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Freitag. 27. November 1914. Ur. 554. . 62. Jahrgang.

Der Krieg.

Oer Tagesbericht vom 27. November.

keine wesentlichen Veränderungen im Nord­westen. — weitere Fortschritte im klrgonner- walde. — Noch keine Entscheidung der Kämpfe im Gsten.

W. T.-B. Grußes Hauptquartier, 27. Nov., vormittags. (Amtlich.) Eine Belästigung der flan­drischen Küste durch englische Schiffe fand auch gestern nicht statt. Auf der Front des westlichen Kriegsschau­platzes sind keine wesentlichen Veränderun­gen eingetreten. Nordwestlich Langemark wurde eine Häusergruppe genommen und dabei eine Anzahl Gefangener gemacht.

Im Argonner Walde machten unsere Angriffe weitere Fortschritte. Französische Angriffe in der Gegend Apremont und östlich St. Mihiel wurden zurückgeschlagen.

Im Osten haben gestern keine entscheiden­den Kämpfe stattgefundcn.

Oberste Heeresleitung.

Bedeutende Dinge im Westen in Vorbereitung?

Berlin, 27. Nov. Nach Kopenhagener Meldungen der „Köln. Zeitung" wurde dort angenommen, daß sich bei den Deutschen auf dem westlichen Kriegsschau­plätze bedeutende Dinge vorbereiten.

Bon den Küstenkämpfcn.

TU. Rotterdam, 26. Nov. Nach Londoner Meldungen sind die Kriegsschiffe, die Zeebrugge bombardiert haben, nach England zurückgekehrt, um ihre Munitionsvorräte zu ergänzen.

Neue deutsche Geschütze?

TU Rotterdam, 26. Nov. Das englische Preffeburean behauptet in einer Darstellung der Kriegslage bis einschließ­lich den 23. November, die Deutschen , gebrauchten neue Waffen. Vor allen Dingen sei ein neues Geschütz auf den Kriegsschauplatz gebracht worden, das anscheinend pneumatisch oder mechanisch arbeite; von der Explosion sei beim Ab­feuern der Geschütze nichts zu hören, diese gehe o h n e j e d e n Lärm vor sich.

Ueberraschung und Bestürzung in Paris.

DB. Paris, 26. Nov. Die erneuten Angriffe der Deutschen aus Ipern haben hier große Überraschung und Bestürzung hervorgerusen, da Presse und Publi­kum nach den Generalstabsberick^n der Überzeugung gewesen waren, daß die Deutschen an dieser Stelle sich längst zur Defensive resigniert hätten. Das „Petit Journal" schreibt: Die neuen Angriffe auf Ipern geschehen offenbar nur zum Sch e i n, denn der Besitz Iperns ist in Anbetracht des völlig überschwemm­ten Geländes von nur geringer strategischer Bedeutung und würde die Opfer der Deutschen nicht rechtfertigen. Es ist dies offenbar nur eine Finte, um unsere Auf- merksamkeit von einer anderen Stelle des Kampfplatzes abzulenken. Wie wir genau wissen, haben die Deut­schen bei S o i s s o n s enorme Verstärkungen heran- gezogen und es bereiten sich dort wichtige Ereig­nisse vor.

Die Frage der Rückkehr der französischen Regierung.

Der Widerspruck zwischen der amtlichen Berichterstattung und dem Verbleiben der Regierung in Bordeaux.

W.T-B- Basel, 26. Nov. (Nichtamtlich.) Nach einem Pariser Brief der „Baseler Nachrichten" wird in Frankreich die Frage der Rückkehr der Regierung nach Paris und die Einberufung des Parlaments dorthin, während die Regie­rung vorläufig in Bordeaux bleibt, noch immer lebhaft er­örtert. Falls bei der Regierung der Wunsch bestände, das Parlament in Bordeaux einzuberufen, so hätte sie stich­haltige Gründe angeben müssen. Natürlich konnten diese Gründe nur militärischer Natur sein. Entweder ist die Lage gut, wie die amtlichen Bulletins sagen, und daun wäre kein Grund dafür, daß das Parlament nicht in Paris tagt, oder die Heeresleitung hat selbst eine andere Ansicht über die Lage. In diesem Falle braucht die Regierung sich nicht zu weigern, uns die Wahrheit zu sagen. Als die Sozia­listen die Frage aufwarfen, warum die Regierung nicht über­siedele, erschien der bekannte Artikel im „Temps", daß die Übersiedelung auf die Deutschen^ einen besonderen Anreiz ausüben würde., Überdies sei die Arbeit des Par­laments nur kurz und lediglich ein Akt der Abstimmung. In einer offiziösen Auslassung war die Frage der Rückkehr der­maßen mit derjenigen der parlamentarischen Arbeiten ver­quickt, daß man sich fragte, ob es der anitlicheil Stelle nicht mehr auf den zweiten Punkt angekommen sei. Die Sozia­listen jedenfalls hätten die Auslassung so verstanden. Sie wehren sich schon jetzt gegen diese Eingriffe der Regierung in die Rechte des Parlaments. — Daniel Renauld erklärt in der „Humanität Wenn der „Temps" und seine Hinter­

männer unser Recht beschneideil wollen, so würden die Sozia­listen antworten, daß auch in den schwersten Fällen den Volksvertretern das Recht nicht entzogeil werden dürfe. Wohl sei jetzt nicht der Augenblick für Diskussionen, aber die Frage sei schwerwiegend. Frankreich müsse siegen, aber dazu gehöre Geld. Eins Aufstellung, nach lvelchen Grundsätzen die finanziellen Opfer unter die Bürger verteilt werden sollten, sei notwendig. Erst dann dürften die verlangten Kredite bewilligt werden. Aber auch sonst sei im Interesse der ganzen Staatsgeschäste die Rückkehr der Regierung nach Paris erforderlich. Die häufigen Reisen der Minister be­wiesen die Notwendigkeit einer Fühlungnahme mit den Organen der Verwaltuilg. Könne inail denn auf Reiseil gut administrieren? Die höhere Gewalt der militärischen Ereig­nisse hindere die Rückkehr nicht. Wenn die Regierung Dis­kussionen über die Frage der Deckung vermeiden will, so stößt sie auf lvirksamen Widerstand nicht nur der Sozialisten. Wahrscheinlich entsteht Uneinigkeit im Schoße des Minister- rcrts. Es ist möglich, daß der Modus vivendi noch zu finden ist, aber ob die Verzögerung der Rückkehr noch lange ohne nachteilige Folgen siir die Moral des Landes ist. ist ftaglich. Es besteht ein Widerspruch zwischen der amtlichen Be­richterstattung und dem Verbleiben der Regierung in Bordeaux. Schon heute mache sich in vielen Kreisen in Paris eine Entmutigung breit, worüber der „Figaro" -klagt. Alle diese Vorgänge zeigen, daß die amtliche Bericht­erstattung über die kriegerischen Vorgänge eine heikle Sache und es ein gefährlich Ding ist,-wenn man die Worte nicht mit den Taten in Einklang bringen kann.

Pichvns Sekinsucht nach den Japanern.

TU. Paris, 26. Nov. (Indirekt.) Im „Petit Journal" veröffentlicht Pichon einen Artikel, in dem er darlegt, die Ententemächs würdeil eine Teilnahme der Japaner auf dem europäischen Kriegsschuplatze mit großer Sympathie begrüßen. (Vergl. „Letzte Drahtberichte".)

Oie Neulralitätsverletzung durch Belgien.

Ein schweizerisches Urteil zu den Enthüllungen der „Norddeutschen".

W- T--B- Basel, 26. Nov. (Nichtamtlich.) Unter der Überschrift „Vor der Krisis" bespricht der „Baseler Anzeiger" die hochgespannte politische Lage und bemerkt u. a.: England hatte, wie die Enthüllungen der „Nordd. Allg. Ztg.' Nach­weisen, mit Belgien eine Militärkonvention ge­schlossen. Die Belege hierfür sind so drückend, daß man deni deutschen Generalstabe heute recht geben muß, wenn er behauptet, daß Belgien eine Konvention mit seinen Gegnern eingegangen sei.

wieder ein englisches Linienschiff verloren!

W. T.-B. London, 26. Nov. (Nichtamtlich.) In der gestrigen Sitzung des Unterhauses te.lte Marine- minister Churchill mit, daß das Linienschiff, „Bnlwark am 25. November morgens in Sheerneß in die Luft geflogen sei. 70» bis 800 Mann sind umgekommen, nur ' 12 Mann wurden gerettet. Die anwesenden Admirale berichteten, sie seien überzeugt, daß d e Ur­sache eine innere Explosion des Magazins war und keine Erschütterung des Wassers erfolgte. Das Schiff sank in drei Beinuten und war v e r s ch w u n- ü c n, als sich die dichten Rauchwolken verzogen hatten. Die Erplvsion war so stark, daß die Gebäude von Sheerneß b's auf die Fundamente erzitterten, und wurde mehrere Meilen weit vernommen. Das Limen schifs „Bnlwark" stammte aus dem Jahre 1899, hatte 15 250 Tonnen Deplacement, 18 bts 19 Seemeilen Gc- schwindiakeit, vier 30,5-Zentimeter-, zwölf 15-Zenti- meter-Geschützc und 750 Mann Besatzung.

Br Berlin, 27. Nov. (Eigene Meldung. Ktr. Mn.) Der englische Dreadnought „Bnlwark" ist anscheinend tatsächlich durch eine Explosion im Innern des Schiffes selbst zugrunde gegangen. Der Verlust so vieler Men­schenleben mag an sich beklagenswert erscheinen, aber in Kriegszeiten und zumal bei der grenzenlos rücksichtslosen und unerhört frivolen Art der eng­lischen Kriegführung wird man solches Bedauern zurück drängen müssen, höchstens wäre zu be­klagen, daß das englische Schiff nicht durch einen Er­folg unserer eigenen Waffen untergegangen ist. Bei dem jeder Kultur spottenden Verhalten der englischen Heeresleitung — in diese Rubrik gehört auch die Tat­sache, daß, wie jetzt bekannt gegeben wird, die Eng­länder noch das völlig wehrlose Wrack der „E m d e n" beschossen haben — wird der empfindliche Verlust, den die englische Marine durch den Untergang der „Bnlwark" erlitten, nur m it F r e u den begrüßt werden.

Der Bericht des Fregattenkapitäns v. Müller über die Vernichtung der „Emden".

Die hervorragende Tapferkeit der Verteidiger bis zum Ende der Munition. Ern letzter Versuch, auf Torpedo­schußweite den Gegner zu fassen. Die deutschen Verluste.

W. T.-B. Berlin, 26. Nov. (Nichtamtlich.) Das Gefecht S. M. S. „Emden" mit dem englischen Kreuzer „Sydney". Von dem Kommandanten S. M. S. „Emden", Fregattenkapitän v. Müller.

ist nachstehender telegraphischer Bericht, scher das Gefecht S. M. S. „Emden" mit dem englischen Kreuzer „Sydney" bei den Kokosinseln eingetroffen: Der englische Kreuzer „Sydney" näherte sich den Kokosinseln mit hoher Fahrt, als dort gerade eine von S. M. S. „Emden" ausgeschiffte Landungsabteilung das Kabel zerstörte. Das Gefecht Zwischen den beiden Kreuzern begann sofort. Unser Schießen war zuerst gut;, aber binnen kurzen: begann das Feuer der schwereren englischen Geschütze, wodurch schwere Verluste irt unseren Gesch ü tz b c d i c n u n g e n ein­traten. Die M u n i t i o n ging z u Ende, und die Geschütze mutzten das Feuer einstellen. Trotzdem, die Ruderanlage durch das feindliche Feuer beschädigt war, wurde der Versuch gemacht, auf Torpedo- schuß w e i t e an die „Sydney" heranzukommen. Dieser Versuch mißglückte, da die Schornsteine zerstört waren und infolgedessen die Geschwindig­keit der „Emden" stark herabgesetzt war. Das Schiff wurde deshalb in voller Fahrt an der Nord- (Luv-)Seite der Kokosinseln auf ein Riff gesetzt.

Inzwischen war es der Landungsabteilung gelun­gen, auf einem Schoner von der Insel zu ent­kommen. Der englische Kreuzer nahm die Vers o l- g u n g auf, kehrte aber an: Nachmittag wieder zurück und feuerte auf das Wrack S. M. S. „Emden".

Um weiteres unnützes Blutvergießen zu vermeiden, kapitulierte ich mit dem Rest der Besatzung. Die Verluste S. M. S. „Emden" betragen: 6, Offi­

zier e, 4 D e ck o f f i z i e r e, 2 6 Unteroffiziere und 9 3 Mann gefallen; 1 Unteroffizier, 7 Mann s ch w e r v e r w n n d e t.

Die Melden von Tsingtau in Tokio.

Br. Rotterdam, 27. Nov. (Eig. Drahtbericht: Ktr. Bln.) In Tokio trafen am Montag 350 Gefangene aus Tsingtau ein. Zwei japanische Damen boten ihnen Chrysanthemen mit einer deutschen Be­grüßung an. Die Deutschen wurden dann in den Straßeftbahnwagen in einen Tempel geführt, wo sie interniert wurden.

Die allgemeine Kriegslage.

Zum Telegramm des Großen Hauptquartiers vom 26. November 1914.

Von Major a. D. M. v. Schreibcrshofeu.

Die Kämpfe, die sich seit mehreren Tagen auf dein westpolnischen Kriegsschauplatz abspielen, werden von entscheidender Bedeutung für den Ausgang des ganzen Krieges sein, da es sich um eine große Schlacht mit den Hauptkräften des ganzen russischen Heeres handelt, dessen Gesamtstärke, auf diesem Teile des Kriegsschau­platzes allein auf 900 000 Mann angenommen wird. Wenn Rußland auch in der Lage ist, noch mehr Mann­schaften auszubringen, so können dies immer nur Formationen zweiter oder dritter Linie sein, denen nur eine geringere militärische .Bedeutung zuge­sprochen werden kann. Deshalb ist b.te Niederlage der in Westpolen befindlichen Kräfte der ersten Linie von entscheidender Bedeutung. Das Mittwochs-Telegramm des Großen Hauptquartiers hatte schon die erfreuliche Mitteilung gebracht, daß die russische Gegenoffensive auf allen Teilen des weitausgedehnten Schlachtfeldes Zurückgeschlagen und zum Scheitern gebracht war. Der volle Umfang des erfochtenen Sieges hatte sich aber nicht gleich übersehen lassen. Erst in der Hauptquar- tiermeldung vom Donnerstag liegen darüber genauere Nachrichten vor, und aus ihnen ergibt sich, daß die Russen bei der Abweisung ihrer Angriffe Zugleich eine entscheidende Niederlage erlitten haben. Es sind ihnen bei diesen Kämpfen bekanntlich 40 000 unver- wundete Gefangene abgenommen, ferner 70 Geschütze, 160 Munitionswagen und 150 Maschinengewehre. Außerdem sind 30 Geschütze Unbrauchbar gemacht worden. Rechnet man die mit den vorhergehenden Tagen von den Deutschen und Österreichern gemachte Kriegsbeute hinzu, so ergibt dies allein an Ge­fangenen die große Zahl von 100 000 Russen. Es entspricht dies etwa der Gefechtsstärke von drei Armeekorps. Hierbei sind die Zahlreichen Verluste an Toten und Verwundeten noch nicht einmal mitge­rechnet. . Noch schwerer wiegt vielleicht der Verlust an G«schützen «mä> Maschineng eweh ren, weil es den Russen bei der geringen Leistungsfähigkeit ihrer eigenen Fabriken außerordentlich schwer fallen dürste, vielleicht ganz unmöglich ist, einen Ersatz dafür zu er- halten. Somit haben die siegreichen Gefechte der letz­ten Tage die Widerstandskraft des russischen Heeres in empfindlicher Weise geschwächt. Die numerische Über­legenheit, über welche die Russen von Anfang an ver­fügten, wird immer mehr ausgeglichen.

Immer von neuem versucht die russische Heeres­leitung, Verstärkungen heranzuziehen und sie in den Kämpf zu werfen, ittitn eine. Änderung der Lage her-