Nr. 541. _ Freitag, SV. November 1914. Miesbadener TagKlktl. Morgen-Ausgabe. Erstes Blatt. Seite 3.
Den Vernichtungskamps gegen das veutschtum in Liutzland
beleuchten die neuesten „Grenzboten" an einem Gesetzentwurf des russischen Ministers des Innern M a k l a k o w. Dieser will den Kriegszustand benützen, um in einer großen Reihe von Gouvernements den deutschen und den österreichischungarischen Staatsangehörigen den Jmmobilienbesitz außerhalb der Städte zu untersagen. In den betroffenen Gouvernements leben mindestens 1 Million Deutsche, die nun innerhalb zweier Monate ihren Jmmobilienbesitz verkaufen muffen. Begründet wird dieses brutale Vorgehen mit der Rücksicht auf die Sicherheit des russischen Staates und die angeblich mangelnde Loyalität der Deutschem Die Begründung des Gesetzentwurfs strotzt von lächerlicher Spionagefurcht und panslawistischer Gehässigkeit; der empörende Eindruck, den sie hervorruft, wird noch dadurch gesteigert, daß das nötigenfalls zu enteignende Land der russischen Bauernbank die Landbeschaffung erleichtern soll. Auf die Triebfeder Maklakows wirft die Angabe der Begründung Helles Licht, daß dem gegenwärtigen Kriege alle ideelle Bedeutung genommen werde, wenn der Krieg^weck, nämlich die Vernichtung der militärischen Macht Deutschlands, nicht erreicht würde, „in dem Teil, der die inneren Verhältnisse Rußlands betrifft." — Herr Maklakow dürste erst beim Friedensschluß Klarheit darüber gewinnen, ob dem gegenivärtigen Kriege „alle ideelle Bedeutung" gefehlt hat oder nicht!
Der japanische Gouverneur von Tsingtau.
w. T.-B. Köln, 19. Nov. Nach einer Meldung aus Lon> don berichtet der Berichterstatter der „Köln. Ztg." von der holländischen Grenze, daß die japanische Regierung den General Kamio zum Gouverneur von Tsingtau und des Kriegsgebiets von Kiautschau ernannt hat.
Lin Tagesbefehl an die Garde.
Der kommandierende General des Gardekorps richtete der „Kreuzztg." zufolge am 29. v. M. folgenden Tagesbefehl an sein Korps: „Von A r r a s bis hinauf zum Meere stehen die deutschen Korps seit einer Reihe von Tagen in heftigen siegreichen Angriffsgefechten; seit vielen Wochen schon steht die deutsche Westarmee in schwerem Ringen um jeden Fußbreit Landes. Schwerere Aufgaben wie bei dem herrlichen Siegesläufe von Malmedy bis Fere Champenoise sind dem Gardekorps dabei zugefallen. Ich spreche jedem einzelnen meinen wärmsten Dank und meine größte Anerkennung aus für das todesmutige Ausharren in den Schützengräben in fast ununterbrochenem Infanterie- und Artilleriefeuer und da8 den Vorgesetzten bewiesene, unerschütterliche Vertrauen. Das Eiserne Kreuz 1. Klasse, das Seine Majestät der Kaiser und König mir verliehen haben, möge jeder einzelne im Korps als eine Anerkennung seiner persönlichen Tapferkeit und seiner Leistungen vor dem Feind ansehen. Die Zeit für frisches Boriwärtsgehen zu endgültigem Siege ist nahe. gez. Frhr. v. Plettenberg."
Die Württembergcr im Kampfe mit Farbigen.
London, 16. Nov. Die „Times" wissen von einem An- griff zu berichten, den eingeborene indische Truppen mit französischen Marokkanern und algerischen Schützen auf ein württembergisches Korps bei Upern auö- führten. Es sei dort in einem kleinen Dorfe zu einem furchtbaren Nahkampfe gekommen, bei dem es jedoch, wie die Times" zugcben, nicht gelang, die Württembergcr aus dem Dorfe zu vertreiben.
Die Kaiserin und der Leutnant
Von einem Krankenhausbesuch der Kaiserin wird ans Metz gemeldet: Als die Kaiserin gelegentlich ihrer jüngsten Anwesenheit in Metz auch das dortige zu einem Lazarett ein- ierichtete Mathildenstift besuchte, verweilte sie mit großer Teilnahme an dem SchlperzenSlager eines Offiziers, der infolge seiner schweren Verwundung außerstande war, auf die Trostworte zu erwidern. Am frühen Morgen des anderen Tages gab im Auftrag der Kaiserin ein Kammerdiener im Mathildenstift einen verhüllten Blumentopf mit einer Karte für den verwundeten Offizier ab. begleitet von einem an die Oberin des Diakonissenkrankenhauses gerichteten Schreiben lokgendcn Inhalts: „Würden Sie beifolgende Erika dem
armen jungen Leutnant mit dem Kieferschuß — ich
glaube, er ist in der Cote Lorraine oder im Argonnerwalde verwundet worden — ins Zimmer stellen mit den besten Wünschen. Ich muß immer wieder an ihn denken und bitte Gott, daß er ihn wieder herstelle. Herzliche Grüße an Ihr Haus, die Kranken und die Schwestern. Ich steue mich so, bei Ihnen, gewesen zu sein. Ich fahre heute nach, Koblenz. Ihre freundiichst ergebene Viktoria, l. R."
Das Eiserne Nreuz.
Das Eiserne Kreuz 1. Klasse erhielten: Generalleutnant v. G u r e tz k h-C o r n i tz, Kommandeur einer Reservedivision; Oberst v. D a s s e l, Kommandeur eines Infanterie-Regiments ; Oberstleutnant Rudolf v. C r a m e r vom Kaiser - Alexander-Garde-Grenadier-Regiment, zurzeit Kommandeur eines Reserve-Jnfanterie-Resiments; Oberstleutnant Hans v. B r a n d e n st e i n, Chef des Generalstabs eines Armeekorps; Leutnant und Bataillonsadjntant im 48. Reserve-Jn- fanterie-Regiment Langen er; Generalmajor und Kommandeur der 8. Garde-Feldartillerie-Brigade Graf von Schweinitz (dessen Sohn, der Kriegsfreiwillige und Fahnenjunker Hans Graf v. Schweinitz, das Eiserne Kreuz 2. Klasse erhielt); Oberstleutnant Gärtner aus Mannheim, sowie Leutnant S p a n g und Leutnant L o g a u aus Freiburg.
Zeuerungsmalerial als relative Konterbande.
V. T--B. Berlin, 17. Nov. (Amtlich.) Bekanntmachung über die Behandlung von Feuerungsmaterial als relative Konterbande vom 17. Nov. 1914, Ziffer 23, Nr. 9. Die Prisenordnung vom 30. Sept. (Reichsgesetzblatt 1914, S. 275) wird dahin erläutert: Mit Ausnahme von einigen sehr harten überseeischen Hölzern, wie Packholz, Palisander, Ebenholz und dergl., sind alle Holzarten in unbearbeiteter oder nur roh bearbeiteter Form als relative Konterbande anzusehen, weil sie sich als Feuerungsmaterial verwenden lassen, unter Umständen auch tatsächlich als solches verwendet werden. Zu diesen Holzarten zählen auch Grubenhölzer, roh oder entrindet, dagegen sind diejenigen Holzarten nicht zum Feuerungsmaterial zu rechnen, welche infolge ihrer Bearbeitung durch Menschenhand oder Maschinen eine so erhebliche Wertsteigerung erfahren haben, daß ihre Benutzung als Feue- rungsmarerial mit ihrem durch die Bearbeitung erhöhten wirtschaftlichen Wert in keinem Einklang stehen würde. Berlin, 17. November 1914. Der Stellvertreter des Reichskanzlers: Dr. Delbrück.
Die Kriegsfürsorge der württcmbcrgischen Regierung.
W. T.-B. Stuttgart, 18. Nov. (Nichtamtlich) Heute fand hier eine Besprechung der Regierung mit Vertretern sämtlicher Fraktionen des Landtags und der Gewerkschaften über die Lage der Gemeinden statt. Die Vorstände der Fraktionen übergaben dabei der Regierung folgende von ihnen einstimmig angenommene Erklärung: Die Vorstände sämtlicher Fraktionen der zweiten Kammer und die Vertreter der württembergff schen Gewerkschaften sämtlicher Richtungen sind der Auffassung, daß denjenigen Gemeinden, die durch den Krieg in eine besonders schwierige Lage geraten sind, und 'die eine KriegSarbeilstosenfürsorge eingeführt haben oder noch einffchren wollen, staatliche Unterstützungen gsioährt werden sollen. Der Ministerpräsident Dr. v. Weizsäcker lehnte die Einführung einer allgemeinen Arbeitslosenfürsorqe ab. erklärte dagegen die Bereitwilligkeit der Regierung, bei der Linderung der Not dort mitzuheffen, wo besondere Verhältnisse vorliegen. Zum Schluß gab er der Hoffnung Ausdruck, daß unser Heer als Sieger aus dem mörderischen Ringen ber- vorgehen werde, wodurch dann am raschesten eine allseitige Kräftigung unseres wirtschaftlichen Lebens herbeigeführt würde.
Gegen bis k»e?ch'mNfuner des §eindes in Kn«chtspoflkar^en ujw.
hat vor kurzem das Regierungsblatt, die „Nordd. Allg. Ztg.", in ernsten und zutreffenden Worten Front gemacht. In der „Straßburger Neuen Zeitung" befindet sich jetzt ein Artikel, der sich mit demselben Gegenstand befaßt und im Endae- danken der Auffassung des Regierungsblattes zustimmt. Es wird dabei hervorgehoben, daß die Beschimpfungen von seiten unserer Gegner viel schlimmer sind als diejenigen, die hier und da von de,rischer Seite an unseren Feinden vorge- nommen wurden. So wird erzählt, daß selbst die rohen und plumpen Unflätigkeiten des Wnltz, genannt Haust, in Paris
keinen Absatz mehr finden, da sie für die öffentliche Nachfrage noch immer nicht plump und roh genug sind. Was z. B. in der Zeit des Faschoda-Zwischenfalls vom „Rire" und anderen Pariser Witzblättern gegen die Königin und das Volk von — England geleistet wurde, könne auch jetzt schwerlich überboten werden! Mit Recht schließt das Straßburger Blatt seinen Artikel mit folgenden Sätzen: „In den letzten Jahren vor dem Krieg ist in Deutschland viel und erfolgreich an der Veredelung des Volksgeschmackes gearbeitet worden. Sehen wir zu, daß die Frucht dieser Arbeit nicht verloren geht. Gönnen wir dem Feind auch den Sieg nicht, »ns den Geschmack zu verderben!"
Ku§ der 78. Verlustliste.
(Abkürzungen: vcrw. — verwundet, leichiv. — leicht Vek.
wundet. schwerv. — schwer verwundet. Bern. = vermißt, gef. — gefangen.! Füsilier-Regiment Nr. 80. Wiesbaden, Bad Homburg v d. H. (Rancouvt a>m 28. 8.. Matton vom 24. 8. bis 7 9.. Trvhon vom 22. bis 26.. Champion am 29. und 30. 9.. Solente am 1. und Rotze vom 1. bis 17. 10. 14.)
1. Bataillon.
1. Komp.: Füs. Schreiber (Nieder-Merlingen) leichtv.;
S . Bahn (Reichsseid) tot: Füs. Joseph Schützen Haus iesbaden) tot.
2. Komp.: Füs. Ulli-uS (Michelbach) leichtv.; Füs. Neußer (Tauberibischofsheim) tot: Füs. Hoffmann 3 (G-ebenroth)
leichtv.; Einj-Freiw. Gefr. Ferdinand Kilian (Wiesbaden) tot: Gefr. Eichler (Aicbaffenburgj leichtv.; Gefr. Lenz (Wolscnhausen) schloerv.; Füs. Bendel (Berod) leichtv.; Füs Merz (Unterkochen) leichtv.; Füs. Lewenz (Camp) leichtv.; Füs. Stein (Erbach) leichtv.; Füs. Krebs (Höchstberg) tot; Füs. Hob (Untzig) tot.
3. Komp.: Füs. Appeller (Frankfurt a. M.) leichtv.; Füs. Mathias Merten (Wiesbaden) leichtv.; Füs. Eulen (Rückershausen) leichtv.; Füs Büttner (Münster) leichtv.; Füs. Denz (Rambach) leichtv.; Füs. Karl Kunz (Wiesbaden) leichtv: Gefr. Seidel (Niedereiisenhausen) leichtv.; Einj.-
Frciw. F itz Baer (Wiesbaden) tot; Füs. Weber (Laaspherhütte) tot; Füs. Jacob (Lörfelden) schwerv.: Füs. Zoller (Buchen) schwerv.; Tamv. Mohr (Breitenheim) tot.
4 Komp.: Füs. Bock (Frankfurt a. SW.) tot; Füs. Becker2 (Gvävenhein) ve m.; Füs Jundt (Girnbvett) Perm.; Füs. Eggeis (Hannover) leichtv.; Füs. Jakobtz (Dalm) verm.; Füs. Sirgl (Bingen) schwerv.; Füs. Knüttel (Knttenhauscn) verm.; Füs. Rappold (Bitzfold) leichtv.: Füs. Hollinger
(Bleidenstadt) leichtv.; Füf. Lotzsieven (Elberfeld) leichtv.; Füs. Lamboy (Westernohl) verm: Füs. Morr 2 (Eibingen) leichtv.; Füs. Kegler (He schbach) leichtv.; Füs. Frey (Reichelfingen) leichtv.; Serg. Ferdinand (Ettersdorf) leichtv., Füs. Pötz (Limburg) leichtv.; Einj.-Freiw. Frdr. Jakob Koppen- höfer (Wiesbaden) leichtv.
2. Bataillon.
Stab: Mai. u. Bat.-Kom Nickisch v. Rosenegk (Nieder- Hermsdorf) ve w.: Leutn. u. Adi. Bering (Berlin) tot.
5 Komp.: Leutn. d. R Wecks (Solingen) verw.; Fuf. Bräutigam (Nieder Alme) tot; Res. Wagner 1 (Steckenroth) tot: Webrm. Schoch 1 (Besigheim) tot; Off.-Stellv. Dirigier be,w; Füs. Jabn (Singhofen) oerw: Res. Wüst (Westerburg) ve w.; Gefr. d. R Schoch 2 (Besigheim) verw.; Füs. Joseph Dorn (Wiesbaden) verw.; Unievosf. Neutzovling (Dotzheim) verw.; Füs. Bender (Frankfurt) vertv.; Füs. Sauger- marin (Attendorn) verw; Füs. Stengel (Heeringen) vew.; Einj -Freiw. Söhn (Johannisberg) verw ; Füs Ackermann verw; Res. Gohl (Lg.-Sei,fen) tot; Res Hcbgen (Langendernbach) verw.; Füs. Edel (Rüdesbeim) verw.; Gefr. Louis (Hof) verw.; Gefr. Horn Schütz (Hof) verw.; Füs Lubjuhn (Seehausen) verw: Res. Kemps (Schönbach) verw; Gefr d. R. Schreiber 2 (Essenheim) verw.; Füs. Joseph Franz (Wies- baden) verw; Füs. Schäfer (Köln) verw.; Füs August Da u st er (Wiesbaden) tot: Gefr. Böhm (Rüdesbeim) vew: Res. Dreiling (Weher) verw.: Vizefclgw. Hein- (Wolfö- haeen) verw.; Einj'Freiw Unteroff. Anton Se i l be rg ev (WickS baden) verw; Ginj.-Fvciw. Flock (Montäbmir) verw: Füs. Nölke venv.; Gefr. d R. Rock (Holzhausen) verw.; Res. Antoni (üstrich) ve w : Res. Ullmann (Watzelhain)
verw; Res Eck verw.; Res. Schönberger verw.; Res Hilgen- kamp (Bielefeld) verw.: Unteroff. d. R. Schbcwdt verw.: Füs. .Karl Wink (Wiesbaden) verw; Ros. Vonhausen (Dramn-ershmffen) ve^w: Füs. Schnurr (Mußbach) vcrw.; Res. Jung 1 (Werschau) verw. .
6 Komp: Lenin. Pobl (Ehrcnbreltstem) tot; Fabn,. Hermann Kolb (Wiesbaden) verw.; Einj-Freiw Betz (Sckwchm) vew; Füs Großbaus (Lethmerke) verw.; Res. Jakob Rau (Wiesbaden) verw; Füs Kvvmann (Duisburg) -Meiderich) tot; Gefr. d R. Emil Kind (W,cs- baden) tot; Füs. Räder (Fechenheim) tot; Res. Hanke ,Wiese) tot: Res Schäfer (Görsroth) tot; Res. Baunemann tot: Res Eduard Mever (Wiesbaden) tot: Res. W e b e r (Wiesbaden) tot; Feldw. Keller (Tiefenbach), verw.; Unteroff Hartmann (Gr-Ruden) verw; Unteroff Reiß (Fnodrichs-
Mit imheimlicher Schnelligkeit entf-rnt sich das Jnfan- teriefeuer nach vorn. Die Reserven schieben sich in dichten Schwärmen heran. Die russische Artillerie hat mit Feuern fast ausgehört. Sie scheint Stellung zu wechseln.
Unsere schweren Batterien feuern ununterbrochen. Fm Galopv geht eine Feldbatterie hinter dem letzten Hause des langgestreckten Dorfes Pabbeln in Stellung. Der Richtkreis ist bereits vorbereitet. Nach ein paar Minuten dröhnt schon der erste Schuß.
Ich durchschreite einen großen Wirtshausgarten. Hier ist das Bild der Flucht: Dutzende von fortgeworfenen Ge
wehren. Patronentaschen, Brotbeuteln, Wafferflaschen liegen durcheinander, ein paar Russen bluten in gekrümmter Stellung, einer lebnt beinahe aufrecht an eine Tannenhecke, durch die er sich flüchten wollte, als ihn der Schuß traf.
Die Häuser werden durchsucht. Aus einer Tür wird ein Rnffe geschoben, der sich noch mit dem Gewehr versteckt hatte. In einer Scheune sticht die Säuberungskompagnie mit dem Baionett in das fußhohe Stroh. Russische Hilferufe schreien ans. Das Stroh färbt sich dunkelrot. „Nachher schießen d,e Hunde ans dem Stroh", sogr die Wache. „Das machen sie gern." Diese da in der Scheune von Pabbeln werden nichr mehr schießen.
Große Trupps von Gefangenen werden die Straße hin- untergeffihrt. Sie sammeln sich bald zu langen Zügen, die stumpfsinnig nach rückwärts trotten.
In einem Pferdeßall liegt ans einer Troaballre e>n russischer Offizier vom kaukasischen Regiment Luchum. Er hat einen Sckrapnellschuh bekommen. Die kurze Pfeife lützr er keinen Augenblick aus dem Mund. Er sucht mit allen Kräften Haltung zu wahren. Auffallend ist. wie wenig die gefangenen Mannschaften, die dabei stehen, sich um den Offizier kümmern. Sie beantworten auch oft voreilig die Fragen, die an den Verwundeten gerichtet werden.
Auf der Landstraße trabt ein Stab vorbei. Durch Staub, wölken sieht man die Fahnen des Roten Kreuzes wehen, das hcrannaht. Die Ärzte und Träger suchen die Felder ab, über die eben wieder Schrapnellwolten erscheinen.
Die Russen scheinen sich noch einmal zum Widerstand uifzuraffen Der Kommandeur der Rastenburger Grenadiere macht einen Augenblick halt. Ich werde ihm vorgestellt.
„Meine Grenadiere!" sagt der Oberstleutnant und sieht
nach vorwärts, als ob er sie vorn ein paar hundert Meter weiter in der Schützenlinie sehen könne. „Sie haben sie stürmen sehen."
Ich bejahe. Das Auge des Mannes ist einen Augenblick wie nach innen gekehrt. Er macht eine Wendung zu dem Adjutanten, der Befehl erwartet. Die Stirnn» ist jetzt kurz und hart: „Sorgen Sie' dafür, daß mein Ofsizier in einei
Stunde, ja, in einer Stunde, sagt der Stabsarzt, begraben wird! Feierlich. Vater unser. Nicht wahr?"
„Zu . Befehl, Herr Oberstleutnant", sagt der Adjutant. .Soll ich den russischen Offizier . . ."
„Auch Einzelgrab. Aber getrennt natürlich. Bitte, aber rasch."
„Zu Befehl."
Ein anderer Offizier bringt einen Befehl.
„Das Regiment rückt vor", sagt der Oberstleutnant, und als er sich verabschiedet, sind seine Augen wieder mit diesem unbestimmten Ausdruck in die Ferne gerichtet, als ob sie auf den Hügeln von Koszemeken und Espergallen den Sieg winken sehen. ,
Es gibt Siege, die so langsam wirken, daß man sie kaum fühlt. Dieser hier war wie ein funkelnder Trunk. Er schlug wie mit Adlerflügeln über den Regimentern. Die anrückenden Truppen sangen. Man hatte die Not für Ostpreußen noch einmal wieder ans Zeit zurückgeschlagen. Wer weiß, was man nach dieser Zeit einsetzen kann. . . .
Gleichzeitig kommt die Meldung, daß eine Division von Darkehmen die Russen vor sich her treibt.
Der Schützengraben ist jetzt nahe. Die Fliegen summen, aber ich gehe weiter. Eine große Papiermühle lodert vor uns in mächtigen Flammengarben auf. Auf einem Stückchen Feld duckten wir uns plötzlich wie auf Kommando. Es ist fast komisch, mit welcher Gleichmäßigkeit wir die Furche ausnutzten. Das sind keine verlorenen Geschosse, wir sind im russischen Feuer, und wir wenden uns doch lieber nach der Chauffee. Wir gehen im Graben weiter. Die Fenster der Fabrik sind zum Teil noch nicht gesprungen, die dunkelrote Glut leuchtet unbeimlich aus ihnen heraus und zeichnet es wie Blutflecke auf der gelben Grasnarbe.
Das russische Feuer wird wieder stärker. Schrapnells erscheinen. Die Dämmerung beginnt. Wir begeben uns auf
den Rückweg, diesmal der Straße entlang. Die Russen versuchen, den Rückzug mit Artillerie zu decken und beschießen mit verblüffender Präzision die Anmarschstraßcn, um den Munitionsnachschub zu verhindern. Hinter uns schlagen die Granaten mit unbeimlicher Regelmäßigkeit ein. Sie verfolgen uns schier. Jedesmal, wenn wir fünfzig Meter weiter sind, saust die Granate rechts oder links in den Straßengraben. Es ist kein schönes Gefühl, die Granate im Rücken zu fühlen. Man kann ahnen, wie niederschmetternd und mut» vernichtend der Rückzug sein muß. Mir kommt zum Bewußtsein, was der russische Gegner eigentlich leistet, daß er trotz einer unausgesetzten Reihe von Niederlagen immer noch di» moralische Kraft zum Angriff aufbringt.
Ich blicke nach der Stelle, wo vorhin der russische Verwundete mi! dem Kopfschuß lag. Er befindet sich in der gleichen Lage, seine reckte Hand bewegt sich noch immer.
Im Graben am Eingang von Pabbeln liegen sich ein Deutscher und ein Russe gegenüber, die im Bajonettkampf gestanden haben. Der blutjunge Deutsche hält das Gewehr mit dem ausgepflanzten Seitengewehr noch wie zur Abwehr vorwärts. Sein Kopf ist zur Seite gesunken. Sein Gesicht hat einen stillen und zufriedenen Ausdruck. Es ist möglich, daß das eigene Gefühl die Beobachtung täuscht, aber die Toten einer siegreichen Schlackt, die so schnell vormnrt? gellt, daß der Gefallene noch an den Sieg, um den er fällt, glaubt, haben oft diesen stillen, merkwürdigen Ausdruck, den man nie wieder vergißt, wenn man illn einmal gesehen hat. Als ob sanfte Hände über das Antlitz gefahren wären, als ob aus dem trüben Novemberhimmel ein schmale? warmes Licht dorüberbnschte. Ich wünschte, man könnte nur solche Sol- datengcsichter von Gefallenen sehen, und nicht die anderen..,
Meine Pferde greifen aus. Bald werde ich in der toten Stadt sein, die heute morgen im Frühschimmer siegende Soldaten durchzogen. Ein Offizier fragt mich nach dem Stand» Punkt seines Stabes. Ich gebe ibm den an, den ich von heute mittag kannte. „Den wußte ich selbst, aber sie sind schon weiter, viel weiter." Ich batte eine Flasche Rotwein für den Abend nach der langen kalten Fabrt aufgellobeii. „Wollen Sie das bitte auf unseren Sieg trinken!" Ich bin heiß ge- nug für bente. Ich durfte inmitten der vorgehenden Truppe einen bell" . Sieg erleben.
Rolf Brandt. Kriegsberichterstatter.
