für seine Zeitung einen Artikel über den Kriegszustand, wie er ihm erscheint; dieses, damit die von deutschem Blut, die aber der. deutschen Sprache nicht mächtig sind, auch einen Begriff der Sachlage haben sollen. Durch Nachdruck in den englischen Zeitungen werden diese Berichte dann überall im Lande verbreitet. Der Amerikaner will gerecht sein, hat jedoch sehr mit feiner Dummheit zu kämpfen. Die hiesigen deutschen Professoren haben sich auch mehrfach durch die Presse hören lassen, so z. B. Franke und Münsterberg vom Harward- College und Kühnemann aus Breslau, der gegenwärtige Karl Schurz, Professor in Wisconsin. Ein erschütternder Herzensausguß von Gerhart Hauptmann ist auch neulich im -.Deutschen Journal" erschienen.
Aus einem Briefe aus Illinois 2ö. 9. — Gestern bekam rch wieder Zeitungen, wofür ich danke. Ich habe endlich jemand gefunden, der mir etliches übersetzen wird und in die englischen Zeitungen bringt.-— Er ist der Eigentümer der hiesigen deutschen Zeitung und ist erst ein Jahr im Land. Seine Frau kommt von Biebrich, er von Düsseldorf.
Seit der deutsche Gesandte wieder in Washington ist, bekommen wir jeden Tag ein klein wenig Nachricht von Berlin, aber wenig genug. Die meisten Deutschen sagen: Deutschland m u tz und wi r d gewinnen, und viele von uns beten täglich, daß es gewinnt. Den Nachrichten der Feinde nach ist der .Kronprinz schon dreimal getötet. und einmal schwer verwundet worden, und doch kämpft er immer noch in Frankreich. -Der Dampfer „Leipzig" (vielleicht ein Irrtum im Namen) tst viermal in verschiedenen Weltteilen von den Engländern (versenkt lvorden und jetzt wird er wieder von den Engländern verfolgt. Tie deutsche Armee wird fortwährend in Deutschland zurückgeschlagen und doch rückt sie näher an Paris heran und nimmt eine Festung nach der anderen. Demnach müssen die Deutschen Wundermenschen sein! Solcher Unsinn wird berichtet. Was von Berlin via Washington kommt, ist immer kurz und sehr wenig, aber glaubbar.
Auch aus Argentinien (Provinz Patagones) wird Ähnliches berichtet, 24. 8. Fast die ganze Welt zieht gegen unser teures Vaterland ins Feld. Wo man Deutschland nicht mit Waffengewalt bedroht, sucht man es durch falsche, gehässige Zeitungsberichte zu verleumden. Das letztere kann man besonders hier beobachten. Da dieses ungeheure Ringen mehr den Charakter eines Rassenkampfes trägt, so könnt Ihr Euch Ja denken, daß die Südamerikaner mit den Romanen sympathisieren und über unsere angeblichen Niederlagen, die aus den lügenhaften Nachrichtenbureaus unsrer Feinde stammen, triumphieren.-Man war bis jetzt nur auf Lügen ange
wiesen. Einige Beispiele. Die hiesigen Zeitungen meldeten: Große Seeschlacht zwischen der englischen und französischen Motte einerseits und der deutschen andererseits, wobei letztere total vernichtet wurde. — Elsaß im Besitz der Franzosen. — Die Deutschen fliehen (haha!) vor den französischen Bajonetten. — General Joffre will durch Mitteldeutschland ziehen und zwischen Nord- und Süddeutschland Zwist stiften. — Die Hauptentscheidungsschlacht findet im Königreich Sachsen statt. — Die Deutschen werfen Waffen und Gepäck weg, daß sie schneller fliehen können, wenn Franzosen gesichtet werden. — Die deutsche Artillerie ist wirkungslos. Die Geschosse krepieren zu spät oder gar nicht. Von 100 Granaten wurden nur 11 Personen getötet und 16 verletzt. Dies alles kann man Leuten vorschwätzen, die unser Heer nicht kennen oder überhaupt nicht gedient haben. Wie unendlich gern «rühme ich als Soldat an diesem Kampfe teil! Hier schmeckt mir die Arbeit nicht mehr. Man hat keine Ruhe, möchte sofort 'rüber und kann doch nicht. (Schreiber ist ein junger Reservist.)
Noch etwas Geschäftliches aus demselben Brief: Argen- i'tnien ist mehr in diesen Krieg hineingezogen, als man denkt. Der europäische Geldsack, ein unentbehrliches Lebensorgan dieses Staates, hat jetzt, vielleicht für Jahre, seine Öffnung verschlossen und Argentinien geht einer schlechten Zeit entgegen. Sämtliche Geschäfte waren nach der Mobilmachung Deutschlands acht Tage geschlossen. Die Banken haitten nach Bestimmung der argentinischen Regierung das Recht, nur 20 Prozent ihrer Depositen auszuzahlen. Die französische Bank machte Pleite. Ein ähnliches Schicksal wurde durch ge- hässige Zeitungsberichte den beiden deutschen Banken hier am Platze (Buenos-Aires) angekündigt. Doch diese Geldinstitute sind über allen Zweifel erhaben. Sie haben sogar bekanntgegeben, daß sie von der neuen Regierungsbestimmung keinen gebrauch machen und alles auszahlen.
- Bunte Welt. -
Kus ver ttriegszeit.
Aus dem Westen. (Original-Feldpostbries.) Vor Verdun, den 2. November 1914. Geschrieben in der Scheune 23c in W. ouf der Dreschmaschine. Seit etwa vier Wochen gehören wir zu den Belagerungstruppen vor der Festung Verdun. Unser Bataillon liegt in Schützengräben südöstlich der Festung. Bit! jetzt haben wir unter der Witterung wenig zu leiden gehabt und unsere Verfassung ist die denkbar beste. Krankheitsfäll« sind fast nicht zu verzeichnen. Am Tage haben wir auch in den Schützengräben fast vollständige Ruhe, es werden nur eiy paar Beobachtungsposten und Patrouillen gestellt. Mit viel Geschick gebaute Unterstände dienen als Deckung und Aufenb haltsräume. Mit etwas Geduld und geschickten Körperverrenkungen kann man in manchen sogar zu Vieren Skat spielen; ooch geht's um die Viertel aus der „Pinke", damit die Sachs nicht so kostspielig wird. Mitunter machen sich die Franzosen den Spaß, uns durch ein gutgezieltes Granaitfeuer beim Spie! zu stören, doch bis jetzt sind die Karten noch unversehrt, wenn auch in anderer Hinsicht manches zu wünschen übrig bleibt. (Will einer der Leser uns ein neues Spiel senden, dann kann er bei der Redaktion meine Adresse erfahren.) Zu essen gibt es am Tage natürlich nur Brot, meist nur mit Fett und Salz, denn weder Küche noch Kantine dürfen heraus, solange eI bell ist. Abends bekommen wir unser Mittagessen und gleichzeitig Kaffee. Des Morgens gibt es Grießsuppe, Kaffes und Brot. Obwohl wir Landwehr sind, haben wir doch eins fahrbare Feldküche, neuestes Modell und in Frankreich erbaut: Leiterwagen mit Blech benagelt und zwei große Kochkessel. Unsere „Küchenpoints" sind sehr um diese Errungenschaft besorgt und gehen bei jeder Kanonade recht weit in Deckung. Daß sie bei einer derartigen rückläufigen Bewegung einmal 80 Pfund Schinken verloren, hat tveiter nichts zu sagen, denn die erste Kompagnie hat ihn gefunden. Wir erfuhren ^das natürlich erst, als es zu spät war. Zuerst lagen wir 14 Tage in P. Dann kamen wir nach B. Dort waren sogar Schützengräben mit Heizvorrichtung. Außerdem bekamen je 2 Mann eine wollene Decke. Franzosen sahen wir weder hier noch dort, aber destomehr französische Granaten und Schrapnells. Bei schönem Wetter sind unsere Flieger in großer Zahl bei der Arbeit, während man französische Flieger gmiz selten sieht. Seit dem 23. Oktober liegen wir hier — soeben fliegen mir die Ziegelsteine unseres ScheunendacheI und französische Schrapnellkugeln um die Ohren — in W. Zuerst hatten wir 4 Tage Ruhe. Unter Ruhe ist jedoch nur das Enltferntsein vom Schützengraben, nicht etwa Ruhe im bürgerlichen Sinne zu verstehen. Wenn wir ruhen, dann heißt das zunächst, wir nehmen eine gründliche Reinigung der Dorfstraßen und Höfe vor. Die Franzosen in hiesiger Gegend haben absolut keinen Sinn für Reinlichkeit, Iveder in noch außer dem Hause. Die Misthaufen liegen vor der Türe und die Fliegen quälen einem in unerhörter Weise, Die Straßenreinigungskommandos haben -vollauf zu tun. Andere beschäftigen sich mit den: Einholen von Möhren, Kartoffeln, Hafer, mit dem Ausfahren des Düngers und anderen derartigen Arbeiten. Hier in W. sah es ganz besonders scheußlich aus. Die meisten der Bewohner sind hier, wie überall, ausgerissen. Nur weinende Frauen und schmutzige, aber furchtlose Kinder bilden die Bevölkerung. Ein traurigen Umstand ist der hier bestehende Wassermangel. Das Massen kann nur bei Dunkelheit aus einem anderen Dorfe geholt werden und ist, wie fast überall, nur abgekocht genießbar. Man trinkt also bedeutend weniger, als man Durst hat. Witz lange haben wir kein Bier gesehen! Nach viertägiger „Ruhe'* in W. waren wir 4 Tage in den Schützengräben bei S. Das Wetter war verhältnismäßig gut und besonders gestern geradezu maienschön. Nur des Nachts wechseln Külte untz arlarmierende Wachen damit ab, uns aus dem Schlafe zw wecken. Schon im Schützengraben erfahren wir, daß die! Franzosen unfern Quartierort W. während unserer Abwesenheit beschossen haben. Es sind vier Pferde unserer BagagS getötet, von der 9. Kompagnie ein Mann tot und 7 schwer verwundet. Wir haben uns heute eine andere Scheune gesucht und schon wieder lassen sie uns keine Ruhe. Wenn dass weiter geht, müssen wir zuletzt noch biwakieren. Unsero Stimmung ist fast ausnahmslos eine ganz vorzügliche, wenn
