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Verlag Langgasse 21

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Sonntag. 22. November 1914. MSMEN- KUTLMbE. Hr. 545. ♦ 62. Jahrgang.

12 Ausgaben.

Fernruf:

„Tagblan-HauS" Nr. 6650-53.

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Totensonntag 1914.

Von Pfarrer Heinz Beckmann.

Es gib! Leute, die nicht wollen, daß wir uns die ganze Furchtbarkeit dieses Totensonntags 1914 vor die Seele stellen. Sie befürchten, solches Nachdenken würde hemmend und bedrückend für unser Volk sein. Aber ganz abgesehen davon, daß durch Schweigen die Dinge selbst nicht aus der Welt geschafft werden, — unsere Volksbrüder und Volksschwestern, welche die großen Opfer in unsecenl großen Krieg bringen müssen, hckben ein Recht auf ihren Schmerz. Und wir alle sollen mit Ernst der Wirklichkeit ins Gesicht sehen und uns von ihr segnen lassen. Es ist ein furchtbarer Totensonntag: welche herrlichen Kräfte unseres Volkes liegen auf der Wahlstatt, wie viele kaum wieder zu schließende Lücken sind gerissen und welche tiefen Ein- samkeiten bleiben zurück. Das alles sollen und wollen wir sehen und mit dem allen sollen und wollen wir irgendwie ernstlich ringen, um es wirklich von innen her überwinden zu können.

Es ist für uns als Volk und für uns einzelne, die wir betroffen worden sind und werben durch die Ver­luste dieses Krieges, ein wirklicher Trost, daß unsere Lieben gefallen sind und sterben im Dienst einer großen heiligen Sache, im Dienst der Not­wendigkeit dieser Stunde unseres Volkes. Es wäre, für uns unerträglich, wenn unser Herz nicht voll zu­stimmen könnte diesem Krieg unseres Volkes. Daß wir alle mit gutem Gewissen sagen dürfen, der Krieg ist ein notwendiger Krieg zur Rettung un­seres Vaterlandes und Volkstums, ist eine der starken Tragekräfte, die uns hindurchbringen durch die Not unserer schweren Verluste. Wie an einem Schulbeispiel — jedem greifbar und deutlich — ist uns das an dem Raubüberfall über Kiautschau klar ge­worden. Es handelt sich für uns darum, de u t s ch e r W r t : und deutschem Volkstum sein Daseinsrecht und seine Wirkungsmöglichkeit in der weiten Welt zu retten und zu erkämpfen. Der Glanz dieser heiligen Güter schimmert um das Haupt unserer Toten, schim­mert auch um unsere Stirnen, die wir sie hergeben mußten. Und eine große herrliche Hoffnung und ein großes, festes Wollen konimt in unsere Herzen aus der heiligen Notwendigkeit dieses Kampfes heraus: Der

Friede muß der Opfer wert sein, die für ihn gefallen. Immer wieder, wenn ich in diesen schweren Zeiten mit Menschen sprach, die ihr Liebstes hergeben mußten, habe ich von ihnen gehört: Wenn doch nur der Friede so wird, daß e r n i ch t u in s o n st gefallen i st. Unsere gefallenen Helden rufen in unser Volk hinein, auszu halten und durchzuhalten, daß ihre Blutsaat nicht ohne Früchte bleibt.

Ganz gewiß wird sie nicht ohne Früchte bleiben. Ihre Werke folgen ihnen nach. Dieser für uns erlittene Tod bindet uns an unsere Toten, richtet ihr Gedächtnis unter uns aus. Hält uns in der Ge­folgschaft des Geistes, aus dem heraus sie ins Feld Kogen und fielen. Ihre Werke folgen ihnen nach, son- derlich auch in den Beziehungen, die sie in ihren näch­sten Verbindungen, in Familie und Freundschaft hat- ken. Ihre Bilder bleiben und werden immer mehr stnvergängliches. köstliches Besitztum ihrer Mütter und Väter, ihrer Frauen und Kinder, ihrer Geschwister und Freunde. Sie loben und wirken und schaffen in den

Sie sollen ihn nicht haben...

Skizze von Anna Gade (Bardowiek).

Ein goldiger Sonntagnachmistag von zauberhafter Schön­heit. So still und friedlich ist's im Walde, so traumverloren liegt die weite, braune Heide.

Rast wirklich die Kriegsfurie durch die Welt? Wüten Völker gegeneinander? Hier scheint das alles nur ein wüster, böser Traum. Die Wildtauben gurren zärtlich, ein schlankes Reh seht über den Weg, und bunte Falter tummeln sich in Neckisch frohem Spiel. Gottlob, in diese friedvollen Grcknde dringt kein Laut der wilden Kriegsleidenschaften!

Da horch! — — Urplötzlich zerreißt in schriller Disso­nanz Trompetensignal den stillen Waldeszauber! Ein aufge­regtes Stimmengewirr, — und auf der Brandrute kommt — ich traue meinen Augen nicht — ein Trupp Soldaten daher!

Wohl an die vierzig Mann! Die ganze männliche Torf- iugend in allen Altersstufen, vom kleinsten Knirps bis zum strammen Konfirmanden.. O trügerischer Waldesfrieden! Auch Jung-Bardowiek hat mobil gemacht! Die Helme und Säbel bezeugen es!

Noch aber steckt der „Krieg" in den Anfangsstadien, inan ist sich, allem Anschein nach, noch über die Rollenverteilung nicht einig. Der eine will kein Russe und Franzose, der andere will kein Engländer sein; ums Haar kommt es darum SU einem handgreiflichen Vorspiel.

„Ja, wenn wi alltohopen Dütsche sien wüllt, denn könnt toi je man Webber na Hus gehn!" läßt ärgerlich sich einer der ..Herren Offiziere" vernehmen.

Menschen, die sie durch ihr Sterben erlösten. Wenn wir wieder einmal von einem schweren Verlust be­troffen werden, wenn ein.Mann dahinsinkt, von dem wir Großes für unser Volk erhofft, wenn ein Vater fällt, dessen Frau und Kinder seine führende, leitende Hand' schwer entbehren können, wenn die Söhne nun einsamer Mütter fallen — dann strafft sich in den Zurückbleibenden die letzte Kraft und es geht der heilige Entschluß durch unser Herz, ihrer wert zu werden.

Es kommt Trost und es kommt Kraft auch für den Totensonntag 1914 gerade auch aus der Schwere und aus der besonderen Art dieses Totensonntags. Aber den tiefen Frieden wirklicher Überwindung dessen, was wir jetzt erleben, finden doch erst die, die es mit der Gewißheit der Gegenwart Gottes in dem allen er­leben können. Die große Zuversicht, daß der Ewige auch über die Schlachtfelder geht, daß er bei unseren Lieben war, als sie kämpffen, litten und fielen, gibt uns in unseren Schmerz hinein die Stille. Das ist- die wirkliche Überwindung des Totensonntags 1914. Die Überwindung aus der Gewißheit des Gottes heraus, der ein Vater seiner Menschenkinder ist. Eine Gewißheit und Zuversicht, die nicht Halt macht an den Gräbern, sondern sich hinüberwagt in ewig« Gefilde.

Der Krieg.

Das Ende der farbigen Truppen.

Bf- Amsterdam, 21. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Mn.) Das kalte und nasse Wetter an der User ist für die Indier und Afrikaner unerträglich. Nach einer Meldung des „Temps" aus Paris werde ihr s ch l e u n i g st e r Abtrans­port, und zwar für imwet, erfolge». Zn ihrer Ablösung wurden schleunigst 16 009 Mann Marine-, Infanterie- und Tcrritorialtruppcn nach Nordflandern gesandt.

Belgische Offiziere über das Schicksal des Landes.

bä. Rofendaal, 21. Nov. Vorgestern wurden in Breda sieben fahnenflüchtige belgische Offiziere interniert, die am 5. November vom König Albert mit dem Ritterkreuz des Leopoldordens ausgezeichnet waren. Sie ge­hörten zum 2. Infanterie-Regiment. Als sie von Leuten be­fragt wurden, weshalb sie die Reihen, in denen sie so tapfer gcfochtcn hätten, verlassen hätten, entgegnete einer: „Weil wir es satt haben, unsere armen Soldaten den herzlosen und bloß um ihr eigenes Fell besorgten Briten zuliebe ins Feuer zu jagen. Wir selbst rieten den Mannschaften zur Fahnenflucht. Die Leute für eine Schimäre zu opfern, sei rin Verbrechen. Glaubt ja nicht, daß der König mit dem Niedermetzcln seiner braven Belgier einverstanden ist. WaS soll er aber tu»? In seiner letzten Begegnung mit Poincar« hat er s i ch u n d s e i n L a n d den Franzosen und Engländern verschrieben. Ein Sklave ist er heute, kein Herrscher mehr. Ob diö Deutschen aus Belgien vertrieben werden oder nicht, mit unserem freien Baterlande ist es ein- für allemal zu Ende. Bildet euch ja nicht ein, daß das neue Belgien unabhängig sei. Wir sind verkauft und verraten."

Sum Flugzeugairqriff auf bie Zeppelinwerft.

W-T-B. Friedrichshofen, 21. Nov. (Nichtamtlich.) Er­gänzend wird mitgeteilk: Mittags gegen 1 Uhm erschienen zwei englische Flugzeuge über der Stadt und ver­suchten einen Angriff auf die Lustschiffwerft auszuführen. Ein Flieger, der etwa 460 Meter über der Halle kreuzte.

Verstockt stehen alle, herum, bis einer der jungen Krieger auf den praktischen Einfall kommt, däs Lös entscheiden zu lassen. Das leuchtet ein. Irgend jemand hat einen Blei­federstummel in der Tasche und auch ein Blatt Papier, von dem inan vier kleine Fetzen reißt, die man niit den Anfangs­buchstaben der beteiligten Nationen markiert, gleichmäßig zu- iammensaltct und in einem Helm den Kameraden präsentiert. Und richtig, der Schicksalsstimmung fügen sich alle ohne Murren. Nur ein kleiner blondhaariger Knirps, den das Las zum Franzosen stempelt, trumpft auf: er will dann aber wenigstens der König von Frankreich sein!

„De Franzosen häbt jo gar kenen König!" klingt es spöttisch aus der Menge. „De häbt bloß en —"

„En General!" fällt einer der kleinsten Krieger ein.

„Nee, en Direkter!" schreit ein anderer, bis ihn ein älterer belehrend übertönt: „Schapsköpp! Präsident heet de König von Frankreich!"

Na, ja, einerlei, jedenfalls will Heini Kröger der erste ron Frankreich sein. Und man widerspricht ihm auch nicht länger, denn die drei feindlichen Regenten „zählen ja doch nicht weiter mit" und' sind nur zum Gefangennehmen, lassen da!

Zum Kaiser von Deutschland wird dagegen einstimmig der größte und intelligenteste unter ihnen bestimmt, dem man öbenso einstimmig.die schönste Ausrüstung, den einzigen vor­handenen Metalldegen und eine Ulanka nebst ditto Helm zu­erkennt.

Für den Beherrscher Englands genügt nach aller An­sicht vollkommen ein einfacher Holzsäbel, und als Abzeichen seiner Würde wird ihm noch ein bunter „Orden" bewilligt,

konnte alsbald von dem Ballonabwehrkommando mit Schrapnell- und Maschinengewchrfeuer Herabgeschosstn werden. Dem anderen Flieger, der in ziemlich großer Höhe sich hielt und wiederholt die Halle umkreiste, gelang es, zu entkommen. Doch soll er nach einer späteren, noch unbe­stätigten Mitteilung, in den Bodensee gefallen sei». Die Flieger warfen fünf Bomben, die teilweise in allernächster Nähe der Halle einschlugen. In der Stadt wurden zwei Häuser beschädigt, ein Mann wurde getötet und eine Frgu verletzt. Der Insasse des herabgeschossenen Flugzeuges, ein englischer Marineoffizier, wurde schwer verletzt in das Kran­kenhaus verbracht. Die Anlagen des Luftfchiffhafens blieben unbeschädigt.

Eine weitere Abfertigung der „Eimes".

W. T -B. Berlin, 21. Nov. (Nichtamtlich.) Geh. Baurat Dr. Emil Rat Henau ersucht um Veröffentlichung folgen­der Erklärung: Gegenüber der von der . „Times" wieder­gegebenen Behauptung eines angeblichen Kopenhagener Ge­währsmannes, nach welchem ich im Hinblick auf die Unter­brechung der Kupfer- und Petroleumzufuhr Zweifelan dem Siege Deutschlands ausgesprochen hätte, erkläre ich, daß ich selbstverständlich nie eine derartige Äußerung irgend jeniand gegenüber getan habe, daß vielmehr in Deutschland für die Befriedigung des Bedürfnisses an Kupfer und Petroleum ausreichend gesorgt ist. Die Behin­derung der Zufuhr durch England tritt in ihrer Bedeutung völlig hinter die Tatsache zurück, worauf sich meine Zuver­sicht stützt, daß Deutschland aus dem Kriege siegreich und stark hervorgehen wird.

Die englischen Vorschüsse an die Kolonien.

W. T.-B. London, 21. Nov. Wie jetzt bekannt wird, hat die Regierung den autonomen Kolonien folgende Bor- schüsse gewährt: Kanada 12 Millionen, Australien

18 Millionen, Südafrika 7 Millionen und Neuseeland 5 256 060 Pfund. Man schätzt die Kriegskosten für Kanada auf 20 Millionen für das Jahr.

Lügen Slsquiths im Unterhaus.

sich. Bon der holländischen Grenze, 21. Nov. Im eng­lischen Unterhause erklärte Premierminister Asquith in bezug auf die Nachrichten aus den feindlichen Lagern: An­gesichts des Vorgehens der deutschen Streitkräfte tn Belgien und Frankreich wurden alle Einwohner im wehr­pflichtigen Alter festgenommen und als Kriegsge­fangene behandelt. Die Negierung hat es für notwendig erachtet, Anordnungen zu treffen, alle wehrpflichtigen feindlichen Untertanen, die sich an Bord neutraler Schiffe befinden, zu Kriegsgefangenen zu machen. Diese Anweisung bezieht sich auf die neutralen Schiffe jedweder Flagge, fugte der Minister hinzu, soweit ihm bekannt geworden sei, sei bis jetzt kein Fall eingetreten, wonach Reservisten auf Schiffe» der Vereinigten Staaten betroffen worden seien.

Ansiedelungen für belgische Flüchtlinge.

P. B. London, 20. Nov. (Indirekt.) Die International Peace Brotherhood Companh kaufte in Southampton ein größeres Terrain zur Gründung einer Mnsterindustriestadt für belgische F l ü ch t l i n g e an. Es besteht die Absicht, eine derartige Stadt auch in den Niederlanden zu gründen.

Das Ergebnis der österreichischen Kriegsanleihe.

W. T-B. Wien, 20. Nov. (Nichtamtlich.) Der „Neuen Freien Presse" zufolge haben die Zeichnungen auf die öster­reichische' Kriegsanleihe nach: den Schätzungen unterrichteter Persönlichkeiten bereits eine Milliarde erreicht. Die Hoffnung sei berechtigt, daß noch ein gutes Stück Weges bis zur zweiten Milliarde zurückgelegt werden wird. Da auch die Zeichnungen auf die ungarische Kriegsanleihe

— wenn ich recht erkannte, die Verschlußmarke einer Knorr- ichen Hafermehlschachtel!

Auch den Kaiser von Rußland hat die Kriegsleitung wohl­weislich bedacht: eine alte Pelzmütze außer Dienst wird ihm reichlich unsanft aufgestülpt, und als der Selbstherrscher aller Reußen sich wegen der allerdings wenig standesgemäßen Be­schaffenheit eine entrüstete Bemerkung erlaubt, fährt ihn der Stifter der kaiserlichen „Behauptung" unter allgemeinem Ge­lächter an: „Wat — klaterig? De is egentlich noch väl to schad! Naher sitt se jo doch vull LüüSl!"-

So find denn die Herrscher alle mehr oder weniger glanz­voll uniformiert, bis auf den „Direkter" von Frankreich. Schon ist man gewillt,.ihn, der Not gehorchend, „so laufen zu lassen", das heißt, ihn nur mit einem gemeinen Holz- säbel zu bewehren, da tauchen an der Biegung des Wald­weges plötzlich zwei kleine Mädchen auf, wie ich höre, zwei „barmherzige Schwestern", die laut Vereinbarung am Kriege keilnehmen dürfen, auf deren Erscheinen man aber wohl kaum noch gerechnet hatte.

Die eine von ihnen hat ein geheimnisvolles Paket unterm Arm, auf das sie schon von lveitem mit triumphierender Miene zeigt. Sie wären auch schon viel eher gekommen» aber

- zu Hause mußte die Lust erst rein sein, d. h. Schröder? Mutter mutzte erst glücklich aufs Nachbarn gegangen sein-! Eber konnte nämlich Lieschen nicht die weißen Taschentücher, die doch als Samariter-Armbinden nötig waren, auS Musters Kommode hcrvorsuchenl Und was die Hauptsache ist, auch »ich: Musters Flanellunterrock, den sie in aller Eile z» einer „Franzosenhose" umgewandelt hat!

Die jungen Krieger, Freund und Feind, brechen ehr»