Nikola, der Drckodlae.
Eine Erinnerung aus Dalmatien.
(5. Forts.)
„Einige alte Ammenmärchen aus meiner guten litthauischen Heimath, die auch immer noch überreich an allem möglichen Zauberglauben ist, kamen mir dabei für die Details zu statten. Kurz und gut: der Patient schwört bereits auf mich, die Hoffnung, von seinem Wolfsbruder befreit zu werden, hat zuui ersten Male in seinem Herzen fest Wurzel gefaßt, und ich glaube, die hübsche Lisa trägt zur Bestärkung dieser Hoffnung das Ihrige bei. Damit und mit Ihrem Prachtexemplar von Canis Lupus besitzen wir zwei wichtige Vorbedingungen des Gelingens für meinen Plan. In sechs Tagen haben wir Vollmond, und die gute Luna übt ja nach den Mittheilungen des Patienten stets eine besondere Anziehungskraft auf den Dukodlac aus. Wir müssen die kurze Frist nur noch benutzen, um die Phantasie unseres gemeinschaftlichen Freundes möglichst zu entflammen und auf den gewünschten Punft zu concentriren."
Das geschah denn auch. Dpctor M. war Meister in solchen Dingen. Wir fuhren täglich nach 'Sucurac hinaus, kehrten täglich bei dem alten Pietro eilt, ließen uns von seiner hübschen Nichte einen Labetrunk reichen und plauderten dann mit Nikola. Dabei wußte der ®octor. stets in unabsichtlich scheinender Weise das Gespräch auf den Dukodlac zu bringen, immer neue Variationen desselben Themas hatte er an der Hand, und schließlich ließ er immer deutlicher durchblicken, daß er der Mann sei, um dem gefürchteten Ungeheuer den Garaus zu machen. Es kam uns dabei sehr zu statten, daß er Gelegenheit gefunden hatte, in Suxürac an einem schwer erkrankten Kinde eine verblüffende Probe seiner ärztlichen Kunst abzulegen — kurz, er galt in dem ganzen Dorfe bereits für einen halben Zaubermeister, ehe noch der große Augenblick der Action selbst gekommen war.
Am Vorabend desselben schlenderten wir noch einmal durch die engen Gassen Spalatos, und mein Freund ließ sich bei einem Goldschmied auf der Piazza bei Signore in aller Eile zwei kleine Silberkugeln gießen, die in den Lauf seiner Büchse paßten. Dann wurde der Käfig mit dem Wolf in aller Stille in ein Segelboot gebracht, dessen Bemannung uns von dem Hotelwirth als zuverlässig bezeichnet worden war — wir hatten uns der Verschwieg'en- heit der Leute auch noch durch eine ansehnliche Geldspende versichert. Es war eine herrliche Nacht, ich werde der schönen Fahrt an der mondhellen Küste entlang nie vergessen. Mir pochte doch ein wenig das Herz, der Doctor aber war ganz ruhig. Er instruirte mich noch einmal eingehend: „Wir werden kurz vor Mitternacht anlegen, und haben bann noch einen Weg von etwa zehn Minuten bis zum Hause unseres Patienten. Sobald ich an's Ufer gegangen bin, öffnen Sie den Käfig, und meine Sache ist es, dem Gesellen die erste Silberkugel bei seinem ersten Schritte aus dem Kasten gerade durch den Kopf, zu schießen. Ich hoffe, das wird keine Schwierigkeiten haben. Dann kommt es aber darauf an, den Cadaver so schnell vor die Thür des Hauses zu Bringen, daß er dort noch völlig warm ankommt. Ich habe schon zwei unserer Leute mit entsprechenden Anweisungen versehen und ihnen auch gesagt, daß sie sofort, nachdem ste den Wolf in der Nähe der Thür hingelegt haben, sich eiligst aus dem Staube machen. Dann schießen wir zugleich unsere Gewehre ab, wobei ich der tobten Bestie bie zweite Silberkugel weidmannsgerecht in die Rippen jage. Die letztere geht später auf Ihr Conto, während Sie in Wirklichkeit natürlich ein Loch in die Natur schießen. Ich habe übrigens beide Läufe derart überladen, daß wahrscheinlich das halbe Dorf von dem Knall lebendig werden wird. Das Uebrige müssen wir dann abwarten — ich zweifle kaum noch, daß wir den besten Erfolg haben werden."
Ich wagte noch einen Einwurf: „Wie aber, verehrter Freund, wenn Nikola zufällig gerade in dieser Vollmondsnacht und gerade in dieser Stunde nicht vom Dukodlac träumt?"
Der Doctor zuckte die Achseln. „Ich glaube kaum, daß wir
Von Hans von Spielberg.
das zu befürchten haben. Seine Phantasie hat sich in den letzten Tagen ausschließlich mit dem Wärwolf beschäftigt. Vor Alle« werden unsere Schüsse aber wahrscheinlich seinen Wahn gleichst „auslösen" — feine Phantasie zur plötzlichen Traumgestaltuna bringen. Es ist das eine höchst eigenthümliche Beobachtung der neueren Wissenschaft, die sich ja besonders viel und eingehend mit der Erklärung des Wesens der Träume beschäftigt hat. Man ist dabei zu dem merkwürdigen Resultat gekommen, daß ein Traum den man glaubt im Zeitraum von laugen Stunden geträumt ober • richtiger durchlebt zu haben, in unserer Seele sich innerhalb > weniger Secunden abgespielt Hai. Sie träumen z. B. eine lange Geschichte, bie ganz logisch mit einem Klingeln endet — Sie i erwachen, und es stellt sich heraus, daß wirklich Jemand an Ihrer 1 Wohmingsthür geklingelt hat, und dies Schellen der Ausgangs- - punkt und zugleich der Endpunkt des Traumes war. Aber da ii sind wir ja schon am Ziel — nun guten Muth, und wenn's nöthig ist, eine dreiste Stirn: um des guten Zwecks willen können wir gern einmal eine ordentliche Lügenportion auf uns nehmen! Es ist schon um Schlechteres mehr gelogen und betrogen worden."
Er drückte mir fest bie Hand. Der Kiel schob sich knirschend auf den Sand; mein Gefangener begrüßte den Stoß mit einem Geheul, das man sicher in ganz Su?urac hören mußte und das den Doctor zu dem befriedigten Ausruf: „Gut gebrüllt, Wolf," hinriß. Dann fprang er, bie Büchsflinte in der Hand, aus's Ufer, ich ließ bie Fallthür bes Käfigs dem Lande zukehren und zog sie vorsichtig in die Höhe. Meister Lupus schien aber zuerst keine Lust nach der goldenen Freiheit zu haben, er rollte sich im Gegentheil wie Böses ahnend in der hintersten Ecke des Kastens kurrend zusammen, und erst als meine Bootsleute ihn mit ihren Riemen ein wenig kitzelten, bequemte er sich, den Kopf, und dann ' den Oberkörper aus seinem Verließ hervorzustrecken. In demselben Augenblick schoß mein Freund, der Knall fiel fast mit einem nochmaligen kurzen Aufheulen der Bestie zusammen, die sich sofort lang ausstreckte. Der Doctor hatte vorzüglich getroffen, das starke Thier war im Feuer zusammengebrochen.
Kaum zehn Minuten später standen wir mit dem Kadaver vor Nikola's Hause, und unmittelbar daraus schallten unsere beiden Schüsse durch die stille Nacht.
In athemlosem Schweigen harrten wir des Ersolges. Ein — zwei Minuten verrannen ... sie dünkten mir eine Ewigkeit. Dann wurde die Thür des Häuschens aufgerissen, in der dunklen Oeffnung erschien vom Mondschein hell beleuchtet Nikola. Er war nur halb bekleidet, das schwarze Haar hing ihm strähnig und wrrr Über das wildverzerrte Gesicht, fast gleich einem schwer Trunkenen starrte er um sich, seine glanzlosen Augen schienen wie von dem gelben Mondlicht geblendet. Da plötzlich steht et den fast unmittelbar zu seinen Füßen hingestreckten Cadaver - einen Augenblick taumelt er rückwärts, dann aber stürzt er sich mit der vollen Wucht seines starken Körpers auf den Wolf, wirst sich über ihn, feine Hände wühlen sich im zitternden Kampf in die Behaarung der Bestie ein, als wollten sie das Thier in StüA rejßen, von seinen Lippen bringen unartikulirte Laute verzweifeltet Wuth.
Es war ein schrecklicher Anblick. Ich fühlte mich versucht, bem Unglücklichen beizuspringen, aber mein besonnener Freund hielt mich zurück. „Der Paroxismus wird vorübergehen," flüsterte er mir zu, „die Erregung ist natürlich, aber ich hoffe gerade jetzt, nun ich sehe, daß er wirklich glaubt, seinen Dukodlac vor sich zu haben, sicher an einen glücklichen Ausgang!"
Inzwischen hatten sich einige Nachbarn eingefunden, die bet seltsamen Scene, die sie wohl nur zum Theil verstanden, mit starren Augen zublickten. Auch das alte Mütterchen Nikola's wat aus dem Hanse getreten und lehnte sich bebend und die Hände ringend an die Thürpfoste. (Schluß f.)
