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Nr. 547. ♦ 62. Jahrgang.

vienslag, 24. November 1914.

Morgen» Kusgabe.

Bülotos Mission.

Berlin, 23. November.

In den erngeweihten Kreiien gmg seit längerer Zeit das Gerücht um, daß der deutsche Botschafter in Nom, Herr v. Flotow, der, wie man weiß, infolge feiner geschwächten Geflrndheit wiederholt den dringen­den Wunsch geäußert hat, ' seines jetzt während der Kriegszeit doppelt arbeitsreichen und verantwortungs­vollen Postens enthoben zu werden, .über kurz, oder lang durch den früheren deutschen, Reichskanzler, -den Fürsten Bülow, abgelöst werden wird, und es bedarf keines Wortes, daß es von der öffentlichen Meinung in Deutschland mit großer Befriedigung begrüßt wer­den wird, wenn dieser hochverdiente, erfahrene, welt­gewandte Staatsmann und Diplomat semen Ruhesitz in der Villa Malta' zu Rom mit __ dem Amtssitz tru Palazzo Caffarelli vertauschen würde. Dieser Zeit­punkt ist in der Tat, da Herr v. Flotow sein Abschieds­gesuch dringend erneuert hat, sehr nahegeruckt, und man wird es als bedeutsames Stimmungszerchen an- sehen dürfen, daß dieser bevorstehende Personalwechsel in, Frankreich einiges Mißbehageii auslost. Der „Figaro" hebt nicht unzutreffend hervor, daß xfurst Bülow in Italien viele persönliche Verbindungen hat, und indem er ihn als einen Mann bezeichnet, . „der durch seine Vergangenheit und seine Persönlichkeit als einer der bedeutendsten iin Reiche betrachtet werden kann", spricht er von einem „Versuch, Italien seinem früheren Verbündeten zurückzügewinnen".

Hier ist Wahres und Falsches durcheinander ge­mischt. Zutreffend ist es, daß es allgemein mit Freude begrüßt werden wird, wenn des Fürsten Bülow bewährte staatsmännische Kraft m -dieser kritischen Zeit wieder in den Dienst des Vaterlandes gestellt wird, wozu der. Altreichskanzler — so darf nimi ihn wohl jetzt schon nennen — sich mir einem bemerkens­werten Worte alsbald bereit erklärt hat. Wenn das Vaterland seiner bedürfe, so hat er geäußert, wäre er -bereit, Steine zu kärren oder Gesandter in . . . (wir wollen den erotischen Ort. den Fürst Bülow nannte, aus zarter Rücksicht auf die „Neutralen" ver­schweigen) zu werden. Nun, nach M.wird

Bernhard, wie unser Kaiser einst den vierten Kanzler nannte, nicht gehen, wohl aber nach der Siebenhügel­stadt, um dort, wo er bisher als Privatmann gelebt, das Deutsche Reich am Quirinäl zu vertreten.

In welcher Mission?, so fragt man besorgt im Aus­land. und der „Figaro" antwortet: „Um Italien

seinen früheren Verbhndeten zurückzugewinnen." Man hat ja wiederholt gesagt, daß die Dankbarkeit kein Faktor der Politik ist, und wir wollen Italien heute nicht daran erinnern, daß der Dreibund ihm fast drei Jahrzehnte lang Schutz und Rückendeckung sowie die Möglichkeit finanzieller Gesundung gewährt hat. . Aber darauf darf man wohl Hinweisen, daß Italien, ohne von der, Donaumonarchie Einspruch zu erfahren, auch nach Valona gehen konnte, und daß es vor allem die Sicherung seiner Stellung in Libyen her Rücksichtnahme der Türkei, auf Deutschland und Österreich-Ungarn ver­dankt. Die Unterwerfung von Tripolis wgr noch keineswegs vollendet; jetzt aber hat der Sultan nicht nur verkündet, daß der Heilige Krieg, lediglich den Feinden seiner Verbündeten, also dem Dreiverband gelte, sondern der Scheich der S e n u s s i ist gen Ägypten gezogen, um dort mit den Türken den ge­meinsamen Feind England zu bekänrpfen. Hierdurch hat Italien gleichsam eine automatische Sicherung seines neuen Kolonialbesitzes erhalten, ivährend auf der anderen Seite darüber nie ein Zweifel bestehen konnte, daß Frankreich und England in dem italieni­schen Tripolis einen K e. i l in ihrem novdafrikanischen Teilungsplan erblicken. Das englische Ansinnen an Italien um Beistand gegen den türkischen.Vorstoß nach Ägypten muß deshalb um so verblüffender, wirken, da gerade der italienische Küstenbesitz am Roten Meer den Ausdehmingsbestrebungen Englands vom ägypti­schen Sudan auö stets ein Dorn im Auge war.

Man hat denn auch von Rom aus kräftig abge» winkt und angesichts der freundlichen Hinweise ans Südtirol daran erinnert, daß es näher liegt, von T n n i s zu sprechen, dessen Wegnahme durch Frank­reich Visconti Venesta einst als unheilbare Wunde bezeichnet hat. Auch hat das Organ des neuen Ministers des Auswärtigen Sonnino, das „Giornale d'Jtalia", erst dieser Tage zutreffend dar- auf hingewiesen, daß die entscheidende Frage für Italien die M r t t e l m e e r f r a g e _ sei. Ein Sieg Englands und Frankreichs aber würde — das hat man in der Consulta längst eingesohen — das Mittel- ineer . zu . einem englisch-französischen Binnensee machen, und diese Erkenntnis hat, ver­bunden mit der rücksichtslosen Behandlung der Neu­tralen durch England, unverkennbar einen, immer mehr

u-m sich greifenden S ti mm u n g s u m s chw u n g in Italien erzeugt. Es bedarf mithin gar keiner be­sonderen Mission Bülows in Italien mehr, wenn er jetzt Kriegsbotschafter am Qmrinal wird, es sei denn, daß man daran denkt, daß in Rom, -der Hauptstadt der einzigen neutralen europäischen Großmacht, dereinst die Friedensverhandlungen stattfinden dürften, bei denen der beste Staatsmann als Vertreter gerade gut genug wäre. Für die Mehrheit der Italiener aber; die es nach dem Worte des Senators Barzillotti, des führen­den italienischen Philosophen, „als ihrer unwürdig äb- lehnen, die Frage nach, der Bundestreue Italiens auch nur zu diskutieren", bedarf es hoffentlich keiner beson­deren — Mission Bülows.

Der Krieg.

Die wirksame Beschießung pperns.

llck. Genf, 23. Nov. Die Ende der vorigen Woche bei D p e r n und A r r a sS erzielte» Erfolge gestatteten den Deut­schen, durch schwere Geschütze bei vorzüglicher Aufstellung gestern Upern und dessen nächste Umgebung einer beson­ders wirksamen Beschießung auszusctzen und die feindliche Artillerie an mehreren Punkten, so auch bei Arras, empfind­lich zu schädigen. Der französische Bericht erkennt die Wirk­samkeit nur teilweise an, indem er die Zerstörung des Rat­hauses in Npcrn, sowie die Einäscherung der dortigen Markt­halle mitteilt, aber verschweigt, wie empfindlich die englischen Stellungen unter der deutschen Zielsicherheit gelitten haben.

Französische Besorgnisse über üie Lage im Westen und Osten.

Irl'. Genf, 23. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Blr.) Die französische Fachpresse zeigt sich wegen der Mög­lichkeit der Ausnutzung der gestrigen deutschen Vorteile zum Schaden der sichtlich ermatteten Ver­teidigung I p e r n s besorgt. Dir Ortschaften Boesinghe und Elverdinghe wurden von den Deutschen wirksam beschossen. Große Rührigkeit bewiesen die deutschen Truppen auch bei Soissons und Bailly. — Die z a g- haften Petersburger Berichte rufen in Paris und Bordeaux Befremden hervor. Ein Russisch- Polen kennender französischer General äußerte: „Wenn die russische Generalität lediglich auf Wiederholung gewisser bei Jvangoröd begangener deutscher Fehler rech Mt, so wäre dies eine falsche Rechnung. Hiudcn- burg ist nicht der Mann, zweimal den gleichen Irrtum zu begehen."

Eine Friedenskundgebung in Paris.

Br. Amsterdam, 23. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.)

Eine Kundgebung, für ein Beendigen des Krieges hat vor­gestern nach Mcldnngen aus Paris auf dem Platze vor dem Frnanzrninisterium stattgefunden. Die Demon­stranten, unter denen sich viele Frauen befanden, riefen: „Wir wollen Frieden!" Als die Demonstranten eine Ver­sammlung abhaltxn wollten, wurden sie von der Polizei ans- cinandcrgctrieben..

Ueber die Ueberschwemmung am pser.

Br. Amsterdam, 23. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bin.) Der Berichterstatter des „Teltzgraaf" in S l u i s telgraphiert: Am Sonntag war cs wieder still in Flan­dern. Ani Äser schwiegen die ■ Kanonen. Die Kälte ist sehr scharf. Wenn der Frost anhält, wenden beson­ders, aus der Seite , der Verbündeten in dem wasser­reichen Nordsrankreich und, in der Gegend bei Veurne Schlitten gute Dienste leisten. Über die Überschwem­mung am Mer liefen zwei Gerüchte um. Nach dem einen hätte ein Bürger in, alten Prozeßakten den Plan der Überschwemmung gefunden, nach dem anderen soll die Überschwemmung auf die Initiative des H a u p t s ch l e uf ein w ä r,t e r,s . zurückzn führen sein. Das - zweite Gerücht entspricht her Wahrheit. Der Schleusinwärter von Nieuport machte den Vorschlag, das Gebiet westlich des Flusses unter Wasser hu setzen. Sein'Plan wurde- in moderner Weise, ausgeführt. Mit Geschützen, die -auf verstärkten Eisenbahndeichen zwischen Nieuport und Dirnmiden aufgestellt waren, wurden Bres ch e n in die Flußseite geschossen und die Überschwemmung herbeigeführt. ; Der Schleusenwärter wurde mit dem Leopoldorden dekoriert.

Der amtliche französische Bericht vom 22. Nov.

Iw. Mailand, 23. Nov. Gestern abend kl Uhr wurde fol­gender amtliche französische Bericht, ausgegeben: Im Lause des heutigen Tages wurde Upern heftig beschaffen, wobei der Marktplatz und das Rathaus zerstört wurden. Heftige Avtilleriekämpfe fanden .ferner .in , der Umgebung von Soissons und Vaill.y statt. Auf den übrigen. Teilen'der Front nichts Neues. : . ; , , ■

Der neue Jahrgang der belgischen Rekruten an der Krönt.

hd. Christiania, 23. Nob. Aus Amsterdam ist in London die .Meldung eingetroffen, daß die belgischen Rekruten des Jahrgangs 1914 am ,2. Dezember zur -Front geschickt werden.

vorläufig keine Rückkehr der Regierung nach Paris.

TU. Paris, 23. Nov. Aus halbamtlichen Mitteilungen geht hervor, daß mit einer Rückkehr der Regierung mach Paris nicht mehr gerechnet werden kann. Auch der Zusammen­tritt des Parlaments wird nicht vor Januar 1912 erfolgen.

Ein Aufstand in Südalgerien.

bä. Paris, 23. Nov. Trotz aller offiziellen Vertuschungs- Versuche kann die Tatsache nicht mehr geleugnet werden, daß die Aufstandsbewegung von Marokko noch Südälgerien übcr- gesprungen ist. Die Stämme, die das QuelleNgebict des War-El-Kebiar bewohnen, haben den Heiligen Krieg gegen die Franzosen erklärt.

Englische Unterseeboote im finnischen Meerbusen.

Br. Stockholm, 23. .Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bin.) Das Helsingborger , „Dagblaad" erfährt aus sicherer Quelle, daß sich fünf englische Unter­seeboote ini finnischen Meerbusen befinden. Einige von ihnen lagen vor einigen Tagen in H e l s i n g- fors. Englische Offiziere zeigten sich in der Stadt. Die r u s s i s ch e Flott e, die Hclsiugfors verlassen hatte, um in Ärvnstadt zu überwintern, ist nach Helsingfors zurückgekehrt, soviel ein größerer Kreuzer im Helsingforscr Hafen auf Grund streß, wo er noch f c st s i tz t.

Die tapfere Haltung der Kricgsbcsatzung von Graudenz, Kulm und Maricnburg.

Br. Graudenz, 23. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Mn,) .Generalleutnant. v. Z a st r o w, dev Gouverneur von Graudenz. hat nachst-ehendes Telegramm des Oberbefehlsh-ab-ers erhal­ten: „Ich beglückwünsche Ew. Exzellenz zu der tapferen Hal­tung der Kriegs-besatzung von Graudenz. Kulnr und Marien­burg auf dem Schlachtfeld Volk S o l d a u und verleiha Ew. Exzellenz und den Generalen v. Breugcl und v. Wernitz im Namen Sr. Majestät das Msern« Kreuz 1. Klasse." ,

Der russische Generalstab im Raukasus schweigt sich aus!

W. T.-TT Petersburg, 23. Nov. Eine Meldung des Sta­bes der kaukasischen Armee besagt:. Vom 21. November ist nichts Wichtiges,zu nrelden.

Zur Beschießung von Liban.

llä. Petersburg, 22. Nov. Der in Libäu durch die deutsche Beschießung entstandene Brand konnite nunmehr gelöscht- werden.

Die Flucht des russischen Geschwaders im Schwarzen Meere.

M. Konstantinovel, 23. Nov. Der Verlauf des vor­gestrigen Kampfes im Schwarzen Meer, befriedigt die Bevölkerung vollkommen, namentlich deshalb, weil sie aus der Flucht des russischen Geschwaders entnimmt, daß die, Russen zu schwach sind, um den Kampf gegen die türkische Flotte im Schwarzen Meer aufzunehmen und anerkennt, daß die Türkei das'Schwarze Meer beherrscht.

Erfolgreiche türkische ksaussuchungen in den Botschaften der Dreiverbandsmächte.

TU. Konstantinopcl, 23. Nov. Die türkische Regierung hat die Botschaftsgebäude Englands, Frankreichs und Ruß­lands mit Beschlag belegt und eine Haussuchung abgehalten, die äußerst interessantes Material über die Vorgeschichte des augenblickjichen Krieges und über die Tätigkeit des Dreiver­bandes während des letzten Balkankrieges zutage förderte. Die türkische Regierung beabsichtigt, ein Gelb buch mit diesen Dokumenten herauszugeben. Die Mächte des Drei­verbandes haben durch den mnerikanischen Botschafter gegen diese Veröffentlichung protestiert.

Finanzielle Maßnahmen der Türkei.

W.T.-T3. Konstantinopel, 23. Nov. (Nichtamtlich. Mel­dung des Wiener Korresp.-Bureaüs.) Die G o l d a u s f u h r ist.unbedingt untersagt. Den Behörden sollen die Schlüssel zu den vermietbaren Geldschranksächern bei den Banken,, so weit sie Ausländern gehören, ausgeliefert werden. Im Gegen­satz zu den Gerüchten, nach denen die osmanische Regierung beabsichtige, den Z i n s e n d i e n st der öffentlichen Schuld einzustellen, wird von unterrichteten Kreisen festgestellt, daß als einzige Maßregel seitens der Regierung beschloffen wurde, daß die Cöuponzahlung nicht an ausländischen Plätzen er­folgen kann, sondern ausschließlich in Konstant i- uapel erfolgen muß. Die Maßregel ist mit Rücksickst auf eine neüirale Ausfuhr von Gold nach den Staaten, die sich mit der Türkei im Kriege befinden, getroffen worden.

Türkische Maßnahmen geaen die Angehörigen feindlicher Staaten.

W. T-B. Konstantinopel, 23. Nov. (NickstamÄich.) Wie der „Terdschunlan-i-Hakikat" erfährt, werden gemäß einer soeben getroffenen Verfügung die ausländischen finanziellen llnicrnehmungen unter" A u ff ich t der. Regierung gestellt. ES verlautet, daß die in der Türkei wohnenden Angehörigen der feindlichen Staaten gemäß einer von der Regierung gefaßten Entschließung von heute an dort verbleiben muffen, wo sie sich gegenwärtig aufhalten. Die Verdächtigen werden deportiert werden,