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Bei LlMuhileii.

Lern uns freundlichst eingesandten Bericht ent­nehmen wir die nachstehenden Stellen:

__ den 20. 10. 14.

„-- — Wir sind seid drei Tagen wieder auf dem

Kriegspfade, der Feind kommt aber nicht, obgleich wir nachts gefechtsbereit bei den Kanonen liegem Ich habe den Eindruck, als ob er infolge der vielen Gchläge hier und bei Warschau sich, allnrählich znrnckzrehen will. Trotz des Kriegspfades leben wir sehr „nobel", ^n Eydtkuhnen haben wir ein „Standquartier", aus dem wir alle 3 bis 4 Tage durch Sturm zum Gefecht ge­rufen werden. Als „Hauptreserve" hinter der 15 Kilo­meter langen Hauptstellung sind wir „Mädchen für alles", eilen bald auf den linken, bald auf den rechten Flügel, um Umfassungsversuche des Feindes abzu­wehren. Unsere Kräfte sind numerisch dem Feind sehr unterlegen, trotzdem kriegt er stets „Klappe". Bevor wir hierher kamen, standen wir bei Augustow-Suwalki nach langen Märschen bei sehr schlechtem Wetter, selbst Z Tage in befestigter Stellung. Der ebenfalls stark verschanzte Feind schoß sich sehr rasch auf uns ein und deckte verschiedentlich unsere Batterie so stark mit Schrap­nells ein. Die Geschosse versprengen über und dicht bei unseren Geschützen, die allenthalben starke Beulen und Löcher hatten. Hätte der Russe so gutes Geschoß- material wie wir und wir keine Schutzschilde und ge­grabene Deckungen, dann lebte wohl längst kein Mensch mehr in unserer Batterie. Man gewöhnt sich aber an alles! War mal Ruhe im Schießen, stand man auf, ging umher, die „Gulaschkanone" (Feldküche) kam, man rauchte usw. Bis es dann plötzlich wieder los ging. Man hat es bald in der besonderen Art des Sausens heraus, welche „Lagen" uns gefährlich werden können, dann erfolgt sofort der Ruf „Ducken". Natürlich schießen wir kräftig wieder und durch das Fernrohr sahen ivir, wie eine zerschossene Batterie sich bemühte, die Reste zu retten. Als wir von P . . . abziohen sollten, auf höheren Befehl, um eine Schwenkung zu vollziehen — wir hatten Befehl, den Feind vor uns nur aufzuhalten, nicht anzugreifen— ließ er anfangs unsere am Abend etwas offen herankommenden Protzen nicht näher kommen. Den Gespannen sausten zwei Schrapnellagen entgegen, daß sie sich zurückziehen mußten. Einige Stunden später, als der Versuch auf anderem Wege erneut vorgenammen wurde, ging es ohne Störung. Es war mir einer der ungemütlichsten Augenblicke im Kriege, als wir aufgeprotzt hoch zu Rotz dastanden, also selbst nicht gefechtsbereit waren und nur im Schritt abzogen, da ich wußte, der Feind ist noch schußbereit da und kennt die Entfernung genau. Stel­lungen werden grundsätzlich nur im Schritt geräumt. Der Feind, der offenbar lange schläft (dies hatten wir öster auch sonst bemerkt), hatte uns wohl noch nicht be- merkt, also keine Posten da. Wir zogen durchs Dorf, das tagsüber auch beschossen war. Gelegentlich wurde von uns — Bewachung aber stets bei den Geschützen — im Dorfe teilweise umhergezogen, nur etwas Warnres zu trinken. Kaum hatten wir am zweiten Gefechtstage die armselige, mit zahlreichen Bewohnern bevölkerte Käthe verlassen, die als „Teestube" diente, da sauste just in unser Zimmer eine russische Granate und blieb in der gegenüberliegenden Wand stecken! Wir waren im Dorfe, deren Bewohner meist in Amerika als Kohlen- minenarbeiter gewesen waren, mehrfach von Spionen umgeben, die unsere Bewachungen und Stellungen ver­rieten. Als wir nach dreitägigem Kampfe, der _ für unsere Haupttruppe mit dem Siege bei Augustow- Suwalki (Korps von Morgen) endete, den Abmarsch nach Deutschland deckten (der' Feind sollte anderweit schon wieder eingefallen sein und wir sollten ihn ver­treiben), folgte uns prompt eine russische Kavallerie- Division mit reitender Artillerie; unsere Batterie ging als Nachhut verschiedentlich in Stellung und wies dem Feind wie ein Bullenbeißer die Zähne. Die Russen

wagten daher nicht anzugreisen. Wir überschritten bet schönein Wetter in hügeliger Landschaft mit prachtvoller Herbststimmung in Feld und Wald die deutsche Grenze. — Ostpreußen ist in seiner Abwechslung zwischen Hügel und Tal, Wiese, Acker und Wald ein landschaftlich schönes, vielfach verkanntes Land. — Sofort großer Unterschied, saubere Straßen, Obstbäume, saubere ziegelgedeckte Dörfer, schöne Wälder, wohlgepflegte Acker,' obgleich die Kriegsfurie überall in Form nieder­gebrannter Gehöfte ihre Spuren hinterlassen hatte. Auch die Bewohner waren meist zurückgekehrt. Alle, — aber auch alle wußten von russischen Greueln zu er- zählen. Man könnte Bände schreiben!

Auf unserem Weitermarsch kamen wir bis N. . .»

5 Kilometer von der Grenze. Rings in den Dörfern verteilt die ganze Division, in unserem Quartier: zwei Batterien, 1 Bataillon Infanterie, Brigadestab. Für den nächsten Tag, Sonntag — die Sonntage stehen bei uns in schlechtem Ansehen, da wir seit Beginn des Krie­ges Sonntags stets alarmiert wurden und Gefecht hatten oder dazu ausrückten — war „Ruhe" angesagt. Man packte aus (Deine großartige Sendung war da- inals noch nicht eingetroffen), in der „Messe" sollte es etwas Gebratenes geben, eine „Pulle" wurde hervor­holt, man wusch sich seltenevweise mal, zog sich um und bereitete sich zum Briefschreiben vor. Der Ruhetag kam; schon frühmorgens meldete ein Husarenoffizier: feindliche Kavallerie mit reitender Artillerie stehe einige Kilometer vor unserem Dorfe. Wir verloren die Ruhe nicht! Hatten aber alles vorsichtshalber wie die Pferde fertig gemacht. Nach einer Stunde bum, bum, bum. Der Feind im Dorfe, im Dorfe hieß es: Dicht bei unserm Geschützpark schlügen die Geschosse ein. Unsere Batterie spannte an, fuhr durchs Dorf, unbe­kümmert um das Brummen, und ging, ohne Befehl ab­zuwarten, am Rande des Dorfes unter lebhaftem Jn- fanteriefeuer der feindlichen abgesessenen Kavallerie, die auf 800 Meter nahe stand, in Stellung; wir heizten der Kavallerie und der bald gefundenen Ar­tillerie so rasch ein, daß die Batterie zerschossen liegen blieb und von unserer Infanterie alsbald völlig er­beutet werden konnte. Dann Stellungswechsel vor- wärts. Dichte Kavalleriemassen, die sich abgesessen vor dem Dorfe eingenistet hatten, wurden zerschossen, ge­ichwaderweise fielen die Leute um, in dichten Rudeln zogen die reiterlosen Pferde ab! Die Hauptmasse des Feindes, ununterbrochen von unseren einschlagenden Geschossen verfolgt, floh bald in voller Auslösung über die nahe Grenze, bis dahin noch von manchem Geschoß getroffen. Unsere Infanterie brauchte fast gar nicht an- zuqreifen. Wir, die 6., und die bald nachgekommene 5. Batterie, hatten die „Säuberung" besorgt. Der Feind kam nicht wieder! Der Brigadier kam und war des hohen Lobes voll über die Tüchtigkeit und Tätigkeit der „6." und „6.", die er „höheren Orts" vermerken wollte. Ob es eine Folge dieser Eingabe war, jedenfalls erhielt ich wenige Tage später, am 10./10., durch den Regimentskommandeur, zusammen mit einem Vize­wachtmeister und Qffizierstellvertreter, das „Eiserne Kreuz". Unverdientermaßen, sage ich, denn ich Habs nur meine Pflicht zu tun geglaubt. Meine Kanoniere, nieistens Berliner Jungens, find nun allerdings auch stets die ersten, schießen rasch und gut, iind meine Ge­schütze haben schon in verschiedenen Schlachten ganz allein mächtige feindliche Kräfte (Batterien, Kolonnen. Schützengräben) rasch gefaßt und mit sichtbarm Erfolgs erledigt. Man verliert ganz das Gefühl, daß es Men- scheu sind, auf die man schießt, für uns sind und dürfen es nur sein Figuren, die beseitigt werden müssen. Es ist ja schmerzlich, wenn man nachher beim Vorgehen das Schlachtfeld, das der Feind fluchtartig verlassen hat, abreitet und die armen Kerle rn allen Stellun­gen tot zwischen zerschossenen Geschützen, Gespannen, Waffen, brennenden eingeschossenen Gehöften liegen sieht. Aber es ist der Feind, und da darf Mitleid nicht aufkommen. Muß man doch an so manchem, deutschen Kameraden vorbei, den man vorher noch fröhlich dahin-