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Nr. 533.

GamStag, 14. November 1914.

Wiesbadener Tagblatt»

Morgen-Ausgabe. Erstes Blatt

Seite A

schrift unter Benutzung amtlicher auch im Felde gefönt» melier Unterlagen hierzu Stellung genommen und weist darin nach» weshalb die Klagen über die Feldpost nicht aufhören wollen. Wie wir hören, ist das Reichspostamt be­reit. diese Schrift kostenfrei an Interessenten abzugeben. Diese haben nur ihren Wunsch durch Postkarte der geheimen Kanzlei des Reichspostamts. Berlin W- 66, mitzuteilen.

Krieg und Schule.

LC. Über den Krieg in der Schule handelt ein Artikel von Dr. Rohrbach in derHilfe". Er fordert:In

Deutschland mutz unerbittlich schulmätzig gelernt werden, und diese Organisation des Massenunterrichts, die uns bisher weder die Angelsachen noch die Romanen nachmachen konnten, bildet den Urgrund dafür, datz die englische und die französische Industrie, zunächst was die unentbehrliche wissenschaftliche Grundlage und danach auch was die praktische Leistung anging, gegen die deutsche ins Hintertreffen geraten sind. Die Engländer haben in den letzten Jahren selber immer stärker den Schreckensruf ausgestotzen: die Schulung der Deutschen ist so viel besser, datz sie uns tot zu lernen drohen! Rohrbach schlieht mit folgenden hübschen be- merkungen:Wir haben drei grotze Feinde, hat unlängst ein gefangener englischer Offizier gesagt: Krupp, Nauen und dte preuhische Eisenbahnverwaltung. ^ Wer imstande ist, dieses Wart einem Fortbildungsschüler richtig zu erklären, der weiß auch, wie er den Krieg als Ganzes in der Schule zu be­handeln har."

Auszeichnung eines Lazarettes.

Einem ärztlichen Feldpostbriefe vom südöstlichen Krregs- schauplatz entnimmt eine Berliner Korrespondenz folgendes: ..Unser Lazarett wurde damit beauftragt, den Hauptverband­platz einer Sanitätskompagnie zu übernehmen. Wir fanden in einem Komplex von drei Häusern ungefähr 300 frr,ch Verwundete vor, deren Fahl infolge der unmittelbaren Nahe des Schlachtfeldes sich innerhalb der nächsten Stunden ver­doppelte. Im Laufe des aus die Einrichtung folgenden Tages geriet das Lazarett in vas Granatfeuer der Russen. Um dte Verwundeten von der Gefahr des Verbrennens im Stroh zu retten, wurde die Anordnung getroffen, ste aus den Hausern, die den Mittelpunkt des feindlichen Feuers btldeten, in eine gesicherte Stellung -zu bringen. Während das ganze Perso- nal einschltetzlich aller Offiziere und Beamten ber dteser schwierigen und gefahrvollen Tätigkeit war, schlug eine Gra­nate in eines unserer Häuser ein. tötete zwei unserer Sam tätsoffiziere und einen russischen Verwundeten und verletzte sechs weitere Jnsaffen des Lazarettes. Trotz dteser Katastrophe und trotzdem die Geschosse weiter um uns herum niederprasselten, gelang es uns. die Verwundeten bts auf den lebten Mann zu bergen." Am folgenden Tage wurde das Lazarett durch die Verleihung von 8 0 Eisernen Kreuzen an Offiziere und Mannschaften ausgezeichnet, -ine Ehrung, wie sie in der Geschichte des Sanitätskorps wohl unzig dasteht.

Das Eiserne Kreuz.

Das Eiserne Kreuz 1. Klaffe erhielten: Hauptmann

Reinhard Meridies vom Infanterie-Regiment Nr. 25; r verstleutnant und Kommandeur eines Reserve-Jntonterie- Regiments Gustav v, Western Hagen; Oberstleutnant und Kommandeur des 1. Garde-Dragoner-Regiments Frhr. von Holzing-Berstett. Das Eiserne Kreuz wurde wie­derum einer grotzen Anzahl freiwilliger Automobilisten ver­liehen. So erhielten diesen Tapferkeitsorden Prinz Georg von Bayern, der Kommandeur des Königl. Bayr. Frei­willigen AutomobilkorpS; ferner die Mitglieder Erbgraf z u O u a d t, Frhr. Karl v. Hirsch, Wilhelm H e l b i g, Fritz Behn, Konrad Fachmann, Kurt Friedrich, Hans "eykauf und Julius Bern stiel; weiter Oberleutnant d. L. Horst Weber vom Königl. Sächs. Automobilkorps, Hauptmann Baron v. Hirschberg, der Generalsekretär des Rheinischen Automobilklubs, Veterinärrat R u st (Breslaus und Alfred Jaensch vom Schlesischen Automobilklub, Leut­nant Dr. H o r n y, Leutnant Z e h r l a u t und Rtttmetster Heintzmann vom Wiesbadener Automobilklub.

Zwei Eiserne Kreuze 2. Klasse.

Der gewiß sehr seltene Fall, datz ein Feldzugsteilnehmer zwei Eiserne Kreuze 2. Klasse trägt ist jetzt zu ver­zeichnen. Der so Ausgezeichnete ist der 67;ahrtge Kommer­zienrat Fritz H e i m a n n von der bekannten Kölner Ftrma Johann Maria Farina. Er machte den Feldzug 1870/71 bet den 8. Kürassieren mit, wurde damals zum Offizier befördert und erwarb das Eiserne Kreuz. Nach Beendigung des Kriegs blieb er noch einige Jahre Offizter im Hohenzollernschen Füsilier-Regiment Nr. 40 und nahm dann den Abschied, um sich der Leitung der oben erwähnten Firma zu widmen. Als jetzt der Krieg ausbrach, stellte sich Kommerzienrat Hermann sofort zur Verfügung der Militärbehörde und errang petzt als Führer eines Landwehrbataillons :n den Kämpfen um Nieuport abermals das Eiserne Kreuz. Der tapfere Offizier ist in den letzten Kämpfen durch eine Schrapnellkugel verwundet worden.

Sechs Mitglieder einer Familie mit dem Eisernen Kreuz

ausgezeichnet.

Sämtliche im Felde stehenden Angehörige der Familie v. L i l i e n st e r it aus dem Hause Bedheim wurden mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichitet, und zwar: t. Haupt­mann Alexander Rühle v. Lilienstern vom Jnf.-Regt. Nr. 13 (Plauen); 2. Hauptmann Erich R. v. Lilienstern im Letb- Regiment Nr. 100 (Dresden); 3. Hauptmaun Kurt R. von Lilienstern vom Garde-Futzart.-Regt. (Spandau); 4. Ober­arzt Dr. Hugo R. v. Lilienstern beim Stabe der 22. Dtvipon (Kassel); 5. Oberleutnant Hans R. v. Lilienstern vom Art.- Regt. Nr. 3, 11. Korps; 6. Leutnant Max R. v. Lilienstern vom 1. Garde-Futzart.-Regt. (Spandau).

Bater und Sohn zu gleicher Zeit mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.

Aus Brüssel wird derNiederrhein. Bolksztg." gemeldet: Aus der Hand des Feldmarschalls v. d. Goltz erhielten zwei Krefelder Landwehrleute, Vater und Sohn, das Eiserne Kreuz wegen ihrer Tapferkeit vor Antwerpen. Der Vater, Herr K o t t m a n n. ist 71 Jahre alt. Er hatte sich als Kriegsfrei­williger gestellt und nimmt unter der Führung des Sohnes, der die Radfahrerabteilung des Landwehrregiments befehligt, an allen Übungen, auch an den Patrouillenfahrten, teil. Er ist bereits zum Unteroffizier befördert worden.

Sämtliche Jnfanterie-Regiments-Kommandcure deS

15. Armeekorps gefallen.

Stratzburg, 12. Nov. Nachdem nunmehr auch der Kom­mandeur des 8. wurttembergischen Infanterie-Regiments Nr. 126 (Grotzherzog Friedrich von Baden), Oberst Paul v. Schimpf, vor wenigen Tagen an der Spitze seines Regi­ments den Heldentod gefunden hat, sind sämtliche Jnfanterte- Regimenrskommandeure des 15. Armeekorps, die nach Er­klärung der Mobilmachung ins Feld rückten, vor dem Fetnde gefallen.

Ein 66jähriger Kriegsfreiwilliger gefallen.

Wilhelmshaven» 11. Nov. Ein 66jähriger Kriegssret- tvilliger, Marine-Oberbootsmann a. D. Knothe, hat bet dem Unfall des KreuzersYorck" seinen Tod gefunden. Knnthe war im Frühahr 1865 in die damals noch preußische Marine eingetreten und war im Frühjahr 1880 zum O.er- bootsmann ernannt worden. Er hatte sich als Maat^dte Rettungsmedaille erworben und war während der ersten See­reisen, die der Kaiser unternahm, als Bootsmann an Bord der JachtHohenzollern" kommandiert. Nach Eröffnung des Kaiser-Wilhelm-Kanals schied Knothe nach 30jähriger Dienst- zeit aus der aktiven Marine und trat zur Verwaltung des Kaiser-Wilhelm-Kanals über. Später wurde er zum Bade­kommissar in Langeoog ernannt. Beim Ausbruch des Krieges meldete sich der '66jährige Oberdeckoffizier als Kriegsstel- williger und wurde dem Kommando des KreuzersDorck überwiesen.

EineEmden"-Marke.

Vom Mitteldeutschen Verband, Hauptstelle Weimar, wird uns geschrieben: Das deutsche Volk will seinerEmden dan­ken. Es will sie ehren, jene unverzagten Streiter für deutsche Ehre und Macht, die todesmutig, ruhelos, ohne Hilfsquellen und ohne Heimathafen, gehetzt von blutdürstiger Meute, den Ozean durchkreuzen, Unvergleichbar sind ihre Heldentaten. Die ganze Welt soll sie erfahren, unserem Vaterlande zum Ruhm, den Feinden zur Schande, unserem Kaffer zum Preise, dem Schöpfer und Förderer unserer tapferen Flotte und allen denjenigen zur Ehre, die unter ihm ihr dienen. Wir alle, zu deren Schutz sie Tag und Nacht tätig, wir wollen zufammen- tragen die Ehrenspende für unsereEmden" in Form einer Marke, die überall käuflich ist. Es soll nicht die Höhe des effiAelnen Betrages, sondern die Anzahl der Geber er­weisen, wie grotz des Polles Liebe und Erkennilichkeii. Heilige Dankespflicht liegt uns auf; wir mahnen daran nicht vergeb­lich. Ein jeder Deutsche, reich und arm. alt und jung, wird freudig dieEmden-10-Pfennig-Marke kaufen und sie ver­senden in alle Welt zur Verherrlichung Deutschlands. Der Vertrieb derEmdem-10-Pfennig-Marke geschieht durch un­sere Haupkstelle Weimar. Wir bitten auch alle Behörden, Ber- bände, Vereine, Schulen und Anstalten um reichlichen Bezug.

Die Hilfstätigkeit für Ostpreußen.

Die Heilsarmee, die sich im ganzen Lande nach Möglichkeit an allen Hilfsaktionen beteiligt, hat jetzt eine solche auch für Ostpreußen in die Wege geleitet. Sie will da­mit für die Ärmsten sorgen, hat aus eigenen Mitteln 5000 M. zur Verfügung gestellt uiid eine Sammlung eröffnet, um diese Summe auf 10 000 M. zu erhöhen. Dte Heilsarmee gedenkt damit viele Not lindern und viele Tränen trocknen zu können.

Die Fiirsoroetätigkeit der Post- und Telegraphenbcamten.

Der Verband mittlerer Reichs-Post- und Telegraphen- Beamten hat aus einer unter seinen Mitgliedern für Kriegs­wohlfahrtszwecke veranstalteten Geldsammlung, die bisher 180 000 M. ergeben hat, 130 000 M. an die verschiedenen, sich der Kriegsfürsorge widmenden Vereine übergeführt. Der

Restbetrag von 50 000 M. soll der Verwendung für bedürft tiqe Hinterbliebenen der im Kriege gefallenen Post- und Telegraphenbeamten Vorbehalten bleiben. Eine grotze Reihe von Zweigvereinen des Verbandes veranstaltet außerdem fortlaufende Sammlungen, deren Erträgnisse den Magistraten oder örtlichen Sammelstellen zugunsten der durch den Krieg arbeitslos oder in Not geratenen Bevölkerungsschichten zu­geführt wird.

Spenden auS der Wciubranche.

Wie dieDeutsche Wein-Ztg." mitteilt, wurden vom Weinbau und Weinhandel neben 73 750 M. bar gesendet. Deutsche Weine 145 285 ganze, 30 600 halbe Fichen, aus» ländische Weine 30 075 und 8845, Spirituosen .8 930 und 5380, Schaumweine 4600 und 29 700. An Weinen aller Art in Fässern 25 025 Liter.

Eine Antwort.

Berlin, 12. Nov. Vom westlichen Kriegsschauplatz wird demB. T." geschrieben: Am 6. Nov. gab die Funkenstattou des Eiffelturms in englischer, französischer und deutscher Sprache folgendes Telegramm ans:Nach ungeheuren Ver­lusten in Belgien und Nordfrankrelch weichen die Deutschen. Jbr Plan ist gescheitert. In Polen und Galtzwn deutsch- österreichische Niederlage. Russen nähern sich Schlest.n. Diesen Spruch sing die Telefunkenstat,on einer deutschen Armee auf und antwortete:

Wie brachtet ihr den Plan zum Scheitern r Wo wichen Deutsche vor euch aus?

Wo konntet ihr die Front erweitern?

Wo werft ihr unsere Truppen raus?

Die Nachricht war doch wirklich spärlich,

O. Eiffelturm, und wenig ehrlich!

klm meisten prahlen die Feigen.

Im Befreiungskriege 1813/15 wurde ein im preußischen Heere kämpfender oder, richtiger gesagt, sich b°r.. l°der Si^ach ffi irgend einen Graben oder ein Gebüsch druckender Pole, Rosochaczky, oft verhöhnt. Blücher hätte ihn, erzählte man noch nach dem Kriege in seiner Gegenwart, vor ;eder Schlacht

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mtoften Widerstand stießen, hatte er befohlen.Laßt mrr nur d^?Rosochaczky los!" Mit Gebrüll stürzte sich dteser dann in die Feinde, und die Schlacht war gewonnen - Jetz. ist der Rosochaczky in einem belgischen Helden erwacht, der gmtze schwere Batterien vernichtet und dabei 43 Artilleristen g, lint Cnn anderesmal hat er einen Obersten getötet, 40 Ge-

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Regimenter vernichtet, von denen man nt der fetnottcyen Presse zu berichten weih!

Der russische Geueralstab hat be,chlossen nrfr, meldet dieTimes" aus Kopenhagen Breslau innerhalb einiger Wochen zu besetzen Möge er mnjnet er ..beschließen". Er hatte ,a auch be;chloffen, spätestens Oktober in Berlin einzuziehen.

Kus der 78. Verlustliste.

-.Abkürzungen: °E-

verm vermißt asi gefangen.)

1 Garde-Regiment, Potsdam. .

(Reims am 26 9.. « vom trn 2. und

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(ixtit) tot. Lehr-Jnf°nterie-Re«iment Potsdam

(BoauSzowka und MartMtow «w 10.. Samnwdz « « 12. u Brzesrnca vo-m 16. brs 10.-10-14)

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MuSl Karil Herz (Wiesbaden) tot; Gefi. d. R. Hensel (Kleeberg) verm. .

Reserve-Fuß-Artillerle-Rcgrment Nr. 3, Mainz.

" 1 (Wilskerke am 20. 10. 14.)

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Kriegsfreiw. Roth (Limburg) tot.

Feldfliegertruppc. . ^ . ,-, h

Feld-Ünt.-Arzt Dr. Erich Kabn (Wiesbaden) leichtv., Ouadrecht bei Melle 10. 10. 14. bet der Truppe.

unermüdliche Veretn auchBurgerkuchen . VoMkuchen firr Erwachsene eingerichtet, bis letzt 8 solcher Anstalten. Außer, dem geben neun der Kindervolkskuchen auch Speisen für Er­wachsene aus. Das alles ist nur möglich durch dte ^.atkrask und Opferwilligkeit der Vereinsmitglieder und der Leitung, durch deren unermüdliche Arbeit und gute Organtsation.

In der Küitstler-Volksküche.

DieBürgerküchen", diese Kriegsvolksküchen Berlins, sehen durchaus nicht gerade volksküchenmatztg avs ^an , yr in freundlichen Räumen an sauber gedeckten Tischenundttzt ein ganz gute? Mahl für 20 Pfennig, kann, auch so drei nach- bekommen, als man verträgt. Einzelne dieser Burgerkuchen speisen heute schon, kaum einen Monat nach ihrer Eröffnung, 1500 bis 2000 bedürftige Menschen. Auch rn den Burger küchen ist die Bedienung ehrenamtlich. .

Zwei dieser Anstalten haben ihre besondere Eigenart; beide liegen im Westen. In der Meierottostratze i,t eine Künstlerküche" eingerichtet wordeii, in der Kaiserm» Augusta-Stratze eine Volksküche für hilfsbedürftige Oster»

reicher und Ungarn. . , .

Die Künstlerküche ist erst fett kurzem im Betrieb. Etwe 300 Künstler Musiker, Sänger, Schauspieler und Rezita­toren. Männer und Frauen erhalten hier täglich «uppe Gemüse und Kochfleisch. Manchmal gibt's auch erneu kleinen Braten.Da ist nämlich ein Kollege", erzählt mrr das dienft» tuende Mitglied des Verbands konzerfierender Künstler,oer eine Jagd hat; und der will uns bisweilen ein Reh spend^l- Überhaupt, unsere Damen sind im Sammeln unermüdlich, manchmal gibt's abends sogar Butter aufs Brot. U. ,

Eifer ist sehr nötig; denn das Elend, so groß es ist, ist doch erst im Anfänge ..."

Das Publikum dieser Künstlerküche unterscheidet sich natürlich sehr von den anderen Volksküchen. Man steht auf­fallend viel lange Mähnen, phantastische Schlipse. Samt­joppen und mehr solcher Künstlermerkmale. Auch hübsche Frauen und Mädchen, freilich auch manche abgehärmte. Mein 'Führer zeigt mir etnrge bekanntere Künstler. Sre haben stch's vor einem Vierteljahr noch nicht träumen lassen, daß sie bald in einer Art Volksküche sitzen und Weißkohl mrt Eisbein effen werden. Aber das Künstlervölkchen patzt sich schnell an; und so sind denn alle guter Dinge, mit ihrem Mahl zu 20 Pfennig. . . .

Die österreichisch - ungarische Volksküche.

Sie hat folgende Gründungsgeschichte. Der General­konsul war au die Leitung des Kinder-Volksküchenvereins mit der Bitte herangetreten, eine Volksküche für die Öster­reicher und Ungarn einzurichten, die hungernd aufs Konsulat kommen. Die Kosten wollte das Konsulat tragen. Da ge» schah etwas sehr Schönes. Der Verein lehnte jeden Beitrag ab, errichtete und unterhält diese Küche ganz aus eigenen Mitteln. Dafür aber ersuchte er den österreichisch-ungarischen Generalkonsul, darauf hinzuwirken, daß die notleidenden Reichsdeuffchen in Wien von dem dortigen Volkskuchenverein auch unentgeltlich gespeist würden. Hierzu sind in Wien denn auch schon alle Schritte getan worden. Und damit erhebt sich die österreichisch-deutsche Bundesbrüderschaft auch auf diesem Gebiet zu einer schönen Höhe.

In der Kaiserin-Augusta-Stratze erhalten, gegen eine

Anweisung des Konsuls, täglich etwa 300 Österreicher ein ausreichendes Mittagbrot und eine belegte Doppelstnlle fiir den Abend. Bezahlte Marken werden hier «ur wenige ab- aeqeben. Und so hört man an den reinlich gedeckten Tischen nur die gemütlichen Laute der deutsch-österretchtschen Dm- lekie, vom feschen Wienerisch bis zum br-'t-n, dem Schle­sischen gleichklingenden Nordböhmtsch. Und tch btnganz wunderlich gerührt, als der Nachbar an meinem Trschm't seinem Gegenüber von den langst entschwundenen sc ­heiten der altenHernolser Lmt" schwärmt. Der: «m- Kerl sollte jetzt nach Wien kommen und schaun, was aus dem alte» Liniengürtel geworden ist. Es zieht wie ent warmer Strom der Zusammengehörigkeit durch dre Raume und alles st s gemütlich. Österreich in Berlin. . . . Einige der Ehrendamen sind auch Österreicherinnen. Eine der beiden Vorstands, damen ist eine Reichsdeutsche. Die Besttzmn des Haiffes ist ebenfalls eine Reichsdeutsche; sie hat alle Parterreraimte de» Hinterhauses unentgeltlich z,ir Verfügung gestellt. So Mel schöne Menschenliebe hat sich zusammengetan, um den hungernden Landftemden für den Augenblick zu helfen. Auch ein Arbeitsnachweis, der vom Generalkonsulat geführt wird, befindet sich in einem der Nebenraume. Und gerade als ich dort war, verkündete der Beamte des Generalkonsu­lats:Ein tüchtiger Buchhalter wird gesucht. Ein Mnger

Mann meldet sich; er soll itachm'ttags mit fernen Zeugntsien

vors,irechen. faic Ehrendamen, wenn sie sehen.

daß chner der Neuen zu schüchtern ist. Und- dasDanto schön", wenn einer gesättigt aufsteht, wird mit liebem Läch iu quittiert. Österreich in Berlin . .,