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Samstag- 21. November 1914. ItlOrCJ^Tt s Ätt$0Ctl)£*
Nr. 543. ♦ 62. Jahrgang.
Der Krieg.
Unglaubliche Verblendung.
Br. Rosendaal, 20. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Die Niederlage der Russen wird von den französischen »nd englischen, aber auch von holländischen Blättern als ein Triumvh der russischen Armee gefeiert. Die Blätter behaupten, Krakau sei gefallen, die deutsche Armee
zersprengt und die Russen vor Breslau.^ In holländischen Blättern wird aus dem „Petit Parisien ein Artikel des Oberstleutnants Rousset abgedruckt. Der ganz falsch untcrricküete Kritiker läutet dem deutschen Heere an der östlichen Front das Sterbeglöcklein. Er stellt Hindenburg als das „V e r h ä n g n i s Deutschlands hm. ic Schlußfolgerung lautet: Nuu ist der Augenblick gekommen, wo Frankreich und England an die A u s t r e r b u n g der Deutschen gehen können. In einem glatten Monat tonnen .wir so weit sein, daß die Kämpfe im Osten und Westen auf deutschem Boden vor sich gehen.
Die Not in Nordfrankreich. ^
W- T.-B- Amsterdam, 20. Nov. (Erg. Drahtbericht. Ktr. Bin.) Die Not der Bevölkerung in Nordfrankreich ist außerordentlich groß. Die deutschen Truppen der er en 'häufig Teile ihre Rationen an die hungernde Bevölkerung. Bei Einbruch des Winters wird eine Hungersnot de - fürchtet. Es wird eine starke Abwanderung der Bevotte- rung nach dem Süden erwartet.
Der französische Tagesbericht vom 19. November.
hd. Genf, 20. Nov. Stach dem amtlichen französischen .Bericht von gestern nachmittag war der gestrige Tag durch frischbelebte Tätigkeit der feindlichen Artillerie, namentlich zwischen dem Meere und dem Lhsfluß ausgezerch« net Dagegen fanden keine Jnfcmterieangrrffe statt. Die zwischen der Oise und Aisne in Durchführung begriffenen Operationen um Tracy-le-Val, sagt der Bericht, endeteten unter für uns günstigen Umständen. Diesen Ort nahmen wir vor einigen Tagen. Vorgestern versuchten die Deutschen, ihn zurückzuerobcrn. Sie nahmen unsere ersten Laufgräben und drangen bis zum Hauptkreuzweg der Ortschaft vor. Da setzte ein heftiger Gegenangriff algerischer Abteilungen ein, die den Fernd zuruck, .schlugen und ihm das von uns verlorene Gelände abnahmen, .wobei er bedeutende Verluste hatte. In den A r g o n n e n konnten wir unsere Stellungen halten. Von der übrigen Front ist nichts besonderes zu melden.
Weitere Berichte aus französischer Quelle.
Br. Genf, 20. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Die zwischen Oise und Aisne zum Ersatz französischer Stammtruppen eingestellten algerischen Abteilungen erlitten gestern bei Tracy-le-Val ungewöhnlich starke Verluste. Bei Servon im Westen des Argonnerwaldes erzwangen di«, taktisch überlegenen Deutschen einen ' zur Flucht a u s - artenden Rückzug der Franzosen. Die heute ausgegebene Nummer des amtlichen Armeebulletins enthält eine Kritik der deutschen Leistungen in Flandern. Sie läßt der Tapferkeit der Garde sowie eines bayerischen Korps und der Todesverachtung aller deutschen Truppen volle Gerechtigkeit widerfahren, meint aber, ein Vergleich zwischen den militärischen Eigenschaften der jüngeren deutschen und französischen Offizieren müsse zugunsten der letzteren ausfallen. — In der Nähe von Reims geriet ein deutsches Flugzeug voni Aviatiktyp tu die französische Linie. Zwei Offiziere wurden gefangen genommen.
Die Kämpfe aeoen die Serben.
Wieder 7 Offiziere und 660 Mann gefangen genommen.
W. T.-B. Wien, 20. Nov. (Nichtamtlich.) Vom südlichen Kriegsschauplatz wird amtlich gemeldet: Die P a t r o u i ll c n k ä m p f e an der ganzen Front dauern fort. Ter Angriff ans die befestigte Stellung bau Lazasevatsch macht günstige Fortschritte. Gestern wurden 7 Offiziere und 660 Mann gefangen genommen. Es herrscht eine ungünstige Witte- r u n g. Auf den Höhen liegt 1 Meter Schnee, die Niederungen sind überschwemmt.
König Peter wünscht Frieden.
Br. Budapest, 20. Nov. (Erg Dvahtbericht. Ktr. Bln.) König Peter wünscht nach Angabe serbischer Offiziere, die bei Obrenowatsch gefangen wurden, den Frieden und hat sich bereits vor Wochen scharf gegen den Ministerpräsidenten ^gewendet, der Serbien um russischer Interessen willen .gefähnds. Die Ansicht des Königs gehe dahin, auch unter dein ü t i g enden Bedingungen Frieden zu schließen. Aus Furcht_ vor Beeinflussungen der Skupschtina in dieser Beziehung wurde der König in einem Kloster bei Wwanig interniert. (?)
Bttloar-en und der Zusammenbruch Serbiens.
W. T.-B. Sofia, 20. Nov. (Agence Bulgare.) Das Vordringen der österreichisch-ungarischen Arme» in Serbien macht auf alle politischen und parlamentarischen Kreise einen nachhaltigen Eindruck. Allgemein tritt die Überzeugung zutage, daß der Zusammenbruch Serbiens eine tiefgehende Änderung der Balkanlage mit sich bringe und Ereignisse von großer Tragweite herbeisühren könne. Dies ist
der einzige Gesprächsstoff in den Wandelgängen der Sobranje, deren Sitzungen unter dem Eindruck der Niederlage vmr Valjevo stehen.
Ein Aufstand auf Zypern.
Br. Konstantlnopcl, 20. Nov. (Erg. Dvahtbericht. Ktr. Mn.) Die englischen Behörden haben auf Zypern den mohammedanischen Gottesdienst untersagt und erkennen den Scheich-ül-Jslam nicht mehr als richterliche Instanz an. Unter der mohammedanischen Bevölkerung ist infolgedessen ein A u f st a n d ausgebrochen. Die englischen Behörden riefen auf drahtlosem Wege die von Zypern nach den Dardanellen abgegangenen Kriegsschiffe nach der Insel zurück.
Blutige Strasienkämpfe in ttairo.
Br. Äonstautinopel, 20. Nov. (Eig. Dvahtbericht. Ktr. Bln.) Die S ch I i e st u n g der Moschee n in Kairo hat zu blutigen Straßenkundgebungen geführt. Es kam zu Zusammenstößen zwischen der Bevölkerung und der Polizei, bei, denen es auf beiden Seiten Opfer gab.
Auszeichnung der türkischen Helden von Uöpriköi.
W ■ T.-B. Konstantinopel, 20. Nov. (Nichtamtlich.) Wie verlautet, Unterzeichnete der Sultan einen Erlaß, nach welchem dem Infanterie-Regiment, welchem es in dem Kampfe von Köpriköi, nachdem es einen großen Teil seiner Offiziere und Mannschaften verloren batte, gelang, die Anhöhe 1905 zu erobern, die L i a k a t - (Verdienst)^ Medaille verliehen wird. Ebenso sollen die überlebenden Offiziere und Mannschaften des Regiments Auszeichnungen erhalten.
Nüchterne Betrachtungen.
Unsere Leser wissen, welche merkwüMgen Reden im britischen Unterhause nach der Eröffnung des Parlaments- durch den König am Donnerstag voriger Woche gehalten worden sind. Bon.ar Law erklärte, Deutschlands einzige Aussicht aus Steg sei g e- s ch w u n d e n. Vielleicht lag ein Fehler bei der Übermittelung vor, vielleicht sagte der -konservative Führer: „einstige" und nicht „einzige"; über so oder so, unsere Aussicht auf Erfolg ist für Herrn Bonar Law eine Sache der Ver-gangenheit. Nach seiner Behauptung nehmen die Bundesgenossen eine bessere Stellung als bei A u s b r u ch des Krieges ein. Ungefähr ebenso optimistisch, in der Fassung freilich etwas vorsichtiger, äußerte sich sodann der Premierminister Asquith. Je länger die Pri'rtung dauere, desto zuversichtlicher sei die Hoffnung, daß England als Kämpfer für eine gerechte Sache Sieger sein wende. Nun, das ist bei Asquith die Hoffnung eines auf keinerlei positive Tatsachen sich stützenden Optimismus. Aber was Bonar Law erklärte, das hatte einen positiven Gharakter, und da selbstverständlich von keiner Seite ein Widerspruch laut wurde, so kann man an- nöhmen, daß seine. Meinung die des Parlaments, also schließlich ganz Englands ist.
Die Engländer werden es uns nicht verdenken dürfen, wenn wir über diese eigentümliche Auffassung staunen. Wir mögen uns noch so gewissenhaft bemühen, um hevcmszubekommen, worauf sich die Zuversicht jenseits des Kanals stützt, so bleibt unsere Anstrengung doch vergeblich. Richtiger und genauer gesagt, die Z-u- versicht bleibt eine Sache für sich, aber die Ansicht, daß die Bundesgenossen heute besser als bei Ausbruch des Krieges stehen, und daß für uns die einzige oder die einstige — es ist ja gleichgültig — Aussicht auf Sieg dahin sei, diese Ansicht, die eine sachliche Nachprüfung gestattet, will hiernach wirklich unter sorgfältigere Beobachtung genommen sein, schon damit wir uns selber von etwaigen südlichen Illusionen fernhalten. Wie kommen die Engländer dazu, sich diese Auffassung z/urechtzulegen? Wir bekennen, daß wtr's nicht wissen. Unsere Truppen stehen weit nach Frankreich hinein, von den Vogesen bis zur Nordsee. Sie haben ungefähr ein Achtel Frankreichs in Besitz, darunter die i n d u st r r e r e i ch st e n Departements, die wichtigsten Stätten des französischen Bergbaus. Diese _ Gebiete zählen für die Volkswirtschaft der Republik gegenwärtig nicht mehr mit, weder landwirtschaftlich noch sonstwie. Wir wollen gar nicht von der Zerrüttung des französischen Wirtschaftslebens und des Finanzlebens sprechen, sondern nur die unmittelbaren Wirkungen des Krieges auf die besetzten Gebiete ins Auge fassen. Es ergibt sich da, daß der Lebensnerv Frankreichs aufs e m p ft ndl i ch st e getroffen ist. Angenommen, die Franzosen hätten so viel gegen uns erreicht wie wir gegen sie, so müßten wir uns jetzt damit ab- finden, daß etwa Elsaß-Lothringen, die Pfalz, ein großer Teil des Großhevzogtums Hessen und der -linksrheinische Teil der Rheinprovinz in ihren Händen wären. Das würde ungefähr nach Umfang und Bevölkerung dem entsprechen, was wir an Fortschritten
nach Frankreich hinein gemacht haben. Man braucht sich diese Vorstellung nur obenhin klarzumachen, um zu ermessen, welcher Mut von den Rednern im englischen Parlament dazu gehört, in die Welt hinansAU- rufen, die Bundesgenossen hätten zurzeit eine bessere Stellung als bei Beginn des Krieges. Wie gesagt, wir beschränken uns auf schlichte sachliche Feststellungen, wollen also von der eigentlichen Kriegslage in diesen! Zusammenhangs gar nicht sprechen. Höchstens nrag es geschehen, um anzufragen, wie sich die vermeintlich bessere Stellung der Verbündeten damit -verträgt, daß die Hauptkämpfe in Belgisch- und Französisch- F l a n d e r n stattfinden und nicht bei Mannheim oder Köln.
Indessen die Engländer versichern, unsere Aussicht auf Sieg sei geschwunden, sie und ihre Verbündeten ständen besser als wir, und so weiß man nicht, ob sie das glauben oder ob sie sich selber zum Narren halten wollen. Jedenfalls ist die Sache schwerbegreiflich, sie hat eine verdächtige Ähnlichkeit mit beginnender Psychose. Dieser ungeheuerste aller Kriege gibt freilich sovieil Rätsel auf, daß man kaum noch bei Dingen verweilen darf, die sonst unser stärkstes Interesse beanspruchen würden. Der Aufstand in S ü d a f r i k o, die Bedrohung Ägyptens durch das herannahende Türkenheer, die Tätigkeit unserer U n t e r s e eb o o te im K a n a l, das alles gilt dem Jnselvolk^ n t ch t §, wenn es .sich, zwar gewaltsam, jedoch anscheinend erfolgreich, in den verzweifelten Irrtum verrennen will und kann, uns gehe es schlecht und unseren Feinden gut.
Wir haben nichts -gegen diese IlIu si o n s fäh i g- k e i t, sie ist uns vielmehr eine -wertvolle Probe auf die Erschütterung des feindlichen Gefüges, aber man mußte doch mal sin der Eile nachseihen, was an den jüngsten britischen Bemühungen, sich selber Mut zu zu sprechen, Wirklichkeit ist, und wir können nichts dafür, wenn sich dabei nichts Greifbares und Brauchbares ergebe,! will.
Organisierte Plünderung.
Das „Echo de Paris" bringt in einer Nummer aus den letzten Oktobertagen folgende „Die organisierte Plünderung" überschriebene Notiz: „Das Schloß Montmort war vom
5. bis 10. September von einein deutschen Generalstab besetzt. Während die Soldaten die Häuser und Magazine des Dorfes plünderten, besorgten die Offiziere dasselbe auf dem Schloß. Alle Behältnisse waren erbrochen und geöffnet, dann durchwühlt, die Schränke geleert, die Papiere durchsucht und auf die Erde geworfen. Eine Partie Silbersachen waren gestohlen worden, ebenso die Leibwäsche. Die Keller sind gleichfalls ausgeplündert worden." Soweit das französische Blatt. Sein Bericht über die Tatsachen ist durchaus richtig, nur haben nicht die Offiziere und Mannschaften eines deutschen Armee-Generalstabs, der am 5. September im Schloß Mont- rnort Quartier nahm, jene Verwüstung ansgerichtet, sondern französische Soldaten und Leute aus dein Dorfe. Wir besitzen darüber die klastischen Zeugnisse der beiden Offiziere, die ’ für den Stab des betreffenden Armee-Oberkommandos das Quartier besichtigten. Der erste gab zu Protokoll: Bei der Vorbesichtigung bot Montmort mir allerdings ein Bild so arger Verwüstung dar, daß die Hoffnung, die Räume in der gegebenen Zeit wieder wohnlich herzustellen, anfänglich nur gering war. Die zu ebener Erde belegenen Räume wiesen die Spuren von dort stattgehabten Trinkgelagen auf, umgeworfene Stühle, heruntergerissene, beschmutzte Decken, Weinflaschen, leer, zerbrochene, halbvolle in wüsten! Durcheinander. Auch die im Treppenhaus befindliche Kapelle war nicht verschont geblieben. Ziemlich unversehrt waren die Möbel in den beiden Stockwerken, dagegen hatte man den Inhalt der Schränke und Truhen herausgerissen und durchwühlt. Wertvolle Garderobenstücke, Wäsche waren in sinnloser Weise aus dyn Kästen gezogen worden. Etuis, große und kleinere Behälter, deren Inhalt Messer, Gabeln, Löffel usw. gewesen sein muß, lägen offen und leer, bunt durcheinander, auf dem Fußboden eines Zimmers. In einigen der oberen Schlafzimmer waren wertvolle Teppiche in nicht wiederzugebender Weise beschmutzt worden. Die Schuldigen sind nach Aussage eines im Dorf Montmort praktizierenden., türkischen Arztes, Dr. Esra, französische Truppen gewesen; diese hatten, wie die Inschriften auf den Türen bewiesen, noch zwei Tage vor Eintreffen der Quartiermacher die Schloßräume inne gehabt. Zum anderen Teil mögen aber auch Dorfbewohner bei der Verwüstung mitgeholfen haben» die — ebenfalls einer Bemerkung des türkischen Arztes. zufolge — auf die Eigentümerin des Schlosses, eine belgische Witwe, nicht gut zu sprechen gewesen sein sollen. Die Aussage des zweiten Offiziers bestätigt durchaus diesen Sachverhalt und hat folgenden Wortlaut: Am 5. September nachmittags erhiAt ich in Dormans Befehl, gemeinsatn mit dem Oberleutnant F. die Orte Montmort, Champaubert und Bähe im Hinblick auf eine Unterbringung des Armee-Oberkommandos zu erkunden. Die beiden zuletzt genannten Orte sollten vorab besichtigt werde». Wir stellten fest, daß sie für den Zweck nicht in Betracht kornmen konnten, nachdem sich in Montmort ein weitläufiges . Schloß zur Unterbringung des Stabes darbot. In Montmort trafen wir bei beginnender-
