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Donnerstag, 26. November 1914.
Morgen- Ausgabe.
Nr. 551» ♦ 62. Jahrgang.
i
Der Krieg.
Englisch-französische Eifersüchteleien.
Die großen deutschen Fortschritte am Dserkana!.
Nr. Genf. 25. Rov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Mir.) Als Erwiderung auf die jüngsten Veröffentlichungen in denen d:e Leistung des b r i t i s ch e it Kontingents in Flandern und Nordfrankrcich auf Kosten der französischen Waffentalen her- a u s g e st r i ch c n wurden, enthält das heutige amtlich c französische Armeebulletin den nicht mitzzuversteyenden <satz, daß die französischen Truppen noch die Haupt- arbeit verrichten. Auffallend ist auch das Stillschweigen in dem Joffreschen Tagesbericht über die gestrige englische Beschießung an der flandrischen Küste. - Die großen Fortschritte der d-e u t sch e n P i o n i e r e am Mrkanal veranlaß- ten den französischen Generalstab zu Verstärkungen oei Dixmuiden, Bixschooten und Apern. Im Argonnerwalde bau- orten b-ei Nebel wieder die neuen Angriffe fort, namentlich bei Four de Paris, wo die deutschen und französischen Laufgräben besonders nahestanden.
Ein englischer Bericht über die jüngste Beschießung der belgischen Küste.
Br. Amsterdam, 25. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Der Kriegsberichterstatter der „Times' meldet über die Beschießung der belgischen Küste durch englische und frangostsche Kriegsschiffe: Bereits gestern morgen waren die sumvarts gelegenen, durch die Deutschen oerstärkten belgischen Knstenorte und besonders die deutsche Artillerie in den Dunen wiederholt das Ziel einer englisch-französischen $ lo t t c. Am fxüBctt Morgen klärten englische Flieger die Kustengegend aus. Nachdem die Flieger zu den Linien der Verbündeten zurückgekehrt waren, unternahmen diese einen Angriff auf die deutsche Infanterie bei N i c u p o r t im Zusammenwirken mit dem Geschwader, das sich der Küste näherte und wahrscheinlich durch drahtlose Telegramme Informationen bckam.^ Die Deutschen unterhielten ein ununterbrochenes Feger aus die heranrückenden Truppen der Verbündeten und auf das Geschwader, das aus drei kleinen Kreuzern und zahlreichen Torpedobooten zusammengesetzt war. Am Vormittag -rschien eine zweite kleine Flotte, welche die Gegend von Q st e n d c und W c n d u y n e unter Feuer nahm. Zwei deutsche Batterien bei Westende wurden zum Schweigen gebracht, (?) aber dennoch mußten sich die dort operierenden Schiffe infolge deS heftigen Schießens der Deutschen zurückziehen, wobei ein Torpedojäger ernstlich beschädigt wurde. DaS zweite GeMvader wandte sich dann nach Z e e b rüg q c. Dort wurden ein Koksschuppen und Clertrizitätsbauten in Brand geschossen Auch das Palme- Hotel und der Kirchturm in H e Y st stnd schwer beschädigt, ebenso die A n l c g e st e l I e n in Z e e b r u g g e. Auch wurden verschiedene Hafenwerke zerstört. Es entstand etn Kampf mit dem Geschwader, das sich, begünstigt durch Nebel und Dunk elb eit, in westlicher Richtung zuruckzog.(!) Bn Zeebrugge sind auch Billen und Häuser, verwüstet worden, die Einwohner flüchteten nach allen Richtungen.
Die belgischen Kriegskosien.
Br. Brüssel. 25. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Die Kriegskosten Belgiens belaufen sich nach zuverlas,,ger Schätzung bisher .mf 70O Millionen Franken Von dieser Sum,nc wurden bisher 2OO Mrlltmten von dem belgischen Parlament bewilligt, während Frankreich und England je 250 Millionen zugeschossen haben.
Die Kämpfe in Kamerun.
\Y. T.-B. London, 25. Nov. Das, Pressebureau meldet, das? die Verbündeten Viktoria und B n c a tn Kamerun besetzt haben.
Portugal vor -er Entscheidung.
W T-B London, 25. Nov. Das „Reuter-Bureau" meldet aus Lissabon vom 24. November: Nachdem der Ministerpräsident vor den Abgeordneten nnd dem Senat eine Erkllärung abgegeben hatte, nahm der Kongreß einstimmig einen Gesetzentwurf an, durch weichen die Regierung ermächtigt wird, auf Grund des Bündnisses mit England in dem gegenwärtigen internationalen Konflikt in eurer Werse zu rnt er- d enteren, welche rhr als die geeignetste erscheint. Die Regierung wrrd ferner ermächtigt, dre hiezu erforderlichen Maßregeln zu ergreifen. Nach M'tteilnnnen der Presse wird ein Erlast, durch welchen eine teilweise M o b r l r, r e r u n g verfügt Wird, morgen oder übermorgen erscheinen. Zugleich wird der Kriegsminister einen Aufruf an das Land richten.
Der österreichische Tagesbericht.
In Russisch-Polen bis jetzt 29080 Gefangene gemacht, 49 Maschinengewehre und viel Kriegsmaterial erbeutet.
W. T.-B. Wien, 25. Nov. (Nichtamtlich.) Amtlich wird vcrlautbart: Das gewaltige Ringen in
Russisch-Polen dauert fort. Bisher machten unsere Truppen in dieser Schlacht 29 OOO Gefarigenc und erbeuteten 49 Maschinengewehre sowie viel sonstiges Kriegsmaterial. . „ ,
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. H ö f c r, Generalmajor.
Tin deutscher Flieger über Warschau.
Br. Amsterdam, 25. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Ein deutsches Luftfahrzeug erschien nach Londoner Meldungen gestern über Warschau urid warf Bomben ab, die auf das amerikanische Konsulat fielen und einigen Materialschaden verursachten. Menschen wurden nicht getroffen.
Der Einfall der Russen in Ungarn gescheitert.
W. T.-B. Budapest, 25. Nov. Rach Informationen eines Mitglieds der Regierungspartei wurden die in das Komitat Ung eingedrungenen russischen Truppen z u r ü ck g c w o r - feit. Nach einem für sie verlustreichen Gefecht befinden sie sich bereits wieder auf dem Rückzug nach der Landesgrenze. Untergeordnete russische Kräfte stehen im Komitat Z e m p l i n, doch ist gegest diese bereits einer energische Aktion im Zuge.
Frankfurt, 25. Nov. Stach einer in Budapest eingetroffe- nen Meldung sind die ungarischen Truppen, wie die „Fr. Ztg." hört, am Montag in den Karpatheir in die Offensiv e getreten und haben einem Flügel der dort eingedrungenen Russen eine empfindliche Niederlage beigebracht. Die Russen traten einen fluchtartigen Rückzug au. An einer anderen Stelle ließen die Russen 5 0 0 Tote zurück. Unser Zurückweichen war nur eine den Russen bereitete Falle. Die auf unseren Bergen aufgestellte Artillerie beschoß die cin- dringeNden Russen von zwei Seiten, worauf ein Bajonettangriff folgte. Gefangene erzählen, daß die Russen in Galizien bereits alle Reserven aufgebraucht haben. An den Kämpfen im Kiestal waren sibirische Truppen beteiligt; unter den Gefangenen sind Mongolen und Tataren.
Der finanzielle Sieg unserer Bundesgenossen.
W. T.-B. Wien, 25. Nov. Die Blätter stcllcit mit großer Genugtuung fest, daß der alle Erwartungen übertreffcnde Erfolg der Kriegsanleihe ein finanzieller Sieg Österreich- Ungarns bedeute, der nicht nur den Beweis für die vaterländische Opferwilligkeit der gesamten Monarchie erbracht habe, isyytzrrn.auch Zeugnis ablege für die volkswirtschaftliche Tragfähigkeit des Landes. — In der „Neuen Fw Pr." bespricht der Mzegouverneur der Postsparkasse, Leih, den großen Erfolg der Kriegsanleihe und nennt das Zeichnungsergebnis ein Bekenntnis znm Kaiser, zur Armee und zum Vaterland. Wer diesen Zulauf der kleinen, mittleren und großen Zeichner gesehen habe, wer beobachten durfte, wie jeder im Rahmen feines Bssihes mithelfen wollte, um dem Staat die Mittel zur Kriegsführung zu geben, dem sei es beschieden gewesen, eines der g r ö tz t e n E r e i g n i s s e überhaupt und den gewiß größten finanzpolitischen Erfolg in Österreich-Ungarn erleben und mitgenießen zu dürfen.
Der Hafen von Archangelsk zugefroren.
Br. Kopenhagen, 25. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Nach privaten Meldungen aus Stockholm ist der russische Hafen Archangelsk trotz ununterbrochener Tätigkeit mehrerer Eisbrecher infolge ungewöhnlich großer Kälte z u - gefroren. Damit hat der Transport von Waren, Lebensmitteln und Munition von England nach Rußland sein Ende erreicht. Es wird vermutet, daß England und Rußland versuchen werden, den Transport über Schweden zu leiten. In diesem Falle wird mit einem Protest Deutschlands gerechnet.
Englands Streitmacht in Ägypten.
bst. Wien, 23. Nov. Nach Mitteilungen des in Konstantst nopel eingetroffenen aus Ägypten ausgewiesenen türkischen Polizeikommissars hat England in Ägypten im ganzen 75 000 Mann, darunter am Kanal 33 000 Mann. Auch viele schwere Artillerie wurde dahingebracht und neue Befestigungen angelegt.
Lin Einfall der Engländer in Mesopotamien.
hch Konstantinopel, 25. Nov. Die englische Gruppe, der es nach ihrer jüngsten Niederlage an der Tigris- mündung gelungen ist, Verstärkungen hcranzuziehen, marschiert jetzt unter dem Schutze ihrer Kanonenboote flußaufwärts. Die türkischen Truppen erwarten sie an einer Stelle des Flusses, wo sie durch ihre Kanonenboote nicht unterstützt werden kann.
Die unsichere Lage in Indien.
Br. Kopenhagen, 25. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Nach einer Londoner Meldung hat der englische Ministerrat den Vizekönig von Indien ermächtigt, über das Kaiserreich nach Erfordernis einen Kriegszustand zu verhängen. Die „Daily Mail" schreibt von der Möglichkeit eines nahen Wechsels in der Person des Vizckönigs.
Oer englische Hochmut.
Wie in den führenden Kreisen unserer Volkswirtschaft über rnrsere politische Lage geurteilt wind, dafür liegen aus den letzten Wochen drei bemerkenswerte Zeugnisse vor; zunächst die Ausführungen des Direktors der Nationalbank, Geheimrats W i t t i n g, gegenüber dem Vertreter einer großen New Dorker Zeitung, sodann ein Vortrag des Geheimrats R i e ß e r in Berlin, endlich die Erklärung B o l I i n s vom 19. November. Was diesen Ausführungen g e m einsam ist, das ist die feste Zuversicht ans unseren Sieg,
der unbeugsame Entschluß, den Krieg namentlich mit England bis zur völligen Niederwerfung dieses unseres Haiiptfeindes fortzusetzen und das freudige, wahrlich auf gute Gründe gestützte Vertrauen, daß wir nicht bloß Militär» s ch, sondern auch Wirt- scha ft s'p oI i tis ch stark genug sind und bleiben werden, um alle .Hoffnungen der Gegner zuschanden zu machen. Es gibt schlechterdings keinen Mann in den leitenden Schichten von Industrie, Handel, Großfinanz und Schiffahrt, der nicht genau ebenso dächte. Un- serern Volke braucht man das nicht noch ausführlich auseinanderzusetzen, wir alle wissen, daß die u n g e- bröche ne Einigkeit der Nation auch dort besteht und bestehen darf, wo die Wirkungen des Krieges nach der wirtschaftlichen Seite hin naturgemäß am ersten empfunden werden, also in den großen Unternehmungen, die der Stolz unseres Erwerbslebens sind.
Nun aber kommt die „Time s" und entwirft ihren Lesern ein Zerrbild von der angeblich verzwcife-l- ten Stimmung unserer Großindustriellen und der Vertreter unserer Schiffahrt und unseres Bankwesens. Die in den von uns wiedergegebenen Erklärungen der Herren v. lsiwinncr, Rathenau und Hein ecken erwähn- ten Mitteilungen des Londoner Blattes dürfen unser Interesse erregen, freilich nicht in dem von der „Times" gemeinten Sinne, sondern als seltsame P r o b c auf die vollkommene Unkenntnis, m der sich das Ausland über unsere Zustände befindet. Ein dänischer Bankier hat sich angeblich ein paar Wochen in Deutschland ausgchalten, erzählt seine Eindrücke einem Berichterstatter, der daraus einen. Artikel für die „Times" .macht. Man kann sich vorstellen, was bei diesen gehäuften Leichtfertigkeiten herauskom- men mußte. Ball in und Krupp (ausgerechnet Krupp!), ferner Th ress e.n, St inn e s, R at he na u, sodann der Direktor der Deutschen Bank, Herr von G w inner, und der Direktor der Handelsgesellschaft, Für sie nüer g, sie alle haben hiernach angeblich kein Vertrauen mehr auf einen günstigen Ausgang, sie alle sind überzeugt davon, daß wir England nicht werden besiegen können. (Dabei hat Ballin erklärt: England, das seine Flotte nicht herauszustellen wagt, erklärt sich damit schon jetzt für besiegt.)
Wenn unsere Feinde solche Behauptungen im allgemeinen aufftellen, so können wir natürlich nichts dagegen haben, wir können uns dann allenfalls über ihre nervösen Bemühungen, sich Mut zuzusprechen, sicher angenehine Gedanken machen. Etwas anderes aber ist es, wenn bestimmte Personen als Gewährsmänner für die vermeintliche Verzagtheit in Deutschland angeführt werden, und wenn dies gar noch Männer sind, die teils unmittelbar und teils durch den Mund gleichgestellter Personen längst haben wissen lassen, mit welcher Zuversicht sie unsere Lage betrachten. Uns interessiert an der Sache vor allem der Gegensatz zwischen deutscher und ddr englischen A r t. Wir Deutschen haben ein gutes Recht zu der Über- zeugung, daß das englische Wirtschaftsleben schwer unter dem Kriege leidet, wir bereden uns aber nicht, daß der Wille zur Fortführung des Krieges jenseits des Kanals bereits im Ermatten begriffen sei. Wir sind vielmehr gewiß, daß die Engländer alles auf-bieten werden, um uns in Gegenwart und Zukunft soviel dauernden Schaden zuzufügen, wie sie nur irgend vermögen, und cs würde einen: deutsche n Blatte niemals einfallen, lügenhasterweise zu erzählen, daß einzelne, mit Namen benannte hervorragende Vertreter des britischen Wirtschaftslebens schon am Rande der Verzweiflung angelangt seien und dies auch in Gesprächen zugegeben hätten.
Es sei mit der „Times" ja nicht weiter gerechnet. Es wäre beinahe geschmacklos, sich bei einem besonderen Vorstöße gegen die Wahrheit auszuhalten, wo doch die englische Presse tagaus, t a g e i n nichts anderes tut als sich durch L ü gen ohne Maß nnd Ende an Anstand und Kultur zu versündigen. Aber für uns selber, für unsere eigene Erkenntnis vom Wesen unserer Feinde ist es von Nutzen, sich an einem solchen Beispiel gelegentlich klar ^darüber zu wenden, wie es in der Seelen- und Geistervevfassung aus der anderen Seite aussieht. Man konnte bis dahin im Zlveifel darüber sein, wer von unseren Feinden am wenigsten über uns Bescheid weiß, nnd ob die Palnie des schier hoffnungslosen Nichtwissens etwa^ den Franzosen »der den Engländern gereicht werden müßte (die Russen waren und sind Wohl noch immer am besten unterrichtet). Neuerdings jedoch hat man immer sinehr Grund dazu, die Engländer für die unwissendsten Leute in bezug auf unsere Zustände zu halten. Jeden Dag setzt uns von neuem in- Erstaunen ihre aus H o ch- m u t und Beschränktheit gemischte B n führ g. keit, nicht nur uns zu verstehen, sondern sich auch mir -über die elementarsten sachlichen Bedingun. gen unseres nationalen Daseins aut allen seinen Go-
