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Wiesbadener Lagblatt.
No. 134
zum „Rothen Meer", wo der englische Dampfer „Lancaster" zum Opfer fällt.
Am 9. Januar war ein neuer Frostgang mit — 31 0 C. aus Finnland abgegangen. Am 13. sehen wir ihn zu Gran, am 14. an der Adria. Ain 10. zeigte er seine Wirkung bereits in England, indem er die warmen Dampfmassen vom Ocean staute und 8 Tage lang (bis zum 17.) einen dichten Nebel auf den Canal und die ganzen Küsten lagerte. Viele Schiffe kommen dabei um, u. a. der Dampfer „Shoresham", der mit dem „Colstrup" im Canal bei Dover zusammenstieß. Der Dampfer „Sachsen" (vom Norddeutschen Lloyd) stieß am 17. an der Schelde-Mündung wider den Dampfer „Pennland" und beschädigte ihn, eine halbe Stunde später wider den Dampfer „Frau Alida", der sofort sank. Bei Libau in der Ostsee u. a. O. widerfuhren den Schiffen gleiche Unfälle. Der Nebel breitete über ganz Mittel-Europa bis nach Ungarn hin sich aus; er weicht erst einem neuen Sturmgang aus Westen, der mit dem 21. Januar eintritt. In einer späteren Nebelpause, am 26., rennen bei Lissabon die Dampfer „Dithmarschen" und „Suez" wider einander; der „Suez" sank, der „Dithmarschen" rettete sich nach Lissabon. Am folgenden Tage wird mit entstehen- dem Sturm das Theater „Las Varietades“ zu Madrid in Asche gelegt.
In der letzten Woche des Januar kommt ein neuer Kampf des West- und Ost-Sturmes, der die ganzen Nord-Alpen mit Schnee bedeckt (auf dem Wändelstein werden 1,60 Meter gemessen), indeß im Süden mildes, warmes Wetter herrscht, Nizza u. a. am Tage 20 0 Wärme genießt. In einem solchen Sturm (vom 26. bis 29. Januar) müssen die Knechte des Säntis-Wirthes auf den Gipfel steigen, um dort dem Inhaber der Wetterwarte Lebensmittel zu bringen. Vier Tage kämpfen sie durch Sturm und Schnee sich durch, bis sie zu dem 2500 Meter hohen Gipfel hinauf kommen. Daraus ist die Lage zu errathen, in welcher der arme Wärter sich befindet, der „von der menschlichen Hülfe so weit, allein in der traurigen Einsamkeit" der Wissenschaft zu Liebe sein Dasein fristet. In der Nacht vom 30.—31. Januar herrschten — 23 0 C. da droben, indeß sein Nachbar auf dem Sonnblick (Großglockner) — 30 0 C. aushaltcn mußte! *
Durch den ganzen Februar dringt unaufhaltsam eine Kälte von 10—250 vom Eismeer über das flache Rußland bis zum Schwarzen Meer, bis zu den mitteldeutschen Gebirgen, bis zu den Karpathen, indeß der Großglockner stets von 14—200 überdacht ist. Vom Norden, wie aus der Höhe wird Mittel-Europa noch fort und fort im Froste gehalten. Davos, der berühmte Luft- Curort in «raubündten, wird in der ersten Woche mit — 25 °, in der dritten und vierten noch mit —16—180 beglückt. Im Starzer Thal werden —24°, im Joux-Thal (Wallis) am 1. Februar sogar — 41° C. gemessen. Der Starnberger See ist zugefroren; der Tegern-See zeigt eine merkwürdige Erscheinung. Mitten im dicken Eise sind offene Stellen, denen Oel und Gas entquillt. Das Oel breitet auf dem Eise sich aus, friert fest und bildet in Regenbogenfarben die wunderlichsten Gestalten.
Vom 4.—13. Februar brechen neue Stürme vom Ocean herein, die im Kampf mit der Kälte große Schueemaffen bringen. Ganz Rußland, Polen, Ungarn, Nord- und Ostdeutschland, die Alpen werden von neuen, mächtigen Schneemaffen bedeckt. Am Wändelstein werden 85 Cm. gemessen, das Wändelstein-Haus ist bis zur Dachfirst eingeschneit. Der nachdrängende feuchte Sturm löst dann die Schneemaffen und stürzt sie aller Orten von den Gipfeln herab. Lawinen von großer Ausdehnung, viele Stockwerk hohe Masten von Schnee und Eis nebst unterliegenden verwitterten Felstrümmern und ganzen Waldungen stürzen aus großer Höhe in die Thäler, verschütten, zerstören die Häuser, Felder, Brücken und Straßen, die ihren Weg kreuzen.
Am 8. und 9. Februar stürzen vom Arlberg in Tyrol uach Westen und Osten gewaltige Lawinen in die Thäler. Im Westen stürzt am 8. eine Lawine von 300 Mir. Länge und 5—6 Mtr. Dicke, eine auf 7000 Cbm. geschätzte hartgefrorene Schneemaste nebst Bäumen und Holzblöcken, Steinen und Erde,
* Als Durchschnitts-Wärme vom ganzen Jahr bat man auf dem Säntis — 2»(!. beobachtet, indetz der Rigi (1800 Meter hoch) +2° und Zürich (470 Meter hoch) +8” C. aufweisen.
vom Grimming auf die Arlberg-Bahn und verschüttet diese. I» ; der Nacht vom 8—9. folgen zwei Stürze nach Westen und Osten , welche die Station Langen am West-Portal 6—8 Mtr. hoch bedecken. Im Osten wird ein Personenzug verschüttet. 2000 Mam Soldaten und Bergarbeiter wüsten den Zug ausgraben. Bei See- feld in Tyrol, Kreuth bei Tegernsee, Böckstein bei Gastein werden Häuser und Menschen begraben, der ganze obere Traunkestel wird zugeschüttet. Bei Gosau am Donnerkogel geht eine Lawine nieder, die drei Stunden weit von dem Kamme herabrollt und mit einer Breite von 10—1200 Schritten im Thale ankommt. Der ganze Wald, der im Wege steht, wird rasirt. Am 16. wird bet Gotthard-Tunnel auf 140 Mtr. Länge verschüttet. Weitere Lawinenstürze geschehen in Graubündten, am Simplem, Kl. Bernhard und Julier, in Wallis, im Berner Oberland u. v. a. O.
Neuer Frost, von Rußland herdringend, unterbricht vom 14, an den Schneesturm. Stärkere Stürme vom Ocean führen abermals große Dampfwolken, die vom 19. an als Schneemaffen ati| die Alpen und die Lande von Mittel-Europa sich legen. Vm 20.-26. werden in den bayerischen Alpen bei Bad Kreuth 1,35 Mit, bei Jachenau 1,50 Mir. Schnee gemessen. Die Masten fallen (i dicht, daß sie u. A. den offenen Genfer See auf große Strckr mit weißen Plaggen bedecken. Die Lawinen stürzen in unzählig« Maße. Bei Interlaken, bei Glaris, Uri, am Albula-Paß u. a. C, der Schweiz werden Menschen und Häuser verschüttet; bei Trani- ’ stein wird ein Wald auf 500 Fuß Breite rasirt.
Auch im Süden der Alpen fällt dichter Schnee. £t-' Tessiner Thal wird gefüllt; bei Lugano werden 0,60 Mtr. ge messen, im Verzasca- und Rovana-Thal aber 3 Mtr. Im Otz Thal, im Puster-Thal und weiter ostwärts fallen die Masten bi!' 2—3 Mir. hoch. Am 16. Februar, als der Gotthard - Tumi I verschüttet, werden im Oetz-Thal Brücken und Häuser zersck! im Defregger-Thal sieben Mühlen und große Stücke Waldes; ir Puster-Thal wird die Eisenbahn verschüttet. Am 24.-25. Ml die Gotthard -Bahn auch im Süden auf 400 Mir. Länge i» schüttet und bei Valtorsa (Bergamo) eine Hütte mit 33 Pers«, bei Valbella eine Hütte mit 4 Personen begraben.
Bis zur Adria haust der Sturm. Am 16. scheitert bei Pali der Dampfer „Scilla". Vom 18.—19. scheitern bei Fianona bii „Irene" und „Costrena". Ein italienisches und ein österreichische! Schiff collidiren. Der „Antonio" büßt seine Masten; mit MH rettet sich die Mannschaft. Der österreichische Lloyd-Dampfer „Pa»' läuft bei Cherso auf eine Sandbank.
Mitten in diesen feucht-kalten Sturmgang drängen sich ck auch Sutr's Söhne herein mit verderblichem Feuerbrand. K Paris werden am 15. Februar die großen Markthallen bis« den Grund zerstört und für 1 Millionen Francs Schaden » gerichtet. Es war am Tag vor dem Sturme, der am 16. w j dem Gotthard die Lawinen stürzte und in der Adria den DaH« 1 „Scilla" zu Grunde trieb. Zu Jassy wird am 29. das Nati» Theater in Asche gelegt. Der Brand entstand im Gefolge k, Stürme, die Ende Februar in Süd-Rußland von Neuem b' Eisenbahnen im Schnee vergraben. Am selben Tage brennt bit Stadt Bergen in Norwegen zum großen Theile nieder, br» die Luther-Kirche zu Leipzig und am folgenden bie 6® Kjemun in Polen. 80 Häuser und die Synagoge fallen M Flammen zum Opfer.
Der Kampf des kalten Stromes vom Eismeer und des war« Sturmes vom Ocean hat während des Februar den Alpent M großen Schneemaffen gebracht. Die Lawinenstürze laffen nur vorn» gehendes Thauwetter, aber keine durchgreifende SchneeschmelM erkennen. Die gefrorenen Waffermasten harrten also noch e® radicalen Lösung. Die mußte dann den Ländern ebenso veroerm werden, wie die Kälte und der Schneesturm es waren.
Der Norden von Europa hat im Februar die gleichen Sch« massen erhalten, wie die Alpen. Auf dem böhmischen Gebirg, « ■ Thüringer Wald, dem Vogelsberg, dem Taunus und Harz «M sie auch meterhoch gehäuft. Im ganzen letzten Drittel des M« , wird das deutsche Niedertand, Dänemark, Holland, rMw von Schneestürmen heimgesucht; die Straßen und Eisenbahnen eing schneit, der Verkehr wiederholt gehemmt. In dem folgenden FruyiM Mond beginnt der Schneesturm von neuem, mit einer 1 nicht geringer wie in den vorigen Winter-Monden. (Schluß tv
