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Verlag Langgasse 21

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Dienstag, 17. Novembee 1914.

Morgen - Ausgabe.

Nr. 537. » 62. Jahrgang.

Der Krieg.

Der Zusammenbruch der belgischen Armee.

fi r- Roscndaal, 16. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln,) 8n den letzten 8 Tagen büßte die belgische Armee 18 000 Mann ein; die Verluste an Offizieren belaufen sich auf 600 Mann. An 2000 Mann flüchteten in Bürgerkleidung nach Holland und wurden teilweise nach Vlissingen gebracht. Die Zahl der von den Deutschen gefangenen Belgier (in den letz­ten 8 Tagen) wird auf 4000 geschützt. Die noch übrigen belgischen Heeresreste sollen sich in einem Zustand völliger Auflösung befinden. 25 000 Mann sind noch vorhanden, doch läßt sich mit den Mannschaften nichts mehr unternehmen. Es scheint, daß die französische Heeresleitung den demo­ralisierenden Einfluß der Belgier auf die Linien­truppen befürchtet, und eine strenge Scheidung zwischen Zranzasen und Belgiern vorgenommen wurde. Meute­reien kamen in den letzten Tagen mehrmals vor. Die er­schöpften Soldaten verließen nachts die Schützengräben und boten sich dem Feind als Gefangene an. Ein Hauptmann, der seine Truppen zu einem Sturmangriff rief, wurde durch kinen Bajonettstich in den Nacken getötet.

Line „Ruhepause" für die Belgier.

Sr. Amsterdam, 16. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Der Berichterstatter des Vaz-Diaz-Bureaus meldet von der belgisch-holländischen Grenze: Verstärkungen, die die Verbündeten an der User erhielten, haben es möglich gemacht, die belgischen Truppen aus der Kampflinie herausznziehen Und ihnen eine Ruhepause zu gewähren. Infolge der unun­terbrochenen Kämpfe waren die Belgier bis aufs äußerste erschöpft. Ein belgisches Infanterie-Regiment hat ln einer einzigen Nacht zwischen Ipern und Dixmuiden sieben Bajonettkämpfe mitgemacht. Die Leichtverwundeten der belgischen Armee sind in Frankreich geblieben, wäh- reng die Schwerverwundeten nach England ge­bracht wurden.

Eine neue franziisischc Pretzlüge.

Sr. Noscndaal, 16. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Pariser Zeitungen verbreiten die erfundene Nachricht über die sanitären Verhältnisse in Lille und anderen Städten, wo sich die deutschen Truppen befinden. Nach zuverlässigen Meldungen ist die Krankenzahl normal, die Be­handlung durch die deutschen Ärzte musterhaft.

Weitere Afrikanertruppen sür die französische Armee.

hd. Neapel, 16. Nov. Der aus Tunis hier eingetroffenr Dampfer „Piemont" berichtet, daß die Franzosen zahlreiche Eingeborene anSheben, um sie auf den europäischen Kriegs­schauplatz zu bringen. An ihre Stellen sollen die weißen Truppen in Tunis v e r ft ä r k t werden, um einen etwaigen banislamitischen Aufstand, dessen Ausbruch man befürchtet, htederzuhalten. In Tunis erhofft man in diesem Fall die italienische Hilfe.

Ern gewundener russischer Rriegshericht.

W- T.-B. Tiflis, 16. Nov. Die Petersburger Tele» Sraphenagentur teilt mit: Der Generalstab der kauka­sischen Armee meldet: Nach einer Reihe von Kämpfen in der Gegend Köproköi haben unsere vorgeschobenen Truppen endgültig die Gruppierung der feindlichen Haupt­maste fest gestellt. Da in den letzten Tagen beträchtliche mrkische Verstärkungen an der Küste bei Erzerum und Trapezunt ankamen, ziehen sich unsere Vortruppen in die ihnen bezeichneten Gegenden zurück. Türkische Versuche, den Hügel von Klinessonk, den wir ihnen vorher abnahmen, ^iederzunehmen, sind gescheitert. Die anderen russischen --rruppenabteilungen hatten keine Kämpfe von Belang.

Der Zar von der Front zurückgekehrt.

W. T.-B. Zarskojc-Selo, 16. Nov. Der Kaiser ist hier­her zurückgekehrt.

Neueinrichtungen im russischen Heere?

Sr. Rom, 16. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Wie bem „Corriere della «era" aus London gemeldet wird, wäre das russische Heer jetzt im Besitz einer Reihe bahnbrechender Neueinrichtungen. Nicht nur sollen die russischen Flug­zeuge den denkbar vollkommensten Mechanismus besitzen, wndern die russische Artillerie sei heute der Artillerie aller anderen Völker sehr weit überlegen, da sie über einen wunderbaren Zielapparat verfüge, den sogar die «ranzosen bewundern. Durch weitere Erfindungen, die an­geblich der dem russischen Heer angehörende Prinz von Olden­burg gemacht hat, sind alle Feldspitäler mit zwei kolossalen Dampfkesseln und einem riesigen Gefäß ausgestattet. Hier­durch werde es ermöglicht. 1500 Mann beim Ausmarsch in °:e Schlacht oder bei der Rückkehr aus der Schlacht mit war­mer Suppe zu versorgen.

Der Kreiheitskampf der Suren.

W. T.-B. Kapstadt, 16. Nov. (Nichtamtlich.) Amtlich ^>rd gemeldet: Der Kommandant Visser nahm 17 Rebellen fischen Varyburg und Marigobo gefangen. Der Komman­dant de Beer nahm ein Kommando von SO Mann und 70 Pferden gefangen in der Umgegend von Schwcizerreneke;

1 °Uf beiden Seiten gab es zwei Leichtverwundete.

Die Erfolge der türkischen Flotte.

I hd. Kopenhagen, 16. Nov. Nach Petersburger Meldungen I "ahm die türkische Flotte im Schwarzen Meer 84 russische

Handelsschiffe fort. — Odessa wird von neuem bom­bardiert.

Zwangsmaßnahmen gegen die Engländer in der Türkei?-»

T7-U. Rotterdam, 13. Nov. Aus London wird gemeldet, daß die türkischen Behörden die Läden britischer Untertanen in Konstantinapel mit Beschlag belegt haben. — Aus engli­scher Quelle wird ferner gemeldet, daß die Türken die Eisen­bahnlinie zwischen Smyrna und Kassaba zerstört haben.

Eine von der ägyptischen Geistlichkeit erpretzte Erklärung gegen den Rrieg.

hd. Mailand, 16. Nov. Wie aus Kairo gemeldet wird, haben ägyptische U l e m a s unter dem Zwange der eng­lischen Behörde eine Erklärung gegen den Heiligen Krieg er­lassen. Da indessen alle Welt weiß, wie diese Erklärung entstanden ist, dürfte sie wirkungslos verlaufen.

Die letzten verzweiflungskämpse der Serben.

mr Bl ' Budapest, 16. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr.

J!? gemeldet: Heute sind hier ser-

bljche Gefangene, darunter 4 Offiziere, angekommen, Dre Gefangenen b e st ä t i g e n die Nachricht vom Selbstmord des Generals Spalajkovitsch und geben zu, daß die drei serbischen Divisionen, die D l m v k-, M o r a v a- und S z e d m a d i a - Divisio­nen, v o l l st ä n d i g a u f g e r i e b e n wurden. Offi­ziere erklärten, das; von den drei Divisionen nur 1200 Mann am Leben seien, welche gefangen genommen wurden. Der Untergang der serbischen Nation sei jetzt nicht mehr aufzuhalten. Der Widerstand, der den österreichisch-ungarischen Truppen entgegengesetzt werde, sei nur noch der letzte Verzweiflungs­kampf eines aussterbcndcn Landes.

Oer Rönig von Serbien im Sterben.

Si-. Braila, 16. Nov. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Der Arzt des serbischen Königs, Dr. Limbar, erklärte einem Jour­nalisten, König Peter liege, im Sterben. Sein Ableben sei täglich zu erwarten.

„Rutzlanös Überlegenheit."

Von Generalmajor z. D. von Wcrlhof.

.Unsere Truppen standen bereits vor Warschau, und einige Zeitungen beschäftigten sich schon mit dom an­geblich nahe bevorstehenden Fall der polnischen Haupt­stadt. Da überraschte das Große Hauptquartier die Welt durch die Nachricht, daß unser Heer vor neuen russischen Kräften, die von Jwangorod, Warschau und Nowogeorgiewsk vorgegangen Maren, ausgewichen sei. Die Russen folgten zunächst nicht; die Loslösung vom Feinde geschah ohne Schwierigkeit. Unsere Truppen sollten sich „der Lage entsprechend gruppieren". Es ist ein Zeichen für das allgemeine Vertrauen zu der Heeresleitung und für die Erziehung des deutschen Volkes durch die knappe, sachgemäße und zuverlässige, dabei aber zurückhaltende Art der Berichterstattung, daß diese Nachricht keinen Anlaß zu Besorgnissen und argwöhnischen Betrachtungen gab. Sollte doch noch ein letzter Rest davon vorhanden gewesen sein, so ist er sicher völlig verscheucht durch die gestrige Meldung unseres großen Sieges über die Russen, von dem wei­tere Einzelheiten bis zur Stunde noch nicht vorliegen.

Solche Rückzüge, wie der unserer Truppen von Warschau, können — theoretisch — durch ver­schiedene Umstände bestimmt sein: durch Rücksichten

auf das Gelübde, auf die besseren Ernährungsmöglich- kciten und die rückwärtigen Verbindungen, durch das Zahlenverhältnis der beiderseitigen Heere, wenn auch die Zahl an sich nicht ausschlaggebend ist und endlich durch ein Zusammenwirken von mehreren dieser Be- weggründe.

Die in Wiener Blättern verlautbarte Ansicht des Armeekommandanten Boroewitsch über die Ur­sache der Rückwärtsbewegung den Russen gegenüber dürfte in dieser Beziehung von -besonderem Interesse Win. „Es handelt sich", sagte er, „gegeiHber Rußland um eine einfache Rechnung. Bei der Überzahl! der Be­völkerung Rußlands hatten wir anfänglich im Ver­hältnis 1:3 gekämpft. Jetzt ist das Verhältnis 1 : 2. Es wird die Zeit kommen, wo einer gegen einen kämpft. Dann werden wir unseren endgültigen Sieg erringen, den das Volk erwartet. Bis dahin müssen unsere verbündeten.Streitkräfte die russische Übermacht anfhalten und schwächen." Halten wir damit eine Veröffentlichung der „Wiener Rundschau" (Nr. 240) zusammen, die das „Militär-Wochenblatt" in Nr. 146 und 147 wiedergab! /Danach hatten die Russen in den Kämpfen gegen dieösterreichisch-ungarische Armee 420 000 Mann „approximativ geschätzt" verloren, wozu noch etwa 60 Prozent Kranke kommen, bei dem Wüten von Cholera, Typhus und Ruhr wohl nicht zu hoch ge­griffen. Die Zahl der diesem Heere zurzeit gegen- überstehenden feindlichen Streitkräfte würde sich dem­nach ans etlva Itzst Millionen Menschen beziffern. Die Zahl der gegen die Deutschen erlittenen Verluste gibt

dieselbe Quelle auf 340 000 Mann + 50 Prozent Kranke — 610 000 an. Diese Zahl ist bei fast 200 000 russischen Kriegsgefangenen, die bereits in Deutschland interniert sind, augenscheinlich noch zu niedrig ge­griffen. Wollen wir hier aber dasselbe Verhältnis annohmen, so stände noch rund eine Million an Trup­pen den Deutschen gegenüber. Die Gesamtzahl der russischen Verluste würde danach „kaum unter 1160 000 Mann" betragen, was voraussetzen würde, daß unser östlicher Nachbar gegen uns und unsere Verbündeten fast 3sch Millionen Menschen auf die Beine gebracht haben müßte. Wem das zu hoch erscheinen will, der vergegenwärtige sich, daß die 1400 000 Mann be­tragende Friedenspräsenzstävke in den Jahren 1913 bis 1916 durch Erhöhung des Rekrutenkontingents uni weitere 400 000 vermehrt werden sollte, während 1912 727 000 und 1913 797 000 Reservisten übten und 1914 900 000 eingezogen werden sollten.

Aber, wie gesagt, die Zahl ist, so groß ihre Bedeu­tung sein mag. doch nicht ausschlaggebend und das noch

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weniger im Landkriege als im Seekriege. Vor alleni sind die moralischen Faktoren in Betracht zu ziehen. Der Philosoph sagt, daß das Volk siegen werde, das die tiesstgewur,zelte und höchstgreifcnde Welt­anschauung habe, andere logen der Nervonkrast die Hauptbedeutung bei, was nicht miteinander im Wider­spruch steht. 1866 sagte man, der preußische Schul­meister habe gesiegt, weit eher könnte man 1914 be­haupten, daß die deutsche Intelligenz die Oberhand gewinnen müsse, da die Elite unseres Volkes einen: Heere gogenübersteht, das fast zu drei Vierteln aus Analphabeten gebildet wird, und das zu einer Zeit, in der mehr als je die Einzelaus­bildung für alle Waffen in Betracht kommt. In der Ausbildung und Erziehung unseres Volksheeres aber haben wir eine Kriegswaffe, die uns keine Gegner nachmacht. In keinom der kämpfenden Heere anderer­seits ist der Soldat so von seinem Führer abhängig wie in dem russischen, und in keinem fehlt es so an Offizieren und Unteroffizieren wie in diesem, so daß sich der Zar schon zu dom mehr als zweifelhaften Mittel gezwungen sieht, die. Studenten mit oder ohne- Zwang in das Heer einzustellen und nach viermonati- ger Vorbildung zu Offizieren zu machen. Führung und Organisation sind weitere Faktoren, die die Über­legenheit der Zahl in einem Maße wettzumachen ge­eignet sind, das die Rechnung des Armeekommandan- ten Boroewitsch noch wesentlich berichtigen wird.

Naturgemäß wird sich auch die Wirkung der in­zwischen ergangenen türkischen Kriegserklärung bei der russischen Kriegführung fühlbar machen. Es ist selbst- rodend, daß die Heeresleitung mit ihrer Möglichkeit gerechnet und Truppen an den gefährdeten Punkten belassen haben wird, aber die Erfolge der Türken in den Grenzbezirken und die Nachricht, daß Kaukasien von nicht weniger als 3 00 0 00 Mann bedroht ist, scheinen ihre Wirkung ans die russischen Streitkräfte in Galizien und der Bukowina bereits aus­zuüben.

Was die Schwarze-Meerflotte_ betrifft, so ist ihre Stärke (6 Linienschiffe, einschließlich 2 älteren, 6 Kreu­zer. davon 2 große geschützte, 20 Torpedobootszerstörer,