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Nr. 54V.

Dienstag, A4. November 1914.

MirslmDener Tagdlall»

Morqen-Ausgabe. Erstes Blatt.

Seite 3.

reichischc Industrie, daß unseren Waffen bald em voller sieg beschieden sein möge." Das Telegramm an Kaiser Wilhelm lautet:Die drei zentralen Verbände der öster­reichischen Industrie entbieten Eurer Majestät, dem mäch­tigen, in Treue bewährten Bundesgenossen stwes geliebten Kaisers, ihre innigsteil Heil- und Segenswunsche. Möge das deutsche Heer unter der glorreichen Führung Eurer Ma,estat auf seiner glanzvollen Sicgesbahn fortschreiten und vereint mit unsereni Heere vollen Sieg und einen gegen alle An­griffe fürderhin gesicherten Frieden erkämpfen.

Die Vergeltungsmaßnahmen in ^lngarn. ^ ^

\Y- T.-B- Budapest, 22. Nov. (Nichtamtlich.) _ ±,cr Minister des Innern hat angeordnet, daß die nicht inter­nierten Angehörigen der feindlichen Staaten sich m Polizei­liche Listen einschreiben lassen.

Die Zeichnung auf die österreichisch-ungarischen Kriegs­anleihen.

# Berlin. 23. Nov. (Eig. Drahtbericht.) D-e Zeichnungen auf die österreichischen Kriegsanleihen u be r tr e ff e n nach aus Wien vorliegenden Meldungen alle Erwartungen. Auch die in Deutschland lebenden Österreicher haben sich an der Subskription lebhaft beteiligt, don den der österreichi­schen Regierung nahestehenden Berliner Baaken und Bankiers sind namhafte Anmeldungen erfolgt.

Der Uanrpf gegenSchattenbilder." Aftonbladet" entnimmt dem Schreiben eines französischen Offiziers an denMatin" folgendes- Jeder Unparteiliche mutz gestehen, datz die deutschen Heerführer -n hohem Mage die Kunst verstehen, ihre Truppen un,lchtbar zu machen. Sehen und sich nicht sehen zu lassen, ist ihrerste» Prinzip. Die deutsche Artillerie beschießt Tag und Nacht «us 14 Kuo- meter Schußweite alle Dörfer, die ste -n der Hand des serw-es glauben, die Wälder und die Wege, von denen ste vermuten, daß wir sie beseht halten. Das Getöse ihrer Granaten ist we-.t- hch hörbar, und es ist äußerst schwierig, ihnen auszuweichen Die deutsche Infanterie sch i etzt au gezeichn et und verfehlt selten ihr Ziel, aber sie ist nicht zu erblicken da die Soldaten sich eingraben oder sich hinter den Baumen ver­stecken. Dies wird durch ihre Uniformen, deren sarbe mit der Farbe der Landschaft fast vollständig ubereinstimmt bedeutend erleichtert. Man hat bisweilen das Empfii^en. a s ob das ganze Heer in der Erde verschwunden ist. Wenn es unseren Soldaten gelingt, sich, einem Schützengraben zu nähern, sehen sie zuerst nur fliehende Soldaten. Bald er­kennen sie jedoch, d-tz sie in eine Falle geraten sind, denn die,e fliehenden Soldaten hatten nur d,e Aufgabe, Misere Scstdaten herbeizulocken und dann vom Feuer der deutschen Ma,chinen- gewehre überschütten zu lassen; denn weiter hinten '"einiger Entfernung gibt es neue Schützengraben, ^n denen^die -deut­schen versteckt liegen. Auf diese Weise gleicht unser Kamps einem Kampf gegen Schattenbilder.

Tin Tagesbefehl Ioffres.

Berlin. 23. Nov. General Joffre. der Oberbefehls­haber der französischen Armee, hat kürzlich, wie der »Vor­wärts" berichtet, folgenden Tagesbefehl erlassen: Es ist nur

gesagt worden, datz viele Offiziere die Mannschaften derb aickahren und unfreundlich behandeln und vor allem im Essen ein Vorrecht haben wollen, daS ihnen nirgends zuge- schrieben ist. Die Republik hat den Kopf und nicht den Magen zum Offizier gemacht! Es würde mich freuen, sehen zu dürfen, daß die Offiziere nicht nur in der Tapferkeit ihren Truppen ein leuchtendes Beispiel, sondern auch rrt ihrem Großmut gegen die Mannschaften für diese e:n .lnsporn zum heiligen Dienst für das gemeinsame Vaterland stnd. Die Truppen bedürfen ziim siegreichen Bestand m den täglichen Gefahren nicht nur der hinreichenden und kräftigen Nahrung des Leibes, sondern auch der Würze für die Seele, die unter den Eindrücken des Krieges und den Erinnerungen an de häuslichen Kreis viel leiden muh. Die Würze bietet rhnen die Hochachtung und Freundlichkeit der Offiziere, der Offi­zier mach! die Stimmung der Armee und wir bedürfen einer gehobenen, einer ffeudigen Stimmung.

Frankreichs bisherige Kriegsausgabe».

hd. Paris. 21. Nov. DasEcho de Paris berechnet die bisherigen Kriegskosten an Ausgaben für das sranzostsche Heer und die Flotte auf 5% Milliarde.» Franken. Da» Blatt meint, die ffanzösischen Finanzen wurden mit Leichtig­keit alle diese Ausgaben tragen können.

Das ausgestorbene Belfort.

Basel. 20. Nov. Zuverlässigen Mitteilungen zufolge sollen sich im Festuugsgebiet Belfort zurzeit nur noch etwa 0 0 fl 0 französische Soldaten befinden. In den zwischen Belfort und dem Sundgau liegenden französischen

die Kinder mit dem Leibe deckend, entsetzt ins Freie. Sie muffen mitansehen, wie die Geschosse des eigenen Heeres ihre ftriiH'pr Zertrümmern und in Brand stecken, bis plötzlich dre Beschießung aufhört, da sich die Franzosen nach ihrer Ge­wohnheit nach kurzer Zeit ivreder zurückziehen, um unver- mutet an anderer Stelle wieder vorzubrechen. Es ,,t erstaun­lich. wie zäh der Mensch an seinem Heim hängt. In den ver­schonten Häusern, die mitten zwischen den zerjchoffenen [Ruinen stehen, findet man bald nach der Beschießung d,e Be- U-ohner wieder und bei ihnen viele von den Nachbarn, die durck, das Bombardement obdachlos geworden sind. Irgend­eine Bleibe mutz der Mensch haben und in den Wäldern kann man setzt nicht mehr wohnen, wo nach dem langen, warmen Herbst der Winter so plötzlich in Ostffankreich eingezogen ist. llnd man muß auch daran denken, von den Feldvorraten, dw der Zerstörung durch den Frost ausgeliefert sind, wenigstens noch einiges zu retten. So sieht man denn auf den Feldern, über die in jedem Augenblick der veriiichtende Kugelschauer hinwegfeqen kann. Leute bei hastigen verspäteten Ernte­arbeiten,' wie sie nocl, schnell em paar Sacke mit den Kar- toffcln stillen wollen, die sie dem am Morgen schon mir Reif bedeckten Ackerboden entraffeii. Verzweifelte Menschen, die dem Tode so ausgcseht stnd wie jeder Soldat, aber ohne das Bewußtsein, daß das Opfer ihres Lebens ihrem Vaterlande

stwaS nützt. ,

So sieht es in dem ganzen Gebiete rings um Reims aus, dessen Forts sich in unseren Händen befinden, das aber noch im Schutzfelde der schweren französischen und englischen Ge. schütze liegt. Die ganze Gegend ist reich an geschichtlichen Er- innerungen. und jeder Schuß, der trifft, zerstört hier köst­liches, unersetzbares Kulturgcbiet, welches uns Deutschen ebenso ehrwürdig und unantastbar ist, wie es den Franzosen sein sollte. Ein trauriges Beispiel dieser Kulturverluste des Krieges sah ich in dem Schlosse Brimout, dem Stamm­sitze einer alten gleichnamigen Familie, die in Frankreichs feudaler Vergangenheit ihre Rolle gespielt hat. Das Dorf

Gemeinden lagern nur geringe Trupperuontiiigentc. ^nr L a r g t a l werden seit einiger Zeit die Vorstoße der Fran­zosen mit nur kleineren Jnfanterietruppen durchgeführt. EM Besuch Belforts ist gänzlich ausgeschlossen, auch für lranzo- sische Staatsangehörige. In der ansgestorbenen Stadt stockt jeder Verkehr. Handel und Gewerbe sind unterbunden.

Der Geburtstag der belgischen Königin.

hd. Paris, 21. Nov. Die Belgier haben den Geburtstag ihrer Königin Elisabeth gefeiert. Von Le Havre aus sandte die belgische Regierung Glückwunschtelegramme an d,e Königin, die sich im Hauptquartier bei Furnes aufhält. Auch der Magistrat der Stadt hatte ein Glückwunschtelegramm geschickt, in dem die Hoffnung ausgesprochen wurde, daß die Königin sich bald wieder nach ehrenvoller Rückeroberung ihres Landes mit ihren Kindern vereinen könne.

Ein Handstreich deutscher Uavallerie.

Von einer Heldentat deutscher Reiter berichten hollän­dische Blätter: Mehrere deutsche Infanterie-Regimenter er­hielten tagelang bei Einbruch der Dunkelheit , feindliches Granatfeuer, ohne daß es möglich gewesen wäre, bie Stellung der feindlichen Geschütze genau festzustellen. Ein Rittmeister, der sich mit 30 Dragonern zufällig bei beit Infanterie-Regi­mentern befand, übernahm eines Nachts die Aufklärung zur Vorbereitung des Sturmes der Infanterie. Das Glück be­günstigte die Tapferen: denn plötzlich sahen sie die feindlichen Batterien in Feuerstellung vor sich, als sie aus einem Ge­hölz herauskamen. Da sie nicht bemerkt worden waren, hielt der Rittmeister den Augenblick für günstig. Er versammelte seine Handvoll Leute um sich und sagte:Kinder, wozu brauchen wir erst morgen früh die Infanterie zu bemühen, wir macken das Ding allein!" Mit brausendem Hurra stürzten sich die 80 Mann auf di- vollkommen überraschten Feinde, die nach kurzem Handgemenge ihre Geschütze rm Stich ließen. Bevor noch feindliche Verstärkungen heran­kamen, war die Schar längst wieder in den deutschen Schuhen- aräben in Sicherheit und brachte von ihrem kühnen Zuge als Trophäen die Verschlußstücke von 6 unbrauchbar ge­machten feindlichen Geschützen mit.

Bon der Beschießung Tsingtaus.

hd. London, 21. Nov. DieTimes" veröffentlicht m einem Privaibriefe folgende Beschreibung der Einleitung der Beschießung von Tsingtau: Die Japaner hatten ursprünglich durchaus nicht die Absicht, auch nur einen Mann der helden­mütigen Besatzung zu töten, die auf einem v erlor e ne u Posten ausharren wollte. Sie richteten zunächst das Feuer der schweren Belagerungsgeschütze nur auf die rm Hafen liegenden Schiffe, die kampfunfähig gemacht wurden. Darauf forderten die Japaner den deutschen Kommandanten zur Übergabe auf und gaben ihm 24 Stunden Bedenkzeit Als die Frist verstrichen war, ohne daß der Gouverneur irgendwelche Antwort erteilt hätte, ließ der lapanrich« Kom- mandanr von einem hohen Signalmast aus dm' ^ffchen folgendes Flaggensignal hinnbergeben:Die Beschießung be ainnt; sind Sie auch mit allen Vorbereitungen ferkg, meine Herren, oder wollen Sie noch weitere 1? Stunden Frist haben?" Die Deutschen verstanden aber diese ;apamsche

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eine Granate in die Bedienungsmannschaft des S-gnal- mastes hmein die 8 Japaner tötete und 20 verwundete. Erst daraufhin, erzählt dieTimes", begann mit furchtbarer Wucht die japanische Beschießung.

warum hassen uns die Völker?"

Diese schon von Treitschke aufgeworfene Frage suchte Dr Magnus Hirschseld in Berlin rm Theater an der Weidendammer Brücke zu beantworten. Im Gegensatz »u der historisch-politischen Betrachtungsweise Trertsch.es faßt Hirschseld. so berichtet dasBerliner Tageblatt dazu, die Aufgabe psychologisch-naturwissenschaftlich an. Er meint, Laß man die den Deutschen nachgeiagten Schwachen (Klei­dung, Mangel an Form und Liebenswürdigkeit, den lauten Ton u. ä.) für den vorhandenen Haß nicht verantwortlich machen darf; diese Erscheinungen möchten höchstem, den Spott und die Kritik herausfordern. Den Hatz gegen alles Deutsche könnte man vielmehr als eine durch eine (meist be­zahlte) Presse genährte Massensuggestion bezeichnen, dem Sexenwahn vergleichbar, dem ftüher Millionen von Men,chen geopfert wurden. Entkeimt ist diese pshchi,che Epidemie dem Mißtrauen und der Mißgunst, hervorgerufen durch unsere Erfolge. England war stets der Todfeind bei jeweils stärksten Kontinentalmacht; nach Spanien, Hol­land. Frankreich soll jetzt Deutschland daran glauben. Eng land, der Regisseur dieses Weltkrieges, hegt gegen uns die Affekte der Furcht, der Eifersucht und des Hasses; nicht

unserer Schwächen und Fehler, sondern unserer Tugenden und Vorzüge, unserer Leistungen und Errungenschaften, der beispiellosen Hebung unseres Volkswohlstände» wegen. Daz kommt, daß man unser Wesen wie unsere Einrichtungen wl Auslands gründlich verkennt. So liebevoll wir selbst das Fremde zu begreifen suchen, so verkehrt sind die über Deutschland umlaufenden Vorstellungen. 1-z.nser nungssinn z. 23., der doch die wahre innere §" 1 - h c i t beschließt, ist als Zwang verschrien, wahrend gerade England, das die Geistes- und Gewissensfreiheit zu hüten voraibt, hier schwerer Sünden schuldig ist: es machte Dhron landflüchtig, es aberkannte Shelley die Erziehung ferner Kin­der. es schickte Wilde ins Zuchthaus. , Die Fe-ndseligleiten richten sich eben gegen eine fubjeftibe Vorstellung, nicht einen objektiven Begriff, gegen ein Barbarenvolk, das gar nicht existiert. Deutschland hat eine große kulturelle Mission; gelänge es unseren Widersachern, uns zu vernich­ten, sie würden unsmit den Fingernägeln wieder aus-- graben müssen."

Der Sozialdemokrat Or. David über den krieg.

Der sozialdemokratische Abgeordnete Bernstein hatte in derLeipziger Volkszeitung" die Frage aufgeworfen, ob dm Voraussetzungen, unter denen ani 4. August die sozialdemo­kratische Reichstags fraktion die Kriegskredite bewilligt habe, jetzt noch zuträfen, da aus dem Krieg gegen den Osten mehr ein Krieg gegen den Westen geworden sei. Demgegennder führt der Abgeordnete Dr. David in derMainzer VoW- zeitung" u. a. folgendes aus: ,

So selbstverständlich es für uns Sozialdemokraten ist, daß wir einen faulen Sonderfrieden mit Ruß­land für ein schweres politisches Verhängnis anseheu wür­den, so selbstverständlich mutz es aber auch für uns sein, daß wir auch derenglischen Kriegsmacht mit ihren weißen und farbigen Verbündeten gründlich die Zähne zeigen! Wenn wir uns jetzt vor die Notwendigkeit gestellt sehen, neue große Kriegskredite zu bewilligen, so verdanken wir das in ctftet ßmie bet Haltung bet englischen Politik. ^ 'ft "och derselbe Krieg und unsere Haltung zu ihm bleibt dieselbe ! Herr Bernstein zieht Äußerungen desLabour Leader an, dre bewerfen, daß es in den Reihen der englischen Parteigenossen Männer gibt, die die Haltung der eigenen Regierung ver­urteilen und das einmütige Zusammenhalten des deutschen Volkes verständlich und gerechtfertigt finden. Gut! Aber mag er auch den Schluß daraus ziehen, daß mit dem g u t e n R e ch t auch die e r n st e P f l i ch t zu vereinen und alles zu tun ist, um unserem eigenen Lande die Kraft zu

geben, durchzuhalten bis zu einem ehrenvollen

und gesicherten Frieden!"

Beherzigenswerte Mahnunoen

werden von der sozialdemokratischen »Rheinischen Ztg." aus­gesprochen. Die eine richtet sich ß e 0 en hyperkritische Zeitungs­leser, deren Zweifelsucht aufMießmachen hinauslauft. Ihnen hält das Kölner Soziolistenblatt folgendes entgegew. Wir alle in unserer Partei, bis zum letzten Mann, stno von der Notwendigkeit eines deutschen Sieges durchdrungen, den niemand sehnlicher wünschen kann als dre Arbeiterklaffe. Das als Leifftern genommen, ergeben sich die Pflichten der Presse ganz von selber. , Wir dürfen nichts tun. was unseren kämpfenden Brüdern im Felde auch nur rm ge­ringsten schaden könnte; wir dürfen uns ebensowenig unter die üblen Mießmacher begeben, die Tag um Tag ihr Gesicht in bedenklichere Falten ziehen und als Unglucksraben unter uns wandeln. Wir alle erleben den Krieg nicht, denn wirk­lich erleben können ihn nur die im Felde stehenden Soldaten. Aber die Zeitung steht auf höherer Warte und hat darum neben ihren gesteigerten Pflichten doch immerhin auch einen weiteren Blick für die Ereignisse. Wenn wir stcgesgewiß sind unb es täglich an biefer Stelle sagen, so folgen wrt damit nicht etwa einem bloßen Gefühl oder gar einem frommen Wunsch, sondern sprechen unsere tiefste Überzeugung

"^'Die zweite Mahnung knüpft an Kölner Fälle an, in denen Frauen von Landwehrlenten gegenüber ihren vor dem Feinde stehenden Ehemännern sich grundlos darüber beschwer­ten, datz sie keine oder nur ungenügende Unterstützung er­hielten. Hierzu schreibt dieRheinische Ztg.' u. a.:Wir

haben uns schon wiederholt dagegen gewendet, daß dew Männern in der Front I am m erb riefe zugesandr werden. Dadurch wird in der Heimat nichts gebessert, und unseren Brüdern draußen, die wahrlich schon genug zu tragen haben, werden neue große Sorgen aufgepackt. Es ist Sache der Daheimgebliebenen, die zur Unter­stützung der Kriegerfamilien notwendigen Maßnahmen durchzusetzen.. . . Wenn nun gar Kriegerfrauen ihren Man.

Brimout und das benachbarte Fort waren in deutschen Hän den, aber aus dem reizenden alten Schlosse empfingen unsere vorgehenden Truppen noch immer ein mörderisches Jn- fanterieseuer. Die Scheune, die Ställe und die lange Park­mauer waren durch die Schießscharten in eine Festungsfront verwandelt und das Vorgelände lag weit und offen da, so datz es einleuchtete, welche ungeheuren Verluste ein Sturm­angriff kosten mußte. Da brachte ein kühner Feldartillerist, der für seine Tat das Eiserne Kreuz erhalten hat, sein Ge­schütz bis auf zweihundert Meter vor das Schloß und schoß Bresche um Bresche in die improvisierte Festung. Ms dann zwei Kompagnien Reservejäger zum Sturm antraten, ergab sich die Besatzung, die aus achthundert Zuaven bestand, und die, wie sich zeigte, über ungeheuere Mengen von Munition verfügte. Als die Deutschen daS Schloß betraten, freuten sie sich, datz der seit Jahrhunderten gepflegte Edelsitz in seinen wertvollen Teilen keinen Schaden erlitten hatte. Die Mar­quis von Brimout waren zu allen Zeiten Freunde der Künste und der Wissenschaften, das bezeugte ihre herrliche Ahnen- galerie, das zeigten die sorgfältig geordneten Sammlungen von Handzeichnungen alter Meister und Kupferstichen, die Schränke voll seltener Naturalien, und das bewies nament­lich die berühmte Bibliothek, die in kostbaren Pergament- und Rindslederbänden die Schätze der Geisteswissenschaste» aus drei Jahrhunderten^ darunter auch viele wertvolle deut­sche Bücher enthielt. Selbstverständlich wurde diese Heim­stätte der Kultur von uns so behandelt, wie jeder von uns seinen Heimfrieden von Fremden respektiert wissen möchte. Aber trotzdem daS Schloß Brimout als Stützpunkt für das deutsche Vorgehen gar nicht in Betracht kam und von uns auch gar nicht besetzt wurde, begannen kurze Zeit nach der Einnahme die Franzosen aus sicherer Ferne mit weittragen­dem Geschütz die Beschießung des Edelsitzes. Da brach die Halle mit den Ahnenbildern in Trümmer und Schutt zusam. men, die Bibliothek wurde durch eine Granate ausgeräumt und die Folianten wurden durch die Bresche in den 'Hof hin»

ausgeschleudert. Dort sind die Bücher zum Teil durch drv Fürsorge unserer Offiziere gesammelt und sicher untergestellt worden, aber eine erneute Beschießung durch die Franzosen hat den guten Willen zunichte gemacht und von dem Erbe der Brimonts werben tvoh! HetüsksErnre unb Win^ettegen ni^^ viel übriglassen.

So vernichten die Franzosen selbst ihren besten Besitz. Auch in den Dörfern der Nachbarschaft von Reims, welche die ^Franzosen beschossen haben, wird der Kunsffreund nach dem Kriege kummervoll den Schaden summieren. Ein großer Verlust sind die berühmten mittelalterlichen Glasmalereien der schönen Kirche von Bourgogne, die durch eine in der Orgel explodierte schwere französische Granate völlig zer­splittert worden sind. Glücklicherweise war dies der einzige Schaden, den das Geschoß tat, und die zahlreichen in der Kirche untergebrachten Verwundeten, übrigens ausschließlich französische Verwundete, wurden nicht verletzt.. Dieser schweren Granaten, so fürchterlich ihre Wirkung sein kann, haben zuweilen ihre Launen. So wurde, wie mir glaubhaft erzählt und mehrfach bestätigt worden ist, einer unserer Pioniere durch ein in seiner Nähe platzendes Geschoß über, ein niedriges Waschhaus, vor dem er arbeitete, hinwegge- schleudert, kam aber auf der anderen Seite unversehrt bis auf einige Quetschungen und Verstauchungen zu Doden und war sich dann nicht klar, was bei ihm größer war, der Schreck über den so nahe bei ihm losgebrochenen Höllenkrater oder das Staunen über sein Glück im Unglück. Ganz nach dem Freiherrn von Münchhausen klingt übrigens auch eine Gra­natwirkung, die ich selbst in dem Dorf Bettu gesehen habe. Dort bat eine in einem Bauernhof platzende Granate einen Ackerwagen auf das nächste ziemlich hohe Scheunendach her- aufgesetzt, wo er fest in die Ziegel und Sparren eingedruckt, im übrigen aber unbeschädigt sitzt und die Sehenswürdigkeit des Ortes bildet, wenn ibn nicht inzwischen eine andere ©ra­nnte wieder heruntergeholt hat.

W. Scheuermann, Kriegsberichterstatter