mehrerer Tage in das Asyl. Er nahm dort unter Vorlegung der Papiere, welche man hatte, genaue Listen über bic Personalien sämtlicher Anwesenden auf, und wurde unS dann mitgeteili, daß, wer in ein neutrales Gebiet entlassen, werden wollte, ein spezielles Gesuch an die Präfektur niachen müsse. Es wurden dann Erkundigungen eingezogen und je nach Ausfall derselben diese Gesuche genehmigt oder nicht. Meines Wissens i»,ch sind aus Boutte-Gach etwa 40 Personen im ganzen entlassen worden, aus Ebarlemague 3 oder 4. Wie mir jetzt mitgeteilt wurde, sollen überhaupt keine Entlassungen mehr stattfinden. Männer unter 45 Jahren bleiben aber jedenfalls bis nach Beendigung des Krieges.
Die Zustände sollen sich überhaupt in den beiden Plätzen noch sehr verschlechtert haben und die Aufsicht und Behandlung eine viel strengere geworden sein. Es wurde mir mitgeteilt, daß die ganze Kolonie wieder nach Charlemagne übergeführt werden solle. Diese? erscheint mir aber kaum glaublich, denn das dortige Gebäude ist kaum groß genug, um 160 Personen zu beherbergen. Man sagte mir, diese Maßregel sollte getroffen werden, weil Boutte-Gach zu nahe an der Stadt liege und man feindliche Kundgebungen der Bevölkerung fürchte.
Ich selbst wurde endlich, nachdem ich mein Gesuch an den Präfektenxetwa am 12. in Boutte-Gach eingereicht hatte, am 23. August mit einem „Sauf-Conduit" nach Spanien entlassen, ivo ich nach einer 24stündigen Reise am 24. August früh ankam, eine Reise, die man zu gewöhnlichen Zeiten in 7 bis 8 Stunden zurücklegt.
Dieser Bericht enthält in der Hauptsache eine ziemlich genaue Darstellung der Behandlungsweise der von der Regierung in Frankreich festgehaktenen Deutschen und Österreicher. Wenn man den Erlaß mit der Wirklichkeit vergleicht, so ist daraus zu ersehen, daß die Negierung in keiner Weise den gemachten Versprechungen nicht nur nicht nachgckommen ist, sondern im Gegenteil uns Schwierigkeiten bereitet hat, die mit etivaS gutem Willen leicht zu vermeiden gewesen wären.
- Bunte wett.
klus der Nriegszsit.
In gemütlicher Deckung. Aus dem Feldpostbrief eines Wiesbadeners: „Wir fuhren andern Tags in M. in Stellung, rückten hierauf über einen Berg einen Kilometer vor und fuhren hinter einem Hügel auf. In der Protzenstellung baute ich mir mit meinen Mannschaften und Freund S., der sich uns immer zugesellte, eine Holzhütte, da anfänglich immer schlechtes Wetter war. Rundum schlugen in nicht allzuweiter Entfernung die feindlichen Geschosse ein, und die dicht neben uns stehende „Feldarie", wie die Sachsen sagen, im Gegensatz zu der schweren „Arie", wie eine Insel umgehend. Das ging so bis zum dritten Tag. Wir saßen gerade beim Feldwebel in, Hüttchen mit etwa 15 Mann, da krepierte dicht hinter der Hütte eine Granate, daß die Stücke nur so an die Hüttenwand schlugen; daß es uns einigermaßen ungemütlich wurde, kannst Du Dir vorstellen. Gleich darauf flogen zwei Volltreffer in die nebenstehende Feldartillerie, töteten und verwundeten einige Leute und Pferde. Auch das Vorderhcmd- pferd meines ersten Geschützes wurde leicht verwundet, worauf sich die ganze Protze in Galopp setzte und auf und davon lväre, wenn ich dem Vorderpferde nicht in die Zügel gefallen wäre. Durch Schaden wird man klug. Wir gingen' hierauf in einen kleinen Talkessel zurück, der, rings von Bergen umgeben, schußsichcr ist. Hätten wir gleich gewußt, daß wir so lange hier bleiben, dann hätten ivir sofort diese Stellung aufgesucht. Anfänglich schliefen wir hier in Infanterie,-elten, als das Wetter aber immer schlechter wurde und es nach längerem Aufenthalt aussah, bauten wir uns ein regelrechtes Blockhaus und daneben einen Stall für unsere 13 Pferde. Unser Blockhaus ist direkt in den Berg hineingebaut, so daß die Rück- und Teile der Seitenwände von der Erde gebildet werden. Die übrigen Teile der Seitenwände sowie die Vorderwand sind aus Stämmen hergestellt, mit Ast- und Strohwerk dazwischen und bis ans Dach mit Erde zugeworfen. In die Vorderwand ist eine Tür eingelassen, die einem — Saustall entstammt, womit aber nicht gesagt ist, daß unsere Bude ein solcher ist. Als Fenster wurde ein ganzer Fensterflügel verwendet, der einfach quer gelegt ist. Das Dach besteht aus
Balken, die dicht .mit Stroh belegt sind, so daß es nicht durch« regnen kann. Über dem Stroh sind Tannenreiser gelegt und rmgs um die Hütte Bäume gepflanzt, so eine wirksame Fliegerdeckung bietend. Über der Tür prangt ein Eichen- lufich und das von mir verfertigte Schild „Deutsches Haus", Nun zur Inneneinrichtung. Die Wände sind rings mit Stroh verkleidet. Das Bett ist auf ebener Erde und mit dicken Strohschichten bedeckt. Am Kopfende kann man aufrecht stehen, während das Dach nach vornen niedriger wird. An der Rückwand sind Wandbretter angebracht zum Aufbewahren der verschiedenen Hüttengegenstände. An den, Fußende ist der Boden etwa 50 Zentimeter tief misgehoben. Etwa 30 Zentimeter von dieser Vertiefung entfernt ist eine kleine Lehne angebracht, so daß einenteils die Füße ganz in Stroh vervackt werden können, andererseits aber eine hübsche Bank entstand. In der Mitte der Vertiefung wurde aus Stangen und Brettern ein Tisch verfertigt, an dem man, nachdem oben und unten ein Brett über die Böcke quer liegt, rundum sitzen kann, über dem Tisch ist natürlich gerade das Fenster, und sitze ich eben beim Briefschreiben hier. Außerdem steht gegenüber der Tür ein kleiner Herd und unser Wassersaß; ferner sind wir im Besitz von zwei Tischdecken, Kerzenleuchtern, Salzfaß, mehreren Schnapsgläsern und unseren Kochgeschirren. Die toeiße Tischdecke ist aus einer Bettdecke hcrqe- stellt und hat scbon einmal als Leibbinde gedient. Aber wie Freund S. immer singt: „'s is doch alles aans." Unsere Kochgeschirre sind fast durchweg requiriert, so daß wir ganz feudal eingerichtet sind. Bevor wir diese Stellung bezogen, hatten wir manchmal recht knapp zu essen, doch als nur in diesen Talkessel einzaqen, schossen wir zwei fette Hammel, die sage und schreibe „acht Mann" in vier Tagen gegessen haben. An Rauchbarem Hai es anfänglich sehr gemangelt, jetzt treffen aber öfters Liebesgaben ein und die Marketender der Infanterie laben auch Zigarren und Zigaretten sowie Kognak. Letzterer tut manchmal sehr gut, besonders wenn man bis über R, hinaus Wein, Sekt und Kognak im Überfluß hatte und dann gar nichts mehr bekam. Überhaupt ist hier nichts mehr zu haben. M. ist, wie ich schon schrieb, total abgebrannt und die wenigen noch benutzbaren Brunnen erschöpft. Wir müssen das Trinkwasser daher ans H. holen, etwa 6 Kilometer entfernt, und dort auch mittags die Pferde tränken. Während der Bauzeit habe ich tüchtig mitgeholfen, ebenso auch gestern beim Kochen. So habe ich Hagebuttenmarmelade gemacht, Hagebutten gekernt (langweilig zum Auswachsen) und in Ermangelung von Zucker Rüben gekocht und den Saft mit der Marmelade eingekocht. Tadellos! Was man da draußen nicht alles lernt! Gestern habe ich von einem Marketender ein Stück „Blutwurscht" gekauft — himmlisch! würde ich sagen — wenn ich eine „höhere Tochter" wäre. Abends sitzen wir, ich hätte es beinahe vergessen, bei Kerzenschein in unserer Bude, spielen Karten und gedenken Eurer . . ."
Tapfere Burschenschafter. Von der glühenden Begeisterung der akademischen Jugend im Felde zeugen Feldpostbriefe und Kartengrühe von Burschenschaftern an ihre Bundesbrüder in der Heimat. Einige von ihnen werden in den „Burschenschaft- lichen Blättern" mitgeteilt. Einer schreibt: „In wenigen Stunden ziehe ich zum zweitenmal hinaus, für mein heißgeliebtes Vaterland zu tun, was ich kann, und was ich ihm als Burschenschafter schuldig bin. Gerne und frohesten Mutes gehe ich. Das schwarzrotgoldene Band um meine Brust aber soll mich bis in meine letzte Stunde daran erinnern, woher ich seit meiner Studentenzeit immer die Begeisterung für alles Gute und Schöne geschöpft habe. Das macht mir meine Burschenschaft und alle die lieben Bundesbrüder unvergeßlich. Sollte ich für mein Deutschland fallen, dann gellen meine letzten Grüße, meine innigsten Wünsche auch Euch, meine lieben Germanen! Mit Gott für Ehre, Freiheit uitd Vaterland!" — D«ß den Studenten aber auch ihr Humor noch nicht abhanden gekommen ist, zeigen die beiden folgenden Kartengrüße: „Biwak bei Braband le Roy: Mensuren von solch langer Dauer sind derzeit an Deutschlands hohen Schulen noch unbekannt. Ein Trost ist es uns, daß der Franzosenweiu noch nicht ausgegangen ist. Möge es so weiter bleiben!"
„Noch geht's uns gut
Und bau'n wir wohlgemut
Den Russen auf die Wutkhschnut!
Was wir einst gelernt in Gieren:
Anquart, Zieher, Terz und Schießen.
Mub der Moskowiter buben!"
verantwortlich für die Schriftlcitung: B t>. Nauendorf In Wiesbaden — Druck und Verlag der L. Schellenbergschen Hof-Duchdruckerei in Wiesbaden.
