischen Trup­

pen auf die europäischen Kriegsschauplätze stößt bereits auf Schwierigkeiten und es sind Fälle zu ver­zeichnet!, in denen der Abtransport unterbleiben mußte, weil sich die Soldaten >v c i g e r t e », an B:?"d der Transport­schiffe zu gehen. Die englischen Behörden vermeiden es, Verwundete nach Indien zurückzubringen, weil sie die Inder unter der falschen Angabe, sie gingen als Besatzungs- truppen nach Ägypten, einschifften.

Ein Gefecht in Südafrika.

Angebliche große Erfolge der Engländer, lid. Haag, 27. Nov. Die LondonerMorningpost" meldet aus Pretoria: Nach einem amtlichen Be­

richt des Kommandanten Geyser aus Nilstrom hat ein Gefecht stattgefunden, wobei die Kommandanten Wiljoene, W>an starben, Potgiter und Wessels mit etwa 60 Leuten gefangen genommen wurden. Hiernach soll angeblich die Revolution in diesem Distrikt ihr Ende erreicht haben.

Wilhelm ».Siemens über denttrieg

DieTinws", welche die Unbesonnenheit beging, bestimmte hervorragende deutsche Persönlichkeiten als Schwurzeugen für unsere vermeintliche Hoffnungs­losigkeit vorzustellen, kann sich jetzt eine interessante Samnrlung von lebhaften Wildersprüchen anlogen; zu den Herren Ballin, Rathenan und Gwinner, die es sich halbironisch und jedenfalls sehr ernsthaft _ verbeten haben, der ihnen zugeschriebenen Torheit bezichtigt zu werden, werden sich vielleicht auch die anderen, von derTimes" namentlich aufgeführten Männer gesellen, wofern ihnen eine abwehrende Kundgebung überhaupt notwendig zu sein scheint. Wie die führenden Kreise unseres Wirtschaftslebens über den Krieg und den un­entrinnbaren Zwang denken, ihn, gestützt auf unsere reichen Mittel, bis zum siegreichen Ende namentlich gegen Großbritannien durchzu-haüen, dafür liegt ein neuer wertvoller Beweis in einem ge­dankenvollen Aufsatz von Wilhelm v. Siemens, dem Chef des berühmten Hauses, im Dezemberheft von Nord und Süd" vor. Der Herausgeber dieser für den Beobachter des öffentlichen Lebens geradezu un­entbehrlich gewordenen Monatsschrift, Professor Lud­wig Stein, hat uns die Aushängebogen der Kriegs- sondernummer zur Verfügung gestellt, die u. a. Bei­träge vom Grafen Mirbach-Sorquitten, vom Direktor der Diskontogesellschaft Walter, von Georg Bernhard usw. bringen wird. Die tiefgründige Abhandlung von Wilhelm v. Siemens unter dem TitelDie Industrie und der Weltkrieg" kann hier aus Mangel an Raum nicht bis in ihre feinen und aufschlußreichen Verzwei­gungen hinein begleitet werden, aber wie der Verfasser über die besondere Stellung denkt, die uns Eng­land gegenüber aufgezwnngen wird und die dem- gcinatz von der Stellung zu den anderen Kriegführen­den abweicht, das zu erfahren verlohnt sich sehr. Denn wir alle können ilns g a r n i ch t eindring­lich genug klarmachen, daß die Teilnahme Groß­britanniens an dem Weltkriege Probleme in den Vor­dergrund gerückt hat, mit denen wir uns als mit etwas völlig Neuem abznfinden haben, obwohl sie in der Entwicklungslinie der geschichtlichen Ereignisse liegen.

Wilhelm v. Siemens schreibt u. a.Es ist ein Kennzeichen unserer Zeit, daß man sich benrüht, alle Dinge bis zu ihrer äußersten Konsequenz durch­zuführen. Wir sehen, wie alle Staaten ihre Wirtschasts- Politik mit zunehmender Heftigkeit führen, wobei jeder Staat mit seinen besonderen Verhältnissen zu rechnen hat. Wer darüber hinaus hat sich an einigen Stellen eine über alles Maß hinausgehende gewalt­same Anwendung von politischer und militärischer Macht entwickelt, um illoyale Volkswirtschaft zu betreiben und aufstredenden Volkswirtschaften die Möglichkeit der Weiterentwicklung a b z u s ch n e i- den und die offene Tür des internationalen Wirt­schaftsverkehrs zu verschließen . . . Man kommt zu dem Ergebnis, daß ein Nichtgleichgewichtszustand mit gutem Willen für das Allgenieininteresse nützlicher ist als ein Gleichgewichtszustand mit bösem Willen, der kemcrlci Garantie bietet. Solange die englische Flotte das Meer beherrschte, stand die Volkswirtschaft der Welt, die auf freien Verkehrswegen beruht, einer Kraft gegenüber, welche die Fähigkeit besaß, diese Wege zu. unterbinden, sobald es ihr beliebte. Die übrige Welt zeigte sich aber bereit zur Duldung d'eses über­ragenden Übergewichts, weil sich dasselbe begründen ließ durch die besondere Lage des Jnselreiches, das in kurzer Frist existenzunfähig werden mußte, sobald ein stärkerer oder auch nur gleich starker Gegner chm dre Verkehrswege abschnitt. Die ganze Welt und be­sonders Deutschland sind nun aber darüber auf­geklärt worden, daß die Macht der englischen Floftc nach ihrer verkehrten Seite hingeleitet worden ist, nämlich zur U n t e r b i n d u n g des S e e v e r- kehrs für die ganze Welt und zur gewalt-